Mittwoch, 18. Juli 2012

Fragen zum Massaker

Mehr als 250 Menschen sollen in Tremse, einem kleinen Dorf nahe der Stadt Hama, getötet worden sein. Darunter viele Frauen und Kinder. Die Täter: Soldaten der syrischen Armee. So die erschreckende Meldung über ein neues Massaker im syrischen Krieg. Es wäre das bisher grösste seit Beginn des Blutvergiessens vor 16 Monaten.
Die Empörung weltweit ist gross. US-Aussenministerin Hilary Clinton sprach aufgebracht von «unzweifelhaften Beweisen, dass das syrische Regime absichtlich unschuldige Zivilisten tötete.»
Doch was wissen wir tatsächlich über das Massaker von Tremse? Von heftigen Kämpfen und Hubschraubern, die Raketen abschossen, berichtet die Patrouille der syrischen UNO-Beobachtermission gestern. Sie kam am Freitag bis auf sechs Kilometer an das Dorf heran. Die Kämpfe hätten begonnen, nachdem die Freie Syrische Armee (FSA) einen Konvoi der Regierungstruppen angegriffen hatte. «Unsere Patrouille», so heisst es im zweiseitigen Bericht der UNO, der gestern veröffentlicht wurde, «erhielt mehrere Anrufe von lokalen Kontakten in Tremse, die behaupteten, 50 Menschen seien getötet und 150 verletzt worden.»
Alle weiteren Informationen über das Geschehen in dem Dorf stammen von syrischen Rebellen. Sie berichten von «stundenlangem Beschuss von Panzern und Hubschraubern», der am frühen Donnerstagmorgen begann. Das überwiegend von Sunniten bewohnte Dorf sei von der syrischen Armee von allen Seiten umstellt gewesen. Die Dorfbewohner hätten nicht fliehen können.
Nach dem Ende des Bombardements seien Bashiah, die zivilen Milizen des syrischen Regimes, ins Dorf gestürmt :«Sie mordeten und schlachteten jeden Einzelnen, verbrannten die Verwundeten und die Leichen der Märtyrer», sagte ein Sprecher des oppositionellen, lokalen Koordinationsbüros.
Doch die Berichte der Rebellen werfen Fragen auf. Wie üblich veröffentlichten die Medienverantwortlichen der Auständischen zwar Videos im Internet. Sie zeigen die Leichen von etwa 15 jungen Männern, alle im kampffähigen Alter. Einer von ihnen scheint eine schusssichere Weste zu tragen. Es ist das erste Mal, dass die Rebellen keine drastischen Bilder von ermordeten Frauen und Kinder ins Netz stellten. Offensichtlich existieren sie nicht, denn bei allen anderen, ähnlich tragischen Vorkommnissen hat man darauf nicht verzichtet.
Widersprüche gibt es auch bei der Dokumentation der Opfer durch oppositionelle Organisationen. Das Syrische Observatorium für Menschenrechte (SOHR), ein Ein-Mann-Betrieb aus einem Zweizimmerappartement im britischen Coventry, das weltweit von den Medien zitiert wird, wenn es um Opfer im Krieg in Syrien geht, spricht von 150 Toten. Von nur 40 besitzt es die Namen. Ebenfalls eine Besonderheit, denn bei anderen Massakern wurde die komplette Namensliste geliefert.
Dutzende der Toten, so das SOHR weiter, sollen FSA-Kämpfer sein. Das Sham Nachrichten Netzwerk (SNN) hatte am Samstag noch nicht die Gesamtzahl der Toten ermittelt, sprach aber bis dahin von sieben toten Zivilisten. «Der Rest waren Kämpfer der FSA.» Auch eine Vertreterin des Medienzentrums in Hama behauptete, dass «eine grosse Anzahl von Rebellen im Kampf mit der syrischen Armee getötet wurde.»
Sollten Teile der Rebellen vorschnell von einem Massaker an unschuldigen Zivilisten gesprochen haben? Schliesslich wissen  Sie, dass jede weitere Gräueltat, die dem Regime von Präsident Bashar Assad angelastet wird, sie einer westlich geführten militärischen Intervention einen Schritt näher bringt. Ihr Credo lautet offenbar: Assad muss fallen, auch wenn die Wahrheit dabei auf der Strecke bleibt.

Milizen sind die größten Gegner der neuen Regierung

Bei der Wahl in Libyen haben die Liberalen triumphiert. Doch der Sieg ist fragil. Noch immer regieren Milizen ganze Städte. Werden sie ein demokratisches Libyen überhaupt akzeptieren?

Sie hatten den Tod Muammar al-Gaddafis auf den Straßen gefeiert. Die Verhaftung seines Sohnes Saif al-Islam, den Tag der Befreiung und den Jahrestag der Revolution. Der Wahltag war ebenfalls ein Anlass für zehntausende von Libyern für nationale Gesänge, Fahnenschwingen und Hupkonzerte.
Nur war diesmal alles noch emotionaler. Viele hatten Tränen in die Augen. "Ich bin jetzt über 50 und wähle zum ersten Mal in meinem Leben", sagte ein Familienvater. "Ich kann es immer noch nicht fassen", sagte Nadia, eine Studentin, die als Freiwillige in einem Wahllokal in Tripolis arbeitete.
Kein Wunder nach 42 Jahren unter einem autokratischen Herrscher, der jede Opposition brutal unterdrückte und Parteien als "Ausgeburt des Teufels, als undemokratische Werkzeuge des Imperialismus" verboten hatte. Und nun gab es plötzlich Hunderte von Parteien und mehr als 3500 Kandidaten für 200 Parlamentssitze, die man frei wählen konnte. Neun Monate nach dem Ende eines blutigen Bürgerkriegs mit mehreren Tausend Toten war die Wahl ein greifbares politisches Zeichen, dass sich endlich etwas bewegt.
 
Im Westen hatte man befürchtet, in Libyen könnten sich die Wahlresultate der Nachbarländer Ägypten und Tunesien wiederholen. Dort brachte der Arabische Frühling Islamisten in die Regierung. Nach dem vorläufigen Endergebnis der libyschen Wahlkommission ist es jedoch die als liberal geltende Partei "Allianz der Nationalen Kräfte" (NFA), die die ersten freien Wahlen seit der Machtergreifung Gaddafis 1969 gewonnen hat. Die NFA erhielt 39 der insgesamt 80 Sitze, die für die Parteien im Parlament vorgesehenen sind.

Islamisten sind weit abgeschlagen

Weit abgeschlagen mit 17 Abgeordneten die islamistische "Partei für Gerechtigkeit und Aufbau" (PJC). An dritter Stelle, mit drei Sitzen, folgt die Nationale Front Partei (NFP), die, nach Aussagen ihres Führers Muhammad Magaraif "keine islamistische Partei, sondern eine nationale oder patriotische" ist. Die restlichen 21 Sitze teilen sich 18 verschiedene Gruppierungen, darunter die Nationale Zentrumspartei (NCP) mit zwei Abgeordneten, die von Ali Tarhouni, einem erklärten Säkularen und ehemaligen Ölminister im Nationalen Übergangsrat, angeführt wird.
Der Gewinner der Wahl, die NFA, ist ein Bündnis aus mehr als 60 Parteien und zwölf zivilen Organisationen. An seiner Spitze steht Mahmud Dschibril, während des Bürgkriegs Premierminister im Nationalen Übergangsrat und Galionsfigur der libyschen Revolution. Der heute 60-Jährige, der in den USA seinen Doktor in Politologie machte, leistete damals bei westlichen Regierungen die entscheidende Überzeugungsarbeit für eine militärische Intervention.
Sehr wahrscheinlich ist es das, was Dschibril bei den Wählern so populär machte. Die gesamte Wahlkampfkampagne der NFA war auf seine Person ausgerichtet, sein Bild in Libyen allgegenwärtig, als wäre er der einzige Kandidat der Partei. Dabei ist er, wie alle anderen ehemaligen Mitglieder des Übergangsrates, von den Wahlen grundsätzlich ausgeschlossen. Seine Gaddafi-Vergangenheit – Dschibril war 2007 Chef des libyschen Nationalen Planungsbüros und arbeitete gemeinsam mit Saif al-Islam, der als sein guter Freund gilt, an einer neuen Verfassung – tat der Begeisterung der Wähler keinen Abbruch.
Ein weiterer Grund von Dschibrils Erfolg: Dem erfolgreichen Geschäftsmann traut man den Wiederaufbau des Landes am ehesten zu. Er wird mit dem Westen, der als Partner eines wirtschaftlichen Neubeginns gebraucht wird, keine ideologischen Konflikte provozieren. Dschibril ist bekannt für seinen Pragmatismus und seine Bereitschaft für konstruktive Kooperation. Eigenschaften, die auch innenpolitisch gefragt sind, um endlich das herzustellen, was den Libyern am meisten am Herzen liegt: sozialer Frieden und Sicherheit. Dschibril ist gegen die Macht der Milizen, von denen Hunderte noch immer das Land kontrollieren und seine Bewohner in Angst und Schrecken versetzen.

