Samstag, 22. Dezember 2012

Ein trockener Knall auf der "Allee der Scharfschützen"

In Aleppo kämpfen viele kurdische Rebellen gegen das Assad-Regime. Auch Deutsche finden sich unter den Aufständischen, das von der Bundeswehr benutzte G3-Gewehr ist beliebt. Eine Frontreportage. Von


Kurdische Gegner des Assad-Regimes: Mitglieder der Liwa Salaheddin in der nordsyrischen Rebellenhochburg Aleppo. Das Bild zeigt die Zerstörung, die der Bürgerkrieg im Viertel Karm al-Schebal hinterlassen hat
Foto: VICTOR BREINER Kurdische Gegner des Assad-Regimes: Mitglieder der Liwa Salaheddin in der nordsyrischen Rebellenhochburg Aleppo. Das Bild zeigt die Zerstörung, die der Bürgerkrieg im Viertel Karm al-Schebal hinterlassen hat

Dichte Wolken, Regen und nur fünf Grad Celsius. Aleppo zeigt sich grau, trostlos und kalt. Bewohner sitzen vor offenen Feuerstellen und improvisierten Öfen im Freien. Verbrannt wird, was nur irgendwie Wärme bringt. Das schlechte Wetter würde man unter normalen Umständen verdammen. Jetzt bedeutet es für den von der Freien Syrischen Armee (FSA) kontrollierten Teil von Aleppo eine Erleichterung.
Die tief hängende Wolkendecke über der Industriemetropole im Norden Syriens schränkt den Einsatz von Kampfflugzeugen und Hubschraubern des syrischen Regimes ein. "Jetzt ist einmal Ruhe mit den Luftangriffen", sagt Mahmoud, ein junger Englischlehrer aus Aleppo, und lacht zufrieden.
Geblieben ist jedoch das tiefe Dröhnen vom Abschuss von Mörsern und Panzergeschützen, das Tag und Nacht in der Stadt zu hören ist.

"Allee der Scharfschützen" markiert die Grenze

Abu Ahmed (18) und Abu Kahled (25) haben neues Holz geholt und legen es auf die Glut in einen großen Blechtopf. Sofort züngeln die Flammen, und die jungen Rebellen strecken ihre kalten Hände der Wärme entgegen. Die beiden gehören zur Wachmannschaft einer Stellung der FSA, die in einer kleinen Wohnstraße im Viertel Karm al-Schebal liegt. Gleich um die Ecke, direkt hinter der Häuserfront, liegt die "Allee der Scharfschützen".

Sie markiert die Grenzlinie zum Territorium der Regimetruppen von Präsident Baschar al-Assad, das unmittelbar dahinter beginnt. Auf beiden Seiten der Allee haben die Bewohner ihre Wohnungen längst verlassen. An den Wänden sind Einschläge von Kugeln zu sehen, die meisten Fensterscheiben sind zerschossen.
Nach einer Weile ertönt der trockene Knall eines Scharfschützen. Darauf folgt noch ein Schuss. In der kleinen Seitenstraße bei Abu Ahmed und Abu Khaled ist man jedoch sicher.

Kurden im Syrien-Krieg gespalten

Es dauert fast eine Stunde, bis ein Mitglied der Liwa Salaheddin kommt, der zum Kommandanten dieser Brigade führen soll. Diese rekrutiert sich ausschließlich aus Kurden. Die Kurden sind die größte ethnische Minderheit in der Region. Zwei Millionen von ihnen leben in Syrien, sie machen zehn Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Ihre Haltung zur syrischen Revolution ist gespalten.
Die Kurdische Demokratische Unionspartei (PYD) gilt als syrischer Ableger der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK), die in der Türkei seit mehr als drei Jahrzehnten für einen unabhängigen Staat kämpft. Die PYD will sich im syrischen Bürgerkrieg offiziell neutral verhalten. Man wirft ihr aber vor, Präsident Assad zu unterstützen.
In den letzten beiden Monaten war es zwischen FSA und den Milizen der PYD mehrfach zu bewaffneten Auseinandersetzungen gekommen. Der im Oktober 2011 gegründete Kurdische Nationalrat (KNC) dagegen macht keinen Hehl aus seiner Sympathie für die syrischen Revolutionäre.

Stadtviertel seit Monaten verlassen

Der Weg führt durch die vom Krieg völlig zerstörten und leeren Straßen von Karm al-Schebal. Dächer sind durch den Beschuss eingestürzt, Mauern eingerissen, ganze Fassaden fehlen, Trümmer, Möbel und Kleider liegen überall verstreut.
Die einzigen Menschen, die man hier noch antrifft: ein älteres Ehepaar, das im Schutt seiner Wohnung nach Habseligkeiten wühlt. Etwas weiter versuchen Vater und Sohn mit Schleifmaschine und Schweißgerät ihre Haustür zu reparieren, die aus den Angeln hängt. Der Soldat der Liwa Salaheddin führt in einen Hauseingang.
Danach geht es durch ein in die Wand geschlagenes Loch ins angrenzende Haus und von da ins nächste. Man marschiert durch fremde Wohnzimmer, mal mit barocken Plüschsofas, mal mit spartanischer Einrichtung.
Über Hinterhöfe, kleine Gärten, in denen noch die Wäsche an der Leine hängt. In Kühlschränken stehen Wasser und verfaultes Essen. Die Bewohner haben bereits vor Monaten das Stadtviertel verlassen.

Scharfschützen lauern Aufständischen auf

Es ist wie ein Marsch durch ein Labyrinth, in dem man sich nie allein zurechtfinden würde. Er ist notwendig, denn im Freien wäre man ein leichtes Ziel der Scharfschützen der syrischen Armee, deren Schüsse draußen immer wieder zu hören sind.
In einer Textilfabrik, die man durchquert, sind die Fadenspulen noch eingelegt. Die Maschine stammt von der deutschen Firma Groz Beckert aus Albstadt.
Noch einmal geht es über eine Leiter und einige Treppen, und man muss sich durch weitere kleine Wandlöcher zwängen, bis man den Posten der Liwa Salaheddin an der Frontlinie von Aleppo erreicht.

"Nach den Massakern konnte ich nicht anders"

Der Kommandeur, Bewar Mustafa, ist ein desertierter Hauptmann der Regimetruppen und war in einer Panzerschule in Homs stationiert. "Ich bin am 1. Mai dieses Jahres zu den Rebellen übergelaufen", sagt er mit sichtlichem Stolz.
Als Soldat war er ohne Telefon, Fernsehen und Internet völlig von der Außenwelt abgeschlossen. "Im Urlaub habe ich von meiner Familie von den schrecklichen Massakern in Hula und Chaldieh gehört. Da konnte ich nicht anders."
Etwa 2000 Revolutionäre folgen heute seinem Befehl. Mit der Gründung einer ausschließlich aus Kurden bestehenden Brigade wollte der 32-Jährige ein Zeichen setzen. Nach dem Fall Assads werde es ein freies, demokratisches Syrien geben, in dem es nicht mehr wichtig sei, zu welcher ethnischen Bevölkerungsgruppe man gehört.
"Die Kurden werden ihre Rechte bekommen wie alle anderen auch. Wir brauchen keinen unabhängigen Staat", meint Mustafa überzeugt.

Tödliche Gewalt zwischen FSA und PYD

Auf die PYD, die den Stadtteil Aschrafieh in Aleppo und zahlreiche Dörfer und Städte auf dem Land unter Kontrolle hält, ist Mustafa nicht gut zu sprechen. Sie duldet keine FSA-Präsenz in ihrem Hoheitsgebiet.
"PYD ist nur ein anderer Name für die PKK, die eine korrupte Mafia ist, Schutzgelder von ihren eigenen Leuten erpresst und wie ein Diktator herrscht." Am muslimischen Feiertag des Eid al-Adha war die FSA nach Aschrafieh eingedrungen. "Um militärisch wichtige Ziele zu zerstören", wie der Hauptmann bestimmend erklärt und dabei Tee servieren lässt.
Es kam sofort zu Schießereien mit der PYD. Seinen Angaben zufolge wurden 16 FSA-Rebellen und 30 Männer der rivalisierenden Kurdenmiliz getötet. Beide Seiten nahmen im Rahmen des Konflikts Geiseln.

Nach Assad-Sturz keine Rücksicht mehr

Bewar Mustafa erzählt: "Ich habe mit der PKK vier Tage lang verhandelt, dann kamen alle Gefangenen wieder frei."
Einen Konflikt zwischen Kurden und Kurden oder auch zwischen Kurden und Arabern dürfe es unter keinen Umständen geben, meint der Kommandeur. "Das ist jetzt eine rote Linie, die nie überschritten werden darf."
Nach dem Sturz Assads allerdings werde man keine Rücksicht mehr auf die PKK nehmen. "Sie haben zwar mehr als 3000 Bewaffnete, aber wir werden sie nicht bekämpfen müssen. Diese Kriminellen flüchten einfach aus dem Land."

Neues Gericht folgt auf Scharia-Räte

In unmittelbarer Nähe einer anderen Frontlinie in Aleppo geht es nicht um militärische Belange, sondern um zivile Angelegenheiten.
In Saif al-Dawla befindet sich das neue Gericht der Stadt. Es ist in einem ehemaligen Appartementhaus der Regierung untergebracht. Es ist eine Initiative von 50 Anwälten und Richtern, die es vor zwei Monaten gründeten. Sie lösten damit ein informelles System von Scharia-Räten ab, die auf der Basis des islamischen Rechts urteilten.
In vielen Landesteilen Syriens wird nach dieser Methode noch immer Recht gesprochen.

"Der Gerechtigkeit entkommt niemand"

In den vergangenen Tagen fanden in der Umgebung des Gerichts heftige Kämpfe statt. Der Lärm von Mörserabschüssen wollte kein Ende nehmen. Heute ist es verhältnismäßig ruhig.
"Wir bemühen uns, eine unabhängige Rechtsprechung durchzuführen", sagt Abdullah Karam, der Untersuchungsrichter. "Keine korruptes System mehr wie unter Assad." Man sei keiner Gruppe zugehörig und würde keinerlei Einfluss dulden. Zum Beweis hält er eine Akte hoch, in der es um ein Verfahren gegen einen Kommandeur der FSA geht. "Diebstahl", erklärt der Richter. "Wir kennen bei niemandem Pardon."
Natürlich sei es während des Kriegs schwierig, gerade FSA-Leute vor Gericht zu zitieren, aber die Verfahren würde man nicht einstellen. "Der Betroffene wird eben in Friedenszeiten zur Verantwortung gezogen", meint Karam. "Unsere Botschaft lautet: Der Gerechtigkeit entkommt niemand."

Scharia wird nur beim Familienrecht angewandt

In Aleppo gibt es Gerichthöfe für Zivil-, Straf und Militärrecht. Jeder Bürger kann eine Anzeige machen, die ein Staatsanwalt prüft, bevor sie an den Untersuchungsrichter weitergeben wird.
Nach einem Untersuchungsverfahren entscheiden drei Richter das Urteil. Verhandelt wird bei Kaffee und Tee in einem der kleinen Zimmer der Appartements des zum Gerichtsgebäude umfunktionierten Wohnhauses.
"Als rechtliche Grundlage dient die Gesetzesvorlage zur Zivilgesellschaft der Arabischen Liga", erläutert Untersuchungsrichter Karam. "Nur beim Familienrecht wird die Scharia, das islamische Recht, angewandt. Da sind wir keine Ausnahme zu anderen arabischen Staaten."

Kriegsverbrechen der Assad-Gegner kein Thema

Täglich gibt es zwischen 25 und 30 neue Verfahren. Bedauerlicherweise hätten die Delikte im Bürgerkrieg zugenommen. "Es ist Krieg, Waffen sind überall gegenwärtig und nicht jeder nutzt sie für einen guten Zweck", sagt Karam mit einem bedauernden Blick.
Trotz aller Probleme sei er ein neuer Mensch durch die Revolution geworden. Endlich könne er eigenständig arbeiten und mitgestalten. "Man kann machen, was man will. Das ist Freiheit."
Die Kriegsverbrechen der Rebellen, die nach der Eroberung Aleppos zahlreiche Gefangene brutal exekutierten, sind für das Gericht erst mal kein Thema. "Zumindest können wir heute die bewaffneten Gruppen zur Verantwortung ziehen und das Recht der Zivilisten stärken", meint Karam abschließend.

