Dienstag, 5. Juli 2011

Die Rebellen beginnen ihren Marsch auf Tripolis

Al-Galaa ist die letzte Bastion der Rebellen: Mit viel Enthusiasmus und schlechter Ausrüstung bereitet die Opposition in den Nafusa-Bergen eine Offensive vor.

Da ist er schon wieder: Dieser unverwechselbare Donnerhall vom Abschuss der Grad-Raketen, dem ein bedrohliches Surren folgt, mit dem die aus Leichtmetall gebauten Flugkörper durch die Luft rauschen.

Adil, der gerade beim Bäcker nach Brot fragt, hebt nur kurz den Kopf, abwartend, wie nah der Einschlag erfolgt. Es trifft ein kleines Wohnhaus, keine 300 Meter entfernt. Der weiße Rauch der Explosion steigt in den Himmel. Wortlos fährt Adil mit seinem frischen Brot davon, als wäre nichts passiert.

Raketen-Einschläge gehören zum Alltag

Grad-Einschläge sind für ihn eine Alltäglichkeit. Seit mehr als zwei Monaten steht seine Heimatstadt al-Galaa unter dem Beschuss dieser bis zu drei Meter langen Raketen russischen Fabrikats. Sie können mehrere Häuserwände durchschlagen und hinterlassen riesige Löcher.

Selbst die Moschee ist schwer getroffen. „Mal sind es 20, mal 40 Stück pro Tag “, sagt Mohamad Glaawit, ein eloquenter, älterer Herr mit grauem Bart, der zum lokalen Übergangsrat gehört. „Als uns Gaddafi-Truppen eingekesselt hatten, war es am schlimmsten, aber besiegen konnten sie uns nicht.“

Al-Galaa ist die letzte Bastion der Rebellen, die äußerste Frontlinie im Herzen der Nafusa-Berge, einem Hochplateau rund 230 Kilometer von der tunesischen Grenze entfernt. Ende Mai hatte in dieser hauptsächlich von Berbern bewohnten Bergregion der bewaffnete Aufstand gegen das Gaddafi-Regime begonnen.

Gaddafi kämpft um Tripolis bis zu seinem Tod

Als Strafaktion wurden zuerst die Wasser- und die Stromzufuhr gekappt. Im April folgte die libysche Armee, die einen brutalen Krieg gegen die Bevölkerung begann und mehrere Städte besetzte. Es war eine Orgie der Gewalt und Verwüstung.

In Dschefran, nur wenige Fahrtminuten von al-Galaa, entfernt, sind die Fensterscheiben der Wohnhäuser zerschossen, alle Geschäfte geplündert, demolierte Stühle, Tische, Computer und zerschnitten Matratzen liegen verstreut auf den Straßen. „Sogar Pferde und Esel haben diese Kerle erschossen“, schimpft Abdelhamid, der uns kopfschüttelnd durchs Stadtzentrum fährt. Verwesungsgeruch liegt in der Luft.

Geisterstadt: Nur die Männer sind geblieben, um zu kämpfen.

Es ist eine Geisterstadt, Frauen und Kinder sind geflüchtet, nur die Männer sind geblieben, um zu kämpfen. Zwei Monate war Dschefran in der Hand von Gaddafi-Soldaten, bis es befreit werden konnte.

Die Rebellen mussten dazu eine Verbindungsstraße auf der 1500 Meter tiefer gelegenen Ebene erobern, die unter der Kontrolle der libyschen Armee stand. Schwer bewaffnete Kämpfer mit Maschinengewehren und Raketenwerfen auf Pickup-Trucks sichern nun diese lebenswichtige Verbindung. Ihr Lager liegt an einer Kreuzung, die übersät ist mit Metallresten der 122 Millimeter starken Grad-Rohre. Von hier aus sind es noch 100 Kilometer in die Hauptstadt Tripolis.

Die Rebellen sind guter Laune, obwohl sie schon stundenlang in der brütenden Hitze Wache schieben und der Wind so heiß ist, dass er in die Haut beißt. Sie winken lachend und halten zum Gruß die Hand mit zwei ausgestreckten Fingern in die Höhe. Dies sei jedoch nicht das bekannte Victory-Zeichen, wie Abdelhamid auf dem Weg zum Wagen erklärt.

„Der Zeigefinger steht für das Leben und der große Mittelfinger symbolisiert den Tod, den Eingang ins Paradies.“ Das gehe auf Omar Mouktar zurück. Der Freiheitskämpfer gilt bis heute als Nationalheld und Märtyrer in Libyen. Straßen und Plätze sind nach ihm benannt. Anfang des vergangenen Jahrhunderts hatte Mouktar gegen die Kolonialherren aus Italien Krieg geführt, bis er 1931 gefangen und gehängt wurde.

