Samstag, 22. Oktober 2011

Eine Trophäenschau, wie bei erlegten Tieren

Die Libyer stehen Schlange vor dem Kühlhaus, in dem der entstellte Körper des Ex-Diktators liegt. Im Internet behauptet ein Rebell, die entscheidenden Schüsse abgegeben zu haben.

Es ist der allerletzte Schritt der Entmachtung: Der Diktator liegt tot in einer heruntergekommenen Fleischkühlanlage. Seine ehemaligen Untertanen stehen Schlange, um seine Leiche zu sehen und sich zu vergewissern, dass kein Leben mehr in ihm steckt. Noch schnell ein Foto mit der Handykamera vom verblichenen „großen Revolutionsführer“, der entstellt und reglos am Boden liegt. Das gleiche Spektakel bei Mutassim, einem seiner acht Söhne, der ihm als Sicherheitschef diente und dessen Leichnam neben dem seines Vaters liegt. Eine Trophäenschau, wie bei erlegten Tieren.
Rätsel um Umstände von Gaddafis Tod
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„Gaddafi war schlimmer als Hitler“, behauptet der 23 Jahre alte Mohammed, der in Bab al-Asisa, der ehemaligen Residenz des Diktators, Revolutionsanstecker verkauft. „Er hat Söldner engagiert, um sein eigenes Volk zu ermorden, ließ Zivilisten bombardieren, foltern und hinrichten. Der Mann kannte keine Moral.“

Die Mauern des legendären Gaddafi-Areals haben Bagger mittlerweile eingerissen. Von den Kinderspielplätzen, dem Privatzoo und dem Zeltlager Gaddafis sind keine Spuren mehr zu finden. „Mit einem toten Gaddafi findet Libyen endlich seine Ruhe“, meint Selim Hamidan, ein General der libyschen Armee, der stolz seinen alten und dann den neuen Militärausweis des Nationalen Übergangsrats (NTC) zeigt.

Mit einem Schmunzeln erzählt er, dass er in den Krieg nicht eingreifen musste. „Ich bin bei der Luftabwehr, und die war nach zwei Tagen von Nato-Bombenangriffen außer Gefecht gesetzt. Ich hoffe für meinen Nachwuchs, dass er nun endlich eine Zukunft hat, eine gute Ausbildung und Jobs bekommen wird.“ Der 56-Jährige hat sieben Kinder und verdiente unter Gaddafi selbst als General nur 700 Dinar (350 Euro). Doch nun muss er los, er will noch nach Kanarienvögeln sehen und Bananen mit nach Hause bringen.

"Wie alle Libyer bin ich überglücklich über seinen Tod“

In der ehemaligen Villa Gaddafis sieht sich Fatima Hqaiq um. Sie ist Verlegerin und produziert Bücher für den Unterricht an der Universität. „Ich kenne das Haus schon, wollte es aber noch einmal sehen, nachdem Gaddafi nun tot ist“, erklärt die 47-Jährige. „Wie alle Libyer bin ich überglücklich über seinen Tod.“

Nun könne das richtige Leben beginnen, meint sie euphorisch. Gerade für die Frauen. Leicht sei das in der konservativen libyschen Gesellschaft nicht, aber Gaddafi habe die Frau, über die traditionelle Rolle hinaus, unter Druck gesetzt. Sie vertraue voll und ganz auf die Mitglieder des NTC: „Sie sind gebildet und wissen, was in der Welt gefordert ist.“

In Tripolis wird auf dem Grünen Platz jede Nacht unter schwarzblauem Himmel und Palmen gefeiert. Ein ausgelassenes Volksfest mit lauter Musik, unaufhörlichen Gott-ist-groß-Rufen, aufdringlichem Hupkonzert von Autos, Freudenschüssen der Rebellenkämpfer und glänzendem Feuerwerk. Die Stimmung ist so ausgelassen wie noch nie in der Hauptstadt.

Der Tod Gaddafis bedeutet das Ende des Krieges, der mit den Protesten am 17. Februar im ostlibyschen Bengasi seinen Anfang genommen hatte. Tausende Menschen wurden dabei getötet und verletzt, man schätzt bis zu 40.000 Tote.

Ein Bedauern der Umstände des Todes von Gaddafi oder der Zurschaustellung seiner Leiche gibt es nicht. Die Ankündigung der Vereinten Nationen, eine Untersuchung der Umstände einzuleiten, erntet verständnisloses Achselzucken. „Das können sie ruhig machen, interessiert aber in Libyen niemanden“, meint ein Mann in schwarzer Uniform, der für die Sicherheit rund um den Grünen Platz zuständig ist und alle Taschen geflissentlich kontrolliert.

Angeblich war den Rebellen seit mehreren Tagen bekannt gewesen, dass sich der „Führer“ in seiner Geburtsstadt Sirte aufhalte. „Wir mussten die Information geheim halten“, berichtet Anwar Sawan, einer der Rebellenkämpfer, die in Sirte waren. „Sonst wäre er womöglich noch entkommen. Vielleicht als Frau verkleidet, in einem Auto versteckt, oder er hätte Selbstmord begangen.“

Wenn es der NTC wusste, war es auch der Nato bekannt. Gut möglich, dass die Information auch von den westlichen Alliierten selbst stammte: Sirte stand unter permanenter Luftüberwachung. Der Konvoi Dutzender Fahrzeuge, der aus der umzingelten Stadt ausbrechen wollte, wurde von französischen Jets und einer US-Drohne angegriffen und getroffen. Zwei Militärfahrzeuge brannten aus, acht weitere wurden beschädigt und konnten nicht weiterfahren. Gaddafi flüchtete selbst oder wurde von seinen Begleitern angewiesen, in ein riesiges Abwasserrohr aus Beton unter der Straße vor weiteren Raketenagriffen Schutz zu suchen.

Die Todesumstände des ehemaligen Herrschers Libyens sind eigentlich eindeutig. Er wurde unter Schlägen und Beschimpfungen zum Auto gezerrt. Wie Videoaufnahmen zeigen, war er nur leicht verletzt, als er abgeführt wurde. Deutlich ist ein Streit zu hören, ob man Gaddafi erschießen solle oder nicht. Als die entscheidenden Schüsse fallen, ist Gaddafi nicht mehr im Bild.

„Er kam ins Kreuzfeuer und wurde von einer Kugel in den Kopf getroffen“, hatte Mahmud Dschibril, der Premierminister des NTC, als Todesursache angegeben. Das scheint unwahrscheinlich. Gaddafi war von allen Seiten umringt, als man ihn an seinen Haaren auf die Ladefläche eines Pick-ups zog. Die NTC-Soldaten hätten auch getroffen werden müssen, blieben jedoch alle unverletzt.

Die Kugel, die Gaddafi im Kopf traf, stammte aus einer Pistole vom Kaliber 9 Millimeter, wie ein Rebell versicherte, der an der Gefangennahme seines ehemaligen Führers beteiligt war. Eine Waffe, die Soldaten im Gefecht aus größerer Entfernung nicht benutzen.

Ein neues Video ist inzwischen aufgetaucht, in dem ein junger Rebell behauptet, er habe zwei Mal auf Gaddafi geschossen und ihn in Kopf und Achsel getroffen – nach dessen Festnahme. Er sei dann eine halbe Stunde später gestorben, behauptet der Kämpfer.

Trophäen tauchen auf: Gaddafis angebliche blutbefleckte Jacke, ein goldener Ring, der das Datum der Hochzeit Gaddafis mit seiner zweiten Frau Safia trägt, Gaddafis Schuh, sein goldener Colt. Es bleiben dennoch Fragen, die der Übergangsrat aber wohl nicht gewillt ist zu beantworten: Es werde keine Autopsie geben, dafür aber Wahlen innerhalb von acht Monaten.

Wo ist Saif al-Islam?

