Samstag, 29. Juni 2013

Entscheidungsschlacht im industriellen Herz Syriens

Wer Syriens Industriemetropole Aleppo verliert, kann nicht mehr gewinnen. Dort stellen sich die Rebellen jetzt der Offensive des Regimes. Der Showdown im erbitterten Stellvertreterkrieg.  
Von meinem Welt-Kollegen



Man sieht diesen Männern einer Widerstandsgruppe an, dass sie nicht ihr ganzes Leben mit selbst fabrizierten Waffen zu tun hatten. Immer wieder kommt es dabei auch zu Unfällen
Foto: VICTOR BREINER Man sieht diesen Männern einer Widerstandsgruppe an, dass sie nicht ihr ganzes Leben mit selbst fabrizierten Waffen zu tun hatten. Immer wieder kommt es dabei auch zu Unfällen 

"Die Rakete sitzt", sagt Abu Hamsa. "Alle in Deckung". Der Frontkommandant brennt die Zündschnur an. "Allahu akbar", Gott ist groß, rufen die etwa 30 Kämpfer des letzten Außenpostens auf einem Hügel von Kafr Hamra, eine gute Autostunde von Aleppo entfernt.
Dann explodiert das kleine Sprengstoffsäckchen im Rohr der Rakete mit ohrenbetäubendem Lärm. Aber statt die tödliche Fracht in Richtung der syrische Armee zu schleudern, die keinen Kilometer entfernt im Tal steht, wird die Rakete in zwei Teile gerissen. Wohin der Sprengsatz geflogen ist, weiß niemand.
"Das macht nichts", sagt einer der Rebellen, und die umstehenden Kameraden lachen. "Wir wissen sowieso nie genau, wohin unsere Raketen fliegen." Die Kämpfer der Brigade der Freien Männer Syriens (Ahrar Syria) sind bei guter Laune, obwohl sie an der derzeit wichtigsten Front in der Region Aleppo stehen und täglich beschossen werden. In den Häusern der unfertigen Neubausiedlung klaffen große Löcher vom Mörserbeschuss. Hier steht noch der ausgebrannte Wagen mit dem Duschka-Maschinengewehr an der Straße, der am Vortag einen Volltreffer abbekommen hat.

Außenposten soll Vorstoß verhindern


Ein Junge in einer der vielen improvisierten Bombenwerkstätten der Rebellen
Foto: VICTOR BREINER Ein Junge in einer der vielen improvisierten Bombenwerkstätten der Rebellen 
 
Die Männer des Außenpostens sollen einen weiteren Vorstoß der syrischen Armee und der mit ihr verbündeten schiitischen Hisbollah-Miliz verhindern, die in den vergangenen Wochen große Geländegewinne erzielt haben. "Sie wollen eine Verbindung von ihrem Teil Aleppos zu den beiden schiitischen Städten Nobul und Zaraa herstellen, die von uns eingekreist sind", erklärt Abu Hadschel im Hauptquartier.
Er ist ehemaliger Leutnant der syrischen Armee und einer der beiden Führer der Freien Männer Syriens, die für die vorderste Frontlinie verantwortlich sind. "Sie wollen eine Nachschubroute einrichten, die über diese Städte bis zum Flughafen Mennag reicht." Die Militärbasis liegt etwa 20 Kilometer von Nobul und Zahraa entfernt und wird von den Rebellen seit 10 Monaten belagert.
Die syrische Luftwaffe fliegt dort täglich schwere Angriffe, um die Einnahme durch die Rebellen zu verhindern. Sollte es den Regierungstruppen tatsächlich gelingen, in den von den Rebellen kontrollierten Norden von Aleppo vorzudringen, wären diese von den Munitions- und Waffenlieferungen aus der Türkei abgeschnitten. Das wäre fatal für den Aufstand gegen Assad.