Abdelhamid fährt wieder auf die steile Passstraße, zurück auf das schier endlos weite Gebirgsplateau. Er legt eine CD von Bob Marley ein, „Get up, stand up: stand up for your rights!“ „Ist das nicht gut?“, fragt er und drückt aufs Gas.

Die Kalaschnikows sind auch beim Mittagessen in Reichweite

In al-Galaa gibt es Mittagessen. In einem zur Kaserne umfunktionierten Gebäude des libyschen Roten Halbmondes sitzen die Kämpfer an langen Tischen. Ihre Kalaschnikows sind stets in Reichweite. In großen Blechschüsseln werden Makkaroni mit Kichererbsen in scharfer Tomatensoße serviert. Der Koch bringt noch Salat mit Oliven.

„Oh, frische Vitamine gab es schon lange nicht mehr“, sagt Khaled, einer der Kämpfer am Tisch. Seit die Rebellen Warsan, den libyschen Grenzübergang zu Tunesien, Ende April besetzen konnten, kommen Grundnahrungsmittel, aber auch hin und wieder Obst und Gemüse in die Bergregion.

Khaled ist einer der wenigen, der feste Schuhe trägt und in Olivgrün gekleidet ist. „Nein, nein, ich war kein Soldat in der Armee“, beteuert der 29-Jährige. „Ich arbeitete als Informatiker bei einer US-Firma in Tripolis.“ Fast alle seiner Kameraden hatten vor dem Aufstand gegen Staatschef Muammar al-Gaddafi normale Berufe. „Ich war Bankangestellter“, ruft ein schmächtiger Kerl über den Tisch. „Ich war Ingenieur bei einer Erdölfirma“, meint ein anderer.

Es ist eine bunte Mischung aus Bauern, Arbeitern, Akademikern und Angestellten, die jetzt gemeinsam aus großen Schüsseln ihr Essen löffeln und jeden Tag sterben können.

"Wir wollten diesen Krieg nicht"

„Was bleibt uns anderes übrig?“, fragt Khaled, der Computerspezialist, und er spricht für alle. „Wir wollten diesen Krieg nicht, aber Gaddafi hat ihn uns aufgedrängt. Wir müssen für unsere Freiheit kämpfen, sonst werden wir von diesem Verbrecher getötet oder verrotten in seinen Gefängnissen.“

Islam, ein 20-jähriger Student, steht plötzlich auf und schießt mit einer imaginären Kalaschnikow auf vermeintliche Gaddafi-Soldaten. Er macht „Bumm, Bumm“ und wiegt in den Hüften, als würde er feindlichen Kugeln ausweichen. Alle lachen laut, manche klopfen sich dabei auf die Schenkel.

Trotz aller Heiterkeit: Den Kämpfern steckt die Müdigkeit sichtlich in den Knochen. Sie sind gerade von der Front zurückgekommen. Vergeblich hatten sie versucht, Safit, einen strategisch wichtigen Berg einzunehmen, von dem man das ganze Gebiet überblicken und kontrollieren kann.

Darunter auch die Straßenverbindungen, die an die Mittelmeerküste und in die Hauptstadt führen. Schon einmal hatten die Rebellen den Berg gestürmt, am 11. Mai. Einer der Rebellen holt ein Handy hervor, das er damals dort oben sichergestellt hat, und zeigt einen kleinen Film darauf.

Er zeigt Handy-Besitzer Mohammed, ein Offizier der libyschen Armee, der in der Pose eines Feldherrn stolz hinter einem Flugabwehrgeschütz steht und eine Ansprache an seine Soldaten hält: „Glaubt mir, wir werden all diese Ungläubigen aus diesem Gebiet vertreiben!“

Alle in zivil, scheinbar auf Urlaub

Ein anderes Video zeigt den Offizier mit Kameraden auf der Fahrt nach Tripolis. Alle in zivil, scheinbar auf Urlaub. Sie singen zusammen im Auto, froh, die Front hinter sich gelassen zu haben und bald bei ihren Familien zu sein. Der letzte Eintrag auf dem Handy stammt vom 11. Mai. Offizier Mohammed, von dem kein Nachname bekannt ist, wird im Kampf erschossen.

