Sonntag, 5. April 2009

Wie die Finanzkrise dem Koran hilft

Der Ruf nach schariagerechtem Islamic Banking in der arabischen Welt wird durch den Kollaps der Märkte lauter

Ob Rocksänger Rod Stewart, Fußballstar David Beckham oder das Baywatch-Busenwunder Pamela Anderson - wer etwas auf sich hielt und die nötigen Millionen hatte, kaufte sich in Dubai ein luxuriöses Heim. Wie in keinem anderen Land prosperiert am persischen Golf der Baumarkt, den architektonischen Fantasien waren kaum Grenzen gesetzt. Mit der internationalen Finanzkrise ist es damit nun erst einmal vorbei. Mehr als die Hälfte aller Bauvorhaben (Gesamtwert: 582 Milliarden Dollar) sind in den Vereinigten Arabischen Emiraten eingefroren. Auch die Nachbarländer traf die Krise hart. Die Börse von Kuwait fiel um 57 Prozent im Vergleich zum Juni 2008. Insgesamt sollen Investoren aus der Golfregion rund 2,5 Billionen Dollar verloren haben, schätzt die Union der Arabischen Wirtschaftskammer.

Für Nasser Saidi vom Internationalen Finanzzentrum in Dubai ist dies die perfekte Gelegenheit, islamische Finanzmodelle anzuwenden. "Sie bieten eine bessere Haftung, mehr Transparenz und statt schnellem Profit such man nach langfristigen Finanzierungen." Der Chefökonom aus Dubai spricht vom "Islamic Banking", das auf der Scharia basiert.

Ein System, das damit arbeitende Banken vor großen Verlusten bewahrte: Kreditgeschäfte, Hypotheken, Optionen, Futures, Derivate - alles, was die Krise in den USA auslöste, ist im Islamic Banking verboten. "Wir sind nicht von Bonds und Aktien abhängig", erklärt Adnan Ahmed Jussef, Vorsitzender der Union Arabischer Banken. "Wir sind auch nicht, wie die meisten Banken, daran beteiligt, Schulden zu kaufen und zu verkaufen."

Schon Prophet Mohammed war Kaufmann, und Handeln ist für gläubige Muslime ein gottgefälliger Beruf. Nur Zinsen dürfen nicht erhoben werden. Zudem keine Beteiligung am Glücksspiel, Schweinefleisch, Alkohol, Tabak und Prostitution. Idealerweise basiert Islamic Banking auf dem gerechten Austausch, wie es in einem Ausspruch des Propheten heißt: "Gold für Gold, Silber für Silber, Weizen für Weizen, Gerste für Gerste, Datteln für Datteln, Salz für Salz, Gleiches für Gleiches, Hand zu Hand, in gleichen Teilen; jeder Zuwachs ist 'Riba' (Zins, Wucher)."

Ein Scharia-Expertenbeirat überwacht und prüft in der Bank, was verboten (haram) und was erlaubt (halal) ist. Dazu interpretiert er den Koran. Die fast 1400 Jahre alten Texte auf moderne Sachverhalte zu prüfen, ist für die islamischen Rechtsgelehrten nicht immer so einfach, die Interpretationen können immense Auswirkungen haben. 2008 brach der Markt der islamischen Anleihen um die Hälfte ein. Vor allem "wegen der Äußerungen des gelehrten Scheichs Taki Usmani, dass 85 Prozent aller Anleihen nicht schariakonform seien", erklärt Zaid el-Mogaddedi vom Institute for Islamic Banking in Frankfurt am Main.

Trotzdem, mit Islamic Banking hätte es die Hypothekenkrise in den USA nicht gegeben. Statt Geld zu verleihen, hätten die islamischen Banken das Haus ganz oder zu 80 Prozent gekauft. Der Kunde zahlt dann jeden Monat Raten bis zur vollkommenen Tilgung. Überschusszahlungen werden nicht als Zinsen, sondern als Kompensation für die Wertsteigerungen angesehen. "Ein anderer entscheidender Faktor der Krise war der Bankhandel mit nicht vorhandenem Vermögen", sagt Steven Amos von der Islamic Bank of Britain. "Die konventionellen Banken wussten oft nicht, was sie da kauften, ob es dafür ein reales Vermögen oder Einlagen gibt. Wir dagegen müssen zuerst die Einlagen besitzen, bevor wir Geschäfte machen können". Außerdem konnte und dürfte seine Bank kein Geld an andere Institute verleihen. Kredite in Milliardenhöhe, die nicht gedeckt waren, hatten Investmentbanken wie Lehman Brothers zu Fall gebracht.