Für die Flucht in den Süden der Sahara, Richtung Niger oder Algerien, hatte sich der gestürzte Diktator zu spät entschieden. In diese Länder sind drei seiner Söhne, Tochter Aischa und seine Frau geflüchtet. Über den Verbleib seines Sohnes Saif al-Islam, der das politische Erbe hätte antreten sollen, gibt es widersprüchliche Angaben: Er soll etwa 160 Kilometer östlich von Tripolis verhaftet worden sein. Andere behaupten, er sei getötet oder verwundet worden. Wieder andere meinen, er sei noch frei und auf der Flucht Richtung Niger.

„Sie müssen die jungen Kämpfer verstehen, die Gaddafi verhafteten“, meint Yussef Mrayed, ein Bauingenieur. „Seit acht Monaten kennen sie nur Krieg, und sie sind keine ausgebildeten Soldaten.“ Gaddafi habe sich 42 Jahre lang wie ein Prophet oder Gott benommen, fügt der 65-Jährige an. „Nun ist es vorbei, und wir Libyer können endlich in die Zukunft blicken.“

Mit Freunden und Bekannten will Mrayed eine Partei gründen, was unter Gaddafi untersagt war. „Wir wollen Demokratie und Gerechtigkeit für alle.“ Man sei jetzt überglücklich, betont der Bauingenieur, der in Aachen studierte. Aber es bestehe die Angst, dass die Früchte der Revolution von Islamisten infrage gestellt würden. Er nennt Ismael Sallabi, einen bekannten islamischen Gelehrten und Fundamentalisten, der das 17. Bataillon in Bengasi anführt. „Sallabi hat im Fernsehen offen darüber gesprochen, dass wir in Libyen einen islamischen Staat brauchen.“

"Erklärung der Befreiung"

Vor Abdel Hakim Belhadsch, dem ehemaligen Emir der al-Qaida-nahen Libyschen Islamistischen Kampffront (LIFG), der heute den Militärrat von Tripolis leitet, hat Mrayed keine Angst. „Er hat sich mehrfach zur Demokratie bekannt und erklärt, dass seine Zeit als Kämpfer in Afghanistan und im Irak längst vergessene Historie sei.“

Am Sonntag will Libyen mit der „Erklärung der Befreiung“ ein neues Kapitel seiner leidvollen Geschichte aufschlagen. Es beginnt in Bengasi, an dem Ort, an dem der Aufstand gegen das Gaddafi-Regime im Februar ausbrach. Jetzt wird die Macht neu verteilt, da möchte jede Miliz, jeder der 140 Stämme und jeder Klan seine Pfründe sichern.

Das ganze Land steht noch immer unter Waffen. Gaddafi mag tot und entwürdigt im Kühlhaus liegen. Doch Libyen ist noch immer ein Pulverfass, das leicht explodieren kann.

Sonntag, 28. August 2011

In Gaddafis Kasernen wartet das Grauen

Die Aufständischen finden in den Gebäuden der legendären Chamis-Brigade viel Prunk – und Anzeichen für ein furchtbares Verbrechen.

Ein mehr als 30 Meter langes und 2,50 hohes handgemaltes Gemälde ziert eine Betonwand am Exerzierplatz in Tripolis: Heroisch wehrt die libysche Armee mit Hubschraubern, Panzern, Kampfjets und Kriegsschiffen eine Invasion an der Küste ab. Die Flugzeuge der Aggressoren stürzen ins Meer, die Schiffe versinken brennend.

Das ganze Kriegsgeschehen auf dem Wandgemälde ist in einem sehr pathetischen Stil des realen Sozialismus gehalten und wird von einem Porträt Muammar al-Gaddafis überwölbt, der sich noch immer versteckt hält. Mit dem Blick eines unbezwingbaren Herrschers, natürlich in einer seiner Fantasie-Uniformen, mit viel Pomp und Gloria.

Als das Gemälde entstand, herrschten noch bessere Zeiten für den Diktator und seine Familie. Jetzt liegen alle Gebäude rund um den Exerzierplatz in Schutt und Asche. Die Nato hatte die Kaserne der Brigade von Chamis, dem siebten und mit 28 Jahren jüngsten Sohn Gaddafis, der angeblich bei einem Selbstmordangriff eines libyschen Jetpiloten am 20. März starb, mehrfach aus der Luft angegriffen. Am vergangenen Freitag eroberten die Rebellen die letzte Bastion dieser Elite-Truppe, deren Mitglieder zum Teil sogar in den USA ausgebildet worden waren.

Auf dem Boden verstreut Rasierwasser und Fotos

Es ist ein unüberschaubares Gelände in Salaheddin, ein Viertel im Südwesten von Tripolis, ganz am Rande der Hauptstadt. Die Büros und die Unterkünfte der Soldaten sind verwüstet. Jeweils zu fünft lebten sie in geräumigen Quartieren zusammen. Die Matratzen liegen nun quer übereinander. An der Wand Poster von den Rappern „50cent“ und „Akon“, dazu Zeitungsausschnitte mit Berichten über die Freilassung des Lockerbie-Attentäters Abdelbaset Ali al-Megrahi, als er am 20. August 2009 aus britischer Haft in Libyen ankam.

Auf dem Boden verstreut liegen Rasierwasser, Cremes, Ausweise, Briefe und Fotos der jungen Männer. In den Kleiderschränken hängen Militärjacken und Hosen akkurat, in den Spinden die Uniformmützen, so als würden sie gleich zum Dienst zurückkommen.

Einer von ihnen, Kamal Milda Mehdi, ließ seine Soldabrechnung liegen: 544 Dinar (umgerechnet 270 Euro), abzüglich 35 Euro Vorschuss. Selbst für libysche Verhältnisse ist das nicht sehr viel. Eine durchschnittliche Bezahlung, ausgerechnet für diese Spezialeinheit, die von Chamis al-Gaddafi eigens gegründet worden war, um den „großen Führer“ und seine Familie bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen.

Verwesungsgeruch liegt in der Luft

Aus den hehren Vorsätzen aber wurde nichts. Den Kampf um Tripolis hat die Chamis-Brigade in nur wenigen Tagen mit einer vernichtenden Niederlage verloren. Im Zorn über die Niederlage gegen die „Ratten und Banditen“, wie Vater Muammar al-Gaddafi die Rebellen mehrfach bezeichnete, scheinen einige der Elitesoldaten ihren Zorn und ihren Frust an Zivilisten augelassen zu haben.

Rebellen wollen Gaddafi-Anhänger integrieren

„Für Gaddafi: Sieg oder Tod“ steht an der hohen Mauer eines kleineren Areals, auf dem Bagger und Planierraupen der Chamis-Brigade stehen. Es liegt am Ende einer kleinen Seitenstraße, keine fünf Fahrtminuten von der Kaserne entfernt. Am Tor stehen aufgebrachte, bewaffnete Rebellen, die niemanden auf das Gelände lassen wollen. Immer wieder drängen sie libysche Landsleute ebenso wie ausländische Journalisten aus dem Eingang. Im Gedränge ein Mann, der seine Tränen nicht mehr zurückhalten kann. Laut klagend wird er von einem Freund gestützt und zum Auto gebracht.

Kurz darauf geben die Wachen der Rebellen ihren Widerstand auf. Vor einer Wellblechbaracke liegen zwei männliche Leichen. Der einen wurden mit einer langen Schnur die Füße gefesselt. Man hat melierte Wolldecken über sie gelegt, Verwesungsgeruch liegt in der Luft.