"Regierung muss Islam integrieren"

Mit islamistischen Parteien in Regierungsverantwortung wären Konfrontationen mit dem Westen vorprogrammiert – schon wegen der Einführung der Scharia, dem islamischen Rechtssystem. "Im Islam gibt es keine Alternative", behauptet Mohammed Sawan von der fundamentalistischen PJC, dem politischen Arm der Muslimbruderschaft. "Die Regierung muss den Islam in jedem Aspekt ihrer Arbeit integrieren." Und das bedeutet für den Parteivorsitzenden: die Einführung der "Scharia als einzige Quelle des Rechtssystems". Eine Zusammenarbeit mit der NFA ist deshalb unwahrscheinlich, da die Partei keinen religiösen Staat, sondern einen zivilen möchte. An die Scharia angelehnt, aber nicht mit dem Gebot der Ausschließlichkeit. "Dschibril glaubt, dass die Scharia nur auf bestimmte Aspekte des Lebens anzuwenden sei", erklärte Islamist Sawan. "Das sind die gleichen Ansichten, wie sie Gaddafi hatte."
Die PJC arbeitet an einer Mehrheit im Parlament. Neben den 80 Abgeordneten der Parteien gibt es weitere 120 Sitze, die unabhängigen Kandidaten vorbehalten sind. "Rund 20 unserer Mitglieder haben unabhängige Sitze bekommen und wir sprechen mit vielen anderen parteilosen Abgeordneten", sagt der PJC-Vorsitzende Sawan zuversichtlich. Zudem stehe man mit zehn Parteien in Kontakt, um eine Mehrheit zusammen zu bekommen. Die Mehrheitsverhältnisse im neu gewählten Parlament, das eine Übergangsregierung und eine verfassungsgebende Versammlung bestimmen soll, sind noch nicht klar.
Innerhalb der nächsten zwei Wochen wird sich entscheiden, ob Liberale oder Islamisten mit der Regierungsbildung beauftragt werden. In 14 Tagen läuft die Frist für Einsprüche gegen die Wahlergebnisse ab.
Nun beginnt ein regelrechter Kuhhandel – umsonst werden in Libyen keine Allianzen gewonnen. Da spielen Stammes- und Familienzugehörigkeit eine Rolle, Geld, Posten und Gefälligkeiten. Vetternwirtschaft und Korruption prägen große Teile von Gesellschaft und Politik. Bestes Beispiel: Hunderte von Millionen Euro an staatlichen Unterstützungsgeldern wurden betrügerisch erschlichen, als sich Tausende von Menschen als Rebellen und Verwundete ausgaben oder sogar Tote meldeten, die nicht existierten.

Milizen regieren mehrere Städte

Die größte Herausforderung für jede neue Regierung sind jedoch die Milizen. Wie ein neuer Bericht der internationalen Menschenrechtsorganisation Amnesty International zeigt, besitzen Milizen die Macht in Libyen. Sie haben Tausende von Menschen vertrieben und ihre Häuser abgebrannt.
Sie verhaften, foltern, morden nach Gutdünken und genießen per Gesetz Immunität, da "sie die Revolution schützen". Um der Gesetzlosigkeit Herr zu werden, gründete die Übergangsregierung die Obersten Sicherheitskomitees, die 100.000 Mann umfassen.
Ein Großteil der Milizen, die dazu gehören, hat aber nur die Uniform gewechselt. Offiziell sorgen sie für Sicherheit, begehen aber weiterhin Verbrechen. Mehr als 5000 Häftlinge sitzen nach Angaben von Amnesty in Gefängnissen der Milizen: willkürlich verhaftet, verprügelt und misshandelt.

Misrata und Bengasi – von Milizen regiert

Die große Frage ist, wie diese bewaffneten Gruppen reagieren werden, wenn die Regierung ihnen ihre Macht zu nehmen versucht. Misrata hat eine der stärksten Milizen, bekannt für ihre radikal-islamistische Haltung. Werden sie Anweisungen einer liberal-moderaten Regierung unter Dschibril befolgen?
In Bengasi, wo es im Vorfeld der Wahlen Proteste gegen die Dominanz der Hauptstadt gab, wird man ebenso wenig begeistert sein. Dort wurde in diesem Jahr mit der Gründung einer Föderation Ost die Basis für einen eigenen Staat geschaffen.
In Zintan verhaftete man die Anwälte des Internationalen Strafgerichtshof, die Saif al-Islam besuchten. Als mutmaßliche "Spione" saßen sie wochenlang im Gefängnis.
Ein demokratisch gewähltes Parlament ist ein Meilenstein auf dem Weg Libyens in die Zukunft. Aber für die Erfolgsgeschichte, als die das Land im Westen bereits gilt, müssen noch einige Kapitel geschrieben werden.

Montag, 2. Juli 2012

"Lange werden wir nicht mehr warten"


