Donnerstag, 13. Februar 2014

In Aleppo kommt der Tod von oben

Die syrische Luftwaffe setzt Fassbomben ein, obwohl – oder weil – sie auch viele Zivilisten töten. Ein übergelaufener Pilot berichtet Von Alfred Hackensberger

Bei jedem noch so leisen Brummen richten die Bewohner von Aleppo ihren Blick sorgenvoll nach oben. Gespannt suchen sie den Himmel nach dunklen Flecken ab, die sich, näher kommend, als Hubschrauber der syrischen Luftwaffe entpuppen könnten. Denn jeden Augenblick kann über ihnen eine dieser Fassbomben abgeworfen werden, die das Regime seit über zwei Monaten bevorzugt verwendet. Es sind improvisierte Bomben, aus Öltonnen gefertigt, mit Sprengstoff, Benzin und extra Schrapnell gefüllt, um die tödliche Wirkung zu verstärken. 20 von ihnen fallen derzeit täglich auf die Rebellengebiete von Aleppo. Sie werden von Soldaten per Hand über die Ladeflächen der Hubschrauber gerollt und abgeworfen. Die Besatzung weiß nicht, wo diese bis zu 500 Kilogramm schweren Sprengsätze einschlagen.
"Diese Fassbomben sind absolut kriminell, sie töten völlig willkürlich", sagt Abu Sari, ein ehemaliger Oberst und Hubschrauberpilot der syrischen Luftwaffe. "Daran erkennt man die mörderische Natur des Regimes von Baschar al-Assad." Für den ehemaligen Offizier ist es ein Rätsel, dass man sich mit "diesen Verbrechern" an einen Tisch setzt. Abu Sari hält nichts von den Friedensgesprächen zwischen Opposition und Regierung, die sich diese Woche zur mittlerweile zweiten Verhandlungsrunde in Genf trafen. In den beiden Wochen seit Beginn der Konferenz in der Schweiz sollen laut Angaben der Organisation Syrischer Menschenrechtsbeobachter (SOHR) mehr als 700 Menschen durch Fassbomben getötet worden sein. "Sagt das nicht genug über den Friedenswillen der Regierung?", fragt Abu Sari rhetorisch.
Die Industriemetropole Aleppo im Norden des Landes wird seit Ende November verstärkt bombardiert. Zuvor hatte es sechs Monate lang nur sporadische Angriffe gegeben. Es war eine Art Alltag in die seit Juni 2012 umkämpfte Stadt zurückgekehrt. Märkte, Geschäfte, selbst Restaurants waren wieder geöffnet. Die Versorgungslage mit Lebensmitteln, Benzin und Kochgas hatte sich normalisiert. Viele, die aus der größten Stadt Syriens geflüchtet waren, sind wieder zurückgekehrt. Damit ist es nun vorbei. Angst und Schrecken regieren wieder. Zehntausende der Bewohner Aleppos sind in den vergangenen Wochen über die Grenze in die Türkei geflüchtet, die bereits 700.000 syrische Flüchtlinge beherbergt.
"Einige Stadtteile sind wieder verlassen", sagt Mohammed aus Aleppo, der trotz der ständigen Angriffe vor drei Wochen heiratete. "Das Leben muss weitergehen", erklärt er lächelnd. Dabei hat der Englischlehrer vor einigen Tagen selbst seine Schwester und ihren Mann in die Türkei begleitet. "Es gibt in Aleppo keinen Ort mehr, an dem man wirklich sicher ist. Es kann gut möglich sein, dass ich auch weggehe." Zumal Mohammed seine Wohnung verloren hat und mit seiner Frau bei Verwandten untergekommen ist. In seinem Viertel sind gleich vier Fassbomben niedergegangen, die mehrere Gebäude zerstörten, darunter eine Schule und eine Moschee. Die Druckwelle hat die Fassade des Appartementhauses, in dem auch seine Wohnung lag, völlig zerstört.
"Das ist Teil der Strategie des Regimes", behauptet der ehemalige Hubschrauberpilot Abu Sari. Der Oberst war bereits im September 2011 zu den Rebellen übergelaufen. "Mit Terror vertreibt man die Bevölkerung, um danach militärisch freie Hand zu haben." Sobald es keine Zivilisten mehr gebe, könne die Armee Rebellengebiete ohne jede Einschränkung beschießen. "Sobald die Artillerie ungestört loslegen kann, ist das Ende des Widerstands nur ein Frage der Zeit", erklärt Abu Sari. Wenige Wochen nach Beginn der Bombenoffensive in Aleppo meldete die internationale Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) Zweifel an der militärischen Zielsetzung der Operation. "Die syrische Luftwaffe ist entweder kriminell inkompetent, da es ihr egal scheint, wie viele Zivilisten sie tötet", sagte Ole Solvang von HRW. "Oder sie greift gezielt zivile Gebiete an."
