Sonntag, 28. August 2011

In Gaddafis Kasernen wartet das Grauen

Die Aufständischen finden in den Gebäuden der legendären Chamis-Brigade viel Prunk – und Anzeichen für ein furchtbares Verbrechen.

Ein mehr als 30 Meter langes und 2,50 hohes handgemaltes Gemälde ziert eine Betonwand am Exerzierplatz in Tripolis: Heroisch wehrt die libysche Armee mit Hubschraubern, Panzern, Kampfjets und Kriegsschiffen eine Invasion an der Küste ab. Die Flugzeuge der Aggressoren stürzen ins Meer, die Schiffe versinken brennend.

Das ganze Kriegsgeschehen auf dem Wandgemälde ist in einem sehr pathetischen Stil des realen Sozialismus gehalten und wird von einem Porträt Muammar al-Gaddafis überwölbt, der sich noch immer versteckt hält. Mit dem Blick eines unbezwingbaren Herrschers, natürlich in einer seiner Fantasie-Uniformen, mit viel Pomp und Gloria.

Als das Gemälde entstand, herrschten noch bessere Zeiten für den Diktator und seine Familie. Jetzt liegen alle Gebäude rund um den Exerzierplatz in Schutt und Asche. Die Nato hatte die Kaserne der Brigade von Chamis, dem siebten und mit 28 Jahren jüngsten Sohn Gaddafis, der angeblich bei einem Selbstmordangriff eines libyschen Jetpiloten am 20. März starb, mehrfach aus der Luft angegriffen. Am vergangenen Freitag eroberten die Rebellen die letzte Bastion dieser Elite-Truppe, deren Mitglieder zum Teil sogar in den USA ausgebildet worden waren.

Auf dem Boden verstreut Rasierwasser und Fotos

Es ist ein unüberschaubares Gelände in Salaheddin, ein Viertel im Südwesten von Tripolis, ganz am Rande der Hauptstadt. Die Büros und die Unterkünfte der Soldaten sind verwüstet. Jeweils zu fünft lebten sie in geräumigen Quartieren zusammen. Die Matratzen liegen nun quer übereinander. An der Wand Poster von den Rappern „50cent“ und „Akon“, dazu Zeitungsausschnitte mit Berichten über die Freilassung des Lockerbie-Attentäters Abdelbaset Ali al-Megrahi, als er am 20. August 2009 aus britischer Haft in Libyen ankam.

Auf dem Boden verstreut liegen Rasierwasser, Cremes, Ausweise, Briefe und Fotos der jungen Männer. In den Kleiderschränken hängen Militärjacken und Hosen akkurat, in den Spinden die Uniformmützen, so als würden sie gleich zum Dienst zurückkommen.

Einer von ihnen, Kamal Milda Mehdi, ließ seine Soldabrechnung liegen: 544 Dinar (umgerechnet 270 Euro), abzüglich 35 Euro Vorschuss. Selbst für libysche Verhältnisse ist das nicht sehr viel. Eine durchschnittliche Bezahlung, ausgerechnet für diese Spezialeinheit, die von Chamis al-Gaddafi eigens gegründet worden war, um den „großen Führer“ und seine Familie bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen.

Verwesungsgeruch liegt in der Luft

Aus den hehren Vorsätzen aber wurde nichts. Den Kampf um Tripolis hat die Chamis-Brigade in nur wenigen Tagen mit einer vernichtenden Niederlage verloren. Im Zorn über die Niederlage gegen die „Ratten und Banditen“, wie Vater Muammar al-Gaddafi die Rebellen mehrfach bezeichnete, scheinen einige der Elitesoldaten ihren Zorn und ihren Frust an Zivilisten augelassen zu haben.

Rebellen wollen Gaddafi-Anhänger integrieren

„Für Gaddafi: Sieg oder Tod“ steht an der hohen Mauer eines kleineren Areals, auf dem Bagger und Planierraupen der Chamis-Brigade stehen. Es liegt am Ende einer kleinen Seitenstraße, keine fünf Fahrtminuten von der Kaserne entfernt. Am Tor stehen aufgebrachte, bewaffnete Rebellen, die niemanden auf das Gelände lassen wollen. Immer wieder drängen sie libysche Landsleute ebenso wie ausländische Journalisten aus dem Eingang. Im Gedränge ein Mann, der seine Tränen nicht mehr zurückhalten kann. Laut klagend wird er von einem Freund gestützt und zum Auto gebracht.