Das industrielle Herz des Landes

Denn Aleppo ist die größte Stadt Syriens, das industrielle Herz des Landes. Wer hier verliert, der kann nicht mehr gewinnen. "Wir sind bestens gerüstet und werden das zu verhindern wissen", sagt Leutnant Hadschel. Etwa 2500 seiner Männer sind in Kafr Hamra stationiert. Es gebe noch zahlreiche weitere Einheiten in gleicher Größe, die für den Ernstfall bereitstünden.
Internationale Medien hatten berichtet, die Freien Männer Syriens hätten neue Waffen aus Saudi-Arabien erhalten, nachdem die USA beschlossen hatten, die Rebellen militärisch zu unterstützen. Dazu gehörten russische Boden-Boden-Raketen des Typs Konkurs, mit denen man die syrischen T-72-Panzer ausschalten kann. "Wir haben keine dieser Konkurs-Raketen erhalten", versichert Abu Hadschel.
"Wir haben welche, aber die stammen aus den Lagern der syrischen Armee." Es gebe zwar neue Waffenlieferungen aus Saudi-Arabien, aber die seien verschwindend gering. Nur ausgewählte Rebellengruppen, die den Saudis ideologisch nahestehen, bekämen sie. "Die gehen direkt an Mohammed Ali von der Liwa Hafed Rasul und an Jamal Aruf von den Schuhada Syria." Hadschels Freie Männer Syriens hätten nur Munition vom oppositionellen Militärrat Aleppos erhalten. "Man sagte uns jedoch, schwere Waffen seien auch an uns unterwegs."

Saudi-Arabien und Katar liefern Waffen

Die neuen Lieferungen sollen aus Libyen stammen und von Transportmaschinen aus Katar in die Türkei eingeflogen worden sein. "In den letzten beiden Tagen", versicherte ein Kommandeur der Liwa Tawhid, "ist bereits etwas angekommen. Darunter sind Panzerabwehrraketen und Luftabwehrgeschütze vom Kaliber 14,5 Millimeter."
Die Liwa Tawhid ist mit 15.000 Mann die stärkste Kampftruppe Aleppos und dominiert den Militärrat der Rebellen in der Stadt. "Im Lauf der nächsten Tage sollen noch gepanzerte Fahrzeuge und Luftabwehrraketen kommen, und davon 250 Stück", fügt der Kommandeur zufrieden hinzu, der seinen Namen nicht genannt haben will. Gerade die Luftabwehrraketen sind von strategischer Bedeutung. Mit ihnen können Helikopter und sogar Kampfflugzeuge der syrischen Streitkräfte abgeschossen werden. Die Lufthoheit des Regimes wäre bedroht.
Die Golfstaaten Saudi-Arabien und Katar rüsten die syrischen Rebellen in Aleppo auf. Man will sichergehen, dass die erwartete Großoffensive der Regierungstruppen und der Elitekontingente der Hisbollah abgewehrt wird. In Kafr Hamra hat man vor der schiitischen Miliz aus dem Libanon wenig Respekt. "Bisher hat die Hisbollah nicht gezeigt, dass sie gute Kämpfer hat", sagt Hadschel abfällig grinsend.

Alle möglichen Dialekte über Funk

"Das sind keine Elitesoldaten. Die haben Angst." Er schaltet das Funkgerät ein. Nach einer Weile hört man libanesischen Dialekt. Wie viele Hisbollah-Kämpfer sich in den umzingelten Schiitenstädten befinden, ist unbekannt. Mehr als 70.000 Menschen leben in Nobul und Zahraa und werden Tag für Tag ausschließlich aus der Luft mit Lebensmitteln versorgt.
"Aber dort kämpft nicht nur die Hisbollah", erklärt der Liwa-Führer. "Wir hören über Funk irakischen und jemenitischen Dialekt der schiitischen Huthi." Und nicht zu vergessen seien die Iraner. Zum Beweis legt er einen iranischen Ausweis auf den Tisch, der auf den Namen Hadsch Ibrahim ausgestellt ist. "Den haben wir ganz in der Nähe von hier in einer syrischen Militäranlage gefunden, nachdem die Soldaten dort Hals über Kopf davongelaufen waren."
Über Aleppo fliegen jeden Tag frühmorgens Hubschrauber. Selten sind Kampfflugzeuge zu hören. Angriffe beschränken sich auf die Front, und es sind weniger als noch vor einigen Wochen. "Regimetruppen versuchen mal hie und da vorzustoßen", sagt Abdel Dschabar Akeidi, der Chef des oppositionellen Militärrats von Aleppo. "Die groß angekündigte Offensive hält sich noch in Grenzen."