Vor Beginn einer Offensive werfen syrische Hubschrauber über Rebellengebieten Flugblätter ab, um die Zivilisten zu warnen. Gleichzeitig beschießt und bombardiert man jedoch zivile Wohngebiete. Das führte in der Stadt Kusair, nahe der libanesischen Grenze, zum Exodus der Bevölkerung. Danach folgte drei Tage lang Dauerbeschuss. "Es stand nichts mehr, wo wir uns hätten verstecken können", berichtete ein Kämpfer aus der Grenzstadt, die Anfang Juni von den Kämpfern der Freien Syrischen Armee aufgegeben werden musste.
In Homs wurden mehr als eine Woche lang die von Rebellen besetzten Stadtteile Tag und Nacht von Artillerie und Panzern beschossen. So nahm die syrische Armee strategisch wichtige Viertel ein, was zur totalen Abriegelung der Altstadt führte. Anfang dieser Woche konnten erstmals Hilfslieferungen die dort seit über einem Jahr Eingeschlossenen erreichen. Mehr als 1100 Zivilisten wurden evakuiert. Die humanitäre Intervention in Homs war von Opposition und Regierung im Rahmen der Friedensverhandlungen in Genf beschlossen worden.
Ex-Oberst Abu Sari will insgesamt 57 seiner Kollegen bei der Luftwaffe überredet und ihnen geholfen haben, zu desertieren. Zu den bei der Luftwaffe verbliebenen Soldaten habe er keinerlei Kontakt. Der Großteil der noch diensthabenden Piloten seien Angehörige der Alawiten. Das ist eine Religionsgruppe des schiitischen Islams, zu der auch Präsident Assad gehört. "Sie leben auf dem Flughafen, werden von der eigenen Familie und dem Rest der Welt abgeschottet", sagt er. Abu Sari kennt einige der Soldaten, die Fassbomben abwerfen. "Miese Verbrecher, die kein Gewissen haben", sagt er angewidert. Den Piloten des MiG-23-Kampfflugzeuges, dessen Maschine abgeschossen und der von Rebellen gefangen genommen wurde, hat Abu Sari im Gefängnis der Stadt al-Bab besucht. "Er ist glücklich, nicht mehr fliegen zu müssen, und würde sich am liebsten den Rebellen anschließen", erzählt Abu Sari schmunzelnd. "Aber man vertraut ihm nicht, und er muss weiter einsitzen."
Über mehr als 300 Kampfflugzeuge sowjetischer Bauart soll die syrische Luftwaffe vor Beginn des Bürgerkriegs verfügt haben. Davon seien heute nicht mehr als 20 einsatzfähig, behauptet Abu Sari. Auch von den einst über 100 Hubschraubern seien nicht mehr als 20 in Betrieb. "Die meisten sind schwer beschädigt oder kaputt. Sie bräuchten größere Reparaturen in Russland", erklärt der Ex-Militär. Normale Ersatzteile und Wartung seien nicht das Problem, da es eine Luftbrücke mit den Russen gebe. Sie fliegen die vier Militärflughäfen in Hama, Damaskus, Homs und Latakia an, die noch in Betrieb seien. "Moskau liefert auch Waffen, darunter die Bomben für die Kampfflugzeuge", so Abu Sari weiter. Der Iran hingegen würde nur Munition für Panzer und Artillerie zur Verfügung stellen. Diese beiden mit Assad verbündeten Länder bezeichnet der ehemalige Pilot erzürnt als "Komplizen am Mord des syrischen Volkes".
In zwei Monaten wäre es mit dem Regime vorbei, ist sich Abu Sari sicher. Voraussetzung dafür wäre allerdings, dass der Westen die dafür benötigten Waffen schickt. "Wir bräuchten 2000 Panzerabwehrraketen und 50 Manpads", erklärt der ehemalige Offizier. Manpads sind tragbare Luftabwehrraketen, die, von der Schulter aus abgeschossen, ihr Ziel nach dessen Hitzeentwicklung verfolgen und automatisch treffen. Es ist eine bei Terroristen beliebte Waffe. Man kann mit ihr Hubschrauber und Kampfflugzeuge, aber auch zivile Passagiermaschinen abschießen. Aus diesem Grund wurden diese Waffen bei den Lieferungen, die Saudi-Arabien und Katar an die Rebellen organisierten, bisher ausgeschlossen. "Es gab einige wenige Manpads, die auf dem Schwarzmarkt gekauft wurden", erklärt Abu Sari. Nachdem damit ein Hubschrauber abgeschossen worden sei, würden die Piloten in großer Höhe fliegen.
"Nun werfen sie aus 2000 Metern die Fassbomben ab, ohne zu wissen, wo sie landen", sagt er. Über die Geländegewinne der syrischen Armee in Aleppo macht sich Abu Sari keine Sorgen. Sie mögen in den vergangen Wochen einige Stadtteile eingenommen haben, aber alle Rebellengruppen hätten bereits zur Gegenoffensive aufgerufen. "Glauben Sie mir, das Regime hat keine Chance."