In Großbritannien gibt es heute fünf islamische Banken und weitere 20 bekannte Großbanken, die islamische Abteilungen eröffnet haben, was bei einer jährlichen Wachstumsrate von 15 Prozent verständlich ist. In Deutschland spielt das islamische Bankwesen noch eine untergeordnete Rolle, obwohl es mit etwa 3,5 Millionen Muslimen ein enormes Potenzial gäbe, sagt Mogaddedi. "Aber das deutsche Rechts- und Finanzsystem ist für die Entwicklung eines islamischen Finanzwesens nicht ausgerichtet. Politiker sind sehr vorsichtig."

Das islamische Bankwesen ist im Vergleich zur westlichen Bankgeschichte relativ jung. 1963 und 1971 gab es in Ägypten Banken, die ohne Zinsen arbeiteten, sich aber nicht ausdrücklich als islamisch bezeichneten. 1974 wurde die Islamic Development Bank - heute 55 Mitgliedsländer - gegründet. Seit 1999 gibt es zwei islamische Marktindizes, vergleichbar dem deutschen Dax. In diese Indizes werden nur Firmen aufgenommen, die schariakonform arbeiten. Wer dies nicht tut - Zinsen erhebt oder in Schweinefleisch investiert - wird nicht aufgenommen oder gegebenenfalls ausgeschlossen.

Publiziert in der Welt am 5.04.09

Geheime Mission: Weltrevolution

Von Bahrain über Marokko bis nach Nigeria - die islamische Welt fürchtet eine schiitische Infiltration durch den Iran

Brennende Autoreifen, Maskierte, die Steine und Molotowcocktails auf Polizisten werfen: Eine Straßenkampfszene, die man aus Berlin oder London kennt, aber nicht aus einem reichen Ölland wie Bahrain. Seit Wochen kommt der kleine Golfstaat nicht mehr zur Ruhe, nachdem die Polizei vergangenen Monat 23 Oppositionelle, darunter auch populäre schiitische Geistliche, verhaftete. "Nein zur Unterdrückung der Freiheit", fordert in der Hauptstadt Manama ein Graffito, das schiitische Demonstranten an einer Wand hinterließen. Sie fühlen sich von der sunnitischen Elite des Landes diskriminiert, obwohl Schiiten 70 Prozent der Bevölkerung der insgesamt 530 000 Bahrainer ausmachen.

Gewalttätige Proteste und Forderung nach Gleichberechtigung sind für die ansonsten ruhige Golfregion neu und lösten bei arabischen Staatsmännern Alarm aus. Insbesondere nach den Bemerkungen von Ali Akbar Nateq-Nouri anlässlich des 30. Jahrestags der iranischen Revolution. Der Berater von Staatsoberhaupt Ayatollah Chamenei sprach von Bahrain als "14. Provinz" des Iran, die der ehemalige Schah Reza Pahlavi 1970 einfach aufgegeben hätte. Obwohl Nateq-Nouri kurz darauf betonte, nur historische Fakten referiert zu haben und keineswegs die Souveränität Bahrains infrage stellen wollte, war die Entrüstung groß. König Abdullah von Jordanien und der ägyptische Präsident Hosni Mubarak statteten Solidaritätsbesuche beim bahrainischen Regenten al-Khalifa ab. Saudi-Arabien nannte die Worte aus dem Iran "feindlich gesinnt und unverantwortlich". Marokkos König Mohammed VI. sprach nicht nur von einem "verachtenswerten" Statement und einer "Drohung", er brach kurzerhand die diplomatischen Beziehungen zur Islamischen Republik ab. "Die Reaktionen waren überzogen", sagt Adnan Abu-Odeh, Ex-Berater des jordanischen Königs. "Aber mit Berechnung".

Der marokkanische Außenminister Taleb Fassi-Fihri offenbarte wenige Tage nach den Ereignissen den wahren Grund, der von Nordafrika bis in den rund 5000 Kilometer entfernten Nahen Osten Besorgnis erregt: Die islamische Welt fürchtet eine kulturelle Infiltration durch den Iran. Man habe "schiitischen Aktivismus festgestellt", so der Außenminister, "insbesondere in der diplomatischen Vertretung in Rabat", die sich gegen "fundamentale religiöse Werte Marokkos" richtete und "den sunnitischen Maliki-Glauben bedrohen". Auch Innenminister Chakib Benmoussa bestätigte, Iraner missionierten im Königreich seit 2004, und zwar über kulturelle Zentren und mittels Verbreitung von Publikationen. Zudem studierten junge Marokkaner im Iran gratis, ganz auf Kosten der Islamischen Republik.