Warum kämpfen Deutsche in Syrien?

Auf der gegenüberliegenden Seite des Gerichts hat die Liwa al-Shabah ihr Büro. Einer ihrer Kommandanten und Pressesprecher ist Abu Yassin. Er stammt aus Reutlingen, ist Deutscher mit syrischen Wurzeln.
Im September hat er sich nach der Geburt seiner Tochter der Revolution angeschlossen. "Wir haben noch einige andere Deutsche in unseren Reihen", sagt er und fügt an: "Ganz echte sogar." Sie kämpften in Syrien, weil sie dem Abschlachten der Zivilbevölkerung durch Regierungstruppen nicht mehr tatenlos zusehen wollten.
Die Frage stellt sich aber, ob sie nicht einen islamistischen Hintergrund haben. Aus reinem, menschlichem Mitgefühl reist niemand nach Syrien, um die Waffe in die Hand zu nehmen. Eher schon, um seinen bedrohten Glaubensbrüdern zu helfen.

Das G3 der Bundeswehr ist beliebt

Mit seiner Brigade nahm Yassin an zahlreichen Gefechten teil. Am Sonntag waren sie zuletzt bei der Eroberung der Militärschule in der Nähe von Aleppo dabei.
"Dort haben wir viele Waffen erbeutet", versichert der 32-Jährige. "Ich darf Ihnen leider nicht sagen, was wir alles gefunden haben." Die meisten Waffen stammten aus russischer Produktion, aber auch rund 60 G3-Gewehre seien erbeutet worden. Waffen, die auch die Bundeswehr benutzt.
Yassin schwärmt: "Das ist mein Lieblingsgewehr, schießt wunderbar, und man kann es als Scharfschütze verwenden."

Waffenkontrolle mit "deutscher Gründlichkeit"

1300 Mann gehören zu seiner Brigade. "Mit deutscher Gründlichkeit" werde jede Waffe der Kämpfer registriert. Wer die Truppe verlasse, müsse sie wieder abgeben. Damit wolle man sicherstellen, dass man nach dem Ende des Bürgerkriegs die Kontrolle über die Waffen behält.
"Registriert wurde sogar meine Pistole", behauptet Abu Yassin und nimmt die noch aus der Tschechoslowakei stammende CZ 82 aus dem Halfter am Oberschenkel. "Bald ist es mit Assad vorbei", meint er euphorisch. "In den nächsten Tagen erobern wir den Flughafen von Aleppo und danach die ganze Stadt."
Dann sei der Weg frei nach Damaskus. Abu Yassin geht zurück in das kleine Büro der Brigade und setzt sich an den warmen Ofen. Das Essen wird serviert: Reis mit grünen Erbsen und einer Joghurtsoße.
Peter Steinbach

Reise in das geheime Trainingscamp der Rebellen

Im Nordosten des Landes behaupten sich Milizen gegen Assads Armee. An manchen Orten entstehen schon neue Institutionen. Ein Besuch im ersten Trainingscamp der Rebellen auf syrischem Boden. Von


Der amerikanisch-syrische Mahmoud Scheich Elzour (liegend) besucht einen lokalen Rebellenkommandeur. Scheich Elzour betreibt das erste Ausbildungslager für Rebellenkämpfer
Foto: Victor Breiner Der amerikanisch-syrische Mahmoud Scheich Elzour (liegend) besucht einen lokalen Rebellenkommandeur. Scheich Elzour betreibt das erste Ausbildungslager für Rebellenkämpfer 
Das Dokument, das man an der türkischen Grenze unterschreiben muss, hat nur eine Zeile: "Bei Ihrem Aufenthalt in Syrien tragen Sie für alle Risiken selbst die Verantwortung." Wortlos steckt der Grenzbeamte das Papier in seine Schreibtischschublade und wünscht mürrisch eine gute Reise.
An der syrischen Seite gibt es keinerlei Formalitäten. Rebellen der Freien Syrischen Armee (FSA), die den Übergang Bab al-Hauwa im August eroberten, winken nach einem kurzen Blick in den Wagen freundlich durch. Einige von ihnen tragen neue schwarze Uniformen, die den Freischärlern einen offiziellen Anstrich geben sollen.
Der Fahrer gibt Gas. Die Reise nach Dschebel al-Sauia kann beginnen. Die rund 300 Quadratkilometer große Bergregion liegt im Nordosten Syriens und ist das Herzland der Revolution. Hier forderten friedliche Demonstranten bereits am 1. April 2011 den bedingungslosen Rücktritt von Präsident Baschar al-Assad und seinem Regime.
Hier griff man sofort zu den Waffen, nachdem auf die Opposition geschossen worden war. Es ist eine Gegend, in der normalerweise keine Journalisten fahren. Einige Pressevertreter wurden auf dem Weg dorthin von radikalen Islamistengruppen entführt.

Umkämpfte Gebiete an der Grenze
Foto: Infografik DIE WELT Umkämpfte Gebiete an der Grenze

Handgranaten in einer Plastiktüte

Ahmed sitzt am Steuer des Kleinbusses. Er trägt eine schwarze Sonnebrille und eine Browning im Halfter. Neben ihm am Boden eine Kalaschnikow und im Handschuhfach eine deutsche Sig Sauer als Reserve.
In einer Plastiktüte sind Handgranaten, von der er eine herausnimmt und lachend hoch hält. "Wir sind auf der sicheren Seite", sagt er mit einem breiten Grinsen. Die Fahrt geht über kleine Teerstraßen und Feldwege auf die Autobahn. Es ist die Verbindungsader des Landes, die von Aleppo im Norden über Homs und Damaskus bis an die jordanische Grenze im Süden reicht.
Die Rebellen kontrollieren davon eine 70 Kilometer lange Teilstrecke zwischen Idlib und Maarat Numan, das kurz vor Hama liegt.

Temperaturen um den Gefrierpunkt

Nach etwa 20 Minuten biegt Ahmed rechts von der Autobahn ab. Auf Landstraßen und Pisten geht es immer höher in die Berge. Durch Dörfer und Weiler, in denen Schafe und Hühner über die Fahrbahn laufen. Es ist eine ländliche Gegend mit Olivenhainen und endlosen Feldern, die längst abgeerntet sind.
Die meisten Menschen sind hier mit Mopeds unterwegs, dick eingemummt, denn im Winter liegen die Temperaturen um den Gefrierpunkt. Am Straßenrand wird Benzin angeboten, das man per Hand in kleine Kanister pumpt. Umgerechnet zwei Euro kostet ein Liter, für den man vor dem Bürgerkrieg nur 40 Cents zahlen musste.
Die überhöhten Schwarzmarktpreise können sich nicht alle leisten. Nicht einmal für die kleinen Bulleröfen, die gewöhnlich mit Diesel laufen und im Salon jeden Hauses stehen.
Nun werden verzweifelt die wenigen Wälder auf der Suche nach Brennholz durchkämmt. Die ganze Familie ist unterwegs. Selbst Frauen hacken mühevoll Äste von den Bäumen. Schließlich will man kochen können und es im Wohnzimmer wenigstens für einige Stunden warm haben.

"Ich sage, wann und wo angegriffen wird"

In Kafarauid, einer Kleinstadt mit 11.000 Einwohnern, empfängt Kommandeur Fouad in seinem geräumigen Haus. Er unterhält ein Bataillon von 600 Mann, ist aber gleichzeitig der Befehlshaber aller anderen 15 Brigaden der Region. Insgesamt befehligt er mehr als 3500 Rebellen.
"Ich sage, wann und wo angegriffen wird", meint der 32-Jährige bestimmt und zündet sich, gemütlich vor dem brennenden Ofen liegend, eine Zigarette an. Als Kommandeur ist Fouad 24 Stunden im Dienst.
Er kümmert sich nicht nur um das Militär, sondern auch um Verwundete und Flüchtlinge, die hier aufgenommen wurden. "Gefechte gibt es bei uns kaum mehr", erklärt er stolz. "Wir haben unsere Berge befreit, bei uns ist ruhig."
Als hätte er damit ein Zeichen gegeben, erschallt der tiefe Donner der Artilleriegeschütze der syrischen Armee. Fouad muss schmunzeln und zählt laut weitere drei Abschüsse dicht hintereinander. "Das geht immer so", fügt er lapidar an.

Vom Landwirt zum Berufsrevolutionär

Fouad ist eigentlich Landwirt und erst zum Berufsrevolutionär geworden, nachdem er bei einer friedlichen Demonstration fünf Mal angeschossen wurde. "Wir waren die ersten in Syrien, die Assad zum Teufel jagen wollten. Dafür habe ich die Kugeln noch im Leib", erzählt er, hebt seine Hand und zeigt auf den Stummel seines Ringfingers. "Den hab ich ganz verloren."
Drei Wochen verbrachte er in einem türkischen Krankenhaus. Aber das alles sei nichts gegen den Verlust von zwei seiner insgesamt fünf Brüder. Sie starben bei einer Invasion der syrischen Armee, die vergeblich versuchte, Dschebel al-Sauia wieder unter Kontrolle zu bekommen.
Um den bewaffneten Kampf gegen das Assad-Regime zu finanzieren, verkaufte Fouad einige Häuser und Ländereien des Familienbesitzes. "Zum Glück", wie er feststellt, könne er sich das leisten. Vor Beginn der Revolution erntete er jedes Jahr auf seinen Feldern 350 Tonnen Getreide.
Von großen Waffenlieferungen aus Saudi-Arabien oder Katar wisse er nichts. "Die Unterstützung, die wir bekommen, reicht gerade aus, um den Status Quo zu halten, aber bei weitem nicht, um einen entscheidenden Schlag gegen die Assad-Truppen zu führen." Mittlerweile bekäme er wenigstens Geld, um den Sold seiner Soldaten zu bezahlen. 150 Dollar verdient jeder Rebell bei ihm im Monat.

"Ach, die vielen Konferenzen und Treffen"

Im Hintergrund läuft im Fernsehen die Berichterstattung über die internationale Konferenz der Freunde Syriens in Marrakesch. Bezeichnenderweise ist der Ton abgestellt. Fouad winkt verächtlich ab. "Ach, die vielen Konferenzen und Treffen. Uns hat das absolut nichts gebracht." Den neuen Militärrat, der letzte Woche gegründet wurde, bewertet er mit einem kurzen Schulterzucken.
An den Namen des gewählten Oberkommandeurs, Salim Idriss, muss er erst erinnert werden. "Wir vertrauen nur auf uns selbst", meint der Landwirt und Revolutionär selbstbewusst. "Wir lehnen alle ab, die Interessen aus dem Ausland vertreten. Die Lösung des Konflikts kann nur von innen, von uns Syrern kommen." Zwischendurch klopft es an der Wohnzimmertür und seine Frau reicht auf einem Tablett Tee und Kaffee durch.
Zu denen, die in Dschebel al-Sauia nicht willkommen sind, gehört auch Dschabat al-Nusra. Die al-Qaida nahe stehende Gruppe, in der viele Dschihadisten aus dem Ausland kämpfen, setzte die USA kürzlich auf ihre Terrorliste.
Finanziert wird die "Front des Beistands zum Sieg" von reichen Geschäftsleuten aus den Golfländern. "Al-Nusra hat zwar gute Kämpfer und ist überall in Syrien präsent, aber offiziell als Organisation lassen wir sie hier bei uns nicht tätig werden", versichert der Kommandeur vehement. "Wir vertreten einen moderaten Islam und dulden keine Extremisten."

Ein Mörser aus deutscher Fabrikation

Später zeigt der 32-jährige Vater dreier Kinder ein Waffenlager im Hauptquartier seiner Brigade. Einige Munitionskisten für Duschka-Geschütze, RPGs mit Kobra-Raketen und ein Mörser aus deutscher Fabrikation. Ein altes Stück, das noch die Aufschrift "Made in West-Germany" trägt.
"Woher der ursprünglich stammt, weiß ich nicht", erklärt Fouad. Er hat das noch vom alten Militärrat unter General Scheich Mustafa bekommen. "Das ist nur ein kleines Waffenlager für den täglichen Bedarf", erläutert Fouad. "Wir haben noch viel mehr in verschiedenen, sicheren Verstecken."
Plötzlich ist das unverkennbare Rauschen eines Kampfjets zu hören. Von draußen rufen einige junge Kämpfer nervös: "Flugzeug, Flugzeug." Es ist Zeit zu gehen.