"Alle Gruppen an einem Strang"

Der ehemalige Oberst der syrischen Armee ist aber überzeugt: "Es wird etwas kommen." Akeidi hat gerade 15 Kommandeure empfangen, um die Lage zu besprechen. Vertreter von den radikal-islamischen Gruppen Ahrar al-Scham oder vom Al-Qaida-Ableger Dschabhat al-Nusra waren nicht gekommen. "Ich kann ihnen aber versichern", sagt Akeidi, "alle, aber auch alle Gruppen ziehen jetzt an einem Strang."
Das ist auch notwendig, sollte die seit Wochen vorbereitete Offensive auf den von den Rebellen kontrollierten Teil Aleppos beginnen. Es wäre die Entscheidungsschlacht um die Stadt und sicherlich auch um den Sieg im syrischen Bürgerkrieg.
An einem geheimen Ort, etwas außerhalb Aleppos in einer verlassenen Gegend, befindet sich die Bombenwerkstatt der Liwa-al-Madschid-Miliz. Hier wird auf Hochtouren gearbeitet, um Handgranaten und Mörser herzustellen. "Jeder, der die Unkosten bezahlt, wird von uns beliefert", erläutert Abu Ali, der Anführer.
Er ist einer der wenigen Rebellenkommandanten, der die Exekution von gefangenen Regimesoldaten verboten hat. Er lehnt auch die radikalen Islamisten ab und kritisiert die neue Religionspolizei, die in Aleppo ihr Unwesen treibt. "Ich bin nicht grundsätzlich gegen sie, aber sie erniedrigen die Menschen und zwingen ihnen Dinge auf, die sie nicht wollen."

Stolz auf die Bombenwerkstätten

In seiner Werkstatt zeigt Abu Ali das neueste Produkt, das unter der Leitung seines Chefingenieurs Abbas gefertigt wurde. "Bisher hatten wir Mörser mit 1,3-Kilogramm-Sprengsätzen, aber jetzt rüsten wir auf sechs Kilogramm auf." Abu Ali hebt eines der schweren, runden Metallteile mit zufriedener Miene in die Höhe.
In einem anderen Gebäude werden die Sprengsätze gefertigt. Auf einer Plane am Boden liegt ein grünbrauner, grobkörniger Pulverhaufen. "Eine Mischung aus TNT und C4", erklärt Abu Ali. Im hinteren Teil des Hauses sitzen zwei junge Kerle und füllen eine helle Paste in kleine, weiße Tüten, die als Treibsatz der Mörser dienen. "Rauchen dürfen wir hier nicht", sagt Abu Ali schmunzelnd und befiehlt, Tee zu kochen.
Der 40-Jährige ist sichtlich stolz auf seine beiden Werkstätten, in denen er in den vergangenen drei Monaten Hunderte Mörser und Tausende Handgranaten fabriziert hat. Nach Tee und Zigaretten geht es auf eine Rundfahrt entlang der Front in Aleppo. In jeder Seitenstraße an der Grenze zum Midan-Viertel sind Brigaden untergebracht. Auf den Dächern liegen Scharfschützen und Wachposten, um jede Bewegung der Regierungstruppen rechtzeitig zu erkennen.
In einigen Straßen hängen Tücher quer über die Fahrbahn, um gegnerischen Scharfschützen die Sicht zu rauben. In einer ehemaligen Mercedes-Werkstatt liegen selbst gebastelte 50-Kilogramm-Bomben. "Damit bringt man ein ganzes Haus zum einstürzen", erklärt Abu Ali. "Sie sollen nur kommen, wir sind gerüstet."

 Der Showdown im erbitterten Stellvertreterkrieg. Von

Man sieht diesen Männern einer Widerstandsgruppe an, dass sie nicht ihr ganzes Leben mit selbst fabrizierten Waffen zu tun hatten. Immer wieder kommt es dabei auch zu Unfällen
Foto: VICTOR BREINER Man sieht diesen Männern einer Widerstandsgruppe an, dass sie nicht ihr ganzes Leben mit selbst fabrizierten Waffen zu tun hatten. Immer wieder kommt es dabei auch zu Unfällen 