In der Baracke liegen die stummen Zeugen der Massaker, die sich in Tripolis seit dem Sturm der Rebellen in der Nacht zum vergangen Sonntag zugetragen haben und die zu jedem Krieg gehören. In der heruntergekommen Hütte liegen die Überreste von 54 Menschen. Einige von ihnen sind offensichtlich hingerichtet worden. Bei ihnen kann man Kopfschüsse erkennen. Dann wurde Feuer gelegt. Ein schrecklicher Anblick von schwarzen Skeletten, die über den ganzen Boden in der Baracke verteilt sind.
Auch woanders haben die Gaddafi-Schergen gewütet: 75 Tote in Abusalim, weitere 57 im Krankenhaus der Stadt und 35 Leichen in einer anderen Kaserne.

Sechs Monate Aufstand gegen Gaddafi

Nach dem Einmarsch der libyschen Rebellen in die Hauptstadt Tripolis ist die Herrschaft von Muammar al-Gaddafi vorbei.
„Menschenrechtsorganisationen müssen herkommen, um diese Verbrechen Gaddafis aufzuklären“, sagt Mohammad Fatineima aufgebracht. Er wohne in der Nachbarschaft und habe die Gerüchte nicht glauben wollen, sei deshalb extra hierhergekommen, um es mit eigenen Augen zu sehen. „Jetzt kenne ich die Wahrheit, die Wahrheit“, ruft ein älterer Herr mit dickem Bauch in seiner festlichen, blütenweißen Gandora, die man gerne im Fastenmonat Ramadan trägt. Mehr und mehr Libyer gehen ein und aus, um sich das Grauen anzusehen.

Darunter auch Mohammed Abdeslam Abdallah, der behauptet, mit mehr als 100 anderen Männern in der Baracke eingeschlossen gewesen zu sein: 50 Männer aus dem Ort Sawijah, 60 aus Sleitan und vier Schwarzafrikaner. „Alles Zivilisten“, beteuert er. „Wir waren dort seit dem 12. August, man gab uns kaum Wasser und Essen“, erzählt er mit starrer Miene. Ihm sei die Flucht gelungen, weil ihm einer der Wächter geholfen habe.

Mit ihm hätten noch zwei weitere versucht, zu fliehen. „Sie wurden aber erschossen“, sagt er weiter. Ebenso wie der Soldat, der ihnen die Türe aufmachte. Seine Mitgefangen seien aus Angst geblieben. Warum er verhaftet worden sei? „Ich hatte keinen Personalausweis dabei, deshalb nahmen sie mich fest.“

Sie sollen Granaten durch die Fenster geworfen haben

Ein umfassenderes Bild, was passierte, liefert ein Nachbar. „Es war der 23. August, als die Rebellen Bab al-Azizia, den Palast Gaddafis, stürmten. Gleich nach dem Fastenbrechen“, berichtet der Mann, der sich nur Abdelbaset nennt. Es sei bereits dunkel gewesen, als er plötzlich Schüsse hörte und wissen wollte, was hinter seinem Haus vor sich geht.

Drei Soldaten sind demnach zur Baracke gegangen und haben mehrere Granaten durch die vergitterten Fenster geworfen. Danach hätten sie die Schiebetüre aufgemacht und mit ihren Maschinenpistolen auf die Gefangenen geschossen, um sicher zu gehen, dass alle auch wirklich tot sind. Andere Soldaten wollten ihre Kameraden von der Massenexekution abhalten und wurden dafür gleich im Anschluss selbst hingerichtet. „Einer von ihnen musste sich noch niederknien, bevor man ihn tötete“, sagte Abdelbaset, dem die Empörung ins Gesicht geschrieben und der Schweiß auf der Stirn steht.

Der Jubel über den Sieg wird wohl bald der Ernüchterung über die Opfer weichen, die dieser Triumph gefordert hat. Und noch ist es nicht vorbei: In Sirte wird weiter gekämpft.

Freitag, 26. August 2011

"Die Kämpfer sind jung, sie nehmen Drogen"

n Tripolis ist der Krieg vorbei, doch die Gewalt geht weiter. Es häufen sich Berichte über Massenexekutionen und Folterungen mit Hunderten von Opfern.

Seit drei Tagen liegt die Leiche im Wasser, die Wellen an der Corniche von Tripolis bewegen den Körper leicht hin und her. Es ist ein Mann mit Militärstiefeln und Uniform, ein Gaddafi-Soldat könnte er gewesen sein oder ein Rebell. Irgendjemand hat ein weißes Tuch über ihn geworfen.

Doch an anderen Orten in der libyschen Hauptstadt wütet die Gewalt weiter, finden Massenexekutionen statt und Folterungen Hunderter Menschen, wie allmählich bekannt wird. Rebellen und Gaddafi-Loyalisten bezichtigen sich gegenseitig dieser Gräueltaten. Wer in den Tagen nach dem Einmarsch der Rebellen durch Tripolis fährt, findet nicht die Schuldigen. Er sieht nur, dass die Gewalt noch lange nicht zu Ende ist.

Der letzte verzweifelte Kampf

Nach Abu Salim sind es keine zehn Fahrminuten von der Strandpromenade. In dem südlichen Stadtteil haben sich Gaddafi-Anhänger verschanzt und kämpfen ihren letzten verzweifelten Kampf. Schwere Waffen haben sie nicht mehr. Keine Artillerie und auch jene Grad-Raketen, mit denen sie monatelang zu Tausenden Rebellen und deren Städte beschossen, scheinen ihnen ausgegangen zu sein.

Sie feuern mit Dragunow-Gewehren aus russischer Fabrikation. Eine perfide Waffe mit einer Reichweite bis zu 1300 Metern, die verheerende Wunden in Kopf und Körper reißt. Es ist sehr schwierig, gut postierte Scharfschützen außer Gefecht zu setzen. Die Rebellen nehmen schwere Verluste hin und können sich nur Straße um Straße vorankämpfen.

Libysche Rebellen verlegen ihren Sitz nach Tripolis

Bevor der Fahrer nach Abu Salim abbiegt, kurbelt er die Fenster hoch. „Es stinkt hier so, wegen der Toten“, sagt er und hält sich die Nase zu. „Viele Tote“, fügt er hinzu. Links und rechts am Straßenrand liegen verkohlte Autowracks, Wagen die noch halbwegs intakt scheinen, sind zerschossen, die Türen stehen weit offen. Im Vorbeifahren glaubt man, einige in sich zusammengesackte Gestalten zu erkennen. Nach wenigen Minuten erreicht man eine Verkehrsinsel.

Dort liegen rund 20 Tote, die man inzwischen zugedeckt hat. In der Umgebung liegen weitere Leichen auf dem Asphalt verstreut. Ob es Gaddafi-Soldaten oder Rebellen sind, ist nicht auszumachen. Der Fahrer will nicht mehr weiter fahren. „Viel zu gefährlich“, sagt er. „Da kann man leicht erschossen werden.“ Für ihn sind die Bewohner von Abu Salim schlechte Menschen, sie stehen auf der Seite von Gaddafi. „Die Kämpfer sind alle jung und nehmen Pillen“, sagt er dann, als ob er deutlich machen wolle, dass man entweder verrückt sein müsse oder eben auf Drogen, wenn man weiter für den libyschen Diktator kämpft.

Körper von unzähligen Kugeln durchsiebt

In anderen Stadteilen von Tripolis hat man ebenfalls Tote gefunden. Darunter 30 Gaddafi-Soldaten, deren Körper von unzähligen Kugeln durchsiebt waren. Zwei von ihnen waren mit Plastikhandschellen gefesselt, einer lag noch auf einer Krankenwagen-Trage, eine Infusionskanüle im Arm. Grüne Mützen und Flaggen lagen bei den Männern, Poster von Gaddafi. In Bab al-Asisia, dem ehemaligen Palast des „großen libyschen Führers“, wie Gaddafi sich selbst liebevoll nannte, fand man 17 Leichen, angeblich Zivilisten, die von Getreuen Gaddafis hingerichtet wurden.