Sonntag, 9. Februar 2014

"Dort ist al-Qaida. Die schneiden Ihnen den Kopf ab"

Das syrische Grenzgebiet zur Türkei ist seit vier Monaten Sperrzone. Unser Autor hat sich trotzdem dorthin gewagt. Unterwegs mit einem Scheich, der aus Belgien gekommen ist, um das Land zu befrieden. Von Alfred Hackensberger
Zu Gast beim Scheich, der aus Belgien kam
Terror-Scheich Bassam Ajaschi in Syrien

Die schwarze Flagge von al-Qaida haben sie am syrischen Grenzposten abgenommen. Trotzdem bleiben die Tore von Tall Abyad geschlossen. "Die Türkei lässt niemand nach Syrien, seit Daisch den Grenzübergang besetzt hat", sagt Mohammed, der seit zwei Wochen vergeblich darauf wartet, seine Familie auf der anderen Seite der Grenze zu besuchen. Mit dem Akronym Daisch meint der deutschstämmige Syrier den Islamischen Staat im Irak und der Levante (Isil).
"Ich hoffe, Sie wollen da nicht rüber, dort ist al-Qaida", erklärt Mohammed in gebrochenen Deutsch weiter. "Seit sie mit anderen Rebellengruppen kämpfen, sind sie besonders aggressiv, und als Europäer haben Sie schlechte Karten." Ein junger Mann neben ihm fährt mit der Hand quer über seinen Hals, die Umstehenden lachen. "Ja, das ist kein Witz, die schneiden Ihnen den Kopf ab", sagt Mohammed bekräftigend.

Daisch ist brutal und hat die besten Waffen

Daisch ist bekannt für grenzenlose Brutalität gegen alle, die mit ihrer rigiden Auslegung der Scharia, dem islamischen Recht, nicht konform gehen. Die Gruppe unter der Führung von Abu Bakr al-Baghdadi ist ein Ableger von al-Qaida im Irak.
Sie tauchte in Syrien erstmals im April 2013 auf, übernahm sofort eine Führungsrolle innerhalb der syrischen Revolution und kontrollierte innerhalb von sechs Monaten den größten Teil der Rebellengebiete. Daisch verfügt über die besten Waffen und wird von religiösen Führern aus den Golfstaaten großzügig finanziert.
Der Großteil der Kämpfer stammt aus dem Ausland, sie wollen als Märtyrer des Islams ins gelobte Paradies einziehen. "In ihren Augen sind wir alle Kuffar, Ungläubige," sagt Abu Hussein, ein Kämpfer von Ahrar al-Scham. "Sie wollen uns alle töten." Ahrar al-Scham ist eine von sieben Rebellengruppen, die sich im November zur Islamischen Front zusammengeschlossen haben.

Mehr als 1500 Tote bei internen Rebellenkämpfen

Im Januar war der offene Krieg mit Daisch ausgebrochen, nachdem die Terroristen wiederholt Kommandanten der Islamischen Front gefoltert und enthauptet hatten. Daisch wurde aus den meisten ihrer Stellungen in Aleppo und Umgebung vertrieben. Mehr als 1500 Kämpfer sollen bei diesem internen Rebellenkonflikt getötet worden sein. Daisch ist jetzt nur noch in der Provinzhauptstadt Raqqa und einigen wenigen Städten im Norden Syriens präsent. Dazu gehört der Grenzort Tall Abyad.
"Ich war unter den letzten vier, die über den Stacheldraht in die Türkei flüchten konnten", sagt Ahrar-al-Scham-Kämpfer Abu Hussein. Die türkischen Soldaten an der Grenze hätten ihm dabei geholfen. "Gott sei dank", ruft er laut aus. "Denn alle meiner gefangenen Kameraden hat Daisch kaltblütig exekutiert."

