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Endstation Mittelmeer

Die Katastrophe vor Libyen wird dem Flüchtlingsstrom nach Europa kein Ende setzen. Beim internationalen Menschenschmuggel spielt Staatschef al-Gaddafi eine Schlüsselrolle

Es sollte eine Fahrt in eine goldene Zukunft werden. Dicht gedrängt saßen rund 350 Menschen hoffnungsvoll in einem Fischerboot, mit dem sie die 1770 Kilometer bis nach Europa auf der anderen Seite des Mittelmeers zurücklegen wollten. Aber das Holzboot, eigentlich nur für 75 Passagiere zugelassen, hatte ein Leck und sank sehr schnell bei stürmischem Wetter. Nur 21 Menschen konnten gerettet werden. Die Insassen der anderen drei Boote, die ebenfalls am vergangenen Wochenende von der libyschen Küste aus in See stachen, hatten mehr Glück. Eines wurde nach einem Maschinenschaden von der libyschen Küstenwache aufgebracht, die beiden anderen schafften es nach Italien und Malta. 77 Tote wurden aus dem Wasser gefischt oder an den Strand gespült. Sie kamen aus Somalia, Nigeria, Eritrea, Algerien, Marokko, Palästina und Tunesien. Unter den Passagieren des aufgebrachten Bootes befanden sich auch Ägypter und Bangladescher.

Libyen ist die derzeit wichtigste Transitroute nach Europa. Das UN-Flüchtlingswerk schätzt, dass 2008 mehr als 67 000 Menschen die gefährliche Reise in einem dieser Fischerboote unternommen haben. 37 000 davon erreichten Italien (2007 waren es 19 000), die anderen Griechenland oder Malta. Mehr als 1700 kamen beim Versuch, ihren Traum zu erfüllen, ums Leben.

"Wenn man ein gutes Leben will, muss man eben etwas riskieren", sagt Jeffrey aus Nigeria, der vor vier Jahren sein Heimatland Richtung Europa verließ. "Dort findet man immer Arbeit, kann sich ein Auto leisten und eine Wohnung kaufen. Es geht einem einfach gut." Von einer Wirtschaftskrise will der junge Mann aus Schwarzafrika nichts hören. Er hat ein geregeltes Auskommen als Elektriker, sein kleines Haus und seine Familie zurückgelassen und es gegen die Ungewissheit der illegalen Immigration getauscht. Nach Jahren der Odyssee durch Mali, Algerien und Marokko ist er mit einer Schwimmweste für 500 Euro nach Ceuta, in die spanische Exklave an der Nordspitze Afrikas, geschwommen. Seit zehn Monaten sitzt er dort im Auffanglager und wartet auf einen Entscheid der Behörden, ob er bleiben darf oder deportiert wird.

Ihre Lebensgrundlage setzte auch eine Reihe von indischen Bauern aus der Region Punjab aufs Spiel. Um die Reise von Indien über Afrika bis nach Ceuta zu finanzieren, haben sie ihr Land verkauft oder ihr Haus an die Bank verpfändet. "Umgerechnet 7000 Euro habe ich bekommen", erzählt einer von insgesamt 54 indischen Migranten, die seit einem Jahr auf dem Berg von Ceuta im Wald campen. Familienbesitz und Ersparnisse landeten in den Händen von Menschenschmugglern, die sie im Auto versteckt oder im Boot über die Grenze brachten. "15 000 Euro hat jeder von uns bezahlt", meint Gurpreet, der Sprecher der Gruppe, der selbst an der Universität Ökonomie studierte. Allen droht nun die Deportation zurück in ihr Heimatland.

"In der Regel sind es nicht die Ärmsten der Armen", erklärt Rickard Sandell, der als Spezialist für Demografie am Real Instituto Elcano in Madrid forscht. "Sie haben Schulen, Universitäten besucht, verfügen über eine berufliche Ausbildung, und es gibt Ersparnisse, die den schweren Schritt der Immigration erst ermöglichen." Die Ärmsten könnten ja nie jemanden bezahlen, der sie nach Europa brächte. "Wahrscheinlich verfügen sie nicht einmal über die Information, wohin man immigrieren könnte. Spanien oder andere Länder Europas haben sie noch nie im Fernsehen gesehen, da dieses Gerät ein unerreichbarer Luxus ist."

Jeffrey aus Nigeria, die Bauern aus Punjab und etwa 2000 weitere Migranten aus aller Welt sitzen entweder in Ceuta oder in Marokko fest. Die Transitroute durch den Maghreb über die bei Tanger nur 14 Kilometer breite Meerenge von Gibraltar funktioniert nicht mehr. Vor zehn Jahren konnte man noch von der marokkanischen Küste aus mit "pateras", kleinen Schnellbooten, nach Spanien übersetzen. Heute ist das kaum mehr möglich. 2002 installierte Spanien in Algeciras das SIVE, eine 300 Millionen teure Hightechanlage zur Überwachung der Meerenge. Zudem erhielten die marokkanischen Behörden Zuschüsse der EU, um die Küste flächendeckender zu überwachen.

Seitdem entwickelte sich Libyen zum Transitland und Sprungbrett nach Europa. Die 1770 Kilometer lange Überfahrt gilt als weit weniger gefährlich als von der Küste Senegals oder Mauretaniens auf die Kanarischen Inseln. Zudem ist die sozialistische libysche Volksrepublik ein Einwanderungsland, in dem fremde Nationalitäten nicht auffallen. Rund 1,2 Millionen Ausländer sollen im Staat von Muammar al-Gaddafi leben, von denen die wenigsten jedoch legalen Status haben. 500 000 bis 600 000 kommen allein aus dem benachbarten Ägypten. Die andere Hälfte stammt überwiegend aus den Ländern der Subsahara. Lange Jahre wurden die Immigranten ohne Papiere von den libyschen Behörden geduldet. Inzwischen aber hat sich die Situation für die afrikanischen Migranten geändert. Staatspräsident al-Gaddafi musste nun auch in Sachen illegaler Immigration mit der EU kooperieren, was er früher stets verweigert hatte. Von nun an deportierte das libysche Innenministerium. 2006 allein 64 330 Immigranten, was den Staat vier Millionen Euro gekostet haben soll. Bis heute existiert sogar der Plan einer Massendeportation aller Ausländer ohne gültige Aufenthaltsgenehmigung. Aufgrund internationaler Proteste, darunter auch das UN-Flüchtlingswerk, wurde er bisher nicht ausgeführt.

In der libyschen Hafenstadt Swara, nahe der tunesischen Grenze, von wo aus die Boote nach Italien starten, werden regelmäßig Razzien durchgeführt. Dabei geht die Polizei wenig zimperlich vor. Die Regierung von Ghana beschwerte sich offiziell über die schlechte Behandlung ihrer etwa 10 000 Staatsangehörigen in Libyen. Sie würden unter unmenschlichen Bedingungen repatriiert. Man würde ihnen ihre Pässe abnehmen und ohne Gerichtsverfahren ins Gefängnis sperren. Den Migranten, die nach Europa wollen, scheint das egal zu sein. Die Willkür der libyschen Polizei schreckt sie nicht ab. Sie kommen weiterhin, um ihren großen Traum vom goldenen Europa zu erfüllen - auch wenn es sie das Leben kostet.

Publiziert in der Welt 2.04.09

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