Geheimes Trainingscamp der Rebellen

Rund 20 Kilometer von Kaferauid entfernt liegt an einem geheim gehaltenen Ort das erste Trainingscamp der Rebellen auf syrischen Boden. Es ist eine ehemalige Schule, in der junge Freiwillige "zu Elitesoldaten ausgebildet werden", wie Mahmoud Scheich Elsour, der Initiator des Projekts, versichert.
"Wir folgen den Ausbildungsmethoden der britischen SAS Spezialeinheit." Der 52-Jährige scheint zu wissen, wovon er spricht. Er diente fünf Jahre bei der französischen Fremdenlegion und arbeitete als Ausbilder für Sicherheitsfirmen. "Im Alter von 18 macht man so seine Dummheiten", erwidert Scheich Elsour, angesprochen auf seine Zeit in der französischen Elitetruppe.
Für die Rekruten beginnt der Tag mit dem Morgengebet und einem acht Kilometer langen Lauf durch die Berge. Nach dem Frühstück folgt Militärtraining: Waffenkunde, Selbstverteidigung, Angriffsformationen und Taktikkunde. Am Spätnachmittag gibt es zwei Stunden Islamunterricht.
3000 Euro kostet das Ausbildungslager monatlich. "Man muss die jungen Männer nicht nur verpflegen, sondern ihnen auch Kleidung, Zigaretten und Kredit für ihre Handys bezahlen", erklärt Scheich Elsour. "Ganz zu schweigen von der Ausrüstung, die normale AK-47, aber auch Scharfschützengewehre oder Nachtsichtgeräte umfasst.

"Für mich ein Stück Lebensglück"

Der ehemalige Fremdenlegionär bezahlt das angeblich aus eigener Tasche. Leisten sollte es sich der 52-Jährige können. Er lebte fast drei Jahrzehnte in den USA und ist dort Besitzer eines Unternehmens, das Bulldozer verkauft. Im US-Bundesstaat Georgia baute er sich ein Haus für 700.000 Euro.
Als die Revolution in Syrien begann, entschloss er sich sofort gegen das Assad-Regime zu kämpfen. "Meine Frau wollte mich nicht gehen lassen", erzählt Scheich Elsour. "Aber ich sagte ihr, es ist für mich ein Stück Lebensglück und das wollte sie mir nicht nehmen." Der Vater zweier Kinder baute die Al-Muschin-Brigade auf, "die heute 1200 Mann umfasst und in Aleppo und Kamischli kämpft."
Mit dem ersten Ausbildungslager will Scheich Elsour "die Kultur des Trainings und der Erziehung" bei den Rebellen einführen. "60 gut ausgebildete und ausgerüstete Soldaten sind besser als 6000, die vom Krieg keine Ahnung haben." Sein Projekt, das erst seit drei Monaten in Dschebel al-Sauia läuft, hat Interesse bei anderen Kommandeuren geweckt.

Wichtig sei, einen guten Charakter zu haben

"In der Nähe von Latakia soll ich ein Trainingscamp für 300 Mann aufbauen. Gleichzeitig gibt es eine Anfrage von Hama. Ich weiß gar nicht, wie ich das alles schaffen soll", meint Scheich Elsour. Freiwillige gäbe es genug, die bereit seien zu kämpfen.
"Es sind Bauernsöhne, Studenten oder Mechaniker, die zu uns kommen", erläutert der ehemalige Berufssoldat. Wichtig sei, dass sie einen guten Charakter hätten und man ihnen vertrauen könne. "Man will ja keine Leute ausbilden, die ihr Wissen benutzen, um danach andere zu bestehlen." Am nächsten Tag geht es in die 25 Kilometer entfernte Kleinstadt Marat Hürma. Hier hat ein Scharia-Rat die Zivilverwaltung übernommen.
Er besteht aus Vertretern der FSA, aus Anwälten, ehemaligen Polizisten und einem Islamgelehrten. Hauptsächlich ist der Rat damit beschäftigt Recht zu sprechen. "Es geht um die normalen, täglichen Streitigkeiten der Bewohner", erklärt Scheich Nur, der Islamexperte, der dem Rat vorsitzt. Das mache man nach den Prinzipien des gesunden Menschenverstands, der Scharia, dem islamischen Recht, und den bestehenden syrischen Gesetzen.

"Exekutiert wird bei uns niemand"

"Alle Fälle werden innerhalb eines Tages gelöst", sagt der Scheich. In Kriegszeiten seien die Leute einsichtig und zudem gäbe es weit weniger Probleme als vor Beginn des Konflikts. "Es geht um gepanschten Diesel oder fehlerhafte Reparaturen. Wirklich kriminelle Delikte, wie Diebstahl oder Mord, sind bisher nicht vorgefallen", erzählt der 56-Jährige Islamgelehrte.
Natürlich habe man auch einige Soldaten der syrischen Armee verhaftet. Sie haben die Wahl, entweder zu desertieren und sich der FSA anzuschließen oder Lösegeld zu bezahlen, um frei zu kommen. "Exekutiert wird bei uns niemand", behauptet der Scheich entschieden.
"Dafür haben wir nach islamischem Recht keine Autorität, da wir ja nicht Herr im eigenen Lande sind." Man wolle auch nicht wie Dschabat al-Nusra erscheinen, betont der Richter.
"Sie glauben das Recht zu besitzen, Leute zum Tode zu verurteilen. Aber das ist falsch." In einem Monat würden echte Richter, die sich vom Regime lösten, das Justizwesen übernehmen. "Die Richtlinien der bisherigen Rechtsprechung bleiben jedoch erst einmal dieselben."

"Ohne Bunker kann man hier nicht überleben"

In seinem Garten, in dem Mandarinen und Zitronen an den Bäumen hängen, zeigt Scheich Nur seinen neuen Bunker. Es ist ein 10 Quadratmeter großer Raum, gut fünf Meter unter der Erde, in dem man kaum stehen kann. 20 Tage habe man dafür gebraucht, um sich durch felsiges Gestein zu arbeiten. "Ohne Bunker kann man hier nicht überleben", meint der 56-Jährige.
Marat Hürma steht Tag und Nacht unter Artilleriebeschuss der syrischen Armee. Der Donner der Geschütze ist allgegenwärtig. Abu Mohamed, der Kommandeur einer 300-Mann starken Brigade zeigt in seinem Haus die Reste einer chinesischen Rakete M1. Am Vortag krachte sie durch das Dach.
"Zum Glück ist sie nicht richtig explodiert, sonst gäbe es unsere Familie nicht mehr." Erneut ist der Abschuss eines Geschützes in der Ferne zu hören. Seine beiden kleinen Kinder laufen sofort ins Haus, um sich zu verstecken.

An den Krieg gewöhnt

In der Kleinstadt hat man sich an den Krieg gewöhnt. Auf der einzigen Hauptstraße trifft man sich und trinkt im Freien Kaffee. "Ich bin desertiert", ruft lachend ein junger Mann. "Ich auch", sagt ein anderer. "Eines Tages einfach abgehauen", fällt ein anderer dazwischen. Einer lauter wie der andere. Fast schon so, als wollte man sich gegenseitig überbieten.
Hier ist noch Einigkeit zu spüren, die im umkämpften Aleppo verloren gegangen ist. "Viele rivalisierende Gruppen, die sich um Geld, Waffen und den rechten Weg streiten", berichtet Jussef, einer der Deserteure, der erst am Vortag aus der Industriemetropole in die Berge zurückkam. Er führt in einen Hinterhof, in dem Frauen Brot am Holzofen backen.
"In Aleppo würden es ihnen die Menschen aus den Händen reißen", sagt Jussef. Dort müssen sie stundenlang Schlange stehen, wenn es überhaupt welches gibt. Einige Meter vom Brotofen entfernt befindet sich der dunkle Eingang in einen Bunker, der ebenfalls neu gebaut wurde. "Nur so können wir uns vor dem Mörder Assad schützen", ruft eine der Frauen, die den Teig in runde Fladen formt.

"Hier gibt es keine Elektrizität"

Sie sind hier trotz des Kriegs geblieben. Andere konnten es nicht mehr aushalten und sind geflüchtet. Rund 12.000 Bewohner von Dschebel al-Saiua leben nun im 70 Kilometer entfernten Atmeh in einem Flüchtlingslager direkt an der türkischen Grenze. Von frisch gebackenem Brot können sie nur träumen.
"Wir haben jeden Tag Kartoffeln oder Reis, sonst nichts", sagt Mohammed, ein 24-jähriger Student. "Hier gibt es keine Elektrizität, kein fließend Wasser und die schlecht gebauten Toiletten haben kein Dach. Es ist entsetzlich."
Von den wenigen Hilfslieferungen würde die FSA einen Teil für sich nehmen. "Sie sind Diebe", fügt Mohammed an. Der Regen der letzten Tage hat die Zelte durchnässt, einige sogar überflutet. Decken und Kleider hängen an Leinen zum trockenen. Nach langer Zeit scheint die Sonne Zeit wieder. Anlass für eine positive Stimmung ist das nicht.
Stumm sitzen zwei ältere Frauen neben ihrer Feuerstelle und warten darauf, dass das Wasser in einer alten Blechbüchse kocht. "Sehen Sie doch selbst, wie wir hier leben", sagt eine der beiden deprimiert. "Es ist wie das Ende der Welt und das schlimme daran ist, niemand weiß, wann damit endlich Schluss wird."

Sonntag, 25. November 2012

In den Tunneln von Gaza

Die Waffenruhe zwischen der Hamas und Israel hält – aber die Palästinenser schmuggeln weiter Waffen und Benzin. Alfred Hackensberger hat das unterirdische Tunnelsystem besucht
Die israelischen Luftschläge konnten den illegalen Kanälen offenbar nicht viel anhaben