Syrische Widerstandskämpfer bereiten Offensive im Norden vor 


Ein ausgebrannter Panzer neben der Straße, den eine unter der Fahrbahn versteckte Bombe in den Graben wuchtete. In den Häuserwänden klaffen Löcher vom Granatenbeschuss. Die Straßen sind mit riesigen Felsbrocken und Steinschutt versperrt. Vor zehn Tagen kontrollierten hier, in der Nähe von Hawar, noch Soldaten der syrischen Armee alle Fahrzeuge. Heute sind es die Kämpfer der Freien Syrischen Armee (FSA), die die Wagen freundlich durchwinken. Siegessicher lachende junge Männer, die ihre Kalaschnikows neben den Motorrädern im Schatten der Bäume liegen haben. Innerhalb einer Woche konnten die Rebellen das befreite Gebiet ausweiten und stehen nun zehn Kilometer vor Aleppo, der größten Stadt Syriens.
Ob Sammeltaxis oder Lkws, die Tomaten, Aprikosen oder Elektrogeräte transportieren, alle müssen durch das Gebiet der "Terroristen", wie der syrische Präsident Baschar al-Assad die FSA nennt. Die Fahrer kümmert es wenig. Ärgerlich sei nur, dass die Fahrtroute zwischen Aleppo und der 45 Kilometer entfernten türkischen Grenze ständig wechselt und über holprige Pisten führe. "Mal wird hier geschossen, mal dort gekämpft", sagt Faruk fast belustigt. Er fährt die Strecke seit zwölf Jahren. "Man muss sich eben durchfragen."
In Dana, etwa fünf Kilometer vom syrischen Grenzübergang Bab al-Hauwa entfernt, ist ein Kiosk mitten auf dem Dorfplatz Treffpunkt und Tankstelle zugleich. Rebellen, noch sichtlich müde vom nächtlichen Kampfeinsatz, trinken gemütlich Cola und tauschen dabei Informationen und Geschichten aus. Ständig halten Fahrzeuge der FSA, die hier aufgetankt werden. Hinter dem Kiosk stehen mehrere 200 Liter große Plastikbehälter. Benzin wird in diese Gegend vom syrischen Regime schon lange nicht mehr geliefert. Aber selbst in Aleppo ist es Mangelware und nur mehr auf dem Schwarzmarkt zu erhöhten Preisen erhältlich. Die FSA hat mehrere Ölpipelines in die Luft gesprengt. Kilometerlang sind in Aleppo die Schlangen vor den Tankstellen. Die Autofahrer legen sich dabei oft unter ihre Fahrzeuge, zum Schutz vor der Sonne. Bei Temperaturen bis 45 Grad mehr als verständlich.
In Dana ist man optimistisch. "Wir werden Assad und sein Regime besiegen", erklärt Ahmed, ein junger Kämpfer. "Wir warten nur auf Raketen, mit denen wir Hubschrauber abschießen können." In einigen Wochen sollen sie geliefert werden, meint der 24-Jährige zuversichtlich. "Dann können wir auch tagsüber kämpfen", wirft Mohammed ein, der gerade dazukommt. Er ist Lehrer an der hiesigen Schule. Die Kampfhubschrauber der syrischen Armee sind für die FSA die größte Bedrohung. Sie verfügen über schwere Maschinengewehre und Raketen. Deshalb starten die Rebellen ihre Operationen in der Regel nie vor Sonnenuntergang. "Sobald sie uns am Boden sehen, eröffnen sie das Feuer", erzählt Ahmed. "Im freien Gelände, in dem es fast keinen Schutz gibt, ist das tödlich." Aber wie durch ein Wunder, meint Mohammed, der Lehrer, sei das Dorf noch nie beschossen worden. "Nur die Stellungen der FSA, außerhalb in den Bergen", versichert er mehrmals. "Die Piloten müssen gute Menschen sein, heißt es bei uns im Ort schon." Sein Dorf mag Glück gehabt haben, andere Städte und Dörfer in Syrien hatten das nicht. Sie wurden von Regierungstruppen gnadenlos beschossen und vielfach in Schutt und Asche gelegt. Etwa 15.000 Menschen, davon die meisten Zivilisten, sind bisher im 16-monatigen Bürgerkrieg umgekommen. Und fast täglich kommen Hunderte Opfer hinzu.
"Bald werden wir den Grenzübergang Bab al-Hauwa einnehmen", sagt der junge Rebell Ahmed. Ein FSA-Offizier, der seinen Wagen tankte, kommt hinzu und bestätigt: "Lange werden wir nicht mehr warten. Die Waffen, die wir dazu brauchen, sind unterwegs." Woher sie kommen, will der über 40-jährige Soldat jedoch nicht verraten. Katar und Saudi-Arabien hatten vergangene Woche angekündigt, die syrischen Rebellen finanziell und mit Waffenlieferungen zu unterstützen. Laut Medienberichten sind auch Vertreter des US-Geheimdienstes CIA vor Ort, um Oppositionsgruppen auszuwählen, die man bewaffnen will.
"Wir müssen auf Hilfe aus dem Ausland nicht warten", behauptet der FSA-Offizier, der seinen Namen nicht nennen will. "Wir holen uns selbst, was wir brauchen." Er meint wohl die Waffenlager der syrischen Armee, die von der FSA kürzlich geplündert wurden. Am 23. Juni bedienten sich die Rebellen in einer Kaserne in Deir al-Saur, einer Stadt im Osten des Landes. Aber für die FSA, die in der Region Aleppo operiert, war die Eroberung des Stützpunkts des Bataillons 1041 der syrischen Luftabwehr ein Volltreffer. In Darat Essah, nur zwei Kilometer von Dana entfernt, gab es alles, was ein Rebellenherz begehrt. Neben reichlich Gewehren und Munition auch Flugabwehrgeschütze sowie Panzerabwehrraketen, die man von der Schulter aus abschießt und die ihr Ziel selbst suchen.
Der Grenzübergang von Bab al-Hauwa ist wie eine kleine isolierte Insel. Die diensthabenden Beamten arbeiten und wohnen dort gleichzeitig, denn ihren Arbeitsplatz verlassen können sie nicht. Es sei denn mit dem Hubschrauber. 500 Meter vor dem Übergang befindet sich eine Stellung der syrischen Armee mit einigen eingegrabenen Panzern. Die letzte und einzige Stellung, die den Grenzposten vom FSA-Territorium trennt und vor einer möglichen Eroberung schützt. Geschäfte, Restaurants und Geldwechselstuben in der Nähe dieser Stellung sind ausgebrannt, zerschossen und zerbombt. Jede Nacht werden die syrischen Truppen von FSA-Einheiten angegriffen.
Auf der türkischen Seite, in der Stadt Antakya, wird fieberhaft an der Organisation des bewaffneten Kampfes gegen die Regimetruppen im Raum Aleppo gearbeitet. "Wir versuchen möglichst viele neue Bataillone aufzustellen", erklärt Mohammed Hamudi, der selbst eine 90 Mann starke Einheit in Lattakia anführt. Hamudi gehört nicht offiziell zur FSA-Führung. Er ist aber Teil des inneren Zirkels und trifft sich regelmäßig mit dem FSA-Chef Mustafa al-Scheich. 80 Prozent aller Kämpfer der syrischen Opposition, so behauptet Hamudi, würden den Oberbefehl der FSA akzeptieren. "Wir brauchen Disziplin und koordiniertes Vorgehen", sagt er aufgewühlt. Man sieht dem schmächtigen, aber kräftigen Mann noch an, dass noch ein Rest von Adrenalin durch seine Adern pumpt. Hamudi hat heute 5000 Schuss Munition über die Grenze gebracht und ist wieder in die Türkei zurückgekehrt. Er wäre lieber weiter zu seiner Einheit gefahren, aber in Antakya gebe es Wichtiges zu besprechen. "Wie ich sind al-Scheich und der Rest der FSA-Führung überzeugte Säkulare, die Demokratie, freie Wahlen und eine Trennung von Staat und Religion wollen. Aber es gibt islamistische Kräfte, die mehr und mehr Überhand nehmen."
Der Feldkommandeur meint damit in erster Linie die Muslimbruderschaft. Sie dominiert bereits den zivilen Syrischen Nationalrat (SNC), der seinen Sitz in Istanbul hat. "Nun wollen sie auch militärisch bestimmen", sagt Hamudi. Auch ihm hätten sie schon große Summen angeboten, falls er mit seinem Bataillon unter dem Banner der Muslimbruderschaft kämpft. "Aber das kommt unter keinen Umständen infrage", meint der Rebellenführer sichtlich aufgebracht. "Ich war zweimal auf Pilgerfahrt in Mekka. Für mich ist es kein Widerspruch, wenn ich Alkohol trinke. Aber diese Leute werden diese Freiheit nicht zulassen." Natürlich werde die Muslimbruderschaft aus den Golfländern finanziert, führt er aus. Seiner Meinung nach wird die Muslimbruderschaft bald die am besten ausgerüstete Miliz haben, die gegen die Truppen von Präsident Assad kämpft.
Als das Gespräch auf radikal-militante Salafisten kommt, die auch in der Nähe von Idlib an Checkpoints stehen, wird der Ärger Hamudis noch größer. "Sie bekommen ihr Geld aus Katar und Saudi-Arabien", behauptet der Kommandeur, der vor Beginn des Bürgerkriegs ein erfolgreicher Geschäftsmann war. "Im Norden Syriens gibt es nur wenige salafistische Bataillone, dafür aber mehr im Süden." Er meint damit die Region um Homs, unweit der Grenze zum Libanon. Sie kämen aus dem Nachbarland nach Syrien, um das ungläubige wie gotteslästerliche Regime Assads zu stürzen. Die Dschihadisten kommen aber inzwischen aus aller Herren Länder - der Kampf in Syrien ist längst nicht mehr allein Sache der Syrer.