Systematische Jagd auf Journalisten

Die Extremisten von al-Qaida sind auch am Grenzübergang von Bab al-Hawa, knapp 400 Kilometer weiter westlich, Thema Nummer eins. Nach einem doppelten Selbstmordanschlag, bei dem am 22. Januar 16 Menschen starben, ist die Grenze hier wieder offen.
"Ich glaube, Sie sind nicht ganz bei Trost, nach Syrien einzureisen", sagt ein türkischer Grenzbeamter, der ungläubig die Pässe kontrolliert. Seine Überraschung ist verständlich, seit vier Monaten hat kein westlicher Journalist mehr die Grenze überquert.
Daisch hatte systematisch Jagd auf Pressevertreter gemacht und sie gekidnappt. Rund 30 Journalisten sollen sich in ihrer Gewalt befinden. "Keine Grund zur Sorge", versicherte Abu Hadi, der für die Sicherheit des größten und wichtigsten, syrischen Grenzübergangs zur Türkei verantwortlich ist. "Wir von der Islamischen Front haben Daisch von hier vertrieben."
Es gebe noch einen Stützpunkt, keine 30 Kilometer von Bab al-Hawa entfernt, aber dort seien sie hoffnungslos umzingelt. "Diese Leute haben eine Gehirnwäsche hinter sich", behauptet Abu Hadi. "Ihr radikaler Islam hat mit unserer Religion nichts zu tun." Zehn Mitglieder von Daisch habe die Islamische Front am Grenzübergang verhaftet. "Wir haben sie nach Hause geschickt, nach dem sie versprachen, nicht mehr gegen uns zu kämpfen."

Friedensvertrag bezeichnet der Scheich als Fälschung

Mitten ins Gespräch platzt die Ankunft von Scheich Bassam Ajaschi. Der Geistliche ist ein Kadi, der in den gesetzlosen Zeiten der Revolution für Recht und Ordnung sorgen will. "Alles genau nach den Prinzipien der Scharia", sagt der Imam, über dessen Brust eine alte französische Pistole, eine Handgranate und Handschellen baumeln.
Ajaschi lebte lange Zeit in Belgien und genießt dort den zweifelhaften Ruf als "Terrorist mit Verbindungen zu al-Qaida". In Italien war er im Jahr 2008 verhaftet worden, nachdem man in seinem Camping-Fahrzeug fünf illegale Immigranten und Dschihad-Propagandamaterial gefunden hatte.
Ajaschi saß vier Jahre im Gefängnis, bis ein Berufungsgericht das Urteil aufhob. "Die Leute von Daisch sind Terroristen", sagt der sympathisch wirkende Scheich. "Wir dagegen sind human, ganz nach den wirklichen Prinzipien des Islams."
Einen im Internet kursierenden Friedensvertrag zwischen Islamischer Front und Daisch bezeichnet Ajaschi als falsch. Er habe mit Abu Issa, einem der Führer der Islamischen Front und angeblichen Unterzeichner des Abkommens gesprochen. Der habe ihm erklärt, nichts unterschrieben zu haben – das Dokument sei falsch.

Scheinexekutionen zu pädagogischen Zwecken

In einem Krankenwagen aus Belgien fahren wir unter dem Schutz der drei bewaffneten Leibwächter des Scheichs nach Hassanu. Es ist eine Kleinstadt etwa 20 Kilometer hinter der Grenze, unweit von Fua und einigen anderen Dörfern, die noch vom Regime besetzt sind. In dieser Gegend waren im vergangenen Jahr mehrere Journalisten entführt worden. "In Hassanu wurde zuerst gegen Daisch gekämpft", behauptet Ajaschi, der auf der Fahrt die Pädagogik seiner Scharia-Prinzipien erklärt.
Einem Vergewaltiger habe man eine Kapuze über den Kopf gezogen und einen Strick um den Hals gelegt. Als man ihn vom Stuhl stieß, landete er jedoch auf den eigenen Füßen. "Es war eine Scheinexekution", erklärt Ajaschi. "Dabei hat er sich sogar in die Hosen gemacht", fügt der Imam sichtlich amüsiert hinzu. "Er wird nie mehr eine Frau belästigen." Zur Zeit sei auch ein Dieb bei ihnen im Gefängnis: "Er bekommt täglich zehn Stockschläge."