Sie schwenken Fahnen und singen patriotische Lieder von der Befreiung Palästinas. Nach fast zehn Stunden Busfahrt und mehr als acht Stunden Wartezeit am ägyptischen Grenzübergang Rafah haben die rund 300 überwiegend jungen Leute noch erstaunlich viel Elan. "Wir sind alle aus Kairo und wollen nach Gaza", sagt Erkan, einer der Wartenden, mit deutlich österreichischem Akzent. Der 25-Jährige hat türkische Wurzeln und ist in Wien aufgewachsen, lebt aber seit sieben Jahren in Kairo. "Ich studiere dort den Aufruf zum Islam", erklärt er stolz und zupft sich dabei am zotteligen Vollbart, der seine religiöse Gesinnung deutlich unterstreicht. Er, als anerkannter Aktivist für die Rechte der Palästinenser, könne nach Gaza einreisen. Ob aber auch sein Freund, der vor dem Torgitter steht, und auch der Rest der Gruppe passieren dürfen, sei völlig ungewiss. Als die Zeit fortschreitet und noch immer nichts passiert, stellt sich langsam Enttäuschung ein bei den verhinderten Revolutionären. Alle hier hatten sich das anders vorgestellt.
Nach dem Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas hoffen die Palästinenser, der ägyptische Grenzübergang werde geöffnet. Tatsächlich war "die Erleichterung des Personen- und Warenverkehrs" ein Bestandteil des ausgehandelten Abkommens zwischen dem jüdischen Staat und der radikal-islamischen Palästinenserorganisation. Aber bisher ist alles noch beim Alten geblieben und der Reiseverkehr zwischen beiden Seiten streng reglementiert. Am Wochenende kamen allerdings Berichte auf, die Blockade sei insofern gelockert, als dass nun Fischer aus Gaza bis zu sechs Meilen aufs Meer hinausfahren dürften. Urheber war das Büro von Ministerpräsident Ismail Hanijeh, Israel wollte sich nicht dazu äußern.
"Wenn Sie wollen, gehen wir durch einen der Tunnel", bietet Same, ein junger Bewohner aus Gaza, an. "Keine zehn Minuten von hier. Das geht viel schneller und bequemer", fügt er hinzu. "Nur 500 Meter unter der Erde, und man kann sogar aufrecht gehen." Fast 200 Mal hatte die israelische Luftwaffe die Tunnel, die unter der 15 Kilometer langen Grenze nach Ägypten führen, bombardiert. Unterirdisch werden nicht nur Lebensmittel oder Benzin nach Gaza geschmuggelt, sondern auch die Raketen, mit denen die Kassem- und Al-Kuds-Brigaden des Islamischen Dschihads Israel beschießen.
"Es gibt noch viele Tunnel, die funktionieren", sagt Ahmed, der mit fünf weiteren Kollegen dabei ist, Schäden zu reparieren. Er deutet mit der Hand nach hinten über ein weites, offenes Gelände, das von Bombenkratern übersät ist. Abends sieht man dort einige Lichter an Eingängen brennen. Über einen der nicht zerstörten Tunnel wären wohl auch die drei Raketen eingeschmuggelt worden, die die ägyptischen Behörden am vergangenen Donnerstag im Sinai, nur 15 Kilometer von der Grenze zu Gaza, konfiszierten.
"Wie hoch der Schaden bei uns ist, wissen wir noch nicht", erklärt Tunnelarbeiter Ahmed, der vermutlich anders heißt. Man müsse sich erst vorarbeiten. Gerade wird an einer elektrischen Seilwinde ein Karren mit Erde aus der langen Röhre gezogen, entladen und leer wieder zurückgelassen. In nur einem Tag haben Ahmed und seine Helfer das große Dach auf Metallgerüsten über ihrer Arbeitsstätte wieder aufgebaut, sowie den Generator und die Seilwinde in Gang gebracht.
"Alles war komplett zerstört", meint Mohammed, der die Seilwinde bedient. "Wir müssen uns beeilen, um alles wieder in Schuss zu bekommen." Zeit bedeutet hier Geld, solange die Grenzen nicht geöffnet sind. Zwischen 35 und 50 Euro verdient hier jeder, wenn der Warenverkehr durch ihren 800 Meter langen Tunnel läuft. In der Röhre selbst kommt man bei feuchtheißer, modriger Luft sofort ins Schwitzen. Alles ist professionell mit Holzplanken ausgelegt und mit elektrischen Lampen beleuchtet. Man kann aber nur in gebückter Haltung in die Tiefe marschieren.
Unterirdisch werden in Gaza nicht nur Geschäfte gemacht. Die militärische Struktur der Hamas liegt ebenfalls unter der Erde. Es soll ein ausgeklügeltes Tunnelsystem sein, das sich unter dem gesamten Gazastreifen hinzieht. Inklusive Bunker, Abschussrampen und Munitionsdepots. Die Bombenangriffe Israels haben nur einen Teil davon zerstört. Noch am letzten Tag vor Inkrafttreten des Waffenstillstands wurden weit über 150 Raketen auf Israel abgeschossen. So viele wie an den meisten Tagen zuvor nicht. "Dieses Tunnelsystem ist hier ein offenes Geheimnis", sagt Hassan Jaber, ein Journalist aus Gaza. Aber die Details kenne niemand, das sei ein Militärgeheimnis der Hamas, die auch die Identität ihrer Kämpfer unter Verschluss hält. Erst wenn sie sterben, werden ihre Namen veröffentlicht.
"Im Winter, wenn es stark regnet, kann es passieren, dass eine Straße absackt", sagt Jaber. "Dann weiß man – hier ist ein Tunnel verlaufen." Ein Mann, der seinen Namen nicht nennen will, sagt, er war während der Kriegswoche die ganze Zeit in diesem Bunkersystem unter der Erde. Als Angehöriger einer salafistischen Gruppe saß er im Gefängnis, wurde aber von der Hamas entlassen, um zu helfen. Militante Salafisten sind bekannt für ihren Hass auf Israel. In Gaza aber hat die Hamas keine vollkommene Kontrolle über sie. Diese salafistischen Organisationen sind für den bedingungslosen Dschihad gegen Israel und feuern in Eigeninitiative Raketen ab.
Die Zerstörungen im Gazastreifen halten sich bei Augenschein, anders als nach Medienberichten erwartet, in Grenzen. Die israelische Luftwaffe hat 1200 Angriffe geflogen, doppelt so viele wie bei der Offensive von 2008/9, aber die Schäden sind weitaus geringer als damals. Viele Bomben fielen außerhalb bewohnter Zonen, am Strand oder auf Feldern, wo man Raketenabschussrampen oder Bunker vermutete. Am Strand von Gaza-Stadt sind noch Metallteile in einem Bombenkrater zu sehen. Das israelische Militär ist offenbar sehr gezielt vorgegangen. Trotzdem sind von den über 150 Toten in Gaza weit über die Hälfte Zivilisten, so behauptet es jedenfalls die Hamas.
Im Stadtviertel von al-Nasseb in Gaza-Stadt findet die Familie al-Dalu nach dem Waffenstillstand Zeit, Beerdigung zu feiern. Sie verlor bei einem Bombenangriff eines F-16-Kampfjets zehn ihrer Mitglieder, vier Kinder und sechs Frauen. Hunderte von Männern sind gekommen, um ihr Beileid zu bekunden. Man sitzt unter einem großen Plastikdach, auf einen Banner sind die Gesichter der getöteten Kinder abgedruckt, aus Lautsprechern dröhnen nationale Lieder über den Befreiungskampf. Dazu wehen grüne Flaggen der Hamas. "Ein schreckliches Massaker", sagt ein Cousin der getöteten Kinder. "Aber wir haben mit dem Waffenstillstand einen Sieg errungen, einen moralischen Sieg."
Nicht anders sehen es fünf junge Männer im "Tal-al-Omar-Café", das gleich um die Ecke liegt. "Kein Preis ist zu hoch im Kampf für unsere Rechte", meint Imad, ein 28-jähriger Schreiner, der an einer Wasserpfeife nuckelt. "Israel wird niemals den Waffenstillstand einhalten", glaubt Mossab, ein Informatikstudent. "Hat Israel nicht sofort am Freitag einen Palästinenser in Gaza erschossen", fragt der 23-Jährige aufgebracht. In unmittelbarer Nähe seines Hauses war eine Rakete eingeschlagen. Alle Fenster seien zersplittert und die Fassade beschädigt worden. "Wie es meinem vierjährigen Bruder ging, ist nicht in Worte zu fassen", erzählt er nachdrücklich. "Wenn wir Erwachsene uns schon zu Tode fürchten, wie soll es dann den Kindern gehen." Alle schweigen einen Moment. "Israel versteht nur die Sprache der Gewalt", behauptet Dib, der junge Besitzer des Cafés. "Wenn wir keine Raketen nach Tel Aviv geschossen hätten, gäbe es jetzt keinen Frieden." Alle sind überzeugt, mit dem Waffenstillstand habe Israel seine Niederlage eingestanden. Sieg ist für sie gleichbedeutend mit der Aufhebung der Blockade Gazas, von der man sich ein neues, besseres Leben verspricht. Nur bisher gibt es noch keine Anzeichen für eine komplette Öffnung der Grenzübergänge. "Wenn Israel sich nicht an die Abmachungen hält, dann fliegen eben wieder Raketen", fügt Imad, der Schreiner, hinzu. Alle am Tisch nicken.
"Nun gut, es werden als Reaktion erneut Bomben über unseren Köpfe fallen", räumt Dib, der Café-Besitzer, ein. "Trotzdem versichere ich Ihnen, wir werden den Kampf gegen Israel nie aufgeben, solange wir nicht gleichberechtigt sind und nicht Jerusalem die Hauptstadt unseres Staates ist. Und wenn die Kinder meiner Kinder noch dafür kämpfen werden." Es ist ein Plädoyer für die Gewalt, das man in Gaza überall zu hören bekommt und das seit Jahrzehnten den Nahost-Konflikt bestimmt. Über Optionen für einen längerfristigen Frieden wird hier nicht nachgedacht. Zumindest nicht laut.

Donnerstag, 27. September 2012

Als Journalist unterwegs mit der syrischen Armee

In der syrischen Stadt Aleppo tragen Rebellen und Regimetruppen die "Mutter aller Schlachten" aus. Als erster Journalist für ein deutsches Medium begleitet Alfred Hackensberger die Truppen.

"Wir kommen von der anderen Seite", sagt der Pilot im Cockpit und deutet auf die Landebahn in der Ferne. Er will einen Flug über die von den Rebellen kontrollierten Stadtgebiete von Aleppo vermeiden. "Sehen Sie, da in den Olivenhainen sind sie versteckt. Sie haben Duschkas und mit diesen Geschützen könnten sie unsere Maschine, die wie eine behäbige Kuh durch die Luft fliegt, leicht erwischen."
Wenige Minuten später landet der Pilot die Maschine sicher auf dem Internationalen Flughafen von Aleppo, der größten Stadt Syriens im Norden des Landes. Dort wird seit zwei Monaten die "Mutter aller Schlachten" zwischen Regimetruppen und Rebellen der Freien Syrischen Armee (FSA) ausgetragen.
Verfolgt, eingekreist und getötet. Am Vortag waren es 41, heute sind es mehr als 200 Tote. Auf den Bildern des Militärfotografen sieht man einige der Leichen am Boden liegen. "Mit den Terroristen geht es zu Ende", erklärt ein Major im Sicherheitszentrum von Aleppo triumphierend.
In seinem Büro hängen eine Maria-Ikone und ein Rosenkranz am Bild von Hafis al-Assad, dem Vater des amtierenden Präsidenten Baschar al-Assad. "Terroristen" ist der offizielle Terminus für die FSA. "Sehen Sie, was ich hier habe", meint der Offizier und legt eine Handgranate auf den roten Glastisch.
"Das ist eine Granate aus Schweizer Produktion, die wir in einem Haus der Terroristen fanden." Das ist keine Ausnahme betont der Major aus Aleppo, der weder seinen Namen nennen noch sich fotografieren lassen will. "Wir haben Waffen aus aller Herren Länder konfisziert", erklärt er aufgebracht. "Darunter auch Gewehre, die Nato-Truppen benutzen."

Verschwörungstheorien kursieren

Der Bürgerkrieg in Syrien ist für den jungen Major ein Produkt einer internationalen Verschwörung. Zu dieser Legende gehören auch extremistische Islamisten aus dem Ausland. "Unter den Getöteten befanden sich wieder einmal Ausländer", versichert der Offizier aufgebracht. "Wir wissen, dass sie aus Afghanistan, Libyen oder der Türkei kommen, um sich mit syrischen Dschihadisten zu verbinden."
Der Major hat damit nicht ganz unrecht: Der Kampf der Rebellen gegen die Regierung Assads bekommt zunehmend einen extremeren religiösen Ton. Mehr und mehr ausländische Dschihadisten reisen ein. Aber das Aufbegehren des syrischen Volkes für demokratische Reformen völlig darauf zu reduzieren, ist vollkommen abwegig.
"Selbst bei den Demonstrationen wisse man nicht so recht, wer sie tatsächlich angestachelt und wer auf wen geschossen hat", erklärt der syrisch-orthodoxe Erzbischof von Aleppo in seiner Residenz. Zwischen den Zeilen bestätigt er damit die offizielle Regierungsversion: Die Proteste und die Toten bei den Demonstrationen sind ein Ergebnis von "Provokateuren".
Erzbischof Mar Gregorios ist ein kluger Mann der Kirche, der Reformen vom Regime einklagt und für eine friedliche Verhandlungslösung des Konflikts ist. Aber vor Verschwörungstheorien scheint er dennoch nicht gefeit zu sein. Ein Grund dafür sind wohl seine schlechten Erfahrungen mit den Rebellen. "Sechs Mitglieder unserer Gemeinde wurden von ihnen entführt und mussten für die Freilassung Lösegeld bezahlen", sagt er.
Mehrfach befand sich der Erzbischof auf Reisen in den USA. Dort, wo die Fäden der Macht zusammenliefen. Von hochrangigen politischen Vertretern wisse Gregorios, dass Regime, Partei und Militär Syriens bestehen bleiben soll. Als Garant für Stabilität und Ordnung. Nur Präsident Assad und sein Familie müssten gehen. Die ägyptische Lösung: Der Präsident geht, das Militär regiert und alte Machtstrukturen bleiben bestehen.