Mit ihm der Flakschütze Saleh Mohammed Omar, bei dem eine libysche Aufenthaltsgenehmigung gefunden wird, die ihn als „Arbeiter“, geboren 1980 im Sudan, ausweist. Wenige Tage später rücken die Gaddafi-Truppen in Kompaniestärke vor und vertreiben die Rebellen von dem Berg Safit.

In den Rebellen-Gebieten der Nafusa-Berge wird überall von einer großen Attacke auf Tripolis gemunkelt, die bald bevorstehe. Darüber sprechen will keiner der Rebellen-Militärs. „Wir können nicht an eine große Offensive denken“, sagt Dschamal Hadi Bouasis, ein pensionierter Oberst.

Er hat, wie viele andere zu den Rebellen übergelaufenen Offiziere, noch im seines Landes gegen den Tschad (1978-1987) gedient. Eine Erfahrung, die für die Rebellen unverzichtbar ist. „Wir haben zwar genügend Kämpfer, aber nicht ausreichend Waffen für sie“, erklärt der Oberst. Es fehlt vor allem an schweren Waffen. Und die Nato helfe ihnen nicht wirklich: „Sie haben mal ein Munitionsdepot bombardiert, aber seit drei Monaten wurden keine Angriffe mehr geflogen.“

In der ostlibyschen Stadt Bengasi, dem Sitz der Übergangsregierung der Rebellen, gäbe es Militärberater aus dem Ausland. „Nur bei uns haben wir noch keinen einzigen zu Gesicht bekommen“, sagt Bouasis sichtlich enttäuscht. „Wir wissen nicht, warum man uns völlig alleine lässt.“

Von der Nato enttäuscht

An der Frontlinie in al-Galaa ist man nicht weniger von der Nato enttäuscht. „An manchen Tagen kann man zwar ihre Flugzeuge kreisen hören“, erzählt Mohammad Glaawit vom städtischen Organisationsrat, „aber Bomben fallen keine.“ Dabei müssten doch die Panzer und Militärfahrzeuge der Gaddafi-Truppen ganz leicht aus der Luft zu erkennen sein.

„Die Passivität der Nato macht uns das Leben schwer“, resümiert der sympathisch wirkende ältere Herr. Täglich fallen allein hier manchmal bis zu fünf Rebellen. In den anderen Städten der Region, Sintan, Nahlout, Bir Ayyad oder Kila sind es nicht weniger.

Natürlich wolle man möglichst bald in die Hauptstadt, aber unter den gegenwärtigen Umständen sei das schwierig. Angedacht ist eine Zangenbewegung, mit der man auf Tripolis vorstößt: aus dem Osten von Bengasi und vom Westen her aus den Nafusa-Bergen.

„Aber bevor wir uns darüber den Kopf zerbrechen, müssen wir hier zuerst einmal dringende Probleme lösen“, fügt Glaawit ernst an. Er zeichnet einen Plan auf ein loses Blatt Papier und erläutert die militärische Lage. „Al-Galaa ist von drei Seiten von Gaddafi-Truppen eingeschlossen. Hier, hier und hier“. Er malt drei Kreuze aufs Papier. „Wir müssen unbedingt einen zusätzlichen Zugang öffnen.“

Wie man das machen werde, könne er jedoch nicht verraten. „Militärgeheimnis“, meint Glaawit schmunzelnd. Aber das Ratsmitglied, das seine Stadt in Bengasi in der Nationalen Übergangregierung vertreten soll, braucht nichts mehr zu erklären. Das ehemalige Gebäude des libyschen Roten Halbmonds ist voll mit Kämpfern, die aus der Gegend zusammengezogen wurden. Im Hof fahren ständig Militärfahrzeuge vor. Es herrscht eine seltsame Spannung, als könnte es jeden Augenblick losgehen.

100 Rebellen warten im Hinterhof einer Schule auf ihren Einsatzbefehl

Und am nächsten Morgen ist es auch schon soweit. Kurz nach Sonnenaufgang warten rund 100 Rebellen im Hinterhof einer Schule auf ihren Einsatzbefehl. Kalaschnikows werden noch schnell mit Spray geölt, die zwölfrohrigen Raketenwerfer gefettet, Patronen mit dem Pinsel vom Staub gesäubert und in die 100 Schuss fassenden Magazinboxen eingelegt.

Aus einem Waffendepot in der Schule holt man Panzerfäuste und französische Milan-Panzerabwehrraketen, die das Golfemirat Katar an die Rebellen geliefert hat. Einige der Kämpfer sitzen noch beim Frühstück am Boden neben ihren Fahrzeugen.