In den letzten Tagen hatte es auf dem festungsartigen Gelände immer wieder schwere Gefechte gegeben, selbst nachdem die Rebellen die Anlage gestürmt hatten. „Die 17 Leichen wurden in einem Lastwagen gebracht“, erzählt Kirsty Campbell von der Hilfsorganisation International Medical Corps. „Sie sind schon vor 10 Tagen verhaftet und dann exekutiert worden.“ Ihre Wunden seien ganz sicher keine Kampfverletzungen, versichert Campbell und fügt hinzu, dass es noch mehr Berichte über solche Leichen gebe.

Im Zentralkrankenhaus in der Sawia-Straße herrscht Hochbetrieb, obwohl die Zeit der großen Auseinandersetzungen vorbei ist. Durch die Gänge wanken blutende Männer, die von Begleitern gestützt in Notaufnahme gehen. Am Empfang weiß niemand, wie viele Leute eingeliefert worden sind, obwohl man in großen Büchern die Patienten registrieren soll. „Das wird oft später gemacht“, erklärt ein Arzt im Vorbeigehen. 100 bis 150 Menschen seien es täglich, versichert wenig später der Arzt Imad Mohammed.

„Das meiste sind Schusswunden von Scharfschützen.“ Tote gebe es nicht mehr so viele. „Bis heute Mittag sollen es nur insgesamt vier gewesen sein.“ In den drei Tagen nach dem Sturm der Rebellen gab es mindestens 100 Tote täglich. „Die Mehrheit waren Zivilisten“, erzählt Amal Hamed. „Darunter Frauen und Kinder, die in ihren Wohnungen von Scharfschützen getroffen worden waren.“ Viele könnten theoretisch gerettet werden, sagt die junge Ärztin, „aber es fehlt uns an der nötigen Ausrüstung.“

Das Luxusbüro von Hanna Gaddafi

Im Zentralkrankenhaus von Tripolis arbeitete auch Hanna Gaddafi, die Tochter des Diktators, eine Frau, die eigentlich nicht mehr am Leben sein dürfte. 1986 war sie, nach offiziellen Angaben bei einem US-Luftangriff auf Bal al-Asisia ums Leben gekommen. Ihre Schwester Aischa hatte noch im Mai bei einer öffentlichen Rede vor Tausenden von Gaddafi-Anhängern den Tod von Hanna beklagt. „Mitten in der Nacht bin ich durch die Bomben weinend aufgewacht und neben mir lag Hanna blutend und tot.“

Mohammed, ein junger Medizinstudent, der seit fünf Jahren im Zentralkrankenhaus arbeitet, führt lachend in einen anderen Flügel des Gebäudes. „Natürlich hat Hanna hier gearbeitet. Ihr Tod ist eine Erfindung. Ich zeige ihnen ihr Luxusbüro. Ich habe selbst erst vor drei Tagen davon erfahren, als man es öffnete.“ Er habe die Räumlichkeiten gleich wieder erkannt. „Ich habe das im Fernsehen gesehen. Hier spielte Gaddafi Schach mit dem russischen Gesandten.“ Anfang Juni waren Bilder um die Welt gegangen, die Gaddafis Partie gegen Kirsan Iljumschinow zeigte, dem exzentrischen Multimillionär, den man als Vermittler nach Tripolis geschickt hatte.

"Niemand wusste, wo sich der Raum befand"

Das Büro von Hanna Gaddafi besteht aus zwei Räumen, von denen einer prunkvoll eingerichtet ist, mit monströsen cremefarbenen Sofas, Glastisch, einem halbrunden Mahagoni-Schreibtisch und einem übergroßen Plasmafernseher. Im Bad führt ein Rebellenkämpfer bereitwillig die Jakuzzi-Kabine vor. „Hier hat sich Gaddafi ausgeruht, während er uns Libyer ermorden ließ“, ruft er aufgebracht. Seit Sonntag nutzen die Ärzte das ehemalige Gaddafi-Büro als Aufenthalts- und Schlafraum.

Ein ungekannter Luxus für sie, denn ihre normalen Quartiere gleichen Abstellkammern. „Auch ich habe das Sofa und den Glastisch sofort wieder erkannt“, versichert Dr. Walid Sulahi, der sich gerade geschlafen hat. „Gaddafi spielte hier nicht nur Schach, er kam oft hierher und das wurde dann im Fernsehen übertragen“. Niemand habe allerdings gewusst, wo sich jener Raum befand. „Ich habe keine Ahnung, wie er hier hereinkam und verschwand, ohne von jemand gesehen zu werden.“
Alfred Hackensberger, Die Welt, Die Presse

Dienstag, 5. Juli 2011

Die Rebellen beginnen ihren Marsch auf Tripolis

Al-Galaa ist die letzte Bastion der Rebellen: Mit viel Enthusiasmus und schlechter Ausrüstung bereitet die Opposition in den Nafusa-Bergen eine Offensive vor.

Da ist er schon wieder: Dieser unverwechselbare Donnerhall vom Abschuss der Grad-Raketen, dem ein bedrohliches Surren folgt, mit dem die aus Leichtmetall gebauten Flugkörper durch die Luft rauschen.

Adil, der gerade beim Bäcker nach Brot fragt, hebt nur kurz den Kopf, abwartend, wie nah der Einschlag erfolgt. Es trifft ein kleines Wohnhaus, keine 300 Meter entfernt. Der weiße Rauch der Explosion steigt in den Himmel. Wortlos fährt Adil mit seinem frischen Brot davon, als wäre nichts passiert.

Raketen-Einschläge gehören zum Alltag

Grad-Einschläge sind für ihn eine Alltäglichkeit. Seit mehr als zwei Monaten steht seine Heimatstadt al-Galaa unter dem Beschuss dieser bis zu drei Meter langen Raketen russischen Fabrikats. Sie können mehrere Häuserwände durchschlagen und hinterlassen riesige Löcher.

Selbst die Moschee ist schwer getroffen. „Mal sind es 20, mal 40 Stück pro Tag “, sagt Mohamad Glaawit, ein eloquenter, älterer Herr mit grauem Bart, der zum lokalen Übergangsrat gehört. „Als uns Gaddafi-Truppen eingekesselt hatten, war es am schlimmsten, aber besiegen konnten sie uns nicht.“

Al-Galaa ist die letzte Bastion der Rebellen, die äußerste Frontlinie im Herzen der Nafusa-Berge, einem Hochplateau rund 230 Kilometer von der tunesischen Grenze entfernt. Ende Mai hatte in dieser hauptsächlich von Berbern bewohnten Bergregion der bewaffnete Aufstand gegen das Gaddafi-Regime begonnen.

Gaddafi kämpft um Tripolis bis zu seinem Tod

Als Strafaktion wurden zuerst die Wasser- und die Stromzufuhr gekappt. Im April folgte die libysche Armee, die einen brutalen Krieg gegen die Bevölkerung begann und mehrere Städte besetzte. Es war eine Orgie der Gewalt und Verwüstung.

In Dschefran, nur wenige Fahrtminuten von al-Galaa, entfernt, sind die Fensterscheiben der Wohnhäuser zerschossen, alle Geschäfte geplündert, demolierte Stühle, Tische, Computer und zerschnitten Matratzen liegen verstreut auf den Straßen. „Sogar Pferde und Esel haben diese Kerle erschossen“, schimpft Abdelhamid, der uns kopfschüttelnd durchs Stadtzentrum fährt. Verwesungsgeruch liegt in der Luft.

Geisterstadt: Nur die Männer sind geblieben, um zu kämpfen.

Es ist eine Geisterstadt, Frauen und Kinder sind geflüchtet, nur die Männer sind geblieben, um zu kämpfen. Zwei Monate war Dschefran in der Hand von Gaddafi-Soldaten, bis es befreit werden konnte.