Auch Deutsche unter den Kämpfern

In Hassanu erzählen Mitglieder des lokalen Rats von ihren Erfahrungen mit Daisch. "Am Anfang waren sie nicht so schlecht", sagt Hadsch Mahmud. "Sie haben Lebensmittel und Medikamente verteilt." Einige Deutsche seien auch unter ihnen gewesen, und die seien besonders nett gewesen. "Sie sollten in einigen Dörfern drusische Familien als Ungläubige erschießen, haben sich aber geweigert", berichtet Abu Anas. "Wieso sollten wir unschuldige Frauen und Kinder ermorden, hat mir einer gesagt."
Die Ratsmitglieder wollen auch den deutschen Rapper Deso Dog gesehen haben. Nach seiner Konvertierung heißt er Abu Talha und kämpft bei Daisch. "Er gehört zu einer Gruppe von 50 Leuten, die von einem Belgier namens Ilias Asaouaj angeführt werden", mischt sich Scheich Ajaschi ein. "Sie drohen damit, Bomben in Paris, London und Berlin zu legen."

"Ihr Islam hat mit Islam nichts zu tun"

Zum offenen Krieg mit Daisch kam es in Hassanu, nachdem die Extremisten ein Attentat auf Scheich Saleh verübt hatten. Er ist ein angesehener religiöser Führer der Region und überlebte den Anschlag schwer verwundet.
Der Scheich soll zu Beginn der Revolution prominente Deserteure versteckt haben. Unter ihnen soll auch Salim Idris, der heutige Chef der Freien Syrischen Armee (FSA), gewesen sein. "Ja, ich half Idris und anderen Generälen über die Grenze in die Türkei", bestätigt Scheich Saleh in seinem Haus.
Für den Geistlichen ist Daisch die Ausgeburt des Teufels. "Ihr Islam hat mit Islam nichts zu tun", meint der Scheich. "Außerdem werden sie vom Assad-Regime gesteuert." Sie seien nur geschaffen worden, um Chaos zu säen und das Image der Revolution zu beschmutzen.
Es ist eine Meinung, die man seit den Kämpfen mit Daisch von Syriern ständig zu hören bekommt. Dabei wird unterschlagen, dass die Mitglieder der Al-Qaida-Gruppe lange Zeit als Helden bejubelt wurden. Außerdem gab es sehr gute Beziehungen zur Islamischen Front, die man in Hassanu generell favorisiert.
Wenige Kilometer von Scheich Salehs Haus entfernt lag das Hauptquartier von Daisch im Dorf Batabu. Das zweistöckige Gebäude ist verlassen, die Fenster sind alle zerschossen. An der Fassade prangt noch das Emblem von al-Qaida. Der Schriftzug von Daisch wurde überschrieben. Jetzt liest man: Die Armee der Muhadscheddin.

Kämpfer werden in Trainingslagern ausgebildet

Zurück in der Türkei treffen wir Abu Azzam, den Kommandanten der Faruk-Brigaden für die Ostfront. Seine Brigade gehört zur FSA und war eine der ersten, die Daisch bekämpften. Abu Azzam will zwar einen islamischen Staat, aber auf der Basis einer parlamentarischen Demokratie mit freien Wahlen.
Für ihn sind die Gruppen der Islamischen Front Heuchler. "Sie bekämpfen Daisch nur halbherzig", sagt der Kämpfer, den man bereits dreimal wegen seiner demokratischen Einstellung ermorden wollte. Sie würden ihre Waffen zurückhalten.
"Man darf nicht vergessen, die Islamische Front hat letztendlich die gleiche Ideologie wie Daisch." Der Kommandant erzählt von Trainingslagern von Ahrar al-Scham, die von Ausländern der Daisch geleitet würden.

