Dienstag, 20. März 2012

Christen als Opfer der syrischen Rebellen

Die andere Seite der Gewalt: In der Protest-Hochburg Homs starben viele Christen. Sie waren Ziel der Aufständischen.

Mehr als zwei Dutzend Menschen sind am Samstag gestorben, als zwei Autobomben eine Polizeistation und ein Gebäude des syrischen Geheimdienstes zerstörten. Es ist der dritte solche Anschlag binnen drei Monaten. „Sie tragen alle Erkennungszeichen von al-Qaida", bestätigte James Clapper, Direktor des nationalen US-Geheimdienstes. Das hört die syrische Opposition gar nicht gern. Sie beschuldigt nämlich das Regime, die Autobombenanschläge inszeniert zu haben, um Regierungsgegner zu diskreditieren.

Dabei nimmt es die Opposition selbst nicht so genau mit der Wahrheit. „Der Großteil der Medien nimmt Partei für die Rebellen", sagt Patrick Sookhdeo. „Sie klagen ausnahmslos die syrische Regierung an und vergessen, kritische Fragen zu stellen." Sookhdeo arbeitet als Internationaler Direktor des Barnabas Funds, einer christlichen Hilfsorganisation, die sich weltweit um Christen kümmert, die diskriminiert und verfolgt werden.

"Bewaffnete zerstörten unser Waisenhaus"

Sookhdeo liest aus dem E-Mail eines Erzbischofs vor, dessen Namen er geheim halten muss: „Bewaffnete Männer zerstörten unser Waisenhaus, die Kirche und Gräber. 60 Häuser von Christen wurden in Homs total ausgeraubt und verwüstet." Der Erzbischof spreche hier von Rebellen, erläutert der Barnabas-Direktor. 200 Tote habe es in Homs unter den Christen gegeben. „Nur sehr wenige starben durch Granatenbeschuss der Armee."

Der überwiegende Teil ginge auf das Konto der Rebellen. „Ein Christ wurde umgebracht, weil er ein Auto mit Regierungsnummernschild fuhr. Eine Racheaktion." Die christliche Bevölkerung gilt als Unterstützer von Präsident Assad. „Wobei die offizielle Position der Kirche neutral ist", fügt Sookhdeo an.

Assad garantierte den Christen freie Religionsausübung und gab ihren Vertretern Ämter in Regierung und Verwaltung. „In Homs verschanzten sich Rebellen in christlichen Vierteln, da sie als sicher galten", sagt Sookhdeo. Die Christen seien als menschliche Schutzschilde benutzt worden. „Eine Flucht von Christen aus Homs haben die Rebellen verhindert." Von den insgesamt zwei Millionen syrischen Christen dürften mittlerweile einige Hunderttausende das Land verlassen haben.
Von Alfred Hackensberger. Die Presse (Wien)

Montag, 19. März 2012

Besuch in der letzten Bastion des Gaddafi-Clans

In den meisten libyschen Städten herrschen Chaos und Anarchie. Ausgerechnet in Bani Walid, dem bis zuletzt hart umkämpften Zufluchtsort von Diktatorensohn Saif Gaddafi, ist Ruhe eingekehrt.
Bani walid. Kreuz und quer durcheinander liegt ein Heer von Schuhen vor der Tür. Im Sitzungssaal scheint ein nicht minder großes Chaos zu herrschen. Schon von Weitem kann man auf dem Gang lautstarke Diskussionen hören, mit vielen aufgebrachten Stimmen, die einander ins Wort fallen. Hier im Tahar-Club von Bani Walid tagt der Rat der Ältesten, der die Interessen der rund 100.000 Einwohner der Stadt vertritt. 32 Vertreter von Familien und Clans der Warhalla, der mit knapp einer Million Mitgliedern der größte Stamm Libyens ist und sich normalerweise wie ein Flickenteppich zwischen den anderen 140 Stämmen über das ganze Land verstreut.

In Bani Walid ist er der einzig dominierende Stamm. „Unsere Stadt ist die Mutter aller Warhalla“, erklärt ein Mann mit einem breiten Lächeln. Einen Moment später verwehrt er jemandem gewaltsam den Zutritt zum Sitzungssaal und schreit ihn hysterisch an. In Bani Walid liegen die Nerven blank.