Die Rebellen mussten dazu eine Verbindungsstraße auf der 1500 Meter tiefer gelegenen Ebene erobern, die unter der Kontrolle der libyschen Armee stand. Schwer bewaffnete Kämpfer mit Maschinengewehren und Raketenwerfen auf Pickup-Trucks sichern nun diese lebenswichtige Verbindung. Ihr Lager liegt an einer Kreuzung, die übersät ist mit Metallresten der 122 Millimeter starken Grad-Rohre. Von hier aus sind es noch 100 Kilometer in die Hauptstadt Tripolis.

Die Rebellen sind guter Laune, obwohl sie schon stundenlang in der brütenden Hitze Wache schieben und der Wind so heiß ist, dass er in die Haut beißt. Sie winken lachend und halten zum Gruß die Hand mit zwei ausgestreckten Fingern in die Höhe. Dies sei jedoch nicht das bekannte Victory-Zeichen, wie Abdelhamid auf dem Weg zum Wagen erklärt.

„Der Zeigefinger steht für das Leben und der große Mittelfinger symbolisiert den Tod, den Eingang ins Paradies.“ Das gehe auf Omar Mouktar zurück. Der Freiheitskämpfer gilt bis heute als Nationalheld und Märtyrer in Libyen. Straßen und Plätze sind nach ihm benannt. Anfang des vergangenen Jahrhunderts hatte Mouktar gegen die Kolonialherren aus Italien Krieg geführt, bis er 1931 gefangen und gehängt wurde.

Abdelhamid fährt wieder auf die steile Passstraße, zurück auf das schier endlos weite Gebirgsplateau. Er legt eine CD von Bob Marley ein, „Get up, stand up: stand up for your rights!“ „Ist das nicht gut?“, fragt er und drückt aufs Gas.

Die Kalaschnikows sind auch beim Mittagessen in Reichweite

In al-Galaa gibt es Mittagessen. In einem zur Kaserne umfunktionierten Gebäude des libyschen Roten Halbmondes sitzen die Kämpfer an langen Tischen. Ihre Kalaschnikows sind stets in Reichweite. In großen Blechschüsseln werden Makkaroni mit Kichererbsen in scharfer Tomatensoße serviert. Der Koch bringt noch Salat mit Oliven.

„Oh, frische Vitamine gab es schon lange nicht mehr“, sagt Khaled, einer der Kämpfer am Tisch. Seit die Rebellen Warsan, den libyschen Grenzübergang zu Tunesien, Ende April besetzen konnten, kommen Grundnahrungsmittel, aber auch hin und wieder Obst und Gemüse in die Bergregion.

Khaled ist einer der wenigen, der feste Schuhe trägt und in Olivgrün gekleidet ist. „Nein, nein, ich war kein Soldat in der Armee“, beteuert der 29-Jährige. „Ich arbeitete als Informatiker bei einer US-Firma in Tripolis.“ Fast alle seiner Kameraden hatten vor dem Aufstand gegen Staatschef Muammar al-Gaddafi normale Berufe. „Ich war Bankangestellter“, ruft ein schmächtiger Kerl über den Tisch. „Ich war Ingenieur bei einer Erdölfirma“, meint ein anderer.

Es ist eine bunte Mischung aus Bauern, Arbeitern, Akademikern und Angestellten, die jetzt gemeinsam aus großen Schüsseln ihr Essen löffeln und jeden Tag sterben können.

"Wir wollten diesen Krieg nicht"

„Was bleibt uns anderes übrig?“, fragt Khaled, der Computerspezialist, und er spricht für alle. „Wir wollten diesen Krieg nicht, aber Gaddafi hat ihn uns aufgedrängt. Wir müssen für unsere Freiheit kämpfen, sonst werden wir von diesem Verbrecher getötet oder verrotten in seinen Gefängnissen.“

Islam, ein 20-jähriger Student, steht plötzlich auf und schießt mit einer imaginären Kalaschnikow auf vermeintliche Gaddafi-Soldaten. Er macht „Bumm, Bumm“ und wiegt in den Hüften, als würde er feindlichen Kugeln ausweichen. Alle lachen laut, manche klopfen sich dabei auf die Schenkel.

Trotz aller Heiterkeit: Den Kämpfern steckt die Müdigkeit sichtlich in den Knochen. Sie sind gerade von der Front zurückgekommen. Vergeblich hatten sie versucht, Safit, einen strategisch wichtigen Berg einzunehmen, von dem man das ganze Gebiet überblicken und kontrollieren kann.

Darunter auch die Straßenverbindungen, die an die Mittelmeerküste und in die Hauptstadt führen. Schon einmal hatten die Rebellen den Berg gestürmt, am 11. Mai. Einer der Rebellen holt ein Handy hervor, das er damals dort oben sichergestellt hat, und zeigt einen kleinen Film darauf.

Er zeigt Handy-Besitzer Mohammed, ein Offizier der libyschen Armee, der in der Pose eines Feldherrn stolz hinter einem Flugabwehrgeschütz steht und eine Ansprache an seine Soldaten hält: „Glaubt mir, wir werden all diese Ungläubigen aus diesem Gebiet vertreiben!“

Alle in zivil, scheinbar auf Urlaub

Ein anderes Video zeigt den Offizier mit Kameraden auf der Fahrt nach Tripolis. Alle in zivil, scheinbar auf Urlaub. Sie singen zusammen im Auto, froh, die Front hinter sich gelassen zu haben und bald bei ihren Familien zu sein. Der letzte Eintrag auf dem Handy stammt vom 11. Mai. Offizier Mohammed, von dem kein Nachname bekannt ist, wird im Kampf erschossen.

Mit ihm der Flakschütze Saleh Mohammed Omar, bei dem eine libysche Aufenthaltsgenehmigung gefunden wird, die ihn als „Arbeiter“, geboren 1980 im Sudan, ausweist. Wenige Tage später rücken die Gaddafi-Truppen in Kompaniestärke vor und vertreiben die Rebellen von dem Berg Safit.

In den Rebellen-Gebieten der Nafusa-Berge wird überall von einer großen Attacke auf Tripolis gemunkelt, die bald bevorstehe. Darüber sprechen will keiner der Rebellen-Militärs. „Wir können nicht an eine große Offensive denken“, sagt Dschamal Hadi Bouasis, ein pensionierter Oberst.

Er hat, wie viele andere zu den Rebellen übergelaufenen Offiziere, noch im seines Landes gegen den Tschad (1978-1987) gedient. Eine Erfahrung, die für die Rebellen unverzichtbar ist. „Wir haben zwar genügend Kämpfer, aber nicht ausreichend Waffen für sie“, erklärt der Oberst. Es fehlt vor allem an schweren Waffen. Und die Nato helfe ihnen nicht wirklich: „Sie haben mal ein Munitionsdepot bombardiert, aber seit drei Monaten wurden keine Angriffe mehr geflogen.“

In der ostlibyschen Stadt Bengasi, dem Sitz der Übergangsregierung der Rebellen, gäbe es Militärberater aus dem Ausland. „Nur bei uns haben wir noch keinen einzigen zu Gesicht bekommen“, sagt Bouasis sichtlich enttäuscht. „Wir wissen nicht, warum man uns völlig alleine lässt.“

Von der Nato enttäuscht

An der Frontlinie in al-Galaa ist man nicht weniger von der Nato enttäuscht. „An manchen Tagen kann man zwar ihre Flugzeuge kreisen hören“, erzählt Mohammad Glaawit vom städtischen Organisationsrat, „aber Bomben fallen keine.“ Dabei müssten doch die Panzer und Militärfahrzeuge der Gaddafi-Truppen ganz leicht aus der Luft zu erkennen sein.

„Die Passivität der Nato macht uns das Leben schwer“, resümiert der sympathisch wirkende ältere Herr. Täglich fallen allein hier manchmal bis zu fünf Rebellen. In den anderen Städten der Region, Sintan, Nahlout, Bir Ayyad oder Kila sind es nicht weniger.