Daisch beanspruchte das Kommando über alle Gruppen

Außerdem erzählt er von einem großen Treffen in der Stadt Raqqa. "Ahrar al-Scham und Daisch wollten einen gemeinsamen Emir wählen, was aber nur gescheitert ist, weil Daisch auf ihren Führer al-Baghdadi als Chef aller Gruppen bestand." Hinzu komme, dass die Islamische Front mit Dschabat al-Nusra eng kooperiere, die sich ja offen zu al-Qaida bekenne. "Es sind alles Extremisten", behauptet Abu Azzam.
Das "absolut Absurde" sei für ihn nun, dass der Westen die Islamische Front bewaffnen will. "Und das nur, weil sie gegen Daisch kämpfen." Als das Telefon läutet, ist es Dschamal Maruf, der Chef der Syrischen Revolutionären Front.
Abu Azzam versichert ihm, dass er die 4000 Schuss Munition für 23mm- und 14,5mmm-Geschütze sowie 25 Panzergranaten wie geplant an die Front in Kafra Hamra gegen Daisch geschickt habe. "Der Westen soll uns die Waffen geben", sagt er abschließend. "Und nicht den Extremisten."
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Freitag, 7. Februar 2014

Assads Folterkammern sind die Hölle

Stundenlang hingen sie in Handschellen an den Armen aufgehängt, wurden mit Elektroschocks an Hinterkopf und Genitalien gefoltert. Überlebende berichten, was sie in Assads Folterkammern durchmachten. Von Alfred Hackensberger, Gaziantep (Türkei)

Zwei Monate lang wurde Mohammed Dschabri gefoltert. Auf ein Blatt Papier zeichnet er einen Plan seiner ehemaligen Zelle und des gesamten Trakts
Foto: Victor Breiner Zwei Monate lang wurde Mohammed Dschabri gefoltert. Auf ein Blatt Papier zeichnet er einen Plan seiner ehemaligen Zelle und des gesamten Trakts
"Es ist alles noch viel schlimmer", sagt Mohammed Dschabri. "Die Opfer auf den Fotos sind als Märtyrer ins Paradies eingegangen. Tausende befinden sich aber noch lebend in der Hölle. Ich weiß, welche schrecklichen Leiden sie erdulden müssen." Der 25-Jährige saß 67 Tage im berüchtigten Foltergefängnis des syrischen politischen Geheimdienstes in al-Maisad, einem Stadtteil von Damaskus.
Nur mit viel Glück hat er die unmenschlichen Verhältnisse und wochenlange Folter überlebt. Mit "Fotos" meint Jabri die erschreckenden Bilder, die weltweit für Entsetzen sorgten. Sie zeigen mit Blut befleckte Leichen, deren Oberkörper mit tiefen, roten Striemen übersät sind und Strangulierungsmerkmale am Hals aufweisen. Insgesamt sind es 55.000 Fotos von 11.000 Opfern, die das syrische Regime auf dem Gewissen haben soll.
Ein Deserteur will das Material aus Syrien herausgeschmuggelt haben. Es wurde von einer Untersuchungskommission auf seine Echtheit überprüft. Ihr Vorsitzender, Sir Desmond de Silva, ehemaliger Chefankläger am Spezialgerichtshof in Sierra Leone, behauptete: "Wir sind überzeugt, dass diese Dokumente echt sind und jedem Gericht standhalten." Wenige Tage nach der Veröffentlichung des Materials, das Syrien der systematischen Folter und Ermordung von Gefangenen bezichtigt, waren jedoch Zweifel an seiner Authentizität aufgekommen.
Die Londoner Anwaltskanzlei Carter-Ruck und Co., die als Erste die Dokumente sichten konnte und die Untersuchung initiierte, wurde von Katar dafür bezahlt. Das Emirat vom Golf ist, neben Saudi-Arabien und Kuwait, einer der wichtigsten Financiers der syrischen Opposition.
Zu den Klienten von Carter-Ruck und Co. sollen der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdoğan, die Islamische Hilfsorganisation (IHH) sowie einige konservative Geistliche aus den Golfstaaten gehören. Sie alle sind Fürsprecher der syrischen Rebellen. "Nein, nein! Man kann sagen, was man will", ruft Dschabri aufgebracht. "Die Fotos sind echt und könnten im Gefängnis von al-Meisad aufgenommen worden sein, in dem ich war."
Der 25-jährige Kommunikationsingenieur war im November 2012 an der syrisch-libanesischen Grenze verhaftet worden. Ein Freund hatte ihn unter der Folter des syrischen Geheimdienstes als Oppositionellen verraten. Schon bei seiner ersten Verhaftung nach einer Demonstration 2011 hatte Dschabri Bekanntschaft mit der Brutalität des Regimes gemacht.

