Freitag, 26. August 2011

"Die Kämpfer sind jung, sie nehmen Drogen"

n Tripolis ist der Krieg vorbei, doch die Gewalt geht weiter. Es häufen sich Berichte über Massenexekutionen und Folterungen mit Hunderten von Opfern.

Seit drei Tagen liegt die Leiche im Wasser, die Wellen an der Corniche von Tripolis bewegen den Körper leicht hin und her. Es ist ein Mann mit Militärstiefeln und Uniform, ein Gaddafi-Soldat könnte er gewesen sein oder ein Rebell. Irgendjemand hat ein weißes Tuch über ihn geworfen.

Doch an anderen Orten in der libyschen Hauptstadt wütet die Gewalt weiter, finden Massenexekutionen statt und Folterungen Hunderter Menschen, wie allmählich bekannt wird. Rebellen und Gaddafi-Loyalisten bezichtigen sich gegenseitig dieser Gräueltaten. Wer in den Tagen nach dem Einmarsch der Rebellen durch Tripolis fährt, findet nicht die Schuldigen. Er sieht nur, dass die Gewalt noch lange nicht zu Ende ist.

Der letzte verzweifelte Kampf

Nach Abu Salim sind es keine zehn Fahrminuten von der Strandpromenade. In dem südlichen Stadtteil haben sich Gaddafi-Anhänger verschanzt und kämpfen ihren letzten verzweifelten Kampf. Schwere Waffen haben sie nicht mehr. Keine Artillerie und auch jene Grad-Raketen, mit denen sie monatelang zu Tausenden Rebellen und deren Städte beschossen, scheinen ihnen ausgegangen zu sein.

Sie feuern mit Dragunow-Gewehren aus russischer Fabrikation. Eine perfide Waffe mit einer Reichweite bis zu 1300 Metern, die verheerende Wunden in Kopf und Körper reißt. Es ist sehr schwierig, gut postierte Scharfschützen außer Gefecht zu setzen. Die Rebellen nehmen schwere Verluste hin und können sich nur Straße um Straße vorankämpfen.

Libysche Rebellen verlegen ihren Sitz nach Tripolis

Bevor der Fahrer nach Abu Salim abbiegt, kurbelt er die Fenster hoch. „Es stinkt hier so, wegen der Toten“, sagt er und hält sich die Nase zu. „Viele Tote“, fügt er hinzu. Links und rechts am Straßenrand liegen verkohlte Autowracks, Wagen die noch halbwegs intakt scheinen, sind zerschossen, die Türen stehen weit offen. Im Vorbeifahren glaubt man, einige in sich zusammengesackte Gestalten zu erkennen. Nach wenigen Minuten erreicht man eine Verkehrsinsel.

Dort liegen rund 20 Tote, die man inzwischen zugedeckt hat. In der Umgebung liegen weitere Leichen auf dem Asphalt verstreut. Ob es Gaddafi-Soldaten oder Rebellen sind, ist nicht auszumachen. Der Fahrer will nicht mehr weiter fahren. „Viel zu gefährlich“, sagt er. „Da kann man leicht erschossen werden.“ Für ihn sind die Bewohner von Abu Salim schlechte Menschen, sie stehen auf der Seite von Gaddafi. „Die Kämpfer sind alle jung und nehmen Pillen“, sagt er dann, als ob er deutlich machen wolle, dass man entweder verrückt sein müsse oder eben auf Drogen, wenn man weiter für den libyschen Diktator kämpft.

Körper von unzähligen Kugeln durchsiebt

In anderen Stadteilen von Tripolis hat man ebenfalls Tote gefunden. Darunter 30 Gaddafi-Soldaten, deren Körper von unzähligen Kugeln durchsiebt waren. Zwei von ihnen waren mit Plastikhandschellen gefesselt, einer lag noch auf einer Krankenwagen-Trage, eine Infusionskanüle im Arm. Grüne Mützen und Flaggen lagen bei den Männern, Poster von Gaddafi. In Bab al-Asisia, dem ehemaligen Palast des „großen libyschen Führers“, wie Gaddafi sich selbst liebevoll nannte, fand man 17 Leichen, angeblich Zivilisten, die von Getreuen Gaddafis hingerichtet wurden.