Natürlich wolle man möglichst bald in die Hauptstadt, aber unter den gegenwärtigen Umständen sei das schwierig. Angedacht ist eine Zangenbewegung, mit der man auf Tripolis vorstößt: aus dem Osten von Bengasi und vom Westen her aus den Nafusa-Bergen.

„Aber bevor wir uns darüber den Kopf zerbrechen, müssen wir hier zuerst einmal dringende Probleme lösen“, fügt Glaawit ernst an. Er zeichnet einen Plan auf ein loses Blatt Papier und erläutert die militärische Lage. „Al-Galaa ist von drei Seiten von Gaddafi-Truppen eingeschlossen. Hier, hier und hier“. Er malt drei Kreuze aufs Papier. „Wir müssen unbedingt einen zusätzlichen Zugang öffnen.“

Wie man das machen werde, könne er jedoch nicht verraten. „Militärgeheimnis“, meint Glaawit schmunzelnd. Aber das Ratsmitglied, das seine Stadt in Bengasi in der Nationalen Übergangregierung vertreten soll, braucht nichts mehr zu erklären. Das ehemalige Gebäude des libyschen Roten Halbmonds ist voll mit Kämpfern, die aus der Gegend zusammengezogen wurden. Im Hof fahren ständig Militärfahrzeuge vor. Es herrscht eine seltsame Spannung, als könnte es jeden Augenblick losgehen.

100 Rebellen warten im Hinterhof einer Schule auf ihren Einsatzbefehl

Und am nächsten Morgen ist es auch schon soweit. Kurz nach Sonnenaufgang warten rund 100 Rebellen im Hinterhof einer Schule auf ihren Einsatzbefehl. Kalaschnikows werden noch schnell mit Spray geölt, die zwölfrohrigen Raketenwerfer gefettet, Patronen mit dem Pinsel vom Staub gesäubert und in die 100 Schuss fassenden Magazinboxen eingelegt.

Aus einem Waffendepot in der Schule holt man Panzerfäuste und französische Milan-Panzerabwehrraketen, die das Golfemirat Katar an die Rebellen geliefert hat. Einige der Kämpfer sitzen noch beim Frühstück am Boden neben ihren Fahrzeugen.

Es gibt Datteln und Milch. Angst vor dem Tod oder auch nur Nervosität ist bei den meist jungen Kämpfern, die überwiegend in Jeans, T-Shirt und leichten Sommerschuhen in den Krieg ziehen, nicht zu spüren. Lässig haben sie sich die Reservemagazine für ihre Kalaschnikows in die Hosentaschen gesteckt.

Dass manche ihrer Gewehre über 30 Jahre alt sind, stört sie wenig. „Hauptsache sie funktionieren“, sagt ein großer, muskulöser Typ, der sich beschwert, wegen des Kriegs keine Zeit mehr für das Fitnessstudio zu haben. „Hoffentlich geht es bald los“, sagt er mit einem breiten Schmunzeln.

Voller Ungeduld und Vorfreude

Alle scheinen voller Ungeduld, ja Vorfreude zu sein, die Handlanger Gaddafis aus ihrer Stadt, von ihrer Erde vertreiben zu können. Um acht Uhr erfolgt unter einem lauten „Gott ist groß“ der Abtransport an die Front. Nach einem kleinen Fußmarsch sind sie um 8.30 Uhr am Fuß des Safit-Berges, hinter dem die Straße nach Tripolis liegt, in Position.

Sofort wird die etwa 100 Mann starke Gaddafi-Kompanie oben am Hügel mit schwerem Feuer belegt. Die 14,5-Millimeter-Flugabwehrbatterien machen einen höllischen Lärm. Gleichzeitig gehen die 106-Millimeter-Raketenwerfer los. Die Truppen Gaddafis antworten mit Panzern und Mörsern.

Scharfschützen warten darauf, dass anstürmenden Rebellen in ihre Schusslinie kommen – die Kampfmoral der Gaddafi-Truppen ist offenbar nicht besonders groß, sie versuchen, die Angreifer auf Distanz zu halten und direkte Kämpfe zu vermeiden. Hinter der ersten Frontlinie stehen Krankenwagen im Schutz eines Erdwalls. Nach zwei Stunden treffen die ersten verletzten Rebellen ein.

Die Windschutzscheibe hat ein Einschussloch

Ab Mittag gibt es erste Munitionsengpässe. Ein Fahrer rast in Richtung Stadt los. Die Windschutzscheibe hat ein Einschussloch und das Glas droht durch den Fahrtwind ins Wageninnere zu bersten. Auf dem kleinen Bergpass hinunter nach al-Galaa nehmen Gaddafi-Soldaten das Auto ins Visier. Einen Meter hinter dem Wagen schlägt die Granate ein. Der Fahrer lacht kurz und zeigt auf den Rauch hinter dem Wagen.

In der Kaserne werden erneut Panzerfäuste, Panzerabwehrraketen und Maschinengewehrmunition geladen. Am frühen Nachmittag kommt der Sturm auf den Hügel zum Stocken. Ein Teil der Kämpfer nimmt Deckung in einem alten, leerstehenden Haus. Keiner sagt ein Wort, aber man sieht sofort: Nach sechsstündigen Gefechten im Staub und Dreck, bei brütender Hitze von mehr als 30 Grad ist die Stimmung trübselig, vom Anfangselan kaum mehr etwas übrig.

Zwei Stunden später trifft Verstärkung ein. Neue Flugabwehrbatterien lassen ihre Geschosse unaufhörlich auf die Stellung der Gaddafi-Soldaten niederregnen. Gegen 18 Uhr ist es endlich vorbei. Der Hügel ist gestürmt, die Soldaten Gaddafis haben sich zurückgezogen. Freudensalven sind durch das Tal zuhören.

Sieg teuer erkauft

Aber der Sieg ist teuer erkauft. Drei der Rebellen sind tot, 33 zum Teil schwer verletzt. Vier Gaddafi-Soldaten verhaftet, wovon einer am nächsten Tag nach der Operation im Krankenhaus stirbt.

Vom Tod und Leiden an der Front haben die jungen Freiwilligen, die in den Ausbildungslagern der Rebellen gedrillt werden, noch keine Ahnung. Mit Enthusiasmus marschieren sie, robben im Sand oder klettern Wände hoch. „Ich möchte in den Kampf“, sagt Omar, einer der Rekruten, „um Gaddafi so schnell wie möglich zu Fall zu bringen.“

Die anderen jungen Männer nicken heftig. Sie rufen „Gott ist groß“ und recken die Hand mit dem V-Zeichen in die Luft: Leben oder Tod. Wie viele von ihnen den Fall des Diktators Gaddafi noch erleben werden, wisse nur Gott allein, sagt einer der Ausbilder.

Samstag, 5. März 2011

Nächster Stopp: Europa

Das tunesische Regime ist gestürzt. Und trotzdem flüchten Tausende von TunesierInnen mit dem Boot Richtung Italien. Weshalb? Auf der Suche nach Antworten in der Küstenstadt Sfax.

Von der Hauptstrasse in Habib, einem Vorort von Sfax, führt der Weg irgendwann rechts auf eine holprige Piste, entlang einem Abwasserkanal über Müllreste, Metallteile und Plastik­tüten, die der Wind vor sich hertreibt, bis zum Bahndamm einer stillgelegten Bahnlinie. Vorne am Wasser ragt eine Müllhalde in die Höhe.