"Die Rakete sitzt", sagt Abu Hamsa. "Alle in Deckung". Der Frontkommandant brennt die Zündschnur an. "Allahu akbar", Gott ist groß, rufen die etwa 30 Kämpfer des letzten Außenpostens auf einem Hügel von Kafr Hamra, eine gute Autostunde von Aleppo entfernt.
Dann explodiert das kleine Sprengstoffsäckchen im Rohr der Rakete mit ohrenbetäubendem Lärm. Aber statt die tödliche Fracht in Richtung der syrische Armee zu schleudern, die keinen Kilometer entfernt im Tal steht, wird die Rakete in zwei Teile gerissen. Wohin der Sprengsatz geflogen ist, weiß niemand.
"Das macht nichts", sagt einer der Rebellen, und die umstehenden Kameraden lachen. "Wir wissen sowieso nie genau, wohin unsere Raketen fliegen." Die Kämpfer der Brigade der Freien Männer Syriens (Ahrar Syria) sind bei guter Laune, obwohl sie an der derzeit wichtigsten Front in der Region Aleppo stehen und täglich beschossen werden. In den Häusern der unfertigen Neubausiedlung klaffen große Löcher vom Mörserbeschuss. Hier steht noch der ausgebrannte Wagen mit dem Duschka-Maschinengewehr an der Straße, der am Vortag einen Volltreffer abbekommen hat.

Außenposten soll Vorstoß verhindern


Ein Junge in einer der vielen improvisierten Bombenwerkstätten der Rebellen
Foto: VICTOR BREINER Ein Junge in einer der vielen improvisierten Bombenwerkstätten der Rebellen
Die Männer des Außenpostens sollen einen weiteren Vorstoß der syrischen Armee und der mit ihr verbündeten schiitischen Hisbollah-Miliz verhindern, die in den vergangenen Wochen große Geländegewinne erzielt haben. "Sie wollen eine Verbindung von ihrem Teil Aleppos zu den beiden schiitischen Städten Nobul und Zaraa herstellen, die von uns eingekreist sind", erklärt Abu Hadschel im Hauptquartier.
Er ist ehemaliger Leutnant der syrischen Armee und einer der beiden Führer der Freien Männer Syriens, die für die vorderste Frontlinie verantwortlich sind. "Sie wollen eine Nachschubroute einrichten, die über diese Städte bis zum Flughafen Mennag reicht." Die Militärbasis liegt etwa 20 Kilometer von Nobul und Zahraa entfernt und wird von den Rebellen seit 10 Monaten belagert.
Die syrische Luftwaffe fliegt dort täglich schwere Angriffe, um die Einnahme durch die Rebellen zu verhindern. Sollte es den Regierungstruppen tatsächlich gelingen, in den von den Rebellen kontrollierten Norden von Aleppo vorzudringen, wären diese von den Munitions- und Waffenlieferungen aus der Türkei abgeschnitten. Das wäre fatal für den Aufstand gegen Assad.

Das industrielle Herz des Landes

Denn Aleppo ist die größte Stadt Syriens, das industrielle Herz des Landes. Wer hier verliert, der kann nicht mehr gewinnen. "Wir sind bestens gerüstet und werden das zu verhindern wissen", sagt Leutnant Hadschel. Etwa 2500 seiner Männer sind in Kafr Hamra stationiert. Es gebe noch zahlreiche weitere Einheiten in gleicher Größe, die für den Ernstfall bereitstünden.
Internationale Medien hatten berichtet, die Freien Männer Syriens hätten neue Waffen aus Saudi-Arabien erhalten, nachdem die USA beschlossen hatten, die Rebellen militärisch zu unterstützen. Dazu gehörten russische Boden-Boden-Raketen des Typs Konkurs, mit denen man die syrischen T-72-Panzer ausschalten kann. "Wir haben keine dieser Konkurs-Raketen erhalten", versichert Abu Hadschel.
"Wir haben welche, aber die stammen aus den Lagern der syrischen Armee." Es gebe zwar neue Waffenlieferungen aus Saudi-Arabien, aber die seien verschwindend gering. Nur ausgewählte Rebellengruppen, die den Saudis ideologisch nahestehen, bekämen sie. "Die gehen direkt an Mohammed Ali von der Liwa Hafed Rasul und an Jamal Aruf von den Schuhada Syria." Hadschels Freie Männer Syriens hätten nur Munition vom oppositionellen Militärrat Aleppos erhalten. "Man sagte uns jedoch, schwere Waffen seien auch an uns unterwegs."