Gewalt gegen protestierende Studenten

Über "Provokateure" kann ein Deutscher, der seit vielen Jahren in Aleppo lebt, nur müde lächeln. "Ich konnte es genau beobachten", erzählt der Mann. "Mit brutaler Gewalt hat das Regime die protestierenden Studenten der örtlichen Universität zusammengetreten und geschlagen. Natürlich auch auf sie geschossen." Damals habe es mindestens sieben Tote unter den Studenten gegeben.
"An anderen Universitäten ist es zu ähnlichen Vorfälle zu Semesterschluss gekommen", sagt der Mann. Die meisten Menschen in Syrien hatten am Anfang gehofft, es könnte besser werden, meint der Deutsche weiter. Aus Sicherheitsgründen kann man seinen Namen nicht nennen. "Aber nun, angesichts des schrecklichen Bürgerkriegs, wären viele froh, die Proteste hätten nie angefangen."
Im Militärhauptquartier von Aleppo zieht der diensthabende General, der ebenfalls ungenannt bleiben will, einen türkischen Ausweis aus der Brusttasche seiner Uniform. Der Name auf dem Ausweis lautet Metin Ekinici, geboren am 1. Juli 1974. Nachweislich ein militanter Islamist. Sein Bruder gehörte zu al-Qaida. Ekinici war Anfang August in Aleppo getötet worden, wie der General bestätigt. Ekinicis Ausweis und seine Beerdigung hatte bereits das syrische Staatsfernsehen gezeigt.
"Die Terroristen sind extreme Islamisten und Kriminelle", fügt der General an. Neben ihm auf einer goldfarbenen Plüschcouch liegen ein Funkgerät, ein iPad und Google Earth-Aufnahmen von Aleppo, auf denen Stadtviertel mit rotem Filzstift markiert sind. Vor ihm auf einem Glastisch frische Pfirsiche und Weintrauben.
Das Kommandozentrum ist etwas versteckt in einem Hinterhof in einer Privatwohnung untergebracht. "Der Besitzer hat sie uns zur Verfügung gestellt, nachdem wir das Viertel vor drei Tagen von den Terroristen befreiten." Der General wirkt sichtlich abgespannt. Krieg macht müde.

General streitet Gewalt gegen Zivilisten ab

Von Vorwürfen, dass die syrische Armee keine Rücksicht auf Zivilisten nimmt, will er nichts hören. Den kürzlich veröffentlichen Report der Vereinten Nationen, der Syrien beschuldigt, die Zivilbevölkerung rücksichtslos zu bombardieren, hält er für falsch. "Im Gegenteil, wir achten auf das Leben der Zivilisten, sonst wäre die ganze Operation in Aleppo schon längst zu Ende." Die Armee würde nur einen Bruchteil ihres wahren Potenzials einsetzten, um Blutvergießen zu vermeiden.
Nach militärischen Gesichtspunkten sicherlich richtig. Nur zehn MIG-Kampfflugzeuge, von denen Syrien mehrere Hundert haben dürfte, sind am Flughafen von Aleppo zu sehen. Von den Tausenden von Raketen in den Arsenalen wurde noch nichts verwendet. Trotzdem: Die Bilanz von über 25.000 Toten spricht Bände.
Erneut knallen in unmittelbarer Nähe des Hauptquartiers Schüsse. "Sie schießen mit einer M16 auf uns", meint der General scheinbar ungerührt und fügt an: "Das Gewehr stammt aus den USA." Die Feinde Syriens sind hier leicht ausgemacht.
Auch für die Soldaten, die das Hauptquartier bewachen. Sie kommen aus den Städten Tartous, Lattakia und Homs. Freundliche junge Männer, die untereinander scherzen und offensichtlich guten Mutes sind. Man trinkt Tee und raucht eine Zigarette nach der anderen. "Viele meiner Kameraden sind von der sogenannten Freien Armee getötet worden", sagt einer der Soldaten mit Helm und schusssicherer Weste.

Grausame Geschichten

"Die Terroristen kennen kein Erbarmen. Man kennt das doch, wie sie Köpfe abschneiden." Er meint damit die grausamen Tötungsvideos, die im Internet kursieren und radikal-islamistische FSA-Kämpfer zeigen, die unter "Gott ist groß"-Rufen Anhänger des syrischen Regimes enthaupten.
"Da ist keine freie Armee, sondern eine der Eselchen", ruft einer der Soldaten dazwischen und alle lachen. Kameraden, die zu den Rebellen übergelaufen sind, bezeichnet man als "Verräter und Feiglinge". "Ich habe meine Familie über ein Jahr nicht gesehen", meint ein rauchender Soldat mit Schutzweste und Helm. "Aber ich mache das gerne für unser Land und unsere Freiheit. Wir wollen keine Islamisten in Syrien."
In Aleppo sind 24 Stunden lang die Explosionen von Panzergranaten zu hören. Nachts sieht man die Leuchtspuren der Scharfschützen, die von hohen Gebäuden irgendwo ins Häusermeer hineinfeuern. Maschinengewehrfeuer ist allgegenwärtig.
Wer gedacht hatte, der Fall von Präsident Assad und seinem Regimes sei durch den Bürgerkrieg nur eine Frage der Zeit, wird eines Besseren belehrt. Militär- und Sicherheitsapparat scheinen noch bestens zu funktionieren. An Hunderten von Straßensperren erledigen Soldaten ihren Dienst. Leicht könnten sie desertieren. Stattdessen kontrollieren sie beflissen die passierenden Wagen und die Personalausweise ihrer Insassen.
Manches Mal wird dabei vorsichtshalber die Kalaschnikow durchgeladen. An jeder Busstation, auf allen öffentlichen Plätzen oder selbst im Büro der syrischen Fluggesellschaft sind Sicherheitsleute in zivil postiert, die für das "Rechte" sorgen. Das Feindbild der "islamistischen Terroristen und Kriminellen", die den Krieg ins Land gebracht haben, treibt an.

Vertreibung, Entführungen und Misshandlungen

Die Flüchtlinge aus dem von den Rebellen besetzten Teil Aleppos berichten von Vertreibung, Kidnapping, Misshandlungen, von ihren Häusern, die abgebrannt und ihren Autos, die gestohlen wurden. "Hier mein Junge, der von einem Scharfschützen der FSA angeschossen wurde", ruft ein Vater erzürnt im Gang einer zum Flüchtlingslager umfunktionierten Schule. Der Junge trägt nach einer Operation einen Gips am Fuß und Metallgestänge im Knochen.
"Uns haben sie aus dem Haus geworfen, weil wir unseren Sohn nicht zum Kämpfen schicken wollten", meint eine ältere Frau. "An Checkpoints kontrollierten sie Handys nach verdächtigen Fotos und Nachrichten", erzählt ein junger Mann. "Wenn sie etwas finden, wird man geschlagen, manche sogar erschossen." Erzählungen, die sich ins kollektive Gedächtnis einprägen.
Laut Auskunft des Leiters der Schule sollen sich insgesamt etwa eine Million Flüchtlinge aus dem anderen, von Rebellen besetzten Teil der Stadt und Region Aleppo, unter dem Schutz der syrischen Armee befinden.
In Salaheddine, dem ersten hart umkämpften Stadtteil der Industriemetropole, herrscht Totenstille. Zu sehen sind verwüstete Straßenzüge, in denen ganze Häuser eingestürzt sind. Nach der "Befreiung" durch Elitetruppen patrouillieren hier einfache Soldaten der syrischen Armee. "Hin und wieder gibt es Probleme mit Scharfschützen", meint der diensthabende Offizier. "Er schießt sein Magazin leer und verschwindet wieder." Schmunzelnd fügt er an: "Er will uns einfach ärgern."
Nur sehr wenige Familien leben noch hier. "Die Armee hat wieder Elektrizität und Wasser angeschlossen", erklärt ein Familienvater, während seine beiden Kinder lachend auf den Schultern von Soldaten reiten. Die Mutter sagt: "Während der Kämpfe haben wir uns in unserer Wohnung verbarrikadiert und gewartet bis alles zu Ende ist."

Botschaften der Rebellen an den Wänden

Nach der Vertreibung der FSA aus Salaheddine ist sie in den angrenzenden Stadtteil Seif El Dauwla geflüchtet. An den Wänden und Geschäftsmarkisen zweier völlig zerstörten Einkaufszentren, die als Basis der Rebellen dienten, kann man noch ihre Botschaften lesen. "Ja, zur Herrschaft des Korans" oder "Islam Erwachen". Nachrichten zweier islamistischer Gruppen: "Eure Brüder der Al-Nusra-Front" und "Faschir al-Islam."
Eine wahrlich geisterhafte Totenstille herrscht auch hier inmitten der unbeschreiblichen Verwüstung. Völlig zerschossene Glasfassaden, ausgebrannte Wohnungen sind zu sehen, Decken und ganze Stockwerke, die weggebrochen sind. "Alles von Terroristen gereinigt", heißt es von Seiten der Armee. Aber weit gehen, kann man in diesem zum militärischen Sperrbezirk erklärten Stadtteil nicht. Der Schuss eines Scharfschützen macht klar, warum.
Unmittelbar nach dem Abheben zieht der Flugkapitän die Maschine scharf nach links oben in den Himmel. Schwer wiegt das Flugzeug in der Kurve. "Nein, nein, da wollen wir nicht hin", meint der Pilot lachend und deutet erneut auf das Ende der Landbahn. Dort ist das Grün von Olivenhainen zu erkennen, in denen Stellungen der Rebellen verborgen sind. Als die Maschine nach Damaskus endlich Flughöhe erreicht hat, zündet sich der Kapitän zufrieden eine Zigarette an. "Diese dummen Idioten würden sogar auf eine Passagiermaschine schießen", sagt er dann. "Dabei haben sie schon das ganze Land ruiniert."

Mittwoch, 15. August 2012

Too Much Trust in God

Rebel Flag over Aleppo (photo: AP)
For weeks, the rebels and the Syrian army have been fighting for control of Aleppo, the strategically important trade capital in the north of Syria. Suffering most under the violence in the embattled city is the civilian population. Peter Steinbach reports from Aleppo.
 