Damaskus erwartet den Sturm

Der Bürgerkrieg hat die Außenbezirke der Hauptstadt erreicht 


Er hat ein kleines Hotel, gleich um die Ecke vom legendären Al-Hamidiah-Suk in Damaskus. Das Passwort für das Internet auf dem Zimmer lautet "march15". Deutlicher könnte das Statement für die Opposition nicht sein. Denn am 15. März vergangenen Jahres fand der erste "Tag des Zorns" gegen das Regime von Baschar al-Assad statt. Was seit Januar 2011 mehrfach fehlgeschlagen war, funktionierte an diesem Tag: Landesweit gingen die Menschen zeitgleich für die Demokratie auf die Straße. Eine Bewegung, die nicht mehr zu stoppen war. Aber mit friedlichen Demonstrationen ist es mittlerweile vorbei. In Syrien herrscht Krieg seit die Opposition, ein Sammelbecken divergierender Gruppen, den bewaffneten Kampf beschlossen hat. "Ich bedauere das sehr", sagt der Hotelbesitzer. "Nur mit friedlichen Mitteln kann man dauerhafte Reformen und Demokratie schaffen." Polizeiautos in die Luft jagen und junge Wehrpflichtige exekutieren, das sei keine Lösung. "Unser politisches System ist beileibe nicht gut", fährt er fort. "Wir brauchen Reformen und auch einen neuen Präsidenten, aber durch Verhandlungen und nicht mit der Waffe in der Hand."

Ganz anderer Meinung ist Sakaria, ein 25-jähriger Taxifahrer in Damaskus. "Freiheit hat es in Syrien nie gegeben. Nun sind wir auf dem besten Weg dahin." Als vor seinem Taxi ein offener Truppentransporter auftaucht, deutete er nacheinander auf jeden der jungen Soldaten: "Weg mich euch! Du bist tot, und du, und du bist auch tot." So müsse das gehen, sagt er lachend. Aber zunehmend wird es ernst in Damaskus.
In der syrischen Hauptstadt sind jede Nacht Schüsse und Explosionen zu hören. Sie kommen aus Duma oder al-Midan, zwei Vororten von Damaskus. Fast jede Nacht, gegen zwei Uhr, beginnen dort die Rebellen ihre Angriffe auf Stellungen der syrischen Armee. "Sie sind sehr schwer kleinzukriegen", sagt ein Militär, der unerkannt bleiben will. "Sie greifen nie an der gleichen Stelle an, und weil sie hier wohnen, haben sie gute Ortskenntnisse. Bei Sonnenaufgang gegen halb sechs sind sie wieder verschwunden."
Die syrische Armee führt den Kampf eines Sisyphos. Nur selten konzentriert sich der Widerstand in einem großen Ort, den man bombardieren kann. Wo das möglich ist, sind die Verwüstungen schrecklich. Bestes Beispiel ist Homs: Von der drittgrößten Stadt Syriens ist kaum mehr etwas übrig. Im März hatten sich die Rebellen von dort zurückgezogen. Aber der Triumph der Armee währte nicht lange. Die Freie Syrische Armee (FSA) ist drauf und dran, den Stadtteil Baba Amr, ihre einstige Hochburg, wieder unter Kontrolle zu bringen.
Ein Sympathisant der Rebellen erklärt von dort telefonisch, etwa 800 Zivilisten seien zwischen den Fronten des Häuserkampfes eingeschlossen, Leute, die nicht wissen, wohin sie fliehen sollen und die vor allem kein Geld für eine Flucht haben. Der oppositionelle Syrische Nationalrat behauptet sogar, es seien mehr als 1000 Familien und ein neues Massaker stehe bevor.
In der Gegend von Aleppo im Nordwesten des Landes sind die Rebellen noch weiter vorangekommen. Hier kontrollieren sie das Gebiet unmittelbar hinter der Grenze zur Türkei bis auf zehn Kilometer vor der Stadtgrenze der Millionenmetropole. Von der Luftwaffenakademie in Aleppo feuern schwere Geschütze nachts in das Rebellengebiet. Tagsüber starten von dort Helikopterangriffe. Aber noch, so sagen die Bewohner des Hinterlandes, gebe es kaum zivile Opfer. "Die Leute hier sagen, die Piloten müssen gute Menschen sein, weil sie nie aufs Dorf schießen, sondern nur rundherum", sagt ein junger FSA-Angehöriger, der nahe Aleppo kämpft.
Für die Regierungstruppen wird es in Zukunft noch schwieriger, den Angriffen der Rebellen standzuhalten. Was Katar und Saudi-Arabien schon immer wollten, ist nun beschlossene Sache: Die Rebellen bekommen in Zukunft eine Art regulären Sold von 25 Dollar im Monat, bezahlt aus den Geldquellen am Golf. Damit will man Soldaten zum Desertieren bringen. Und es wird natürlich Waffenlieferungen im großen Stil geben. Die Türkei erlaubt eine Kommandozentrale auf ihrem Territorium, von wo aus die Operationen der FSA geleitet werden sollen. Rund 20 Syrer sollen dort arbeiten.
Eine große internationale Verschwörung wittert Pfarrer Gabriel von der Syrisch-Orthodoxen Kirche in Bab al-Tuma. Das christliche Viertel liegt am Rande der Stadt. "Ob Saudi-Arabien, Katar, die USA oder Israel, sie wollen unter allen Umständen einen Sturz des Regimes", sagt der Priester. Rücksicht auf Menschenleben werde nicht genommen. "Die Rebellen vertreiben und massakrieren die christliche Bevölkerung in großem Stil. Bekommen wir hier irakische Verhältnisse?" Pfarrer Gabriel meint die über eine Million Glaubensbrüder, die seit dem Krieg 2003 aus dem Nachbarland fliehen mussten.
In Syrien leben zwei Millionen Christen. "Wenn die gehen müssen, ist das christliche Projekt im Mittleren Osten gestorben", ruft der Pfarrer aufgebracht. Bab al-Tuma ist eine Welt für sich inmitten der Stadt. Die neu gebauten Wohnsiedlungen könnten in einem europäischen Land stehen. Saubere Vorgärten, adrette Kinderspielplätze und teure Autos an den Straßenrändern. Kopftücher sieht man hier kaum, stattdessen freizügig gekleidete Frauen, als wäre man in Paris oder Berlin. Man kauft in teueren Boutiquen, beim französischen Bäcker oder beim libanesischen Metzger. "Wir haben nichts gegen Präsident Assad", sagt ein älterer Lebensmittelhändler. "Aber Reformen wollen wir auch. Mehr Demokratie und freie Wahlen." Mit der angeblich so Freien Syrischen Armee sei das bestimmt nicht zu erreichen. "Sie wollen uns von hier nur vertreiben. Dabei ist Syrien auch unser Land und das schon seit vielen Generationen."
Auch wenn es in Damaskus zunächst den Anschein hat, das Leben verlaufe normal, die Spannung ist allgegenwärtig. In jedem Geschäft laufen Fernseher mit den Nachrichtenkanälen und die Menschen blicken wie gebannt auf die Bildschirme, auch bei den von offizieller Seite geschmähten Sendern al-Dschasira aus Katar und al-Arabia aus Saudi-Arabien. Auf den Märkten und in den Geschäften der Hauptstadt ist zwar noch alles zu haben, aber die Preise sind deutlich gestiegen. Und die Leute kaufen weniger. "Wir haben kaum mehr Gäste", erzählt eine Frau in einem Restaurant der Innenstadt. Vier Kinder hat sie. "Wir wissen nicht, wie wir überleben sollen. Unseren Nachbarn geht es nicht anders." Sie lebte viele Jahre in Europa. Vor einem Jahr kehrte sie heim, mitten in den syrischen Bürgerkrieg. Nach der Scheidung von ihrem Mann hatte der kurzerhand die Kinder nach Syrien entführt. Nun will sie um ihre drei Sprösslinge kämpfen. "Ich liebe Europa", sagt sie leidenschaftlich. "Syrien, das ist doch nichts." Außer vielleicht der Präsident gehe endlich. "Bye, bye", sagt sie und winkt süffisant. Aber ihren Namen möchte sie nicht gedruckt wissen. Wer weiß, was die Zukunft bringt.