Nisar bekommt grosse Augen voller Hoffnung, wenn er mit dem Finger dorthin zeigt. Als würde das Glück dort drüben im Sand vergraben liegen. «Hier verstecken sie sich nachts im Schilf, bevor sie an Bord gehen», sagt der 23-Jährige. Er trägt einen Trainingsanzug des englischen Fussballklubs Chelsea. «Manchmal müssen sie zum Boot schwimmen. Dann wird vorher kräftig Alkohol getrunken, um das eiskalte Wasser nicht zu spüren», sagt er lachend. Wenig später startet das Motorboot dann jeweils Richtung Italien. Ob es dort ankommt, hängt vom Wetter und dem Geschick des Steuer­manns ab.

Im Süden kostets mehr

Bisher hat Nisar nur andere für die Fahrt vermittelt. Nun will er endlich selber gehen, sobald das Wetter stimmt, und das könnte schon sehr bald sein. «Vielleicht schon heute Nacht», meint er hoffnungsvoll. «In Tunesien hält mich nichts zurück. Es gibt keine Arbeit, keine Zukunft. Daran ändert auch die neue Regierung nichts.» Nisar ist ausgebildeter Mechaniker. Doch er habe in den letzten vier Jahren keine feste Arbeit gefunden.

Die 1000 Dinar, umgerechnet 670 Franken, die Nisar für die Überfahrt bezahlen müsste, hat er nicht. Der Chelsea-Fan will als «Joker» auf ein Boot kommen. Als kostenloser Passagier. Dafür muss er drei, vier Passagiere anheuern. Und das hat er nun gemacht. Doch den Versprechungen der Organisatoren traut er nicht. «Einige sind Kriminelle, die im Gefängnis sassen, andere Fischer, die ihre Chance wittern und selbst ernannte Businessleute.» Notfalls werde er sein Recht auf einen Platz mit dem Messer erkämpfen, sagt der 23-Jährige.

Sfax liegt gut 330 Kilometer südlich von Tunis, und ist mit 340 000 EinwohnerInnen die zweitgrösste Stadt des Landes. Täglich kommen hier neue Menschen an, die auswandern wollen. Überall am Strand streifen Gestalten umher, die nach Kontakten suchen. Der Tarif von 1000 Dinar ist günstig. Weiter unten im Süden, bei Gabes und Sarsis, kostet ein Platz fast das Doppelte.

Von dort fuhren die meisten der rund 6000 TunesierInnen los, die letzte Woche auf den lampedusischen Inseln vor Sizilien landeten. Eine Massenankunft, die den italienischen Hilfsorganisationen ein logistisches Chaos bescherte. Aber es ist nicht nur der niedrige Tarif, der die Fluchtwilligen nach Sfax bringt: Die tunesische Küstenwache hat ihre Patrouillen in den letzten Tagen drastisch verstärkt.

Letzte Woche hatten die Behörden die Dinge einfach laufen lassen. «Die Polizei und das Militär waren quasi nicht existent», erzählt Essedine Saidi, der sich einige Tage in Sarsis aufgehalten hatte, um den Cousin seiner Frau von der Überfahrt abzuhalten. «Die Polizei sass in der Wache und hat zugesehen, wie die jungen Leute mit einem Boot nach dem anderen in See stachen. Wie an einem Busbahnhof. Nächs­ter Halt Italien!» Saidi, Vater von zwei Kindern, versuchte einige der jungen Männer von der gefährlichen Reise, 120 Kilometer quer übers Mittelmeer, abzubringen. «Sie haben Träume im Kopf. Glauben, bald mit einem neuen Auto und viel Geld aus Europa zurückzukehren.»

Saidi fand den Cousin seiner Frau nur noch tot. Der Verwandte war einer der fünf Passagiere, die bei einer Kollision mit einem Schiff der Küstenwache ums Leben kamen.

«Die gleichen Diebe wie vorher»

Im Café Cactus, in Habib, stellt Nisar seine fünf Freunde vor. Aufgeregt sitzen sie an einem runden Tisch. Sie haben alle ihr Ticket nach Italien bereits gebucht. Revolution hin oder her. Walid verdient mit seiner Arbeit bei einer Erdölfirma monatlich umgerechnet 450 Franken. «Wir haben kein Vertrauen in die neue Regierung. Das sind die gleichen Diebe wie vorher.»

Die neue Generalamnestie für die politischen Häftlinge in seinem Land interessiert Walid ebenso wenig wie der Zustand des ehemaligen Diktators Zine al-Abidine Ben Ali, der in einem Krankenhaus in Saudi-Arabien im Koma liegen soll. Für Walid bedeutet die neu gewonnene Freiheit nur eines: endlich nach Europa auswandern. Unter Ben Ali war das fast unmöglich. Die Küsten wurden streng bewacht, Auswanderungsversuche mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft.

«Wir wissen, dass Europa kein Paradies ist», platzt Haytam heraus. «Aber wir müssen unsere Chance nutzen.» Der 25-jährige Universitätsabsolvent ist seit drei Jahren ohne Arbeit. Erst vergangene Woche habe er sich bei der Polizei beworben; nur mit einem saftigen Schmiergeld hätte er jedoch eine Chance ge­habt. Beim Stichwort «Polizei» berichtet Mohammed erzürnt, dass Beamte ihn am Donnerstag auf der Strasse geschlagen hätten, weil er seinen Personalausweis zu Hause vergessen hatte.

Wenn es genügend Arbeit, höhere Löhne, keine Korruption und keine Polizeiübergriffe mehr gäbe, dann würden sie wahrscheinlich in ihrer Heimat bleiben. Aber daran will keiner glauben. «Bis dahin wird es länger als eine Ewigkeit dauern», sagt der 26-jährige Mohammed spöttisch.

Als die sechs jungen Leute aufbrechen, ist die Stimmung euphorisch.

WOZ vom 24.02.2011

Freitag, 4. März 2011

Vom Protest zum Umsturz ists weit

Nach den Protesten in Bahrain, Libyen, im Jemen und Iran sind fürs Wochenende auch in Marokko und Algerien Demonstrationen geplant. Steht im Maghreb eine neue Revolution bevor? Auf Spurensuche in Rabat.

Rund tausend Demonstrierende zogen vergangenen Sonntag mit lauten Rufen die Avenue Mohammed V. im Zentrum der marokkanischen Hauptstadt Rabat rauf und runter. Doch die BesucherInnen in den Terrassencafés am Strassenrand zeigten sich davon wenig beeindruckt. «Arbeitslose», kommentierte ein Kellner lapidar und zuckte mit den Schultern. «Solche Proteste gibt es in den letzten Wochen fast jeden Tag», fügte ein Mitarbeiter des Goethe-Instituts hinzu. Uniformierte Polizisten standen in den Nebenstrassen, und weit abseits der Demonstration, mit ihren Funkgeräten beschäftigt, Beamte in Zivil.

«Derzeit finden in Marokko täglich zwanzig Protestveranstaltungen statt», meldete sich Kommunikationsminister Chalid Naciri kürzlich zu Wort, «nicht mehr oder weniger als im Vorjahr.» Man habe nicht den Eindruck, dass «die Spannungen in anderen Ländern» in Marokko eine Rolle spielten. Nach aussen hin gibt sich die Regierung gelassen. In Wahrheit ist sie aber nervös. «Ereignisse wie in Tunesien und Ägypten sind in Marokko zwar unwahrscheinlich, aber wer mag in diesen Zeiten schon Prognosen stellen», sagt Raschid Meknassi, Jura-Professor an der Universität Rabat. «Den Sturz des tunesischen und ägyptischen Präsidenten hatte auch niemand für möglich gehalten.»

Reform oder Revolution?