 
Quiet reigns in the Salaheddine quarter, if only for a few hours. Here and there, sporadic shots can be heard. Some of the residents use the opportunity to search for belongings in the rubble of their destroyed homes. Drones and combat aircraft circle overhead, but for once do not launch an attack.
The silence lying over the city of Aleppo, the focus of heated battles for the last three weeks, is unusual. The rebels use the breather to bring new fighters into position and to replenish their dwindling stores of ammunition.
The goal of the Free Syrian Army (FSA) is to win back lost territory. The regime troops of President Bashar Assad have pushed the rebels to the outskirts of Salaheddine. "Strangely, they didn't advance any further though", says Ahmed, an activist in the opposition. "Instead, they positioned snipers in buildings and on rooftops. They can therefore survey and control the area."
A city in shambles - snapshot from Aleppo (photo: AP)
The battle zone expands: Government troops have intensified their attacks on the rebels in Aleppo. Syrian human rights observers report that they have launched assaults on several city districts and are receiving constant reinforcements in preparation for an even bigger attack
The district in the south-western part of Syria's business metropolis has great strategic as well as symbolic importance. When the FSA occupied parts of Aleppo on 20 July, the various rebel militias came together in Salaheddine. They founded the "Union of Unity" and concentrated most of their fighters there.
It's no wonder, then, that the Syrian army has pinpointed this neighbourhood for its offensive. For them, it is the lynchpin for taking back the industrial city of Aleppo from the hands of the "terrorists and foreign fighters".
Constantly in the line of fire
At first only a menacing buzz is heard, and a swirling brown dot is seen approaching in the sky. Then comes a deep roar as the plane tilts its nose downward and swoops past at low altitude. A few seconds later the Russian-made Sukhoi ground attack aircraft fires a round out of its 23 mm cannons and ascends into the sky again. The ammunition, which explodes on impact, rips off the facade of a shop and destroys the living quarters on the first floor.
"The bombing attacks by the Syrian air force are the hardest part for us", says Abu Ali, a rebel commander who fought with his battalion in Salaheddine for days on end. The 25-year-old is now recovering in Azaz, approximately 45 kilometres from Aleppo.
Azaz is one of towns along Syria's border with Turkey that is now in the hands of the insurgents. Abu Ali has an injured leg, caused by a fragment from an armour-piercing shell. But that's the least reason why he is now at home. Although he can only walk with the help of crutches, he plans to soon return to the front to lead his battalion with a handheld radio.
Certain of victory – with or without weapons
In his home town of Azaz, the young commander is a hero who is joyously welcomed and kissed by all. One notices how much the 25-year-old identifies with and enjoys this role. "We don't need more fighters", Abu Ali asserts, "we need more weapons to win the war. Anti-tank weapons, to take apart the T-82, but above all anti-aircraft artillery to ward off the planes and helicopters." Then the rebels would without doubt win the war, he says.
FSA commander Abu Ali (photo: Joshua Archer)
Revered as a hero in his hometown of Azaz: Despite his war injuries, rebel commander Abu Ali is still active, giving his battalion orders by radio
For most of the inhabitants of Azaz and other towns and villages in rebel territory, it goes without saying that the insurgents will prevail in the end. With or without new weapons. "We can only win," shouts a woman who has lost her three sons as martyrs to the civil war. "We have Islam on our side and the regime has no religion." For her, that means losing is impossible.
In this arch-conservative region, Islam plays an important role in the revolution. Their trust in God provides motivation for the fighters, and religion presents a positive counter-model to the demonic Assad regime. "I don't need a bullet-proof vest", says Diab, a young FSA man, and beats his fist against his chest several times. "Allah will repel the bullets. And when my time comes, I will go to paradise as a martyr."
Deserted by God
As he says this, Diab spreads both hands and raises them to the sky. One might say that the rebels trust in God a bit too much when they go to the front as if they were invulnerable. Like Abulabed for example, who drove a taxi before he joined the revolution. He plants himself in the middle of the road and points a finger up at the sky, shouting: "No problem!" But a ground attack aircraft is circling above his head, the rebel headquarters of Aleppo in its sights.
It can descend and start firing at any moment. This time, everything goes well. Abulabed smiles: "God is on our side." The next day, however, Allah deserts him. Abulabed is shot dead.
On the Turkish side of the border, there are rumours that heavy modern artillery has arrived. "It is only a matter of time before they are used in Syria", assures Abu Zaid, an opposition activist in Antakya.
The ancient Roman city once known as Antioch is an FSA base. From here, the supply of ammunition and fighters to Aleppo is organised, the wounded are treated in secret hospitals, and fighters take holidays from the war. Turkey gives the FSA license to do as it pleases, and the country's intelligence service even helps smuggle weapons across the border.
Saudi support
A command centre has been set up in Adana – in cooperation with Saudi Arabia and Qatar. The two Gulf States are the main sponsors of the insurgents, supporting them both financially and with arms deliveries. Not all of the money and weapons end up in the hands of the FSA, however.
Hope for a military breakthrough soon: For most of the residents of Azaz and other villages and towns in rebel territory, it goes without saying that the insurgents will win. With or without new weapons. Pictured: children playing on the rubble in front of a destroyed mosque
photo: Joshua Archer
"The Saudis prefer to give their money to the Muslim Brotherhood", says a rebel who wishes to remain unnamed because he is entrusted with the task of acquiring weapons and funding. "And the Muslim Brothers are not participating at all in the fight against Assad." They have sleeper battalions, he says, which they will only call into action once the revolution is over. "Then they will fight against us, the FSA."
The region around Antakya is the destination of thousands of new refugees from Aleppo. In the first two weeks after the rebel occupation, hardly anyone left the city. Now that the regime forces have stepped up their offensive, however, people throughout the city are packing to go. Families try to load all their belongings onto the platforms of small trucks. Lamps, furniture, carpets, crockery, mattresses and even the gas canisters from the kitchen cooker.
Those who have no wheels available drag heavy bags around with them. The father staggering under the weight of his load, the mother holding a baby in her arms and grasping her child's hand. Looking for a bus taxi that will take them away from here as quickly as possible.
In the wake of the war
Since the beginning of the 17-month civil war, the residents of Aleppo had largely been able to lead a normal life. There were only a few small street protests. The industrial city was regarded as a bastion of the regime in Damascus.
But the peaceful interlude came to an abrupt end when the FSA invaded the town. Food became scarce and went up to five times the former price. People now have to queue up for hours for a loaf of bread, power outages are frequent, and petrol is only available on the black market, at exorbitant prices. Many people are angry at the FSA and the war they brought to Aleppo. "Of course I want freedom, but not in this way", explains an older shop owner. He is one of the few whose shop is still open these days.
The brief respite in Aleppo is suddenly over. Salaheddine sees more heavy combat. The Syrian army shells the neighbouring district of Saif al-Dawla with heavy artillery, along with the Bustan al-Qasr and Al-Masharaqa neighbourhoods to the west.
"The army is trying with all the means at its disposal to drive us out of this part of Aleppo", says Abu Ali, the wounded commander from Azaz. He evidently won't be staying home for long. Soon he will be standing in Salaheddine again on his crutches and giving instructions his battalion over the radio.
Peter Steinbach
© Qantara.de 2012

Mittwoch, 18. Juli 2012

Fragen zum Massaker

Mehr als 250 Menschen sollen in Tremse, einem kleinen Dorf nahe der Stadt Hama, getötet worden sein. Darunter viele Frauen und Kinder. Die Täter: Soldaten der syrischen Armee. So die erschreckende Meldung über ein neues Massaker im syrischen Krieg. Es wäre das bisher grösste seit Beginn des Blutvergiessens vor 16 Monaten.
Die Empörung weltweit ist gross. US-Aussenministerin Hilary Clinton sprach aufgebracht von «unzweifelhaften Beweisen, dass das syrische Regime absichtlich unschuldige Zivilisten tötete.»
Doch was wissen wir tatsächlich über das Massaker von Tremse? Von heftigen Kämpfen und Hubschraubern, die Raketen abschossen, berichtet die Patrouille der syrischen UNO-Beobachtermission gestern. Sie kam am Freitag bis auf sechs Kilometer an das Dorf heran. Die Kämpfe hätten begonnen, nachdem die Freie Syrische Armee (FSA) einen Konvoi der Regierungstruppen angegriffen hatte. «Unsere Patrouille», so heisst es im zweiseitigen Bericht der UNO, der gestern veröffentlicht wurde, «erhielt mehrere Anrufe von lokalen Kontakten in Tremse, die behaupteten, 50 Menschen seien getötet und 150 verletzt worden.»
Alle weiteren Informationen über das Geschehen in dem Dorf stammen von syrischen Rebellen. Sie berichten von «stundenlangem Beschuss von Panzern und Hubschraubern», der am frühen Donnerstagmorgen begann. Das überwiegend von Sunniten bewohnte Dorf sei von der syrischen Armee von allen Seiten umstellt gewesen. Die Dorfbewohner hätten nicht fliehen können.
Nach dem Ende des Bombardements seien Bashiah, die zivilen Milizen des syrischen Regimes, ins Dorf gestürmt :«Sie mordeten und schlachteten jeden Einzelnen, verbrannten die Verwundeten und die Leichen der Märtyrer», sagte ein Sprecher des oppositionellen, lokalen Koordinationsbüros.
Doch die Berichte der Rebellen werfen Fragen auf. Wie üblich veröffentlichten die Medienverantwortlichen der Auständischen zwar Videos im Internet. Sie zeigen die Leichen von etwa 15 jungen Männern, alle im kampffähigen Alter. Einer von ihnen scheint eine schusssichere Weste zu tragen. Es ist das erste Mal, dass die Rebellen keine drastischen Bilder von ermordeten Frauen und Kinder ins Netz stellten. Offensichtlich existieren sie nicht, denn bei allen anderen, ähnlich tragischen Vorkommnissen hat man darauf nicht verzichtet.
Widersprüche gibt es auch bei der Dokumentation der Opfer durch oppositionelle Organisationen. Das Syrische Observatorium für Menschenrechte (SOHR), ein Ein-Mann-Betrieb aus einem Zweizimmerappartement im britischen Coventry, das weltweit von den Medien zitiert wird, wenn es um Opfer im Krieg in Syrien geht, spricht von 150 Toten. Von nur 40 besitzt es die Namen. Ebenfalls eine Besonderheit, denn bei anderen Massakern wurde die komplette Namensliste geliefert.
Dutzende der Toten, so das SOHR weiter, sollen FSA-Kämpfer sein. Das Sham Nachrichten Netzwerk (SNN) hatte am Samstag noch nicht die Gesamtzahl der Toten ermittelt, sprach aber bis dahin von sieben toten Zivilisten. «Der Rest waren Kämpfer der FSA.» Auch eine Vertreterin des Medienzentrums in Hama behauptete, dass «eine grosse Anzahl von Rebellen im Kampf mit der syrischen Armee getötet wurde.»
Sollten Teile der Rebellen vorschnell von einem Massaker an unschuldigen Zivilisten gesprochen haben? Schliesslich wissen  Sie, dass jede weitere Gräueltat, die dem Regime von Präsident Bashar Assad angelastet wird, sie einer westlich geführten militärischen Intervention einen Schritt näher bringt. Ihr Credo lautet offenbar: Assad muss fallen, auch wenn die Wahrheit dabei auf der Strecke bleibt.

Milizen sind die größten Gegner der neuen Regierung

Bei der Wahl in Libyen haben die Liberalen triumphiert. Doch der Sieg ist fragil. Noch immer regieren Milizen ganze Städte. Werden sie ein demokratisches Libyen überhaupt akzeptieren?

Sie hatten den Tod Muammar al-Gaddafis auf den Straßen gefeiert. Die Verhaftung seines Sohnes Saif al-Islam, den Tag der Befreiung und den Jahrestag der Revolution. Der Wahltag war ebenfalls ein Anlass für zehntausende von Libyern für nationale Gesänge, Fahnenschwingen und Hupkonzerte.
Nur war diesmal alles noch emotionaler. Viele hatten Tränen in die Augen. "Ich bin jetzt über 50 und wähle zum ersten Mal in meinem Leben", sagte ein Familienvater. "Ich kann es immer noch nicht fassen", sagte Nadia, eine Studentin, die als Freiwillige in einem Wahllokal in Tripolis arbeitete.
Kein Wunder nach 42 Jahren unter einem autokratischen Herrscher, der jede Opposition brutal unterdrückte und Parteien als "Ausgeburt des Teufels, als undemokratische Werkzeuge des Imperialismus" verboten hatte. Und nun gab es plötzlich Hunderte von Parteien und mehr als 3500 Kandidaten für 200 Parlamentssitze, die man frei wählen konnte. Neun Monate nach dem Ende eines blutigen Bürgerkriegs mit mehreren Tausend Toten war die Wahl ein greifbares politisches Zeichen, dass sich endlich etwas bewegt.
 
Im Westen hatte man befürchtet, in Libyen könnten sich die Wahlresultate der Nachbarländer Ägypten und Tunesien wiederholen. Dort brachte der Arabische Frühling Islamisten in die Regierung. Nach dem vorläufigen Endergebnis der libyschen Wahlkommission ist es jedoch die als liberal geltende Partei "Allianz der Nationalen Kräfte" (NFA), die die ersten freien Wahlen seit der Machtergreifung Gaddafis 1969 gewonnen hat. Die NFA erhielt 39 der insgesamt 80 Sitze, die für die Parteien im Parlament vorgesehenen sind.