Saudi-Arabien und Katar liefern Waffen

Die neuen Lieferungen sollen aus Libyen stammen und von Transportmaschinen aus Katar in die Türkei eingeflogen worden sein. "In den letzten beiden Tagen", versicherte ein Kommandeur der Liwa Tawhid, "ist bereits etwas angekommen. Darunter sind Panzerabwehrraketen und Luftabwehrgeschütze vom Kaliber 14,5 Millimeter."
Die Liwa Tawhid ist mit 15.000 Mann die stärkste Kampftruppe Aleppos und dominiert den Militärrat der Rebellen in der Stadt. "Im Lauf der nächsten Tage sollen noch gepanzerte Fahrzeuge und Luftabwehrraketen kommen, und davon 250 Stück", fügt der Kommandeur zufrieden hinzu, der seinen Namen nicht genannt haben will. Gerade die Luftabwehrraketen sind von strategischer Bedeutung. Mit ihnen können Helikopter und sogar Kampfflugzeuge der syrischen Streitkräfte abgeschossen werden. Die Lufthoheit des Regimes wäre bedroht.
Die Golfstaaten Saudi-Arabien und Katar rüsten die syrischen Rebellen in Aleppo auf. Man will sichergehen, dass die erwartete Großoffensive der Regierungstruppen und der Elitekontingente der Hisbollah abgewehrt wird. In Kafr Hamra hat man vor der schiitischen Miliz aus dem Libanon wenig Respekt. "Bisher hat die Hisbollah nicht gezeigt, dass sie gute Kämpfer hat", sagt Hadschel abfällig grinsend.

Alle möglichen Dialekte über Funk

"Das sind keine Elitesoldaten. Die haben Angst." Er schaltet das Funkgerät ein. Nach einer Weile hört man libanesischen Dialekt. Wie viele Hisbollah-Kämpfer sich in den umzingelten Schiitenstädten befinden, ist unbekannt. Mehr als 70.000 Menschen leben in Nobul und Zahraa und werden Tag für Tag ausschließlich aus der Luft mit Lebensmitteln versorgt.
"Aber dort kämpft nicht nur die Hisbollah", erklärt der Liwa-Führer. "Wir hören über Funk irakischen und jemenitischen Dialekt der schiitischen Huthi." Und nicht zu vergessen seien die Iraner. Zum Beweis legt er einen iranischen Ausweis auf den Tisch, der auf den Namen Hadsch Ibrahim ausgestellt ist. "Den haben wir ganz in der Nähe von hier in einer syrischen Militäranlage gefunden, nachdem die Soldaten dort Hals über Kopf davongelaufen waren."
Über Aleppo fliegen jeden Tag frühmorgens Hubschrauber. Selten sind Kampfflugzeuge zu hören. Angriffe beschränken sich auf die Front, und es sind weniger als noch vor einigen Wochen. "Regimetruppen versuchen mal hie und da vorzustoßen", sagt Abdel Dschabar Akeidi, der Chef des oppositionellen Militärrats von Aleppo. "Die groß angekündigte Offensive hält sich noch in Grenzen."

"Alle Gruppen an einem Strang"

Der ehemalige Oberst der syrischen Armee ist aber überzeugt: "Es wird etwas kommen." Akeidi hat gerade 15 Kommandeure empfangen, um die Lage zu besprechen. Vertreter von den radikal-islamischen Gruppen Ahrar al-Scham oder vom Al-Qaida-Ableger Dschabhat al-Nusra waren nicht gekommen. "Ich kann ihnen aber versichern", sagt Akeidi, "alle, aber auch alle Gruppen ziehen jetzt an einem Strang."
Das ist auch notwendig, sollte die seit Wochen vorbereitete Offensive auf den von den Rebellen kontrollierten Teil Aleppos beginnen. Es wäre die Entscheidungsschlacht um die Stadt und sicherlich auch um den Sieg im syrischen Bürgerkrieg.
An einem geheimen Ort, etwas außerhalb Aleppos in einer verlassenen Gegend, befindet sich die Bombenwerkstatt der Liwa-al-Madschid-Miliz. Hier wird auf Hochtouren gearbeitet, um Handgranaten und Mörser herzustellen. "Jeder, der die Unkosten bezahlt, wird von uns beliefert", erläutert Abu Ali, der Anführer.
Er ist einer der wenigen Rebellenkommandanten, der die Exekution von gefangenen Regimesoldaten verboten hat. Er lehnt auch die radikalen Islamisten ab und kritisiert die neue Religionspolizei, die in Aleppo ihr Unwesen treibt. "Ich bin nicht grundsätzlich gegen sie, aber sie erniedrigen die Menschen und zwingen ihnen Dinge auf, die sie nicht wollen."