"Wir haben Terroristen gefangen"

Gleich zu Anfang, bei der Überstellung ins Gefängnis, packte man jeden Häftling bei den Haaren und schlug den Kopf gegen die Metallleisten ihrer Sitze. "Wir haben Terroristen gefangen", soll ein Polizist ins Mikrofon seiner Kamera gerufen haben, mit der er alles filmte. "Sie zeichnen alles auf", erklärt Dschabri, "damit sie einen Beweis für ihre Vorgesetzten haben, etwas gegen uns Terroristen getan zu haben." Nach ein paar Tagen und einigen Prügeln war er damals freigekommen. Was aber nach seiner erneuten Verhaftung an der Grenze passierte, wird Dschabri nie vergessen.
"Wir waren 35 Leute in einer neun Quadratmeter großen Zelle", berichtet der Ex-Häftling. "Zum Schlafen musste man sich abwechseln. Acht legten sich neben den Eingang, fünf neben die Toilette. Das war der unangenehmste Platz." Urin und Kot sei ausgelaufen, und wer Verletzungen von der Folter hatte, holte sich schwere Wundinfektionen. "Es war so heiß in der Zelle, dass wir alle nur unsere Unterwäsche trugen."
Man habe aber seine Kleider immer in der Hand behalten, denn man konnte jeden Augenblick in die Folterkammer gerufen werden. Und Schläge auf die Kleider seien leichter zu ertragen als Schläge auf die nackte Haut. An die Zellenwand hatte ein früherer Gefangener den Satz geschrieben: "Wir sind nicht gestorben, aber wir haben gesehen, wer hier gestorben ist."
"Als ich das gelesen habe", sagt Dschabri, und man sieht einen Moment Tränen in seinen Augen, "dachte ich wirklich, hier werde ich sterben."

Ständig mit Kabel oder Stock geprügelt

Sitzen kann Jabri jetzt nicht mehr. Aufgeregt zeichnet er einen Plan seiner ehemaligen Zelle und des gesamten Trakts auf ein Blatt Papier. "Ich werde bei diesen Erinnerungen viel zu nervös", sagt er und zeichnet hektisch Strich für Strich. "Hier ist meine Zelle, da hinten 18 weitere und winzige Einzelzellen, in denen Ratten das Essen und dich selbst anknabbern."
Dann zeichnet er einen Durchgang und sagt: "Hier ist der Metallrahmen, an dem bis zu fünf Häftlinge mit Handschellen an den Armen aufgehängt wurden." Dschabri hing dort mit verbundenen Augen einmal zwölf Stunden, dann 16 Stunden, einmal zwei Tage und noch einmal fünf Tage lang. "Man wird ständig mit einem Kabel oder Stock geprügelt." Einmal sei er mit dem Stock vergewaltigt worden, und man habe ihm anschließend den Stock in den Mund gesteckt. "Na, schmeckt's?", habe der Offizier gefragt.
Ein Aufseher schlief immer im Trakt. Wenn er von Schmerzensschreien aufgeweckt wurde, habe es Extraschläge gegeben. "Ein Offizier war besonders schlimm", stellt Dschabri fest. "Sein Name ist Saleh Ali. Er glaubte, er sei Gott."

Elektroschocks an Hinterkopf und Genitalien

Wenn Jabri nicht am Metallbalken hängen musste, bekam er Elektroschocks am Hinterkopf und an den Genitalien. "Alte oder schwache Personen konnten das nicht aushalten", meint Jabri. Irgendwann habe man ihre Schreie leise verstummen hören. Sie seien dann wohl gestorben.
"Besonders beliebt waren unter den Aufsehern Schläge auf die Fingernägel. Dann sind die Finger so angeschwollen, dass man nicht mehr essen konnte, wenn wir etwas Essbares bekamen." Meistens gab es eine Platte mit Olivenöl für alle. Ausnahme sei Linsensuppe gewesen, die aber so viel Wasser enthalten habe, dass keine Spur mehr von Linsen geblieben sei. "Es war nie genug für alle. Und wie will man ohne Löffel oder Brot essen", fragt Jabri. "Wer länger einsitzen muss, verhungert unweigerlich."
In Dschabris Trakt habe es auch zehn besetzte Zellen für Frauen gegeben. Die Insassinnen, zwischen 16 und 24 Jahre alt, seien von den Wächtern obszön beleidigt und erniedrigt worden. Ob sie, wie andere ehemalige weibliche Gefangene berichteten, vergewaltigt wurden, konnte Dschabri nicht sagen.

