Donnerstag, 27. September 2012

Als Journalist unterwegs mit der syrischen Armee

In der syrischen Stadt Aleppo tragen Rebellen und Regimetruppen die "Mutter aller Schlachten" aus. Als erster Journalist für ein deutsches Medium begleitet Alfred Hackensberger die Truppen.

"Wir kommen von der anderen Seite", sagt der Pilot im Cockpit und deutet auf die Landebahn in der Ferne. Er will einen Flug über die von den Rebellen kontrollierten Stadtgebiete von Aleppo vermeiden. "Sehen Sie, da in den Olivenhainen sind sie versteckt. Sie haben Duschkas und mit diesen Geschützen könnten sie unsere Maschine, die wie eine behäbige Kuh durch die Luft fliegt, leicht erwischen."
Wenige Minuten später landet der Pilot die Maschine sicher auf dem Internationalen Flughafen von Aleppo, der größten Stadt Syriens im Norden des Landes. Dort wird seit zwei Monaten die "Mutter aller Schlachten" zwischen Regimetruppen und Rebellen der Freien Syrischen Armee (FSA) ausgetragen.
Verfolgt, eingekreist und getötet. Am Vortag waren es 41, heute sind es mehr als 200 Tote. Auf den Bildern des Militärfotografen sieht man einige der Leichen am Boden liegen. "Mit den Terroristen geht es zu Ende", erklärt ein Major im Sicherheitszentrum von Aleppo triumphierend.
In seinem Büro hängen eine Maria-Ikone und ein Rosenkranz am Bild von Hafis al-Assad, dem Vater des amtierenden Präsidenten Baschar al-Assad. "Terroristen" ist der offizielle Terminus für die FSA. "Sehen Sie, was ich hier habe", meint der Offizier und legt eine Handgranate auf den roten Glastisch.
"Das ist eine Granate aus Schweizer Produktion, die wir in einem Haus der Terroristen fanden." Das ist keine Ausnahme betont der Major aus Aleppo, der weder seinen Namen nennen noch sich fotografieren lassen will. "Wir haben Waffen aus aller Herren Länder konfisziert", erklärt er aufgebracht. "Darunter auch Gewehre, die Nato-Truppen benutzen."

Verschwörungstheorien kursieren

Der Bürgerkrieg in Syrien ist für den jungen Major ein Produkt einer internationalen Verschwörung. Zu dieser Legende gehören auch extremistische Islamisten aus dem Ausland. "Unter den Getöteten befanden sich wieder einmal Ausländer", versichert der Offizier aufgebracht. "Wir wissen, dass sie aus Afghanistan, Libyen oder der Türkei kommen, um sich mit syrischen Dschihadisten zu verbinden."
Der Major hat damit nicht ganz unrecht: Der Kampf der Rebellen gegen die Regierung Assads bekommt zunehmend einen extremeren religiösen Ton. Mehr und mehr ausländische Dschihadisten reisen ein. Aber das Aufbegehren des syrischen Volkes für demokratische Reformen völlig darauf zu reduzieren, ist vollkommen abwegig.
"Selbst bei den Demonstrationen wisse man nicht so recht, wer sie tatsächlich angestachelt und wer auf wen geschossen hat", erklärt der syrisch-orthodoxe Erzbischof von Aleppo in seiner Residenz. Zwischen den Zeilen bestätigt er damit die offizielle Regierungsversion: Die Proteste und die Toten bei den Demonstrationen sind ein Ergebnis von "Provokateuren".
Erzbischof Mar Gregorios ist ein kluger Mann der Kirche, der Reformen vom Regime einklagt und für eine friedliche Verhandlungslösung des Konflikts ist. Aber vor Verschwörungstheorien scheint er dennoch nicht gefeit zu sein. Ein Grund dafür sind wohl seine schlechten Erfahrungen mit den Rebellen. "Sechs Mitglieder unserer Gemeinde wurden von ihnen entführt und mussten für die Freilassung Lösegeld bezahlen", sagt er.
Mehrfach befand sich der Erzbischof auf Reisen in den USA. Dort, wo die Fäden der Macht zusammenliefen. Von hochrangigen politischen Vertretern wisse Gregorios, dass Regime, Partei und Militär Syriens bestehen bleiben soll. Als Garant für Stabilität und Ordnung. Nur Präsident Assad und sein Familie müssten gehen. Die ägyptische Lösung: Der Präsident geht, das Militär regiert und alte Machtstrukturen bleiben bestehen.