In den letzten Tagen hatte es auf dem festungsartigen Gelände immer wieder schwere Gefechte gegeben, selbst nachdem die Rebellen die Anlage gestürmt hatten. „Die 17 Leichen wurden in einem Lastwagen gebracht“, erzählt Kirsty Campbell von der Hilfsorganisation International Medical Corps. „Sie sind schon vor 10 Tagen verhaftet und dann exekutiert worden.“ Ihre Wunden seien ganz sicher keine Kampfverletzungen, versichert Campbell und fügt hinzu, dass es noch mehr Berichte über solche Leichen gebe.

Im Zentralkrankenhaus in der Sawia-Straße herrscht Hochbetrieb, obwohl die Zeit der großen Auseinandersetzungen vorbei ist. Durch die Gänge wanken blutende Männer, die von Begleitern gestützt in Notaufnahme gehen. Am Empfang weiß niemand, wie viele Leute eingeliefert worden sind, obwohl man in großen Büchern die Patienten registrieren soll. „Das wird oft später gemacht“, erklärt ein Arzt im Vorbeigehen. 100 bis 150 Menschen seien es täglich, versichert wenig später der Arzt Imad Mohammed.

„Das meiste sind Schusswunden von Scharfschützen.“ Tote gebe es nicht mehr so viele. „Bis heute Mittag sollen es nur insgesamt vier gewesen sein.“ In den drei Tagen nach dem Sturm der Rebellen gab es mindestens 100 Tote täglich. „Die Mehrheit waren Zivilisten“, erzählt Amal Hamed. „Darunter Frauen und Kinder, die in ihren Wohnungen von Scharfschützen getroffen worden waren.“ Viele könnten theoretisch gerettet werden, sagt die junge Ärztin, „aber es fehlt uns an der nötigen Ausrüstung.“

Das Luxusbüro von Hanna Gaddafi

Im Zentralkrankenhaus von Tripolis arbeitete auch Hanna Gaddafi, die Tochter des Diktators, eine Frau, die eigentlich nicht mehr am Leben sein dürfte. 1986 war sie, nach offiziellen Angaben bei einem US-Luftangriff auf Bal al-Asisia ums Leben gekommen. Ihre Schwester Aischa hatte noch im Mai bei einer öffentlichen Rede vor Tausenden von Gaddafi-Anhängern den Tod von Hanna beklagt. „Mitten in der Nacht bin ich durch die Bomben weinend aufgewacht und neben mir lag Hanna blutend und tot.“

Mohammed, ein junger Medizinstudent, der seit fünf Jahren im Zentralkrankenhaus arbeitet, führt lachend in einen anderen Flügel des Gebäudes. „Natürlich hat Hanna hier gearbeitet. Ihr Tod ist eine Erfindung. Ich zeige ihnen ihr Luxusbüro. Ich habe selbst erst vor drei Tagen davon erfahren, als man es öffnete.“ Er habe die Räumlichkeiten gleich wieder erkannt. „Ich habe das im Fernsehen gesehen. Hier spielte Gaddafi Schach mit dem russischen Gesandten.“ Anfang Juni waren Bilder um die Welt gegangen, die Gaddafis Partie gegen Kirsan Iljumschinow zeigte, dem exzentrischen Multimillionär, den man als Vermittler nach Tripolis geschickt hatte.

"Niemand wusste, wo sich der Raum befand"

Das Büro von Hanna Gaddafi besteht aus zwei Räumen, von denen einer prunkvoll eingerichtet ist, mit monströsen cremefarbenen Sofas, Glastisch, einem halbrunden Mahagoni-Schreibtisch und einem übergroßen Plasmafernseher. Im Bad führt ein Rebellenkämpfer bereitwillig die Jakuzzi-Kabine vor. „Hier hat sich Gaddafi ausgeruht, während er uns Libyer ermorden ließ“, ruft er aufgebracht. Seit Sonntag nutzen die Ärzte das ehemalige Gaddafi-Büro als Aufenthalts- und Schlafraum.

Ein ungekannter Luxus für sie, denn ihre normalen Quartiere gleichen Abstellkammern. „Auch ich habe das Sofa und den Glastisch sofort wieder erkannt“, versichert Dr. Walid Sulahi, der sich gerade geschlafen hat. „Gaddafi spielte hier nicht nur Schach, er kam oft hierher und das wurde dann im Fernsehen übertragen“. Niemand habe allerdings gewusst, wo sich jener Raum befand. „Ich habe keine Ahnung, wie er hier hereinkam und verschwand, ohne von jemand gesehen zu werden.“
Alfred Hackensberger, Die Welt, Die Presse

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