Laut der Zeitung "Al Jarida Al Aoula" wurden daraufhin Ende März Dutzende von Menschen in verschiedenen Städten Marokkos verhaftet, die mit dem schiitischen Islam sympathisierten. Bücher und Zeitschriften, die meisten im Libanon produziert, sollen beschlagnahmt worden sein. In Rabat schloss man die Irakische Schule mit der Begründung, "das Erziehungssystem ist gegen die Bestimmungen von Privatschulen". Die Direktorin der Schule habe "bestimmte religiöse Praktiken propagiert", womit natürlich schiitische Lehren gemeint sind.

Auch in Saudi-Arabien, wo der schiitische Bevölkerungsanteil bei zehn Prozent liegt, erfolgten diese Woche Razzien, 35 Personen wurden verhaftet. Der schiitische Scheich Nimr al-Nimr war allerdings nicht dabei, er tauchte vorsorglich unter. Im Februar hatte der Geistliche beim Freitagsgebet zur Abspaltung vom saudischen Königreich aufgefordert, nachdem es in der heiligen Stadt Medina zu heftigen Ausschreitungen zwischen schiitischen Pilgern und der Polizei gekommen war.

Vor der schiitischen Missionierung durch den Iran warnte Scheich Yusuf al-Qaradawi bereits 2008. Der von seiner Sendung "Scharia und Leben" auf al-Dschasira bekannte ägyptische Islam-Gelehrte hat innerhalb der vergangenen beiden Jahre beobachtet, "dass sunnitische Gesellschaften von einer organisierten schiitischen Missionarsarbeit heimgesucht sind". In Ägypten habe es noch vor 20 Jahren keinen einzigen Schiiten gegeben, aber sie hätten es geschafft, das Land zu infiltrieren. "Sie haben Leute, die in der Presse schreiben, Bücher publizieren, und sie haben ein Publikum." Das Gleiche sei im Sudan, in Tunesien, Algerien, Marokko und auch in nicht arabischen Ländern wie Malaysia, Indonesien, Nigeria und dem Senegal passiert. Realität oder die Verschwörungstheorie eines sunnitischen Geistlichen, der mit 82 Jahren bereits in die Jahre gekommen ist?

Tatsächlich gibt es Anzeichen einer schiitischen Mission. 2006 wurden auf der Buchmesse in Sudans Hauptstadt Khartoum Bücher beschlagnahmt, die sich über sunnitische Glaubensinhalte, den Propheten Mohammed und seine Familie lustig machen. Bücher, die über diplomatisches Gepäck der iranischen Botschaft ins Land gekommen waren. In Jordanien beklagten sich Parlamentarier, Schiiten würden versuchen, arme sunnitische Familien zu konvertieren. Und in Algerien berichtete die Zeitung "Echourok" von besorgten Eltern, die einen Brief an die Behörden schrieben, nachdem ihre Kinder in der Schule mit schiitischen Inhalten gefüttert worden waren.

Weit schwerwiegender ist dagegen die Enttarnung des Belliradsch-Terrornetzwerks in Marokko 2008. Ein Teil der Mitglieder soll in Ausbildungslagern der schiitischen Hisbollah im Libanon trainiert worden sein. Unter den 35 Verhafteten war - neben dem Führer einer verbotenen sunnitisch-islamistischen Gruppe und einem Mitglied der Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung - der Korrespondent des Hisbollah-Senders al-Manar. Für Marokko, aber auch für andere sunnitische Staaten eine erschreckende Kombination. Sunnitische Islamisten erhalten finanzielle Hilfe, militärische Ausrüstung und Training von vom Iran gesponserten schiitischen Militanten.

Bekanntestes Beispiel für eine derartige Kooperation ist die palästinensische Hamas, die von der Hisbollah logistisch, vom Iran finanziell und angeblich auch militärisch unterstützt wird. Ein Bündnis, das dem Iran und der Hisbollah bei den rund 1,5 Milliarden Muslimen große Pluspunkte bringt. Hassan Nasrallah, der Hisbollah-Generalsekretär, gilt als einer der beliebtesten und vertrauenswürdigsten Politiker der Region.