Das Grauen und seine Zeugen

Für das Massaker von Hula hat die internationale Gemeinschaft das syrische Regime scharf verurteilt. Doch wer in das Kriegsgebiet reist, findet mehr als nur eine Wahrheit zu dem Fall. Denn aufseiten der Rebellen kämpfen nicht nur Helden 


Links der Straße ein großer See, der in der Sonne glitzert. Ein Mann fischt, Kinder springen vom Ufer fröhlich ins Wasser. In der Ferne erkennt man die Häuser eines Dorfes, das mitten in einer Ebene liegt, die auch im heißen Juni noch saftig grün wirkt. Eine ländliche Idylle, in der man unwillkürlich an Urlaub denkt. Dabei fand hier in Taldu, einem Vorort der Stadt Hula, bisher das schrecklichste Massaker des seit 16 Monaten andauernden Bürgerkriegs in Syrien statt. Am 25. Mai wurden hier 108 Menschen, darunter viele Frauen und Kinder, ermordet.

Der Fahrer weigert sich weiterzufahren. Er imitiert mit den Händen ein Gewehr und macht "Bumm, bumm". Aber das syrische Militär lässt ohnehin niemanden durch. "Weiter als bis hier kommen Sie nicht, wir wollen doch nicht, dass man Sie erschießt", erklärt ein kräftiger Mann mit Glatze im Stützpunkt am Ortseingang. Es folgt eine Schimpftirade auf Deutschland, die USA, Katar und Saudi-Arabien. Sie unterstützten die Freie Syrische Armee (FSA), die auch Taldu besetzt hält. Plötzlich zieht der Glatzkopf seine Trainingshose runter und weist auf mehrere große Schussnarben an der Hüfte, am Oberschenkel und an den Beinen. "Sehen Sie! Von wegen Freie Armee, das sind keine Menschen", brüllt er laut. Trotz aller Lautstärke bleiben seine Augen ausdruckslos, kalt. Unwillkürlich denkt man: Er könnte dabei gewesen sein, als die Menschen in Taldu ermordet wurden.
International wird das Regime von Baschar al-Assad für das Massaker verantwortlich gemacht. Zahlreiche Staaten zogen danach ihren Botschafter aus Syrien ab, darunter Deutschland. Doch nun gibt es eine Kontroverse über die Hintergründe des Falls. Anfang Juni erregte ein Artikel der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" für Aufsehen, in dem angebliche Zeugen behaupteten, Rebellen hätten das Massaker begangen. Die Getöteten seien in Wahrheit Schiiten gewesen, so wie Präsident Assad, der wie ein großer Teil der syrischen Elite der schiitischen Glaubensrichtung der Alawiten angehört. Damit hätten sie den Hass der Rebellen auf sich gezogen. In dieser Woche hielt das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" dagegen. In Taldu hätten ausschließlich Sunniten gelebt, heißt es dort. Und Überlebende sagten, Männer in Uniform hätten die Taten verübt. Das erklärten auch Zeugen gegenüber der Menschrechtsorganisation Human Rights Watch. Aber Militärkleidung tragen mitunter auch Rebellen - manche haben sie erbeutet, manche sind selbst desertierte Soldaten. In diesem Krieg gibt es keine Regeln und nur sehr wenige Gewissheiten.
Das Kloster zum Heiligen Jakob liegt etwa 90 Kilometer von der Hauptstadt Damaskus entfernt mitten in der syrischen Wüste. Die Gebäude aus cremefarbenen Felssteinen mit Spitzbögen, Säulengängen und schattigen Hinterhöfen beherbergen Gartenanlagen mit Blumen- und Gemüsebeeten. Als die libanesische Nonne Agnès-Mariam de la Croix das Kloster in den 90er-Jahren besuchte, war es fast eine Ruine. Sie hat es in mühevoller Arbeit wieder aufgebaut. Etwa 20 Nonnen und Mönche aus Syrien, dem Libanon, aus Frankreich, Belgien und den USA leben nun hier. Doch seit Beginn des Bürgerkriegs finden sie kaum noch Gelegenheit zur Einkehr. Das Kloster nimmt bereitwillig Flüchtlinge jeden Glaubens auf und ist ein Treffpunkt für die Christen der Region. Hinter den Mauern des Jakobsklosters fühlt man sich sicher und traut sich, über Dinge offen zu sprechen, die draußen den Tod bedeuten würden.
Auch Dschibril (Name geändert) ist jetzt hier. "Von ihm wussten wir als Allererste, dass das Massaker nicht von der syrischen Armee begangen wurde, sondern von den Rebellen", sagt Schwester Agnès-Mariam. Er habe die Gräuel miterlebt und das Kloster noch am gleichen Tag informiert. Dschibril ist die Nervosität deutlich anzumerken. Sollte nur eine Information nach draußen dringen, die auf seine Identität schließen lässt, wäre er ein toter Mann. Trotzdem erzählt er, langsam und mit bedächtigen Worten, seine Version des 25. Mai in Taldu.
"Die Kämpfe begannen um die Mittagszeit, als die Rebellen aus Ar-Rastan und Saan kommend, die Checkpoints der Armee um Hula angriffen", erzählt der Mann Ende dreißig. Die Stellung am Ortseingang unweit des Krankenhauses wurde als Erstes überrannt. Die Soldaten flohen, und die Rebellen gingen ins Krankenhaus und töten dort Patienten. Warum, weiß er nicht und genauso wenig, wie viele Menschen getötet wurden. Dann seien verschiedene Trupps gezielt in ausgewählte Häuser gegangen und hätten angefangen, all ihre Bewohner zu erschießen. "Den Nachbarn taten sie nichts", erinnert sich Dschibril. Von den zwei getöteten Familien kannte er die Sajids persönlich. "Sie waren Sunniten, wie alle bei uns", versichert er. "Man hat sie umgebracht, weil sie bei der Revolution nicht mitmachen wollten." Man habe ja auch die Angehörigen eines Parlamentsabgeordneten getötet, der auf seine Kandidatur bei den Wahlen Anfang Mai bestanden und den Boykott der FSA verweigert hatte. "Nach dem Massaker haben die Rebellen alle Leichen in die Moschee gebracht", sagt Dschibril. Auf die Frage, ob die regimetreuen Milizen der Schabiha die Menschen massakrierten, hebt Dschibril nur den Kopf und schnalzt landesüblich mit der Zunge. "Vollkommener Quatsch", sagt er.
Wer Taldu einmal gesehen hat, dem kommen Zweifel an den Berichten, denen zufolge mehrere Hundert Soldaten und Assad-Anhänger ohne Gegenwehr ins Dorf gekommen seien. Hula ist seit Dezember 2011 in Rebellenhand. Taldu liegt auf freier Fläche, wo es kaum Möglichkeiten gibt, Deckung zu suchen. Das Dorf ist mit Maschinengewehren und Panzerfäusten leicht zu verteidigen. Die Armee würde Taldu gern zurückerobern, hat es aber bisher nicht geschafft.
"Natürlich wissen viele Leute in Hula, was wirklich passiert ist", sagt Dschibril. Doch alle fürchteten um ihr Leben. "Wer dort jetzt den Mund aufmacht, kann nur die Version der Rebellen wiedergeben. Alles andere ist der sichere Tod." Erst vor einer Woche soll in Hula ein Lehrer als vermeintlicher Verräter aufgehängt und danach vom Balkon aus dem dritten Stock geworfen worden sein. Dschibril würde nie über die Ereignisse sprechen, wenn ihn Schwester Agnès-Mariam nicht dazu ermuntert hätte.
Eine Zeugenaussage ist noch kein Beweis. Aber es ist zumindest denkbar, dass Dschibril recht hat und die Rebellen das Massaker begangen haben. Zu diesem Schluss muss man kommen, wenn man durch die Gegend von Homs reist.
Dort hört man an verschiedenen Orten unabhängig voneinander immer wieder Berichte über konfessionelle Säuberungen und systematische Grausamkeiten der FSA, die das Gebiet seit Monaten beherrscht. Homs, die drittgrößte Stadt Syriens, ist wieder umkämpft. Vor zwei Wochen begann eine neue Offensive der Rebellen auf Baba Amr, jenen Stadtteil von Homs, der zu einem Synonym für die Grausamkeit des syrischen Regimes geworden ist. Unter dem Beschuss von Regierungstruppen starben dort Hunderte Zivilisten und auch die zwei Journalisten Marie Colvin und Rémi Ochlik. Von hier führt eine wichtige Nachschubroute über die Stadt Koser. In ihrer Nähe gibt es Höhlen, die bis in den Libanon reichen und durch die Waffen, Munition und Kämpfer ins Land geschmuggelt werden.
Doch ihre strategische Bedeutung für die Rebellen mussten die Bürger von Koser teuer bezahlen. Am 12. Februar, einem Sonntagmorgen, klopfte jemand donnernd an die Haustür von Nicolas Khoury (Name geändert). Vier bewaffnete Männer hätten dort gestanden, erzählt Khoury. Zwei von ihnen seien maskiert gewesen. Unter den Skimützen mit den Augenschlitzen hätten lange Bärte hervorgeragt. "Es ist besser für dich, wenn du verschwindest", sagten sie. "Morgen möchten wir dich hier nicht mehr sehen." Khoury und seine Familie mussten die Koffer packen. Das gleiche Schicksal hätten auch die anderen 12.000 Christen in Koser erlitten, die bisher völlig friedlich mit über 30.000 Sunniten gelebt hätten. Wer sich weigerte, seine Kinder in die FSA zu schicken, sei erschossen worden. 27 Menschen seien so gestorben. "Ich kannte die zwei ohne Maske", erzählt Khoury. "Seit vielen Jahren, sie waren meine Freunde."
Der 63-Jährige macht für die Vertreibung radikale Islamisten verantwortlich: "Ich habe sie mit meinen eigenen Augen gesehen. Pakistaner, Libyer, Tunesier und auch Libanesen. Sie nennen Osama Bin Laden ihren Scheich."
Von Anfang an war die syrische Opposition noch heterogener als jene in Libyen oder Ägypten. Die liberalen Exilpolitiker, die im Westen für sie sprechen, sind nur bedingt repräsentativ für jene, die im Land kämpfen. Dort sind auch desertierte Soldaten und Staatsfeinde aller Couleur unterwegs. Immer wieder berichten Geheimdienstquellen über einen wachsenden Zustrom von Dschihadisten aus aller Welt nach Syrien. Und immer wieder hört man von Grausamkeiten gegen Christen: Ein Taxifahrer, der auch reguläre Soldaten von den Checkpoints nach Hause bringt, wird auf offener Straße als Kollaborateur erschossen. Ein Priester wird überfallen, und man ritzt ihm mit dem Messer ein Kreuz in die Kopfhaut. Ein christlicher Gemüsehändler bekommt einen fingierten Anruf, Obst abzuholen, und wird dann in seinem Auto auf offener Straße getötet. Es gibt eine lange Liste von Personen, die entführt wurden und bis heute spurlos verschwunden sind. Nachdem die FSA Homs erobert hatte, wurden dort Christen vertrieben und Kirchen verwüstet.
Zwar ist es durchaus möglich, dass ihre angebliche Nähe zum Regime die Christen zur Zielscheibe macht, doch die Grausamkeit und die Systematik, mit der sie verfolgt werden, weist auf einen starken islamistischen Einfluss bei den Rebellen hin: Ein sunnitischer Zeuge aus Homs will beobachtet haben, wie eine bewaffnete Gruppe von Maskierten einen Bus stoppte. "Die Insassen wurden nach Religion in zwei Gruppen geteilt. Auf die eine Seite Sunniten, auf die andere Seite Alawiten." Danach habe man den neun Alawiten den Kopf abgeschnitten. Ein Mordritual, das normalerweise nur extremistische Islamisten anwenden. Es könnte diese Grausamkeit sein, die das Vorgehen der Rebellen auch andernorts zunehmend prägt. Das könnte auch in Hula passiert sein.