Stolz auf die Bombenwerkstätten

In seiner Werkstatt zeigt Abu Ali das neueste Produkt, das unter der Leitung seines Chefingenieurs Abbas gefertigt wurde. "Bisher hatten wir Mörser mit 1,3-Kilogramm-Sprengsätzen, aber jetzt rüsten wir auf sechs Kilogramm auf." Abu Ali hebt eines der schweren, runden Metallteile mit zufriedener Miene in die Höhe.
In einem anderen Gebäude werden die Sprengsätze gefertigt. Auf einer Plane am Boden liegt ein grünbrauner, grobkörniger Pulverhaufen. "Eine Mischung aus TNT und C4", erklärt Abu Ali. Im hinteren Teil des Hauses sitzen zwei junge Kerle und füllen eine helle Paste in kleine, weiße Tüten, die als Treibsatz der Mörser dienen. "Rauchen dürfen wir hier nicht", sagt Abu Ali schmunzelnd und befiehlt, Tee zu kochen.
Der 40-Jährige ist sichtlich stolz auf seine beiden Werkstätten, in denen er in den vergangenen drei Monaten Hunderte Mörser und Tausende Handgranaten fabriziert hat. Nach Tee und Zigaretten geht es auf eine Rundfahrt entlang der Front in Aleppo. In jeder Seitenstraße an der Grenze zum Midan-Viertel sind Brigaden untergebracht. Auf den Dächern liegen Scharfschützen und Wachposten, um jede Bewegung der Regierungstruppen rechtzeitig zu erkennen.
In einigen Straßen hängen Tücher quer über die Fahrbahn, um gegnerischen Scharfschützen die Sicht zu rauben. In einer ehemaligen Mercedes-Werkstatt liegen selbst gebastelte 50-Kilogramm-Bomben. "Damit bringt man ein ganzes Haus zum einstürzen", erklärt Abu Ali. "Sie sollen nur kommen, wir sind gerüstet."
Heftige Kämpfe um Militärflughafen in Aleppo

"Sie kämpfen gegen uns, weil wir Sunniten sind"

Von Alfred Hackensberger aus Beirut

Kurz ist das Rauschen von Hubschrauberrotoren zu hören. Dann folgt das Donnern vom Einschlag mehrerer Raketen. Es ist der erste Angriff auf das Stadtzentrum von Arsal, einem Ort im Nordlibanon, der nur zehn Kilometer von der syrischen Grenze entfernt liegt. Wie durch ein Wunder wird niemand verletzt. "Gott hat uns beigestanden", sagt Hamza, dessen Haus von einer Rakete knapp verfehlt wurde. Der 39-Jährige ist Leiter einer islamischen Hilfsorganisation, die sich um die Versorgung syrischer Flüchtlinge kümmert. Gleichzeitig schmuggelt Hamza Waffen sowie Kämpfer nach Syrien und bringt von dort Verwundete nach Arsal. Der Krieg im Nachbarland ist längst auf den Libanon übergesprungen. Mit dem Engagement der schiitischen Hisbollah aus dem Libanon aufseiten der syrischen Armee haben sich die Konfliktlinien auch hier verschärft.