Die bedingungslose Unterstützung der Hamas bis zum "Kollaps Israels", wie Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad gern beteuert, ist mit einer der Gründe für die Spaltung des arabischen Lagers. Zu dem Gipfeltreffen der Arabischen Liga im März in Doha wurde der iranische Präsident zuerst ein- und später wieder ausgeladen. "Wir brauchen eine gemeinsame Vision für die arabische Sicherheit und wie wir mit der iranischen Herausforderung umgehen", forderte der Außenminister Saudi-Arabiens, Prinz Saud al-Faisal. Daraus spricht die Sorge über eine Atombombe des Irans, welche die Führungsrolle der Islamischen Republik in der Region ein für alle Mal festschreiben würde.

Eine arabische Einheitsfront gegen den Iran wird es jedoch nicht geben, solange Syrien und Qatar mit dem Iran gute Beziehungen pflegen und auch aktiv die Hamas unterstützen. Sorgenvoll betrachtet man in Saudi-Arabien, Jordanien oder auch in Ägypten die Gesprächsbereitschaft von US-Präsident Barack Obama mit dem Iran. "Die USA denken, eine Einigung mit dem Iran sei der Schlüssel für die Probleme der Region", sagte Musafa Alani, Sicherheitsexperte in Dubai. "Aber das beängstigt uns. So etwas könnte zu großen Zugeständnissen führen und unsere Sicherheit untergraben."

Donnerstag, 2. April 2009

Endstation Mittelmeer

Die Katastrophe vor Libyen wird dem Flüchtlingsstrom nach Europa kein Ende setzen. Beim internationalen Menschenschmuggel spielt Staatschef al-Gaddafi eine Schlüsselrolle

Es sollte eine Fahrt in eine goldene Zukunft werden. Dicht gedrängt saßen rund 350 Menschen hoffnungsvoll in einem Fischerboot, mit dem sie die 1770 Kilometer bis nach Europa auf der anderen Seite des Mittelmeers zurücklegen wollten. Aber das Holzboot, eigentlich nur für 75 Passagiere zugelassen, hatte ein Leck und sank sehr schnell bei stürmischem Wetter. Nur 21 Menschen konnten gerettet werden. Die Insassen der anderen drei Boote, die ebenfalls am vergangenen Wochenende von der libyschen Küste aus in See stachen, hatten mehr Glück. Eines wurde nach einem Maschinenschaden von der libyschen Küstenwache aufgebracht, die beiden anderen schafften es nach Italien und Malta. 77 Tote wurden aus dem Wasser gefischt oder an den Strand gespült. Sie kamen aus Somalia, Nigeria, Eritrea, Algerien, Marokko, Palästina und Tunesien. Unter den Passagieren des aufgebrachten Bootes befanden sich auch Ägypter und Bangladescher.

Libyen ist die derzeit wichtigste Transitroute nach Europa. Das UN-Flüchtlingswerk schätzt, dass 2008 mehr als 67 000 Menschen die gefährliche Reise in einem dieser Fischerboote unternommen haben. 37 000 davon erreichten Italien (2007 waren es 19 000), die anderen Griechenland oder Malta. Mehr als 1700 kamen beim Versuch, ihren Traum zu erfüllen, ums Leben.

"Wenn man ein gutes Leben will, muss man eben etwas riskieren", sagt Jeffrey aus Nigeria, der vor vier Jahren sein Heimatland Richtung Europa verließ. "Dort findet man immer Arbeit, kann sich ein Auto leisten und eine Wohnung kaufen. Es geht einem einfach gut." Von einer Wirtschaftskrise will der junge Mann aus Schwarzafrika nichts hören. Er hat ein geregeltes Auskommen als Elektriker, sein kleines Haus und seine Familie zurückgelassen und es gegen die Ungewissheit der illegalen Immigration getauscht. Nach Jahren der Odyssee durch Mali, Algerien und Marokko ist er mit einer Schwimmweste für 500 Euro nach Ceuta, in die spanische Exklave an der Nordspitze Afrikas, geschwommen. Seit zehn Monaten sitzt er dort im Auffanglager und wartet auf einen Entscheid der Behörden, ob er bleiben darf oder deportiert wird.