"Die Rebellen verhalten sich wie Kriminelle"

Im Bürgerkriegsland sind Journalisten nicht gern gesehen. Unserem Reporter Alfred Hackensberger gelang die Einreise. Seine erste Reportage kommt aus Aleppo, dem Ruhepol im Auge des Sturms.

Die Bombe war auf dem Gehweg versteckt und explodierte, als das Polizeiauto vorbeifuhr. Die beiden Polizisten im Wagen waren sofort tot.
Das Entsetzen steht Rami noch ins Gesicht geschrieben. "Ich stand daneben und bin wie durch ein Wunder unverletzt. Mein Freund, mit dem ich unterwegs war, ist auf dem Weg ins Krankenhaus."
Die Bombe im Stadtteil Aziza, mitten im Zentrum der zweitgrößten syrischen Stadt Aleppo, markierte den zweiten Anschlag dieser Art in der Stadt, die vom syrischen Bürgerkrieg bisher weitgehend verschont geblieben ist. Beim ersten Attentat im Februar starben 28 Menschen, 235 wurden verletzt.
Aleppo ist eigentlich so etwas wie der Ruhepol in dem Land, das von brutalen Auseinandersetzungen zerrissen ist, die auf beiden Seiten mit unbarmherziger Grausamkeit geführt werden. Das Leben hier läuft normal weiter, alle Geschäfte sind geöffnet, die Märkte täglich voller Menschen.
Ausgebranntes Polizeiauto
© REUTERS Eine Bombe tötete am Dienstag in Aleppo zwei Polizisten
Von Mangelerscheinungen wie in anderen Kriegsgebieten wie Homs, Dera oder Idlib keine Spur. Ob Pfirsiche, Bohnen, Tomaten, Kartoffeln oder Wassermelonen, es gibt alles. Abends sitzen die Menschen gemütlich in Cafés oder Restaurants und rauchen ihre Shisha, die Wasserpfeife.

Bürokratie wie zu DDR-Zeiten

Aleppo ist mit rund 1,7 Millionen Einwohnern noch vor Damaskus die größte Stadt Syriens. Sie liegt im Norden des Landes, knapp 50 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. Ausländer müssen beim syrischen Grenzposten viel Geduld aufbringen, Bürokratie und Unverfrorenheit erinnern an DDR-Zeiten.
Koffer und Taschen werden wild durchwühlt, als wäre man ein Staatsfeind. Es dauert länger als fünf Stunden, bis der Grenzsoldat endlich Telefon und Laptop in den Pass einträgt.
Aber dann ruft der Chef des Zolls freundlich: "Herzlich willkommen in Syrien! Nun können Sie fahren, wohin Sie wollen." Eine Offenheit, die überrascht. Andere Journalisten sitzen in Damaskus und sind angewiesen, die Hauptstadt nicht zu verlassen.