Kurz darauf geben die Wachen der Rebellen ihren Widerstand auf. Vor einer Wellblechbaracke liegen zwei männliche Leichen. Der einen wurden mit einer langen Schnur die Füße gefesselt. Man hat melierte Wolldecken über sie gelegt, Verwesungsgeruch liegt in der Luft.

In der Baracke liegen die stummen Zeugen der Massaker, die sich in Tripolis seit dem Sturm der Rebellen in der Nacht zum vergangen Sonntag zugetragen haben und die zu jedem Krieg gehören. In der heruntergekommen Hütte liegen die Überreste von 54 Menschen. Einige von ihnen sind offensichtlich hingerichtet worden. Bei ihnen kann man Kopfschüsse erkennen. Dann wurde Feuer gelegt. Ein schrecklicher Anblick von schwarzen Skeletten, die über den ganzen Boden in der Baracke verteilt sind.
Auch woanders haben die Gaddafi-Schergen gewütet: 75 Tote in Abusalim, weitere 57 im Krankenhaus der Stadt und 35 Leichen in einer anderen Kaserne.

Sechs Monate Aufstand gegen Gaddafi

Nach dem Einmarsch der libyschen Rebellen in die Hauptstadt Tripolis ist die Herrschaft von Muammar al-Gaddafi vorbei.
„Menschenrechtsorganisationen müssen herkommen, um diese Verbrechen Gaddafis aufzuklären“, sagt Mohammad Fatineima aufgebracht. Er wohne in der Nachbarschaft und habe die Gerüchte nicht glauben wollen, sei deshalb extra hierhergekommen, um es mit eigenen Augen zu sehen. „Jetzt kenne ich die Wahrheit, die Wahrheit“, ruft ein älterer Herr mit dickem Bauch in seiner festlichen, blütenweißen Gandora, die man gerne im Fastenmonat Ramadan trägt. Mehr und mehr Libyer gehen ein und aus, um sich das Grauen anzusehen.

Darunter auch Mohammed Abdeslam Abdallah, der behauptet, mit mehr als 100 anderen Männern in der Baracke eingeschlossen gewesen zu sein: 50 Männer aus dem Ort Sawijah, 60 aus Sleitan und vier Schwarzafrikaner. „Alles Zivilisten“, beteuert er. „Wir waren dort seit dem 12. August, man gab uns kaum Wasser und Essen“, erzählt er mit starrer Miene. Ihm sei die Flucht gelungen, weil ihm einer der Wächter geholfen habe.

Mit ihm hätten noch zwei weitere versucht, zu fliehen. „Sie wurden aber erschossen“, sagt er weiter. Ebenso wie der Soldat, der ihnen die Türe aufmachte. Seine Mitgefangen seien aus Angst geblieben. Warum er verhaftet worden sei? „Ich hatte keinen Personalausweis dabei, deshalb nahmen sie mich fest.“

Sie sollen Granaten durch die Fenster geworfen haben

Ein umfassenderes Bild, was passierte, liefert ein Nachbar. „Es war der 23. August, als die Rebellen Bab al-Azizia, den Palast Gaddafis, stürmten. Gleich nach dem Fastenbrechen“, berichtet der Mann, der sich nur Abdelbaset nennt. Es sei bereits dunkel gewesen, als er plötzlich Schüsse hörte und wissen wollte, was hinter seinem Haus vor sich geht.

Drei Soldaten sind demnach zur Baracke gegangen und haben mehrere Granaten durch die vergitterten Fenster geworfen. Danach hätten sie die Schiebetüre aufgemacht und mit ihren Maschinenpistolen auf die Gefangenen geschossen, um sicher zu gehen, dass alle auch wirklich tot sind. Andere Soldaten wollten ihre Kameraden von der Massenexekution abhalten und wurden dafür gleich im Anschluss selbst hingerichtet. „Einer von ihnen musste sich noch niederknien, bevor man ihn tötete“, sagte Abdelbaset, dem die Empörung ins Gesicht geschrieben und der Schweiß auf der Stirn steht.

Der Jubel über den Sieg wird wohl bald der Ernüchterung über die Opfer weichen, die dieser Triumph gefordert hat. Und noch ist es nicht vorbei: In Sirte wird weiter gekämpft.