Alles reine Willkür

Er erinnert sich noch an einen 13-Jährigen, der in seiner Zelle war. Den Jungen hatte man des Mordes an 15 Polizisten angeklagt. Außerdem sollte er ein Maschinengewehr gestohlen und damit weitere fünf Ordnungshüter erschossen haben. "Als der Junge sagte, er sei viel zu schwach, ein Maschinengewehr zu bedienen, wurde einfach sein Onkel dafür verantwortlich gemacht, der ebenfalls im Gefängnis saß." Alles sei ein System der reinen Willkür.
Dschabri musste sein 15-seitiges Vernehmungsprotokoll mit verbundenen Augen unterschreiben und seine Fingerabdrücke hinterlassen. "Das war bei allen so. Niemand wusste, was die Beamten da reingeschrieben hatten."
Wie durch ein Wunder kam er nach mehr als zwei Monaten Horror wieder in Freiheit. Dschabri gehörte zu den 2250 Häftlingen, die das Regime von Präsident Baschar al-Assad im Austausch für 48 Iraner freiließ, die von syrischen Rebellen gekidnappt worden waren. Heute arbeitet Dschabri für das syrische Revolutionsradio Hawa Smart in der türkisch-syrischen Grenzstadt Gaziantep.

Ein alter Freund war der Folterer

Ahmed Primo, ein anderer Oppositioneller, der sich wie Dschabri friedlich für Freiheit und Demokratie einsetzte, musste ebenfalls dafür einen hohen Preis bezahlen. "Allerdings war ich im Gefängnis Aleppo", sagt der 28-Jährige. "Dort ist es nicht ganz so schlimm wie in Damaskus, aber auch ich wurde systematisch gefoltert. Wie alle anderen in meinem Gefängnis."

Ahmed Primo setzte sich für Freiheit und Demokratie ein. Dafür zahlte er einen hohen Preis
Foto: Victor Breiner Ahmed Primo setzte sich für Freiheit und Demokratie ein. Dafür zahlte er einen hohen Preis 
 
Ahmed ist nicht so gesprächig wie Jabri. Er scheint noch traumatisiert zu sein. Der Medienaktivist ist erst am 9. Januar freigekommen. Er hatte einen Monat in den Kerkern des Regimes überlebt, war aber dann von der Rebellengruppe des Islamischen Staats im Irak und der Levante (Isil) gekidnappt worden. Die Al-Qaida-Gruppe hatte ihn wegen seiner Kritik an der radikalen Organisation 53 Tage festgehalten.
"Sie haben mich gefoltert wie das Regime, mit Elektroschocks unter der Zunge und an den Genitalien. Und aufgehängt wurde ich auch tagelang." Besonders tragisch für ihn war, dass ein alter Freund einer seiner Folterer war. "Wir hatten in den ersten Tagen der Revolution noch miteinander gegen Assad demonstriert. Später ging er dann zu Isil, sagt Ahmed nachdenklich und sichtlich deprimiert.

Keine Rachegefühle

Das Isil-Gefängnis befand sich in einem Kinderkrankenhaus im Stadtteil Kadi Asker in Aleppo. Ahmed hatte großes Glück. Während seiner Haftzeit brachen Kämpfe zwischen der Al-Qaida-Gruppe und Brigaden der Freien Syrischen Armee (FSA) aus. Ahmeds Name stand schon auf der Liste der Gefangenen, die exekutiert werden sollten. Seine Peiniger hatten bereits angekündigt, dass er sterben müsse. Aber es kam alles ganz anders.
Die FSA griff das Kinderkrankenhaus an, Isil musste sich in aller Eile zurückziehen und hatte keine Zeit mehr, ihre Gefangenen zu erschießen. Ahmed wurde gemeinsam mit knapp 200 Mithäftlingen befreit. Er ist heute ebenfalls in Gaziantep. Rachegefühle hegt er weder gegen das Regime noch gegen seinen Freund, der ihn folterte.
"Ich bin kein Soldat und halte auch nicht viel von Waffen. Ich bin auf der Suche nach einer Arbeit, mit der ich mit friedlichen Mitteln für die Revolution kämpfen kann." Zum Abschluss zeigt er seine großen Narben von der Folter an den Händen und Knien. So viel Schmerz, so viel Brutalität. Die Berichte der beiden Männer machen es schwer zu glauben, dass es eines Tages Versöhnung geben könne in einem neuen Syrien.

Geschundenes Land
Foto: Infografik Die Welt
Unzählige Syrer mussten ihre Heimat verlassen. Der Ansturm der Flüchtlinge destabilisiert auch zunehmend die Nachbarländer