Gewalt gegen protestierende Studenten

Über "Provokateure" kann ein Deutscher, der seit vielen Jahren in Aleppo lebt, nur müde lächeln. "Ich konnte es genau beobachten", erzählt der Mann. "Mit brutaler Gewalt hat das Regime die protestierenden Studenten der örtlichen Universität zusammengetreten und geschlagen. Natürlich auch auf sie geschossen." Damals habe es mindestens sieben Tote unter den Studenten gegeben.
"An anderen Universitäten ist es zu ähnlichen Vorfälle zu Semesterschluss gekommen", sagt der Mann. Die meisten Menschen in Syrien hatten am Anfang gehofft, es könnte besser werden, meint der Deutsche weiter. Aus Sicherheitsgründen kann man seinen Namen nicht nennen. "Aber nun, angesichts des schrecklichen Bürgerkriegs, wären viele froh, die Proteste hätten nie angefangen."
Im Militärhauptquartier von Aleppo zieht der diensthabende General, der ebenfalls ungenannt bleiben will, einen türkischen Ausweis aus der Brusttasche seiner Uniform. Der Name auf dem Ausweis lautet Metin Ekinici, geboren am 1. Juli 1974. Nachweislich ein militanter Islamist. Sein Bruder gehörte zu al-Qaida. Ekinici war Anfang August in Aleppo getötet worden, wie der General bestätigt. Ekinicis Ausweis und seine Beerdigung hatte bereits das syrische Staatsfernsehen gezeigt.
"Die Terroristen sind extreme Islamisten und Kriminelle", fügt der General an. Neben ihm auf einer goldfarbenen Plüschcouch liegen ein Funkgerät, ein iPad und Google Earth-Aufnahmen von Aleppo, auf denen Stadtviertel mit rotem Filzstift markiert sind. Vor ihm auf einem Glastisch frische Pfirsiche und Weintrauben.
Das Kommandozentrum ist etwas versteckt in einem Hinterhof in einer Privatwohnung untergebracht. "Der Besitzer hat sie uns zur Verfügung gestellt, nachdem wir das Viertel vor drei Tagen von den Terroristen befreiten." Der General wirkt sichtlich abgespannt. Krieg macht müde.

General streitet Gewalt gegen Zivilisten ab

Von Vorwürfen, dass die syrische Armee keine Rücksicht auf Zivilisten nimmt, will er nichts hören. Den kürzlich veröffentlichen Report der Vereinten Nationen, der Syrien beschuldigt, die Zivilbevölkerung rücksichtslos zu bombardieren, hält er für falsch. "Im Gegenteil, wir achten auf das Leben der Zivilisten, sonst wäre die ganze Operation in Aleppo schon längst zu Ende." Die Armee würde nur einen Bruchteil ihres wahren Potenzials einsetzten, um Blutvergießen zu vermeiden.
Nach militärischen Gesichtspunkten sicherlich richtig. Nur zehn MIG-Kampfflugzeuge, von denen Syrien mehrere Hundert haben dürfte, sind am Flughafen von Aleppo zu sehen. Von den Tausenden von Raketen in den Arsenalen wurde noch nichts verwendet. Trotzdem: Die Bilanz von über 25.000 Toten spricht Bände.
Erneut knallen in unmittelbarer Nähe des Hauptquartiers Schüsse. "Sie schießen mit einer M16 auf uns", meint der General scheinbar ungerührt und fügt an: "Das Gewehr stammt aus den USA." Die Feinde Syriens sind hier leicht ausgemacht.
Auch für die Soldaten, die das Hauptquartier bewachen. Sie kommen aus den Städten Tartous, Lattakia und Homs. Freundliche junge Männer, die untereinander scherzen und offensichtlich guten Mutes sind. Man trinkt Tee und raucht eine Zigarette nach der anderen. "Viele meiner Kameraden sind von der sogenannten Freien Armee getötet worden", sagt einer der Soldaten mit Helm und schusssicherer Weste.

Grausame Geschichten

"Die Terroristen kennen kein Erbarmen. Man kennt das doch, wie sie Köpfe abschneiden." Er meint damit die grausamen Tötungsvideos, die im Internet kursieren und radikal-islamistische FSA-Kämpfer zeigen, die unter "Gott ist groß"-Rufen Anhänger des syrischen Regimes enthaupten.
"Da ist keine freie Armee, sondern eine der Eselchen", ruft einer der Soldaten dazwischen und alle lachen. Kameraden, die zu den Rebellen übergelaufen sind, bezeichnet man als "Verräter und Feiglinge". "Ich habe meine Familie über ein Jahr nicht gesehen", meint ein rauchender Soldat mit Schutzweste und Helm. "Aber ich mache das gerne für unser Land und unsere Freiheit. Wir wollen keine Islamisten in Syrien."
In Aleppo sind 24 Stunden lang die Explosionen von Panzergranaten zu hören. Nachts sieht man die Leuchtspuren der Scharfschützen, die von hohen Gebäuden irgendwo ins Häusermeer hineinfeuern. Maschinengewehrfeuer ist allgegenwärtig.
Wer gedacht hatte, der Fall von Präsident Assad und seinem Regimes sei durch den Bürgerkrieg nur eine Frage der Zeit, wird eines Besseren belehrt. Militär- und Sicherheitsapparat scheinen noch bestens zu funktionieren. An Hunderten von Straßensperren erledigen Soldaten ihren Dienst. Leicht könnten sie desertieren. Stattdessen kontrollieren sie beflissen die passierenden Wagen und die Personalausweise ihrer Insassen.
Manches Mal wird dabei vorsichtshalber die Kalaschnikow durchgeladen. An jeder Busstation, auf allen öffentlichen Plätzen oder selbst im Büro der syrischen Fluggesellschaft sind Sicherheitsleute in zivil postiert, die für das "Rechte" sorgen. Das Feindbild der "islamistischen Terroristen und Kriminellen", die den Krieg ins Land gebracht haben, treibt an.