Kopfzerbrechen bereitet den marokkani­schen­­­ Behörden die für diesen Sonntag an­­ge­­setzte Protestveranstaltung in der Haupt­stadt.­ «Dazu aufgerufen haben die islamisti­sche ‹Adl wa al-Ihsaan› (Gerechtigkeit und Wohl­fahrt) sowie Gruppen der extremen Lin­­ken und diese Jugendorganisation aus dem Internet», sagt Lahsen Daoudi von der starken islamischen Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung PJD. Der Vizepräsident des ma­rokkanischen Unterhauses empfängt in seinem geräumigen Büro im Verwaltungsflügel des Parlamentsgebäudes. «Nein, nein, wir nehmen am Protest nicht teil», versichert der 64-Jährige entschieden. «Wir sind eine po­li­tische Partei und arbeiten innerhalb des Parlaments an politischen Veränderun­gen – Schritt für Schritt.» Daoudi weiss sehr gut: Die­ DemonstrantInnen, die am Sonntag auf die Strasse gehen, haben kein Verständnis für seine abwartende Haltung. Ihnen kann es nicht schnell genug gehen. Dazu meint er: «Ach ja, gerade diese Jugendbewegung möchte alles – und am besten noch heute. Aber wir brauchen keinen Sturm, der alles verwüstet, nur eine erfrischende Brise.»

Die Jugendgruppen nennen sich «Bewegung für Wohlstand und Freiheit» oder «Marokkanische Jugend gegen Korruption und Tyrannei». Vorerst sind sie nur virtuell als Face­book-Gruppen existent, mit einer Mitgliederzahl von etwas über 10 000. Wie viele es zusammen mit den anderen Gruppierungen genau sind, die sich für einen raschen Wandel einsetzen, ist nur schwer zu sagen. Wie schon in Tunesien werden im Internet Informationen ausgetauscht, diskutiert und vor allen Dingen für die Demonstration am Samstag mobilisiert.

Dazu wurde am Mittwoch auch ein Video auf YouTube gestellt. In dem zweiminütigen Spot erklären vierzehn «normale Marokkaner», warum sie demonstrieren wollen: «Ich gehe am 20. Februar auf die Strasse, weil ich ohne polizeiliche Übergriffe und Korruption leben will.» Sie fordern das Recht auf Bildung, Arbeit, eine kostenlose medizinische Versorgung, ein Leben ohne Ausbeutung und eine neue demokratische Verfassung. Es ist ein Spot, der an einen kommerziellen Werbeclip erinnert, jedoch alle aktuellen Probleme der marokkanischen Gesellschaft zu thematisieren versucht.

Der überwiegende Teil der Marokkaner­Innen dürfte sich von solchen Forderungen angesprochen fühlen. Korruption ist omnipräsent, sei es bei Verkehrskontrollen oder bei Behördengängen. «Bakschisch» bezahlt man überall. Von Millionensummen, die bei grossen Bauvorhaben gezahlt werden, ganz zu schweigen. Laut Weltbank verliert das Land jährlich fünf bis zehn Prozent des potenziellen Bruttosozialeinkommens durch Korruption. Und noch immer schlägt die Polizei zu, bevor sie Fragen stellt. Fünfzig Prozent der Bevölkerung leben von weniger als zwei US-Dollar pro Tag. Und die Arbeitslosigkeit liegt wesentlich höher als bei den offiziellen dreizehn Prozent.

Trotzdem werden diese Probleme kaum Hunderttausende auf die Strassen von Rabat bringen. Davon ist auch Abdellatif, ein Taxifahrer aus Tanger, überzeugt. «Was bringt das auch. Uns geht es doch heute unter König Mohammed VI. viel besser als noch unter seinem Vater Hassan II. Überall wird gebaut, neue Strassen, Schienen, ein Hafen in Tanger. Der König tut etwas – und wir können reden, was wir wollen.» Der 38-jährige Vater von zwei Kindern, der monatlich etwa 3500 Dirham – umgerechnet gut 400 Schweizer Franken – verdient, repräsentiert einen durchschnittlichen Marokkaner. Natürlich hätte man gerne etwas mehr, aber beklagen will man sich nicht. Und König Mohammed VI., der 1999 nach dem Tod seines Vaters den Thron bestieg, ist für die Bevölkerung kein Feindbild. Im Gegenteil: «Das ist ein guter Mann», sagt Abdellatif, auch wenn er im Überfluss lebe. «Er ist nun mal ein König.»

Die Angst vor dem Bürgerkrieg

Anders ist die Lage in Algerien. Dort regiert kein König, der sich auf eine jahrhundertealte Dynastie berufen kann. Präsident Abdelasis Bouteflika kam 1999 als «Mann des Militärs» ins Amt. Die Armee hatte sich acht Jahre zuvor an die Macht geputscht, um einem Wahlsieg der islamistischen Heilsfront zuvorzukommen; damit löste sie einen mehr als zehn Jahre dauernden Bürgerkrieg mit den IslamistInnen aus, in dem mehr als 120 000 Menschen getötet wurden.

Parallel zur Revolte in Tunesien ist es auch in Algerien zu Protesten gekommen. Anfang Januar wurden Polizeistationen und Regierungsgebäude niedergebrannt. Als Ursache wurden immer wieder die Preissteigerungen bei Grundnahrungsmitteln wie Mehl, Zucker oder Olivenöl genannt; eine durchschnittliche Familie muss vierzig Prozent ihres Einkommens dafür aufwenden. «Das alleine als Auslöser anzusehen, ist etwas zu kurz gegriffen», meint jedoch Alexander Knipperts, der Leiter der Friedrich-Naumann-Stiftung in Algier. «Da geht es auch um die allgemeine Unzufriedenheit mit dem algerischen Staat, um Korruption oder auch Arbeitslosigkeit.» Algerien nimmt jährlich 55 Milliarden US-Dollar mit Öl- und Gasexporten ein – doch die Bevölkerung sieht von diesem Geld kaum etwas.

Wie in Marokko hat auch in Algerien ein Bündnis von politischen Parteien, Gewerkschaften und Menschenrechtsorganisationen zu einem Protestmarsch in Algier aufgerufen. Für Samstag, zum zweiten innerhalb von vierzehn Tagen. Vor einer Woche hatten sie, nach eigenen Angaben, rund 10 000 Menschen auf die Strasse gebracht. «Von Mal zu Mal werden es mehr Leute sein», glaubt Rabah Boucetta vom «Bündnis für Kultur und Demokratie». Man werde weiterkämpfen, auch wenn 30 000 Polizisten den Protestmarsch am Samstag mit Gewalt stoppen sollen. «Und geht die Repression weiter, werden wir irgendwann den Generalstreik ausrufen», fügt der Oppositionelle hinzu.

Die Versprechungen von Präsident Bouteflika, den seit neunzehn Jahren bestehenden Ausnahmezustand aufzuheben, hält Boucetta für ein Ablenkungsmanöver. «Wir wollen viel mehr: Einen kompletten Machtwechsel, die Auflösung aller gewählten Institutionen und Neuwahlen unter internationaler Aufsicht.» Der richtige Moment für Veränderungen sei gekommen. «Die Ereignisse in den anderen arabischen Ländern bestärken uns. Die internationale Öffentlichkeit ist auf unserer Seite.» Allerdings werde der friedliche Übergang zur Demokratie «in Algerien nicht nur ein paar Wochen dauern, wie in Tunesien oder Ägypten. Es werden Monate.»

Herrscht da nicht etwas zu viel revolutio­näre Euphorie vor? Die schrecklichen Ereignisse aus der Zeit des Bürgerkriegs sind nicht vergessen. Sie nähren in der Bevölkerung die Angst, Umwälzungen könnten erneut zu Gewalt führen. «Als Mitte Januar die Unruhen ausbrachen und sich Jugendliche aus den Vorstädten mit der Polizei schlugen», erinnert sich Alexander Knipperts, «schloss die Bevölkerung einfach die Fensterläden.» Und nachdem die Regierung die Lebensmittelpreise wieder gesenkt hatte, sei es sofort wieder ruhig auf den Strassen geworden.

WOZ vom 17.02.2011