Islamisten sind weit abgeschlagen

Weit abgeschlagen mit 17 Abgeordneten die islamistische "Partei für Gerechtigkeit und Aufbau" (PJC). An dritter Stelle, mit drei Sitzen, folgt die Nationale Front Partei (NFP), die, nach Aussagen ihres Führers Muhammad Magaraif "keine islamistische Partei, sondern eine nationale oder patriotische" ist. Die restlichen 21 Sitze teilen sich 18 verschiedene Gruppierungen, darunter die Nationale Zentrumspartei (NCP) mit zwei Abgeordneten, die von Ali Tarhouni, einem erklärten Säkularen und ehemaligen Ölminister im Nationalen Übergangsrat, angeführt wird.
Der Gewinner der Wahl, die NFA, ist ein Bündnis aus mehr als 60 Parteien und zwölf zivilen Organisationen. An seiner Spitze steht Mahmud Dschibril, während des Bürgkriegs Premierminister im Nationalen Übergangsrat und Galionsfigur der libyschen Revolution. Der heute 60-Jährige, der in den USA seinen Doktor in Politologie machte, leistete damals bei westlichen Regierungen die entscheidende Überzeugungsarbeit für eine militärische Intervention.
Sehr wahrscheinlich ist es das, was Dschibril bei den Wählern so populär machte. Die gesamte Wahlkampfkampagne der NFA war auf seine Person ausgerichtet, sein Bild in Libyen allgegenwärtig, als wäre er der einzige Kandidat der Partei. Dabei ist er, wie alle anderen ehemaligen Mitglieder des Übergangsrates, von den Wahlen grundsätzlich ausgeschlossen. Seine Gaddafi-Vergangenheit – Dschibril war 2007 Chef des libyschen Nationalen Planungsbüros und arbeitete gemeinsam mit Saif al-Islam, der als sein guter Freund gilt, an einer neuen Verfassung – tat der Begeisterung der Wähler keinen Abbruch.
Ein weiterer Grund von Dschibrils Erfolg: Dem erfolgreichen Geschäftsmann traut man den Wiederaufbau des Landes am ehesten zu. Er wird mit dem Westen, der als Partner eines wirtschaftlichen Neubeginns gebraucht wird, keine ideologischen Konflikte provozieren. Dschibril ist bekannt für seinen Pragmatismus und seine Bereitschaft für konstruktive Kooperation. Eigenschaften, die auch innenpolitisch gefragt sind, um endlich das herzustellen, was den Libyern am meisten am Herzen liegt: sozialer Frieden und Sicherheit. Dschibril ist gegen die Macht der Milizen, von denen Hunderte noch immer das Land kontrollieren und seine Bewohner in Angst und Schrecken versetzen.

"Regierung muss Islam integrieren"

Mit islamistischen Parteien in Regierungsverantwortung wären Konfrontationen mit dem Westen vorprogrammiert – schon wegen der Einführung der Scharia, dem islamischen Rechtssystem. "Im Islam gibt es keine Alternative", behauptet Mohammed Sawan von der fundamentalistischen PJC, dem politischen Arm der Muslimbruderschaft. "Die Regierung muss den Islam in jedem Aspekt ihrer Arbeit integrieren." Und das bedeutet für den Parteivorsitzenden: die Einführung der "Scharia als einzige Quelle des Rechtssystems". Eine Zusammenarbeit mit der NFA ist deshalb unwahrscheinlich, da die Partei keinen religiösen Staat, sondern einen zivilen möchte. An die Scharia angelehnt, aber nicht mit dem Gebot der Ausschließlichkeit. "Dschibril glaubt, dass die Scharia nur auf bestimmte Aspekte des Lebens anzuwenden sei", erklärte Islamist Sawan. "Das sind die gleichen Ansichten, wie sie Gaddafi hatte."
Die PJC arbeitet an einer Mehrheit im Parlament. Neben den 80 Abgeordneten der Parteien gibt es weitere 120 Sitze, die unabhängigen Kandidaten vorbehalten sind. "Rund 20 unserer Mitglieder haben unabhängige Sitze bekommen und wir sprechen mit vielen anderen parteilosen Abgeordneten", sagt der PJC-Vorsitzende Sawan zuversichtlich. Zudem stehe man mit zehn Parteien in Kontakt, um eine Mehrheit zusammen zu bekommen. Die Mehrheitsverhältnisse im neu gewählten Parlament, das eine Übergangsregierung und eine verfassungsgebende Versammlung bestimmen soll, sind noch nicht klar.
Innerhalb der nächsten zwei Wochen wird sich entscheiden, ob Liberale oder Islamisten mit der Regierungsbildung beauftragt werden. In 14 Tagen läuft die Frist für Einsprüche gegen die Wahlergebnisse ab.
Nun beginnt ein regelrechter Kuhhandel – umsonst werden in Libyen keine Allianzen gewonnen. Da spielen Stammes- und Familienzugehörigkeit eine Rolle, Geld, Posten und Gefälligkeiten. Vetternwirtschaft und Korruption prägen große Teile von Gesellschaft und Politik. Bestes Beispiel: Hunderte von Millionen Euro an staatlichen Unterstützungsgeldern wurden betrügerisch erschlichen, als sich Tausende von Menschen als Rebellen und Verwundete ausgaben oder sogar Tote meldeten, die nicht existierten.

Milizen regieren mehrere Städte

Die größte Herausforderung für jede neue Regierung sind jedoch die Milizen. Wie ein neuer Bericht der internationalen Menschenrechtsorganisation Amnesty International zeigt, besitzen Milizen die Macht in Libyen. Sie haben Tausende von Menschen vertrieben und ihre Häuser abgebrannt.
Sie verhaften, foltern, morden nach Gutdünken und genießen per Gesetz Immunität, da "sie die Revolution schützen". Um der Gesetzlosigkeit Herr zu werden, gründete die Übergangsregierung die Obersten Sicherheitskomitees, die 100.000 Mann umfassen.
Ein Großteil der Milizen, die dazu gehören, hat aber nur die Uniform gewechselt. Offiziell sorgen sie für Sicherheit, begehen aber weiterhin Verbrechen. Mehr als 5000 Häftlinge sitzen nach Angaben von Amnesty in Gefängnissen der Milizen: willkürlich verhaftet, verprügelt und misshandelt.

Misrata und Bengasi – von Milizen regiert

Die große Frage ist, wie diese bewaffneten Gruppen reagieren werden, wenn die Regierung ihnen ihre Macht zu nehmen versucht. Misrata hat eine der stärksten Milizen, bekannt für ihre radikal-islamistische Haltung. Werden sie Anweisungen einer liberal-moderaten Regierung unter Dschibril befolgen?
In Bengasi, wo es im Vorfeld der Wahlen Proteste gegen die Dominanz der Hauptstadt gab, wird man ebenso wenig begeistert sein. Dort wurde in diesem Jahr mit der Gründung einer Föderation Ost die Basis für einen eigenen Staat geschaffen.
In Zintan verhaftete man die Anwälte des Internationalen Strafgerichtshof, die Saif al-Islam besuchten. Als mutmaßliche "Spione" saßen sie wochenlang im Gefängnis.
Ein demokratisch gewähltes Parlament ist ein Meilenstein auf dem Weg Libyens in die Zukunft. Aber für die Erfolgsgeschichte, als die das Land im Westen bereits gilt, müssen noch einige Kapitel geschrieben werden.

Montag, 2. Juli 2012

"Lange werden wir nicht mehr warten"


Syrische Widerstandskämpfer bereiten Offensive im Norden vor 


Ein ausgebrannter Panzer neben der Straße, den eine unter der Fahrbahn versteckte Bombe in den Graben wuchtete. In den Häuserwänden klaffen Löcher vom Granatenbeschuss. Die Straßen sind mit riesigen Felsbrocken und Steinschutt versperrt. Vor zehn Tagen kontrollierten hier, in der Nähe von Hawar, noch Soldaten der syrischen Armee alle Fahrzeuge. Heute sind es die Kämpfer der Freien Syrischen Armee (FSA), die die Wagen freundlich durchwinken. Siegessicher lachende junge Männer, die ihre Kalaschnikows neben den Motorrädern im Schatten der Bäume liegen haben. Innerhalb einer Woche konnten die Rebellen das befreite Gebiet ausweiten und stehen nun zehn Kilometer vor Aleppo, der größten Stadt Syriens.
Ob Sammeltaxis oder Lkws, die Tomaten, Aprikosen oder Elektrogeräte transportieren, alle müssen durch das Gebiet der "Terroristen", wie der syrische Präsident Baschar al-Assad die FSA nennt. Die Fahrer kümmert es wenig. Ärgerlich sei nur, dass die Fahrtroute zwischen Aleppo und der 45 Kilometer entfernten türkischen Grenze ständig wechselt und über holprige Pisten führe. "Mal wird hier geschossen, mal dort gekämpft", sagt Faruk fast belustigt. Er fährt die Strecke seit zwölf Jahren. "Man muss sich eben durchfragen."
In Dana, etwa fünf Kilometer vom syrischen Grenzübergang Bab al-Hauwa entfernt, ist ein Kiosk mitten auf dem Dorfplatz Treffpunkt und Tankstelle zugleich. Rebellen, noch sichtlich müde vom nächtlichen Kampfeinsatz, trinken gemütlich Cola und tauschen dabei Informationen und Geschichten aus. Ständig halten Fahrzeuge der FSA, die hier aufgetankt werden. Hinter dem Kiosk stehen mehrere 200 Liter große Plastikbehälter. Benzin wird in diese Gegend vom syrischen Regime schon lange nicht mehr geliefert. Aber selbst in Aleppo ist es Mangelware und nur mehr auf dem Schwarzmarkt zu erhöhten Preisen erhältlich. Die FSA hat mehrere Ölpipelines in die Luft gesprengt. Kilometerlang sind in Aleppo die Schlangen vor den Tankstellen. Die Autofahrer legen sich dabei oft unter ihre Fahrzeuge, zum Schutz vor der Sonne. Bei Temperaturen bis 45 Grad mehr als verständlich.
In Dana ist man optimistisch. "Wir werden Assad und sein Regime besiegen", erklärt Ahmed, ein junger Kämpfer. "Wir warten nur auf Raketen, mit denen wir Hubschrauber abschießen können." In einigen Wochen sollen sie geliefert werden, meint der 24-Jährige zuversichtlich. "Dann können wir auch tagsüber kämpfen", wirft Mohammed ein, der gerade dazukommt. Er ist Lehrer an der hiesigen Schule. Die Kampfhubschrauber der syrischen Armee sind für die FSA die größte Bedrohung. Sie verfügen über schwere Maschinengewehre und Raketen. Deshalb starten die Rebellen ihre Operationen in der Regel nie vor Sonnenuntergang. "Sobald sie uns am Boden sehen, eröffnen sie das Feuer", erzählt Ahmed. "Im freien Gelände, in dem es fast keinen Schutz gibt, ist das tödlich." Aber wie durch ein Wunder, meint Mohammed, der Lehrer, sei das Dorf noch nie beschossen worden. "Nur die Stellungen der FSA, außerhalb in den Bergen", versichert er mehrmals. "Die Piloten müssen gute Menschen sein, heißt es bei uns im Ort schon." Sein Dorf mag Glück gehabt haben, andere Städte und Dörfer in Syrien hatten das nicht. Sie wurden von Regierungstruppen gnadenlos beschossen und vielfach in Schutt und Asche gelegt. Etwa 15.000 Menschen, davon die meisten Zivilisten, sind bisher im 16-monatigen Bürgerkrieg umgekommen. Und fast täglich kommen Hunderte Opfer hinzu.
"Bald werden wir den Grenzübergang Bab al-Hauwa einnehmen", sagt der junge Rebell Ahmed. Ein FSA-Offizier, der seinen Wagen tankte, kommt hinzu und bestätigt: "Lange werden wir nicht mehr warten. Die Waffen, die wir dazu brauchen, sind unterwegs." Woher sie kommen, will der über 40-jährige Soldat jedoch nicht verraten. Katar und Saudi-Arabien hatten vergangene Woche angekündigt, die syrischen Rebellen finanziell und mit Waffenlieferungen zu unterstützen. Laut Medienberichten sind auch Vertreter des US-Geheimdienstes CIA vor Ort, um Oppositionsgruppen auszuwählen, die man bewaffnen will.
"Wir müssen auf Hilfe aus dem Ausland nicht warten", behauptet der FSA-Offizier, der seinen Namen nicht nennen will. "Wir holen uns selbst, was wir brauchen." Er meint wohl die Waffenlager der syrischen Armee, die von der FSA kürzlich geplündert wurden. Am 23. Juni bedienten sich die Rebellen in einer Kaserne in Deir al-Saur, einer Stadt im Osten des Landes. Aber für die FSA, die in der Region Aleppo operiert, war die Eroberung des Stützpunkts des Bataillons 1041 der syrischen Luftabwehr ein Volltreffer. In Darat Essah, nur zwei Kilometer von Dana entfernt, gab es alles, was ein Rebellenherz begehrt. Neben reichlich Gewehren und Munition auch Flugabwehrgeschütze sowie Panzerabwehrraketen, die man von der Schulter aus abschießt und die ihr Ziel selbst suchen.
Der Grenzübergang von Bab al-Hauwa ist wie eine kleine isolierte Insel. Die diensthabenden Beamten arbeiten und wohnen dort gleichzeitig, denn ihren Arbeitsplatz verlassen können sie nicht. Es sei denn mit dem Hubschrauber. 500 Meter vor dem Übergang befindet sich eine Stellung der syrischen Armee mit einigen eingegrabenen Panzern. Die letzte und einzige Stellung, die den Grenzposten vom FSA-Territorium trennt und vor einer möglichen Eroberung schützt. Geschäfte, Restaurants und Geldwechselstuben in der Nähe dieser Stellung sind ausgebrannt, zerschossen und zerbombt. Jede Nacht werden die syrischen Truppen von FSA-Einheiten angegriffen.
Auf der türkischen Seite, in der Stadt Antakya, wird fieberhaft an der Organisation des bewaffneten Kampfes gegen die Regimetruppen im Raum Aleppo gearbeitet. "Wir versuchen möglichst viele neue Bataillone aufzustellen", erklärt Mohammed Hamudi, der selbst eine 90 Mann starke Einheit in Lattakia anführt. Hamudi gehört nicht offiziell zur FSA-Führung. Er ist aber Teil des inneren Zirkels und trifft sich regelmäßig mit dem FSA-Chef Mustafa al-Scheich. 80 Prozent aller Kämpfer der syrischen Opposition, so behauptet Hamudi, würden den Oberbefehl der FSA akzeptieren. "Wir brauchen Disziplin und koordiniertes Vorgehen", sagt er aufgewühlt. Man sieht dem schmächtigen, aber kräftigen Mann noch an, dass noch ein Rest von Adrenalin durch seine Adern pumpt. Hamudi hat heute 5000 Schuss Munition über die Grenze gebracht und ist wieder in die Türkei zurückgekehrt. Er wäre lieber weiter zu seiner Einheit gefahren, aber in Antakya gebe es Wichtiges zu besprechen. "Wie ich sind al-Scheich und der Rest der FSA-Führung überzeugte Säkulare, die Demokratie, freie Wahlen und eine Trennung von Staat und Religion wollen. Aber es gibt islamistische Kräfte, die mehr und mehr Überhand nehmen."
Der Feldkommandeur meint damit in erster Linie die Muslimbruderschaft. Sie dominiert bereits den zivilen Syrischen Nationalrat (SNC), der seinen Sitz in Istanbul hat. "Nun wollen sie auch militärisch bestimmen", sagt Hamudi. Auch ihm hätten sie schon große Summen angeboten, falls er mit seinem Bataillon unter dem Banner der Muslimbruderschaft kämpft. "Aber das kommt unter keinen Umständen infrage", meint der Rebellenführer sichtlich aufgebracht. "Ich war zweimal auf Pilgerfahrt in Mekka. Für mich ist es kein Widerspruch, wenn ich Alkohol trinke. Aber diese Leute werden diese Freiheit nicht zulassen." Natürlich werde die Muslimbruderschaft aus den Golfländern finanziert, führt er aus. Seiner Meinung nach wird die Muslimbruderschaft bald die am besten ausgerüstete Miliz haben, die gegen die Truppen von Präsident Assad kämpft.
Als das Gespräch auf radikal-militante Salafisten kommt, die auch in der Nähe von Idlib an Checkpoints stehen, wird der Ärger Hamudis noch größer. "Sie bekommen ihr Geld aus Katar und Saudi-Arabien", behauptet der Kommandeur, der vor Beginn des Bürgerkriegs ein erfolgreicher Geschäftsmann war. "Im Norden Syriens gibt es nur wenige salafistische Bataillone, dafür aber mehr im Süden." Er meint damit die Region um Homs, unweit der Grenze zum Libanon. Sie kämen aus dem Nachbarland nach Syrien, um das ungläubige wie gotteslästerliche Regime Assads zu stürzen. Die Dschihadisten kommen aber inzwischen aus aller Herren Länder - der Kampf in Syrien ist längst nicht mehr allein Sache der Syrer.