Vertreibung, Entführungen und Misshandlungen

Die Flüchtlinge aus dem von den Rebellen besetzten Teil Aleppos berichten von Vertreibung, Kidnapping, Misshandlungen, von ihren Häusern, die abgebrannt und ihren Autos, die gestohlen wurden. "Hier mein Junge, der von einem Scharfschützen der FSA angeschossen wurde", ruft ein Vater erzürnt im Gang einer zum Flüchtlingslager umfunktionierten Schule. Der Junge trägt nach einer Operation einen Gips am Fuß und Metallgestänge im Knochen.
"Uns haben sie aus dem Haus geworfen, weil wir unseren Sohn nicht zum Kämpfen schicken wollten", meint eine ältere Frau. "An Checkpoints kontrollierten sie Handys nach verdächtigen Fotos und Nachrichten", erzählt ein junger Mann. "Wenn sie etwas finden, wird man geschlagen, manche sogar erschossen." Erzählungen, die sich ins kollektive Gedächtnis einprägen.
Laut Auskunft des Leiters der Schule sollen sich insgesamt etwa eine Million Flüchtlinge aus dem anderen, von Rebellen besetzten Teil der Stadt und Region Aleppo, unter dem Schutz der syrischen Armee befinden.
In Salaheddine, dem ersten hart umkämpften Stadtteil der Industriemetropole, herrscht Totenstille. Zu sehen sind verwüstete Straßenzüge, in denen ganze Häuser eingestürzt sind. Nach der "Befreiung" durch Elitetruppen patrouillieren hier einfache Soldaten der syrischen Armee. "Hin und wieder gibt es Probleme mit Scharfschützen", meint der diensthabende Offizier. "Er schießt sein Magazin leer und verschwindet wieder." Schmunzelnd fügt er an: "Er will uns einfach ärgern."
Nur sehr wenige Familien leben noch hier. "Die Armee hat wieder Elektrizität und Wasser angeschlossen", erklärt ein Familienvater, während seine beiden Kinder lachend auf den Schultern von Soldaten reiten. Die Mutter sagt: "Während der Kämpfe haben wir uns in unserer Wohnung verbarrikadiert und gewartet bis alles zu Ende ist."

Botschaften der Rebellen an den Wänden

Nach der Vertreibung der FSA aus Salaheddine ist sie in den angrenzenden Stadtteil Seif El Dauwla geflüchtet. An den Wänden und Geschäftsmarkisen zweier völlig zerstörten Einkaufszentren, die als Basis der Rebellen dienten, kann man noch ihre Botschaften lesen. "Ja, zur Herrschaft des Korans" oder "Islam Erwachen". Nachrichten zweier islamistischer Gruppen: "Eure Brüder der Al-Nusra-Front" und "Faschir al-Islam."
Eine wahrlich geisterhafte Totenstille herrscht auch hier inmitten der unbeschreiblichen Verwüstung. Völlig zerschossene Glasfassaden, ausgebrannte Wohnungen sind zu sehen, Decken und ganze Stockwerke, die weggebrochen sind. "Alles von Terroristen gereinigt", heißt es von Seiten der Armee. Aber weit gehen, kann man in diesem zum militärischen Sperrbezirk erklärten Stadtteil nicht. Der Schuss eines Scharfschützen macht klar, warum.
Unmittelbar nach dem Abheben zieht der Flugkapitän die Maschine scharf nach links oben in den Himmel. Schwer wiegt das Flugzeug in der Kurve. "Nein, nein, da wollen wir nicht hin", meint der Pilot lachend und deutet erneut auf das Ende der Landbahn. Dort ist das Grün von Olivenhainen zu erkennen, in denen Stellungen der Rebellen verborgen sind. Als die Maschine nach Damaskus endlich Flughöhe erreicht hat, zündet sich der Kapitän zufrieden eine Zigarette an. "Diese dummen Idioten würden sogar auf eine Passagiermaschine schießen", sagt er dann. "Dabei haben sie schon das ganze Land ruiniert."