Kaum Flaggen des neuen Libyen

Die Stadt, 170 Kilometer südöstlich von Tripolis auf einem Hochplateau in der Wüste gelegen, hat turbulente Zeiten hinter sich. Bani Walid leistete, neben Sirte, der Heimatstadt von Ex-Diktator Muammar al-Gaddafi, bis zum Ende gegen die Revolution Widerstand leistete. Erst am 17. Oktober fiel Bani Walid. An diesem Tag flüchtete auch Saif al-Islam. Der Gaddafi-Sohn hatte sich in Bani Walid einen Monat lang versteckt.

„Ja er war hier bei uns“, sagt Omar Algasey, ein 36-jähriger Angestellter auf einer Aussichtsterrasse, von der man einen wunderbaren Panoramablick über das Tal von Bani Walid und die Berge hat. Auf dem Boden liegen leere Patronenhülsen verstreut. Das Dach des Stadthotels im Hintergrund ist unter einer Nato-Bombe kollabiert. „Schwere Gefechte“, meint Algasey, um sofort anzufügen: „Al-Islam war kein Soldat. Er konnte nur gut reden. Wenn es ums Kämpfen ging, hat man ihn nicht Ernst genommen.“ Aufgenommen habe man ihn nur, erklärt wenig später der Direktor des Polytechnikums, weil die Tradition dazu verpflichtete. „Wer an dein Haus klopft und Schutz sucht, dem muss man helfen“, sagt Mohammed Rassim.

In Bani Walid sind die Graffiti, die die Revolutionäre hinterließen, alle übermalt worden. Von der neuen libyschen Flagge sind gerade Mal vier oder fünf im ganzen Stadtgebiet zu sehen. Sirte, die Geburtsstadt Gaddafis und der Ort Tawergha, von dem aus die libysche Armee ihre Angriffe auf die belagerte Stadt Misrata lancierte, wurden von den Rebellen zerbombt, verbrannt und gnadenlos geplündert. Mit dem Ziel: Die Bevölkerung soll nicht mehr zurückkommen. Ein Schicksal, das Bani Walid erspart blieb. Aber einen Vorgeschmack der Politik der verbrannten Erde bekamen die Einwohner Bani Walids zu spüren. Im Zuge der Besetzung wurden Geschäfte ausgeräumt, 4000 Autos gestohlen, 300 Häuser geplündert und angefackelt, wobei man vorher Fußböden aufriss und Gärten umgrub, in denen man Geld- und Schmuckverstecke vermutete.


Rache am Warfallah-Stamm

Die zerstörten und ausgeraubten Gebäude scheinen gezielt ausgewählt worden zu sein. In Wohnvierteln sind es immer nur ein oder zwei große Anwesen oder Villen, die wohlhabenden Besitzern gehörten. Man hat offenbar eine Liste abgearbeitet, auf der mutmaßliche Führungsleute und Nutznießer des Gaddafi-Regimes standen.

„Warum nur mein Haus?“, klagt Saadi Weinis fast den Tränen nahe. Die Flammen ließen das Dach einstürzen und die Mauern stehen schief in ihren Fundamenten. „Warum nur?“, wiederholt der 67-Jährige mehrfach. „Mein Sohn war neun Jahre unter Gaddafi im Gefängnis.“

Die Geschichte Bani Walids zeigt die Tragik vom Leben unter einer Diktatur: Rebellion oder Anpassung? Die Warfallah haben beides gemacht. 1993 waren Offiziere der Stadt treibende Kraft hinter einem Putsch gegen Gaddafi, der jedoch scheiterte. Acht Militärs wurden vier Jahre später dafür hingerichtet. Andere, wie der Sohn Weinis, kamen hinter Gitter. Nach dem Coupversuch arrangierten sich die Warfallah mit dem Regime und bekamen für ihre Loyalität führende Posten in Armee und Sicherheitsdiensten. Und die Geschäfte der Unternehmer der Stadt liefen gut über Aufträge des Staats. Die Warfallah bekamen, was man ihnen vor 1993 verwehrt hatte.