Es gibt Datteln und Milch. Angst vor dem Tod oder auch nur Nervosität ist bei den meist jungen Kämpfern, die überwiegend in Jeans, T-Shirt und leichten Sommerschuhen in den Krieg ziehen, nicht zu spüren. Lässig haben sie sich die Reservemagazine für ihre Kalaschnikows in die Hosentaschen gesteckt.

Dass manche ihrer Gewehre über 30 Jahre alt sind, stört sie wenig. „Hauptsache sie funktionieren“, sagt ein großer, muskulöser Typ, der sich beschwert, wegen des Kriegs keine Zeit mehr für das Fitnessstudio zu haben. „Hoffentlich geht es bald los“, sagt er mit einem breiten Schmunzeln.

Voller Ungeduld und Vorfreude

Alle scheinen voller Ungeduld, ja Vorfreude zu sein, die Handlanger Gaddafis aus ihrer Stadt, von ihrer Erde vertreiben zu können. Um acht Uhr erfolgt unter einem lauten „Gott ist groß“ der Abtransport an die Front. Nach einem kleinen Fußmarsch sind sie um 8.30 Uhr am Fuß des Safit-Berges, hinter dem die Straße nach Tripolis liegt, in Position.

Sofort wird die etwa 100 Mann starke Gaddafi-Kompanie oben am Hügel mit schwerem Feuer belegt. Die 14,5-Millimeter-Flugabwehrbatterien machen einen höllischen Lärm. Gleichzeitig gehen die 106-Millimeter-Raketenwerfer los. Die Truppen Gaddafis antworten mit Panzern und Mörsern.

Scharfschützen warten darauf, dass anstürmenden Rebellen in ihre Schusslinie kommen – die Kampfmoral der Gaddafi-Truppen ist offenbar nicht besonders groß, sie versuchen, die Angreifer auf Distanz zu halten und direkte Kämpfe zu vermeiden. Hinter der ersten Frontlinie stehen Krankenwagen im Schutz eines Erdwalls. Nach zwei Stunden treffen die ersten verletzten Rebellen ein.

Die Windschutzscheibe hat ein Einschussloch

Ab Mittag gibt es erste Munitionsengpässe. Ein Fahrer rast in Richtung Stadt los. Die Windschutzscheibe hat ein Einschussloch und das Glas droht durch den Fahrtwind ins Wageninnere zu bersten. Auf dem kleinen Bergpass hinunter nach al-Galaa nehmen Gaddafi-Soldaten das Auto ins Visier. Einen Meter hinter dem Wagen schlägt die Granate ein. Der Fahrer lacht kurz und zeigt auf den Rauch hinter dem Wagen.

In der Kaserne werden erneut Panzerfäuste, Panzerabwehrraketen und Maschinengewehrmunition geladen. Am frühen Nachmittag kommt der Sturm auf den Hügel zum Stocken. Ein Teil der Kämpfer nimmt Deckung in einem alten, leerstehenden Haus. Keiner sagt ein Wort, aber man sieht sofort: Nach sechsstündigen Gefechten im Staub und Dreck, bei brütender Hitze von mehr als 30 Grad ist die Stimmung trübselig, vom Anfangselan kaum mehr etwas übrig.

Zwei Stunden später trifft Verstärkung ein. Neue Flugabwehrbatterien lassen ihre Geschosse unaufhörlich auf die Stellung der Gaddafi-Soldaten niederregnen. Gegen 18 Uhr ist es endlich vorbei. Der Hügel ist gestürmt, die Soldaten Gaddafis haben sich zurückgezogen. Freudensalven sind durch das Tal zuhören.

Sieg teuer erkauft

Aber der Sieg ist teuer erkauft. Drei der Rebellen sind tot, 33 zum Teil schwer verletzt. Vier Gaddafi-Soldaten verhaftet, wovon einer am nächsten Tag nach der Operation im Krankenhaus stirbt.

Vom Tod und Leiden an der Front haben die jungen Freiwilligen, die in den Ausbildungslagern der Rebellen gedrillt werden, noch keine Ahnung. Mit Enthusiasmus marschieren sie, robben im Sand oder klettern Wände hoch. „Ich möchte in den Kampf“, sagt Omar, einer der Rekruten, „um Gaddafi so schnell wie möglich zu Fall zu bringen.“

Die anderen jungen Männer nicken heftig. Sie rufen „Gott ist groß“ und recken die Hand mit dem V-Zeichen in die Luft: Leben oder Tod. Wie viele von ihnen den Fall des Diktators Gaddafi noch erleben werden, wisse nur Gott allein, sagt einer der Ausbilder.

Keine Kommentare: