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Wie die Finanzkrise dem Koran hilft

Der Ruf nach schariagerechtem Islamic Banking in der arabischen Welt wird durch den Kollaps der Märkte lauter

Ob Rocksänger Rod Stewart, Fußballstar David Beckham oder das Baywatch-Busenwunder Pamela Anderson - wer etwas auf sich hielt und die nötigen Millionen hatte, kaufte sich in Dubai ein luxuriöses Heim. Wie in keinem anderen Land prosperiert am persischen Golf der Baumarkt, den architektonischen Fantasien waren kaum Grenzen gesetzt. Mit der internationalen Finanzkrise ist es damit nun erst einmal vorbei. Mehr als die Hälfte aller Bauvorhaben (Gesamtwert: 582 Milliarden Dollar) sind in den Vereinigten Arabischen Emiraten eingefroren. Auch die Nachbarländer traf die Krise hart. Die Börse von Kuwait fiel um 57 Prozent im Vergleich zum Juni 2008. Insgesamt sollen Investoren aus der Golfregion rund 2,5 Billionen Dollar verloren haben, schätzt die Union der Arabischen Wirtschaftskammer.

Für Nasser Saidi vom Internationalen Finanzzentrum in Dubai ist dies die perfekte Gelegenheit, islamische Finanzmodelle anzuwenden. "Sie bieten eine bessere Haftung, mehr Transparenz und statt schnellem Profit such man nach langfristigen Finanzierungen." Der Chefökonom aus Dubai spricht vom "Islamic Banking", das auf der Scharia basiert.

Ein System, das damit arbeitende Banken vor großen Verlusten bewahrte: Kreditgeschäfte, Hypotheken, Optionen, Futures, Derivate - alles, was die Krise in den USA auslöste, ist im Islamic Banking verboten. "Wir sind nicht von Bonds und Aktien abhängig", erklärt Adnan Ahmed Jussef, Vorsitzender der Union Arabischer Banken. "Wir sind auch nicht, wie die meisten Banken, daran beteiligt, Schulden zu kaufen und zu verkaufen."

Schon Prophet Mohammed war Kaufmann, und Handeln ist für gläubige Muslime ein gottgefälliger Beruf. Nur Zinsen dürfen nicht erhoben werden. Zudem keine Beteiligung am Glücksspiel, Schweinefleisch, Alkohol, Tabak und Prostitution. Idealerweise basiert Islamic Banking auf dem gerechten Austausch, wie es in einem Ausspruch des Propheten heißt: "Gold für Gold, Silber für Silber, Weizen für Weizen, Gerste für Gerste, Datteln für Datteln, Salz für Salz, Gleiches für Gleiches, Hand zu Hand, in gleichen Teilen; jeder Zuwachs ist 'Riba' (Zins, Wucher)."

Ein Scharia-Expertenbeirat überwacht und prüft in der Bank, was verboten (haram) und was erlaubt (halal) ist. Dazu interpretiert er den Koran. Die fast 1400 Jahre alten Texte auf moderne Sachverhalte zu prüfen, ist für die islamischen Rechtsgelehrten nicht immer so einfach, die Interpretationen können immense Auswirkungen haben. 2008 brach der Markt der islamischen Anleihen um die Hälfte ein. Vor allem "wegen der Äußerungen des gelehrten Scheichs Taki Usmani, dass 85 Prozent aller Anleihen nicht schariakonform seien", erklärt Zaid el-Mogaddedi vom Institute for Islamic Banking in Frankfurt am Main.

Trotzdem, mit Islamic Banking hätte es die Hypothekenkrise in den USA nicht gegeben. Statt Geld zu verleihen, hätten die islamischen Banken das Haus ganz oder zu 80 Prozent gekauft. Der Kunde zahlt dann jeden Monat Raten bis zur vollkommenen Tilgung. Überschusszahlungen werden nicht als Zinsen, sondern als Kompensation für die Wertsteigerungen angesehen. "Ein anderer entscheidender Faktor der Krise war der Bankhandel mit nicht vorhandenem Vermögen", sagt Steven Amos von der Islamic Bank of Britain. "Die konventionellen Banken wussten oft nicht, was sie da kauften, ob es dafür ein reales Vermögen oder Einlagen gibt. Wir dagegen müssen zuerst die Einlagen besitzen, bevor wir Geschäfte machen können". Außerdem konnte und dürfte seine Bank kein Geld an andere Institute verleihen. Kredite in Milliardenhöhe, die nicht gedeckt waren, hatten Investmentbanken wie Lehman Brothers zu Fall gebracht.

In Großbritannien gibt es heute fünf islamische Banken und weitere 20 bekannte Großbanken, die islamische Abteilungen eröffnet haben, was bei einer jährlichen Wachstumsrate von 15 Prozent verständlich ist. In Deutschland spielt das islamische Bankwesen noch eine untergeordnete Rolle, obwohl es mit etwa 3,5 Millionen Muslimen ein enormes Potenzial gäbe, sagt Mogaddedi. "Aber das deutsche Rechts- und Finanzsystem ist für die Entwicklung eines islamischen Finanzwesens nicht ausgerichtet. Politiker sind sehr vorsichtig."

Das islamische Bankwesen ist im Vergleich zur westlichen Bankgeschichte relativ jung. 1963 und 1971 gab es in Ägypten Banken, die ohne Zinsen arbeiteten, sich aber nicht ausdrücklich als islamisch bezeichneten. 1974 wurde die Islamic Development Bank - heute 55 Mitgliedsländer - gegründet. Seit 1999 gibt es zwei islamische Marktindizes, vergleichbar dem deutschen Dax. In diese Indizes werden nur Firmen aufgenommen, die schariakonform arbeiten. Wer dies nicht tut - Zinsen erhebt oder in Schweinefleisch investiert - wird nicht aufgenommen oder gegebenenfalls ausgeschlossen.

Publiziert in der Welt am 5.04.09

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