Für dieses Arrangement mit dem Regime nahmen die Rebellen Rache. Nach der Eroberung wurde eine Miliz mit dem Namen „28. Mai Brigade“ als Sicherheitsdienst stationiert. Ihre Mitglieder kamen aus Benghasi, Derna und Tripolis, aber auch aus Bani Walid selbst.

Einer der Einheimischen davon ist Tarek, wie er sich nennt. Er kämpfte mit der Brigade seit Juni an verschiedenen Fronten in Libyen, hat sich aber mittlerweile von ihr distanziert. „Es gibt einige schlechte Leute darunter“, erzählt der stämmige junge Mann. „Sie haben auf Gebäude geschossen, Geschäfte geplündert und immer wieder vermeintliche Gaddafi-Loyalisten verhaftet.“ Man müsse eher von Kidnapping sprechen, fügt er hinzu, denn es habe keine Haftbefehle gegeben. Ende Jänner eskalierte die Situation. Eine Familie verlangte von der „28. Mai Brigade“ vergeblich die Herausgabe ihres „gekidnappten“ Sohns verlangt, der in der Zwischenzeit nach Misrata deportiert worden war. Die Familie, die Teil eines einflussreichen Unterclans der Warfallah ist, mobilisierte ihre Mitglieder. Mit 70 Mann wurde die Kaserne der Brigade angegriffen, die sich nach stundenlangem Gefecht aus der Stadt zurückziehen musste. Auf beiden Seiten starben vier Menschen. Der mit zwei Autowracks verbarrikadierte Kaserneneingang zeugt von den Kämpfen. „Es wurde keine einzige grüne Gaddafi-Flagge in Bani Walid gehisst, wie in den Medien berichtet wurde“, beteuert der Ex-Milizionär Tarek. „Ich habe für die Revolution gekämpft und muss es wissen.“

Nach dem Vorfall wurde Bani Walid eine Woche lang von der Außenwelt abgeschnitten: Telefon und Internet gekappt, keine Benzin- und Nahrungslieferungen, kein Bargeld mehr für die Banken.

„Ein totales Embargo“, sagt Mahadi Siedie, der Vorsitzende des Ältestenrats. Er sitzt an der Stirnseite des großen Versammlungssaals im Tahar Club. Reihum die Stammesältesten an die Wand gelehnt auf Polstern am Boden. Alle tragen die traditionelle „Scharda“, einen weißen, aus Schafwolle gewebten Umhang. „Und vor ein paar Tagen war alles wieder vorbei. Wie und warum, wissen wir nicht.“ Direkte Verhandlungen mit der Nationalen Übergangsregierung (NTC) gibt es nicht. „Wir sprechen nur mit Vertretern der Armee und der Polizei.“


Keine Waffen auf den Straßen

Im Anschluss gibt Siedie die Beschlüsse der Versammlung bekannt. Die Präsenz von Milizen wird verboten. Für Sicherheit sollen Polizei und Armee sorgen. Alle „gekidnappten Geiseln“ müssen entlassen werden. Zwischen 70 und 80 Gefangene sollen alleine nach Misrata gebracht worden sein. „Einige von ihnen sind gefoltert worden“, versichert der Ratsvorsitzende, der mit einer Delegation die Internierungslager besuchte. „Und nicht zu vergessen, wir wollen unser gestohlenes Eigentum zurück“, fügt er an, und die anderen Ältesten nicken. Ob die Forderungen angenommen werden, ist ungewiss. Der Rat aus Bani Walid wurde bisher nicht vom NTC anerkannt.

Im Gegensatz zu allen anderen Städten sind in Bani Walid keine Waffen auf den Straßen zu sehen, keine Checkpoints, an dem Milizionäre nach Lust und Laune Autos kontrollieren. Ausgerechnet die „Gaddafi-Stadt“ hat als erste geschafft, Ordnung und Sicherheit herzustellen. In Tripolis zielt man vom Balkon aus mit Pistolen auf Passanten, nimmt Kalaschnikows in Cafés und Restaurants mit. Menschen verschwinden, werden geschlagen und gefoltert.

In Bani Walid ist das mittlerweile undenkbar. „Es sei denn, die Milizen kommen wieder zurück“, meint Tarek, der ehemalige Rebell.
Alfred Hackensberger, Die Presse, Die Welt