Freitag, 26. August 2011

"Die Kämpfer sind jung, sie nehmen Drogen"

n Tripolis ist der Krieg vorbei, doch die Gewalt geht weiter. Es häufen sich Berichte über Massenexekutionen und Folterungen mit Hunderten von Opfern.

Seit drei Tagen liegt die Leiche im Wasser, die Wellen an der Corniche von Tripolis bewegen den Körper leicht hin und her. Es ist ein Mann mit Militärstiefeln und Uniform, ein Gaddafi-Soldat könnte er gewesen sein oder ein Rebell. Irgendjemand hat ein weißes Tuch über ihn geworfen.

Doch an anderen Orten in der libyschen Hauptstadt wütet die Gewalt weiter, finden Massenexekutionen statt und Folterungen Hunderter Menschen, wie allmählich bekannt wird. Rebellen und Gaddafi-Loyalisten bezichtigen sich gegenseitig dieser Gräueltaten. Wer in den Tagen nach dem Einmarsch der Rebellen durch Tripolis fährt, findet nicht die Schuldigen. Er sieht nur, dass die Gewalt noch lange nicht zu Ende ist.

Der letzte verzweifelte Kampf

Nach Abu Salim sind es keine zehn Fahrminuten von der Strandpromenade. In dem südlichen Stadtteil haben sich Gaddafi-Anhänger verschanzt und kämpfen ihren letzten verzweifelten Kampf. Schwere Waffen haben sie nicht mehr. Keine Artillerie und auch jene Grad-Raketen, mit denen sie monatelang zu Tausenden Rebellen und deren Städte beschossen, scheinen ihnen ausgegangen zu sein.

Sie feuern mit Dragunow-Gewehren aus russischer Fabrikation. Eine perfide Waffe mit einer Reichweite bis zu 1300 Metern, die verheerende Wunden in Kopf und Körper reißt. Es ist sehr schwierig, gut postierte Scharfschützen außer Gefecht zu setzen. Die Rebellen nehmen schwere Verluste hin und können sich nur Straße um Straße vorankämpfen.

Libysche Rebellen verlegen ihren Sitz nach Tripolis

Bevor der Fahrer nach Abu Salim abbiegt, kurbelt er die Fenster hoch. „Es stinkt hier so, wegen der Toten“, sagt er und hält sich die Nase zu. „Viele Tote“, fügt er hinzu. Links und rechts am Straßenrand liegen verkohlte Autowracks, Wagen die noch halbwegs intakt scheinen, sind zerschossen, die Türen stehen weit offen. Im Vorbeifahren glaubt man, einige in sich zusammengesackte Gestalten zu erkennen. Nach wenigen Minuten erreicht man eine Verkehrsinsel.

Dort liegen rund 20 Tote, die man inzwischen zugedeckt hat. In der Umgebung liegen weitere Leichen auf dem Asphalt verstreut. Ob es Gaddafi-Soldaten oder Rebellen sind, ist nicht auszumachen. Der Fahrer will nicht mehr weiter fahren. „Viel zu gefährlich“, sagt er. „Da kann man leicht erschossen werden.“ Für ihn sind die Bewohner von Abu Salim schlechte Menschen, sie stehen auf der Seite von Gaddafi. „Die Kämpfer sind alle jung und nehmen Pillen“, sagt er dann, als ob er deutlich machen wolle, dass man entweder verrückt sein müsse oder eben auf Drogen, wenn man weiter für den libyschen Diktator kämpft.

Körper von unzähligen Kugeln durchsiebt

In anderen Stadteilen von Tripolis hat man ebenfalls Tote gefunden. Darunter 30 Gaddafi-Soldaten, deren Körper von unzähligen Kugeln durchsiebt waren. Zwei von ihnen waren mit Plastikhandschellen gefesselt, einer lag noch auf einer Krankenwagen-Trage, eine Infusionskanüle im Arm. Grüne Mützen und Flaggen lagen bei den Männern, Poster von Gaddafi. In Bab al-Asisia, dem ehemaligen Palast des „großen libyschen Führers“, wie Gaddafi sich selbst liebevoll nannte, fand man 17 Leichen, angeblich Zivilisten, die von Getreuen Gaddafis hingerichtet wurden.