Ihre Lebensgrundlage setzte auch eine Reihe von indischen Bauern aus der Region Punjab aufs Spiel. Um die Reise von Indien über Afrika bis nach Ceuta zu finanzieren, haben sie ihr Land verkauft oder ihr Haus an die Bank verpfändet. "Umgerechnet 7000 Euro habe ich bekommen", erzählt einer von insgesamt 54 indischen Migranten, die seit einem Jahr auf dem Berg von Ceuta im Wald campen. Familienbesitz und Ersparnisse landeten in den Händen von Menschenschmugglern, die sie im Auto versteckt oder im Boot über die Grenze brachten. "15 000 Euro hat jeder von uns bezahlt", meint Gurpreet, der Sprecher der Gruppe, der selbst an der Universität Ökonomie studierte. Allen droht nun die Deportation zurück in ihr Heimatland.

"In der Regel sind es nicht die Ärmsten der Armen", erklärt Rickard Sandell, der als Spezialist für Demografie am Real Instituto Elcano in Madrid forscht. "Sie haben Schulen, Universitäten besucht, verfügen über eine berufliche Ausbildung, und es gibt Ersparnisse, die den schweren Schritt der Immigration erst ermöglichen." Die Ärmsten könnten ja nie jemanden bezahlen, der sie nach Europa brächte. "Wahrscheinlich verfügen sie nicht einmal über die Information, wohin man immigrieren könnte. Spanien oder andere Länder Europas haben sie noch nie im Fernsehen gesehen, da dieses Gerät ein unerreichbarer Luxus ist."

Jeffrey aus Nigeria, die Bauern aus Punjab und etwa 2000 weitere Migranten aus aller Welt sitzen entweder in Ceuta oder in Marokko fest. Die Transitroute durch den Maghreb über die bei Tanger nur 14 Kilometer breite Meerenge von Gibraltar funktioniert nicht mehr. Vor zehn Jahren konnte man noch von der marokkanischen Küste aus mit "pateras", kleinen Schnellbooten, nach Spanien übersetzen. Heute ist das kaum mehr möglich. 2002 installierte Spanien in Algeciras das SIVE, eine 300 Millionen teure Hightechanlage zur Überwachung der Meerenge. Zudem erhielten die marokkanischen Behörden Zuschüsse der EU, um die Küste flächendeckender zu überwachen.

Seitdem entwickelte sich Libyen zum Transitland und Sprungbrett nach Europa. Die 1770 Kilometer lange Überfahrt gilt als weit weniger gefährlich als von der Küste Senegals oder Mauretaniens auf die Kanarischen Inseln. Zudem ist die sozialistische libysche Volksrepublik ein Einwanderungsland, in dem fremde Nationalitäten nicht auffallen. Rund 1,2 Millionen Ausländer sollen im Staat von Muammar al-Gaddafi leben, von denen die wenigsten jedoch legalen Status haben. 500 000 bis 600 000 kommen allein aus dem benachbarten Ägypten. Die andere Hälfte stammt überwiegend aus den Ländern der Subsahara. Lange Jahre wurden die Immigranten ohne Papiere von den libyschen Behörden geduldet. Inzwischen aber hat sich die Situation für die afrikanischen Migranten geändert. Staatspräsident al-Gaddafi musste nun auch in Sachen illegaler Immigration mit der EU kooperieren, was er früher stets verweigert hatte. Von nun an deportierte das libysche Innenministerium. 2006 allein 64 330 Immigranten, was den Staat vier Millionen Euro gekostet haben soll. Bis heute existiert sogar der Plan einer Massendeportation aller Ausländer ohne gültige Aufenthaltsgenehmigung. Aufgrund internationaler Proteste, darunter auch das UN-Flüchtlingswerk, wurde er bisher nicht ausgeführt.

In der libyschen Hafenstadt Swara, nahe der tunesischen Grenze, von wo aus die Boote nach Italien starten, werden regelmäßig Razzien durchgeführt. Dabei geht die Polizei wenig zimperlich vor. Die Regierung von Ghana beschwerte sich offiziell über die schlechte Behandlung ihrer etwa 10 000 Staatsangehörigen in Libyen. Sie würden unter unmenschlichen Bedingungen repatriiert. Man würde ihnen ihre Pässe abnehmen und ohne Gerichtsverfahren ins Gefängnis sperren. Den Migranten, die nach Europa wollen, scheint das egal zu sein. Die Willkür der libyschen Polizei schreckt sie nicht ab. Sie kommen weiterhin, um ihren großen Traum vom goldenen Europa zu erfüllen - auch wenn es sie das Leben kostet.

Publiziert in der Welt 2.04.09