Iranische Elitetruppen an der Grenze

Die Fahrt von der Grenze nach Aleppo führt durch felsige Hügellandschaften. Vorbei an Olivenbäumen, Mais und abgeernteten Getreidefeldern. In den Dörfern sitzen Männer vor den Häusern, rauchen Wasserpfeife und trinken Kaffee. Das Kriegsgebiet beginnt erst an den Checkpoints der Freien Syrischen Armee (FSA).
Junge Kerle, nicht älter als 20 Jahre, kontrollieren mit Kalaschnikows in der Hand alle Fahrzeuge. "Wir sind hier in diesem Gebiet die Herren", sagt einer der Rebellen lachend und gibt den Blick auf seine einzigen beiden noch verbliebenen Zähne preis. Im Pass sucht er vergeblich nach einem Einreisestempel aus dem Iran.
Die Islamische Republik unterstützt das Regime von Präsident Baschar al-Assad und hat Elitetruppen der Revolutionären Garden in Syrien stationiert. "Nein, nein mit dem Iran kommt hier niemand durch", sagt er ernst, bevor er mit seinem Gewehr zum Weiterfahren winkt.

"Eigentlich sind hier alle gegen den Präsidenten"

Nach etwa 25 Kilometern ist das von der FSA kontrollierte Gebiet zu Ende. Nun ist es das syrische Militär, das Papiere kontrolliert und Kofferräume durchsucht.
Es sind wieder sehr junge Männer, zum Teil nur halbuniformiert, sichtlich müde. Vor ihren Zelten ist ein kleiner Schützenpanzer eingegraben. Von den Stellungen der FSA trennen die Armeesoldaten zwei Kilometer.
"Diese Leute stehen nur für Assad Wache, weil sie gut bezahlt werden", behauptet ein Mann auf dem überfüllten Gemüsemarkt in Zentrum von Aleppo später. "Eigentlich sind hier alle gegen den Präsidenten, aber wir verhalten uns ruhig, weil wir die Zerstörung unserer Stadt nicht riskieren wollen."

Den Menschen in Aleppo geht es gut

Probleme gäbe es nur auf dem Land, weil die FSA von der Türkei aus ungehindert über die Grenze kommen könne. Dass es in Aleppo bisher keine großen Demonstrationen gegen die syrische Regierung gegeben hat, liegt vielleicht auch daran, dass es den Menschen hier gut geht. Aleppo ist das Industriezentrum Syriens.
Hier werden Textilien, Medikamente, Elektrogeräte und sogar alkoholische Getränke produziert. 50 Prozent aller Industriearbeiter des Landes sind in der Region beschäftigt.
Hinzu kommt eine Altstadt, die von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt wurde und ein Anziehungspunkt für den internationalen Tourismus ist.

Angst, die Stadt zu verlassen

"Ich bin seit eineinhalb Jahren nicht mehr aus Aleppo herausgekommen", sagt ein Taxifahrer. "Alle Einwohner haben Angst, die Stadt zu verlassen, besonders mit dem Auto." Die FSA habe, so heißt es, schon viele Fahrer mit vorgehaltener Waffe gezwungen, ihr Auto zur Verfügung zu stellen.
Einige Eigentümer seien auch spurlos verschwunden. "Aber Assad wird fallen, das ist unausweichlich", sagt der Taxifahrer. Im Prinzip aber sei es ihm egal, wer an der Macht sei. "Die von der FSA sind bestimmt nicht besser als die jetzigen Herrscher."
Gleicher Meinung ist Samir, der gemeinsam mit anderen Lehrern seit zehn Jahren eine kleine Sprachschule unterhält, die nun wegen des Bürgerkrieges vor der Pleite steht.
"Die FSA macht sich keine Freunde, sie verhalten sich wie Kriminelle", sagt der Englischlehrer und stellt seinen Freund John vor, der eine Fabrik für Elektroteile im Industriegebiet Aleppos betreibt.
"Die Rebellen kommen und befehlen uns Unternehmern, am Freitag und Samstag zu schließen, damit es wie ein Streik aussieht." Wer den Anweisungen nicht folge, werde bestraft. "Die beiden Fabriken meiner Nachbarn wurden bereits von der FSA niedergebrannt."

Christen setzen auf Assad als Beschützer

Im Café "Baron" im Zentrum von Aleppo sitzen drei 25 Jahre alte christliche Armenier, die die Europameisterschaft im Fernsehen verfolgen und dabei Wasserpfeife rauchen.
"Wir hoffen, dass unser Präsident gewinnt", erklärt einer von ihnen, der sich als Gero vorstellt. "Assad beschützt uns. Wir haben unsere Religion, unsere Kirchen, Schulen und Gemeinden."
Die drei jungen Männer halten die Berichte der Medien für übertrieben und falsch. "Die syrische Armee würde nie solche Massaker begehen, wie man behauptet", meint Ivecu, der mit Altmetall handelt.
Für ihn und seine Freunde ist die FSA eine Bande von Banditen und Terroristen, wie es die syrische Regierung propagiert. "Wir wissen doch genau, was in Homs passiert ist", ergänzt er mit ernstem Blick. Dort hatte die FSA Christen gewaltsam vertrieben.

Ungewissheit und Furcht vor Islamisten

In den Gesichtern der drei Armenier ist deutlich Angst zu lesen. Es ist die Ungewissheit, die sie plagt. Wie wird der Bürgerkrieg enden? Sie fürchten vor allem radikale Islamisten.
"Wir haben bereits Drohungen im Internet erhalten. Wir sollen verschwinden", erzählt Kevoc, der von Beruf Innenarchitekt ist.
"Ansonsten will man uns den Hals umdrehen." Einige der etwa 50.000 christlichen Armenier Aleppos seien bereits ins Ausland geflüchtet, und viele würden darüber nachdenken, es ebenfalls zu tun.
"Aber wohin sollen wir gehen?" fragt Gero etwas ratlos. "Syrien ist unsere Heimat, hier sind unsere Familien, hier ist unser Leben."

"Nur die Armen bleiben und warten, was passiert"

Nicht weniger nachdenklich ist Vater Joseph. Er ist Priester der griechisch-orthodoxen Kirche, einer Gemeinde, zu der in Aleppo rund 20.000 Menschen gehören.
"Mein Sohn ist nach Venezuela ausgereist, nachdem ihm europäische Länder kein Visum gegeben haben", erzählt er und fügt traurig hinzu: "Mit Frau und kleinem Sohn." Jede Familie in seiner Gemeinde würde sich überlegen, ins Ausland zu flüchten. Und wer es sich leisten kann, tut das auch. "Nur die Armen bleiben und warten, was passiert."
Der 58-jährige Mann Gottes will in seiner Heimat bleiben, obwohl auch er Angst vor den Islamisten hat. "Mein ganzes Leben wohne ich in einer Straße, in der ausschließlich Muslime wohnen. Religion war noch nie ein Problem." Zwei Millionen Christen leben in Syrien. Aber nun könne das friedliche Miteinander der Religionen schnell kippen.

Christen als menschliche Schutzschilde

Für den Geistlichen waren die Vorgänge in Homs, in dem überwiegend Griechisch-Orthodoxe lebten, Auslöser seiner Furcht. "Vor sechs Monaten hat man die Christen dort vertrieben und ihre Häuser angezündet, zehn Menschen getötet."
Nun seien dort nur noch etwa 30 Familien, die man am Ende gehindert habe, die Stadt zu verlassen. "Ein Taktikwechsel", erklärt er. "Nun benutzt man sie als menschliche Schutzschilde."
Die Schuld für die Zerstörung von Homs gibt der 58-Jährige nicht dem Regime. Auch christliche Bewohner von Homs, die ihr Haus verloren haben, beschuldigen die FSA. Einer von ihnen ist Fadi, er will vor den Demonstrationen "Männer mit langen Bärten" beobachtet haben, die Plastiktüten mit Waffen an junge Männer verteilt hätten.

Schüsse aus der Mitte der Demonstranten

"Und als der friedliche Protestmarsch an der Polizeistation vorbeizog, wurden Schüsse aus der Mitte der Demonstranten auf Polizisten abgefeuert."
Vater Joseph verabschiedet sich. Er will heute noch in sein Heimatdorf an der türkischen Grenze fahren, mitten in dem von der FSA besetzten Gebiet.
Er solle, so rieten ihm Freunde, seinen weißen Priesterkragen anlegen, um sich zu schützen. Aber er möchte das nicht: "Wer kann bei 40 Grad schon einen geschlossenen Kragen ertragen."