In der Grenzstadt Arsal sind fast alle der 35.000 Einwohner Sunniten und unterstützen, wie die meisten ihrer libanesischen Glaubensbrüder, den Kampf der syrischen Opposition gegen das Regime von Baschar al-Assad. 27.000 Flüchtlinge leben mittlerweile in Arsal in Notunterkünften. Die syrischen Rebellen benutzen den Ort als Rückzugsbasis. Nach dem Fall von Kusair, das nur 35 Kilometer entfernt auf der anderen Seite der Grenze liegt, sollen sich rund 1000 Kämpfer in Arsal aufhalten.
"Wir mussten uns dem Druck beugen", erinnert sich Ali Hadsch an die Kämpfe um Kusair. Der 27-Jährige gehört zur Habaschi-Brigade, die bis zuletzt dort ausharrte. "Wir wollten alle durch einen Wassertunnel verschwinden", sagt er. "Aber nur wenige haben es geschafft." Flugzeuge hätten den Fluchtweg bombardiert und zum Grab Hunderter Menschen gemacht. Besonders aufgebracht sind Hadsch und seine Brigadekameraden über die Beteiligung der schiitischen Hisbollah aus dem Libanon an der Eroberung von Kusair. "Sie kämpfen gegen uns, weil wir Sunniten sind", sagt er. Für Hadsch und die anderen ist der Einsatz der Miliz nichts anderes, als ein Angriff auf ihre Religion. In diesem Glauben werden sie von namhaften sunnitischen Scheichs im Libanon, aber auch aus anderen arabischen Ländern bestärkt.
Im Libanon bezeichnete Scheich Dia al-Islam Schaal, Gründer der nationalen salafistischen Bewegung, Hisbollah als einen "Haufen von Lügnern und Mördern von Frauen und Kindern". Er ist fest davon überzeugt, dass die schiitische Organisation einen Glaubenskrieg gegen die Sunniten plant. "Es ist eine Verschwörung gegen uns", meint er in seiner Wohnung in Tripolis. Die Stadt im Norden des Libanon ist ein Zentrum radikaler Islamisten. Seit über einem Jahr gibt es dort schwere Gefechte zwischen sunnitischen und alawitischen Stadtteilen. Die Alawiten sind eine schiitische Sekte des Islams, zu der auch Präsident Assad gehört.
"Wir wissen", meint Scheich Schaal, wie man sich gegen das "Projekt von Hisbollah wehren muss". Er gibt zu, dass man sich für einen bewaffneten Konflikt im Libanon gerüstet habe. "Aber wir wollen keinen Krieg mit den Schiiten. Nur wenn uns keine andere Wahl bleibt, sind wir bereit dazu." Zuerst habe man die Opposition in Syrien nur mit humanitärer Hilfe unterstützt, erklärt der Scheich. "Aber Hisbollahs Eintritt in den Kampf um Kusair hat alles verändert." Schaal will nicht weiter darauf eingehen, jedoch ist klar, Waffen werden an die Rebellen geliefert. "Muslime aus der ganzen Welt sollten in diesem Sommer Urlaub in Syrien machen und den Dschihad kämpfen", sagt der Scheich abschließend. Seinen 20-jährigen Sohn hatte er nach Kusair geschickt, um dort die Stadt gegen Hisbollah und die syrische Armee zu verteidigen. Mit ihm seien über 200 weitere Libanesen dort hingegangen, sagt Said.
Aus Rache für den Einsatz der Hisbollah an der Seite Assads beschießen Rebellen im Libanon schiitische Wohngebiete. "Seit der Einnahme von Kusair wurden wir mit 70 Raketen beschossen", sagt Hadsch Ghassan, ein Hisbollah-Funktionär, vor einem zerstörten Haus in Hermel. Er zeigt auf die Arid-Berge, die das Bekaa-Tal einrahmen. "Nicht aus Syrien, sondern von dort sollen die Raketen kommen", sagt er. Die Rebellen würden aus Arsal dort hinfahren und Raketen abfeuern.
Aber der Hisbollah-Mann wurde von seinem Generalsekretär eines Besseren belehrt. Die Raketen seien von syrischem Territorium abgeschossen worden, erklärte Hassan Nasrallah bei einer Rede am Freitagabend in Beirut. Nasrallah versuchte, die gespannte Lage im Libanon zu entschärfen, und ermahnte seine Anhänger, Ruhe zu bewahren. Eine Eskalation im Zedernstaat kann Hisbollah schlecht gebrauchen, während sie in Syrien eingebunden ist. "Wir kämpfen ganz gewiss keinen Glaubenskrieg gegen Sunniten", betonte Nasrallah. Doch auch nach dem Sieg in Kusair werde man weitermachen. Für Sunniten in aller Welt ist dies förmlich eine Aufforderung, zum Heiligen Krieg nach Syrien zu reisen.