In den letzten Tagen hatte es auf dem festungsartigen Gelände immer wieder schwere Gefechte gegeben, selbst nachdem die Rebellen die Anlage gestürmt hatten. „Die 17 Leichen wurden in einem Lastwagen gebracht“, erzählt Kirsty Campbell von der Hilfsorganisation International Medical Corps. „Sie sind schon vor 10 Tagen verhaftet und dann exekutiert worden.“ Ihre Wunden seien ganz sicher keine Kampfverletzungen, versichert Campbell und fügt hinzu, dass es noch mehr Berichte über solche Leichen gebe.

Im Zentralkrankenhaus in der Sawia-Straße herrscht Hochbetrieb, obwohl die Zeit der großen Auseinandersetzungen vorbei ist. Durch die Gänge wanken blutende Männer, die von Begleitern gestützt in Notaufnahme gehen. Am Empfang weiß niemand, wie viele Leute eingeliefert worden sind, obwohl man in großen Büchern die Patienten registrieren soll. „Das wird oft später gemacht“, erklärt ein Arzt im Vorbeigehen. 100 bis 150 Menschen seien es täglich, versichert wenig später der Arzt Imad Mohammed.

„Das meiste sind Schusswunden von Scharfschützen.“ Tote gebe es nicht mehr so viele. „Bis heute Mittag sollen es nur insgesamt vier gewesen sein.“ In den drei Tagen nach dem Sturm der Rebellen gab es mindestens 100 Tote täglich. „Die Mehrheit waren Zivilisten“, erzählt Amal Hamed. „Darunter Frauen und Kinder, die in ihren Wohnungen von Scharfschützen getroffen worden waren.“ Viele könnten theoretisch gerettet werden, sagt die junge Ärztin, „aber es fehlt uns an der nötigen Ausrüstung.“

Das Luxusbüro von Hanna Gaddafi

Im Zentralkrankenhaus von Tripolis arbeitete auch Hanna Gaddafi, die Tochter des Diktators, eine Frau, die eigentlich nicht mehr am Leben sein dürfte. 1986 war sie, nach offiziellen Angaben bei einem US-Luftangriff auf Bal al-Asisia ums Leben gekommen. Ihre Schwester Aischa hatte noch im Mai bei einer öffentlichen Rede vor Tausenden von Gaddafi-Anhängern den Tod von Hanna beklagt. „Mitten in der Nacht bin ich durch die Bomben weinend aufgewacht und neben mir lag Hanna blutend und tot.“

Mohammed, ein junger Medizinstudent, der seit fünf Jahren im Zentralkrankenhaus arbeitet, führt lachend in einen anderen Flügel des Gebäudes. „Natürlich hat Hanna hier gearbeitet. Ihr Tod ist eine Erfindung. Ich zeige ihnen ihr Luxusbüro. Ich habe selbst erst vor drei Tagen davon erfahren, als man es öffnete.“ Er habe die Räumlichkeiten gleich wieder erkannt. „Ich habe das im Fernsehen gesehen. Hier spielte Gaddafi Schach mit dem russischen Gesandten.“ Anfang Juni waren Bilder um die Welt gegangen, die Gaddafis Partie gegen Kirsan Iljumschinow zeigte, dem exzentrischen Multimillionär, den man als Vermittler nach Tripolis geschickt hatte.

"Niemand wusste, wo sich der Raum befand"

Das Büro von Hanna Gaddafi besteht aus zwei Räumen, von denen einer prunkvoll eingerichtet ist, mit monströsen cremefarbenen Sofas, Glastisch, einem halbrunden Mahagoni-Schreibtisch und einem übergroßen Plasmafernseher. Im Bad führt ein Rebellenkämpfer bereitwillig die Jakuzzi-Kabine vor. „Hier hat sich Gaddafi ausgeruht, während er uns Libyer ermorden ließ“, ruft er aufgebracht. Seit Sonntag nutzen die Ärzte das ehemalige Gaddafi-Büro als Aufenthalts- und Schlafraum.

Ein ungekannter Luxus für sie, denn ihre normalen Quartiere gleichen Abstellkammern. „Auch ich habe das Sofa und den Glastisch sofort wieder erkannt“, versichert Dr. Walid Sulahi, der sich gerade geschlafen hat. „Gaddafi spielte hier nicht nur Schach, er kam oft hierher und das wurde dann im Fernsehen übertragen“. Niemand habe allerdings gewusst, wo sich jener Raum befand. „Ich habe keine Ahnung, wie er hier hereinkam und verschwand, ohne von jemand gesehen zu werden.“
Alfred Hackensberger, Die Welt, Die Presse