Ein kurzer Urlaub vom Krieg

Die türkische Grenzregion zu Syrien beherbergt Tausende Flüchtlinge und ist ein wichtiges Rückzugsgebiet für die Rebellen Von Alfred Hackensberger DIE WELT Alle Nachrichten Touristen aus aller Welt kennen die türkische Stadt Antakya besser unter dem Namen Antiochia. Doch derzeit kommen kaum noch Urlauber, um die Mosaike aus der legendären Metropole der Antike zu bestaunen. Im Nachbarland Syrien tobt seit 16 Monaten der Bürgerkrieg. Seit sich die Kämpfe zwischen Rebellen und Armee zunehmend intensivieren, wird die Türkei für die Opposition immer wichtiger als Rückzugsgebiet und Nachschubbasis. Antakya, das nur wenige Kilometer von der Grenze entfernt liegt, ist heute ein wichtiger Stützpunkt der Freien Syrischen Armee (FSA), einer Rebellengruppe, die sich aus desertierten Soldaten der syrischen Streitkräfte zusammensetzt. Von hier aus starten die Rebellen zu ihren Angriffen auf die Regierungstruppen von Präsident Baschar al-Assad. Oder sie machen dort einfach nur Urlaub vom Krieg. "Ich bin jetzt schon sechs Tage hier", erzählt Mohammed Hamudi. Er steht im schattigen Garten eines großen Einfamilienhauses in einem Vorort von Antakya und reicht kaltes Wasser. Eine Wohltat bei über 40 Grad Hitze. "Aber nun wird es wieder Zeit, weiter zu kämpfen", fügt er lachend an. "In zwei, drei Tagen geht es wieder über die Grenze." Er ist der Führer eines Bataillons, zu dem 90 Mann und drei Ärzte gehören. Sein Operationsgebiet ist in der Nähe von Idlib im Norden Syriens. "Zu unserer Hauptaufgabe gehört, den Zufahrtsweg an der Ostküste in Richtung Türkei von syrischen Regimetruppen freizuhalten", erklärt der Mittvierziger. Er meint damit die Verbindungsstraße von der Hafenstadt Latakia an die türkische Grenze, die weiter nach Antakya führt. Auf diesem Weg werden verwundete Kämpfer in türkische Krankenhäuser sowie Verpflegung oder Medikamente nach Syrien gebracht. Hamudis Bataillon sei nicht das einzige, das in der Gegend um Idlib operiert. "Da sind noch zwei oder drei andere Einheiten, die alle in Koordination mit dem Chef des Militärrats, Mustafa al-Scheich, kämpfen." Hamudi ist kein Deserteur der syrischen Armee. Er war ein erfolgreicher Geschäftsmann und hätte sich nie träumen lassen, dass einmal Kalaschnikows oder Panzerabwehrraketen zu seinem Werkzeug gehören würden. "Erst als ich bei einer absolut friedlichen Demonstration von den Sicherheitskräften verwundet wurde, habe ich mich entschlossen, dieses Bataillon zu gründen", sagt er. Das war im August 2011, und seitdem bekämpft er das Assad-Regime. Hamudi sagt, dass er diesen Kampf aus eigener Tasche finanziere. Dies könne er nur, weil er aus einer wohlhabenden Familie stamme. Denn Widerstand ist teuer. Umgerechnet 1500 Euro kostet eine einzige Kalaschnikow, und über den Preis von Panzerfäusten will er gar nicht reden. Schon oft wurde kolportiert, dass Saudi-Arabien oder Katar, die die Rebellen seit Langem bewaffnen wollen, finanzielle Hilfe leisten. Davon will Hamudi jedoch nichts wissen. "Nur die Amerikaner haben Satellitentelefone geliefert", versichert er. Die Waffen seines Bataillons stammen angeblich ausnahmslos von der syrischen Armee. "Wir kaufen sie von Obersten und anderen Offizieren, die sie aus den Arsenalen stehlen und völlig überteuert an uns verkaufen." Erst letzte Woche hätten sie zwei Panzerabwehrraketen und 15 dazugehörige Sprengköpfe erhalten. "Das Geld legen wir den Offizieren in den Blumentopf neben ihrem Haus oder schicken Kinder mit den dicken Geldbündeln zu ihnen", sagt Hamudi lachend. Vor einem drohenden ethnisch-religiösen Konflikt will der ehemalige Geschäftsmann nichts wissen. "Sehen Sie, in meiner Einheit kämpfen drei Christen neben Sunniten. In anderen Bataillonen sind Alawiten, die angeblich alle zu Assad halten, die Kommandeure." Dass die UN-Beobachter nun abgereist sind, stört Hamudi wenig. "So Gott will, werden wir ohne jede Hilfe aus dem Ausland gewinnen, da wir bereit sind, für unsere Freiheit bis zum letzten Blutstropfen zu kämpfen." Diese Zuversicht teilt Abdelkarim Hadsch Jussif nicht. Er ist einer von mittlerweile 30.000 registrierten syrischen Flüchtlingen im türkischen Grenzgebiet rund um Antakya. "Ohne die Nato wird das ganz sicher nichts", sagt er nachdenklich. "Die Rebellen haben militärisch keine Chance gegen die Armee." Und von Gewalt und Krieg halte der 58-jährige Kunstlehrer sowieso nichts. "Friedlich hätte alles weitergehen sollen", sagt er mit einem bestimmenden Ton. "Dann hätte sich das Regime nach einer gewissen Zeit völlig von selbst diskreditiert." So gebe es nur Gewalt und Gegengewalt. Seine Söhne sind nicht zur FSA gegangen und werden es auch nicht, sagt er. Hadsch Jussif stammt aus Janudia, einem kleinen Dorf in der Nähe von Idlib. Mit seiner insgesamt achtköpfigen Familie flüchtete er im Juni letzten Jahres, nachdem sein Ort von Regimesoldaten mit Granaten beschossen worden war. "Sie haben unser Haus und unsere Möbel angezündet", erzählt er noch sichtlich getroffen. Sie fuhren zunächst mit Autos nah an die türkische Grenze, von dort ging es dann zu Fuß weiter: "Mit all dem, was wir noch besaßen, fast drei Stunden lang, bis wir auf die türkische Seite gelangten." Heute sei das nicht mehr möglich. Die syrische Armee habe Minen gelegt und Kontrollen verschärft. "Nur die FSA kennt sichere Wege zurück nach Syrien." Jussif kann sich mit dem Leben im Flüchtlingslager von Yaladaj, 51 Kilometer von Antakya entfernt, nur schwer abfinden. 2500 Menschen sind dort außerhalb des Ortszentrums hinter Gittern, Stacheldraht und Plastikplanen untergebracht. Einige wohnen in Zelten, andere in einer ehemaligen Schule. "Bei dieser Hitze im Zelt, das ist unerträglich", sagt der 58-Jährige. "Das Essen, das wir bekommen, ist ungenießbar", berichtet er weiter. "Und wir werfen es, wie fast alle anderen auch, direkt in den Müll." Nur das Brot sei zu gebrauchen. Zudem gebe es kaum fließend Wasser, und die Verwaltung sowie Mitarbeiter des Roten Halbmonds würden Hilfslieferungen stehlen. "Viele Leute sind so arm, dass sie die Filter der weggeworfenen Zigaretten vom Boden aufheben und weiterrauchen", klagt er. Doch trotz aller Entbehrungen fühlt sich Jussif besser als zuvor: "Ich habe 40 Jahre lang darauf gewartet, dass es mit der Diktatur zu Ende geht. Nun bin ich endlich frei und kann sagen, was ich möchte."