Damaskus erwartet den Sturm

Der Bürgerkrieg hat die Außenbezirke der Hauptstadt erreicht 


Er hat ein kleines Hotel, gleich um die Ecke vom legendären Al-Hamidiah-Suk in Damaskus. Das Passwort für das Internet auf dem Zimmer lautet "march15". Deutlicher könnte das Statement für die Opposition nicht sein. Denn am 15. März vergangenen Jahres fand der erste "Tag des Zorns" gegen das Regime von Baschar al-Assad statt. Was seit Januar 2011 mehrfach fehlgeschlagen war, funktionierte an diesem Tag: Landesweit gingen die Menschen zeitgleich für die Demokratie auf die Straße. Eine Bewegung, die nicht mehr zu stoppen war. Aber mit friedlichen Demonstrationen ist es mittlerweile vorbei. In Syrien herrscht Krieg seit die Opposition, ein Sammelbecken divergierender Gruppen, den bewaffneten Kampf beschlossen hat. "Ich bedauere das sehr", sagt der Hotelbesitzer. "Nur mit friedlichen Mitteln kann man dauerhafte Reformen und Demokratie schaffen." Polizeiautos in die Luft jagen und junge Wehrpflichtige exekutieren, das sei keine Lösung. "Unser politisches System ist beileibe nicht gut", fährt er fort. "Wir brauchen Reformen und auch einen neuen Präsidenten, aber durch Verhandlungen und nicht mit der Waffe in der Hand."

Ganz anderer Meinung ist Sakaria, ein 25-jähriger Taxifahrer in Damaskus. "Freiheit hat es in Syrien nie gegeben. Nun sind wir auf dem besten Weg dahin." Als vor seinem Taxi ein offener Truppentransporter auftaucht, deutete er nacheinander auf jeden der jungen Soldaten: "Weg mich euch! Du bist tot, und du, und du bist auch tot." So müsse das gehen, sagt er lachend. Aber zunehmend wird es ernst in Damaskus.
In der syrischen Hauptstadt sind jede Nacht Schüsse und Explosionen zu hören. Sie kommen aus Duma oder al-Midan, zwei Vororten von Damaskus. Fast jede Nacht, gegen zwei Uhr, beginnen dort die Rebellen ihre Angriffe auf Stellungen der syrischen Armee. "Sie sind sehr schwer kleinzukriegen", sagt ein Militär, der unerkannt bleiben will. "Sie greifen nie an der gleichen Stelle an, und weil sie hier wohnen, haben sie gute Ortskenntnisse. Bei Sonnenaufgang gegen halb sechs sind sie wieder verschwunden."
Die syrische Armee führt den Kampf eines Sisyphos. Nur selten konzentriert sich der Widerstand in einem großen Ort, den man bombardieren kann. Wo das möglich ist, sind die Verwüstungen schrecklich. Bestes Beispiel ist Homs: Von der drittgrößten Stadt Syriens ist kaum mehr etwas übrig. Im März hatten sich die Rebellen von dort zurückgezogen. Aber der Triumph der Armee währte nicht lange. Die Freie Syrische Armee (FSA) ist drauf und dran, den Stadtteil Baba Amr, ihre einstige Hochburg, wieder unter Kontrolle zu bringen.
Ein Sympathisant der Rebellen erklärt von dort telefonisch, etwa 800 Zivilisten seien zwischen den Fronten des Häuserkampfes eingeschlossen, Leute, die nicht wissen, wohin sie fliehen sollen und die vor allem kein Geld für eine Flucht haben. Der oppositionelle Syrische Nationalrat behauptet sogar, es seien mehr als 1000 Familien und ein neues Massaker stehe bevor.
In der Gegend von Aleppo im Nordwesten des Landes sind die Rebellen noch weiter vorangekommen. Hier kontrollieren sie das Gebiet unmittelbar hinter der Grenze zur Türkei bis auf zehn Kilometer vor der Stadtgrenze der Millionenmetropole. Von der Luftwaffenakademie in Aleppo feuern schwere Geschütze nachts in das Rebellengebiet. Tagsüber starten von dort Helikopterangriffe. Aber noch, so sagen die Bewohner des Hinterlandes, gebe es kaum zivile Opfer. "Die Leute hier sagen, die Piloten müssen gute Menschen sein, weil sie nie aufs Dorf schießen, sondern nur rundherum", sagt ein junger FSA-Angehöriger, der nahe Aleppo kämpft.
Für die Regierungstruppen wird es in Zukunft noch schwieriger, den Angriffen der Rebellen standzuhalten. Was Katar und Saudi-Arabien schon immer wollten, ist nun beschlossene Sache: Die Rebellen bekommen in Zukunft eine Art regulären Sold von 25 Dollar im Monat, bezahlt aus den Geldquellen am Golf. Damit will man Soldaten zum Desertieren bringen. Und es wird natürlich Waffenlieferungen im großen Stil geben. Die Türkei erlaubt eine Kommandozentrale auf ihrem Territorium, von wo aus die Operationen der FSA geleitet werden sollen. Rund 20 Syrer sollen dort arbeiten.
Eine große internationale Verschwörung wittert Pfarrer Gabriel von der Syrisch-Orthodoxen Kirche in Bab al-Tuma. Das christliche Viertel liegt am Rande der Stadt. "Ob Saudi-Arabien, Katar, die USA oder Israel, sie wollen unter allen Umständen einen Sturz des Regimes", sagt der Priester. Rücksicht auf Menschenleben werde nicht genommen. "Die Rebellen vertreiben und massakrieren die christliche Bevölkerung in großem Stil. Bekommen wir hier irakische Verhältnisse?" Pfarrer Gabriel meint die über eine Million Glaubensbrüder, die seit dem Krieg 2003 aus dem Nachbarland fliehen mussten.
In Syrien leben zwei Millionen Christen. "Wenn die gehen müssen, ist das christliche Projekt im Mittleren Osten gestorben", ruft der Pfarrer aufgebracht. Bab al-Tuma ist eine Welt für sich inmitten der Stadt. Die neu gebauten Wohnsiedlungen könnten in einem europäischen Land stehen. Saubere Vorgärten, adrette Kinderspielplätze und teure Autos an den Straßenrändern. Kopftücher sieht man hier kaum, stattdessen freizügig gekleidete Frauen, als wäre man in Paris oder Berlin. Man kauft in teueren Boutiquen, beim französischen Bäcker oder beim libanesischen Metzger. "Wir haben nichts gegen Präsident Assad", sagt ein älterer Lebensmittelhändler. "Aber Reformen wollen wir auch. Mehr Demokratie und freie Wahlen." Mit der angeblich so Freien Syrischen Armee sei das bestimmt nicht zu erreichen. "Sie wollen uns von hier nur vertreiben. Dabei ist Syrien auch unser Land und das schon seit vielen Generationen."
Auch wenn es in Damaskus zunächst den Anschein hat, das Leben verlaufe normal, die Spannung ist allgegenwärtig. In jedem Geschäft laufen Fernseher mit den Nachrichtenkanälen und die Menschen blicken wie gebannt auf die Bildschirme, auch bei den von offizieller Seite geschmähten Sendern al-Dschasira aus Katar und al-Arabia aus Saudi-Arabien. Auf den Märkten und in den Geschäften der Hauptstadt ist zwar noch alles zu haben, aber die Preise sind deutlich gestiegen. Und die Leute kaufen weniger. "Wir haben kaum mehr Gäste", erzählt eine Frau in einem Restaurant der Innenstadt. Vier Kinder hat sie. "Wir wissen nicht, wie wir überleben sollen. Unseren Nachbarn geht es nicht anders." Sie lebte viele Jahre in Europa. Vor einem Jahr kehrte sie heim, mitten in den syrischen Bürgerkrieg. Nach der Scheidung von ihrem Mann hatte der kurzerhand die Kinder nach Syrien entführt. Nun will sie um ihre drei Sprösslinge kämpfen. "Ich liebe Europa", sagt sie leidenschaftlich. "Syrien, das ist doch nichts." Außer vielleicht der Präsident gehe endlich. "Bye, bye", sagt sie und winkt süffisant. Aber ihren Namen möchte sie nicht gedruckt wissen. Wer weiß, was die Zukunft bringt.