Sonntag, 9. Februar 2014

"Dort ist al-Qaida. Die schneiden Ihnen den Kopf ab"

Das syrische Grenzgebiet zur Türkei ist seit vier Monaten Sperrzone. Unser Autor hat sich trotzdem dorthin gewagt. Unterwegs mit einem Scheich, der aus Belgien gekommen ist, um das Land zu befrieden. Von Alfred Hackensberger
Zu Gast beim Scheich, der aus Belgien kam
Terror-Scheich Bassam Ajaschi in Syrien

Die schwarze Flagge von al-Qaida haben sie am syrischen Grenzposten abgenommen. Trotzdem bleiben die Tore von Tall Abyad geschlossen. "Die Türkei lässt niemand nach Syrien, seit Daisch den Grenzübergang besetzt hat", sagt Mohammed, der seit zwei Wochen vergeblich darauf wartet, seine Familie auf der anderen Seite der Grenze zu besuchen. Mit dem Akronym Daisch meint der deutschstämmige Syrier den Islamischen Staat im Irak und der Levante (Isil).
"Ich hoffe, Sie wollen da nicht rüber, dort ist al-Qaida", erklärt Mohammed in gebrochenen Deutsch weiter. "Seit sie mit anderen Rebellengruppen kämpfen, sind sie besonders aggressiv, und als Europäer haben Sie schlechte Karten." Ein junger Mann neben ihm fährt mit der Hand quer über seinen Hals, die Umstehenden lachen. "Ja, das ist kein Witz, die schneiden Ihnen den Kopf ab", sagt Mohammed bekräftigend.

Daisch ist brutal und hat die besten Waffen

Daisch ist bekannt für grenzenlose Brutalität gegen alle, die mit ihrer rigiden Auslegung der Scharia, dem islamischen Recht, nicht konform gehen. Die Gruppe unter der Führung von Abu Bakr al-Baghdadi ist ein Ableger von al-Qaida im Irak.
Sie tauchte in Syrien erstmals im April 2013 auf, übernahm sofort eine Führungsrolle innerhalb der syrischen Revolution und kontrollierte innerhalb von sechs Monaten den größten Teil der Rebellengebiete. Daisch verfügt über die besten Waffen und wird von religiösen Führern aus den Golfstaaten großzügig finanziert.
Der Großteil der Kämpfer stammt aus dem Ausland, sie wollen als Märtyrer des Islams ins gelobte Paradies einziehen. "In ihren Augen sind wir alle Kuffar, Ungläubige," sagt Abu Hussein, ein Kämpfer von Ahrar al-Scham. "Sie wollen uns alle töten." Ahrar al-Scham ist eine von sieben Rebellengruppen, die sich im November zur Islamischen Front zusammengeschlossen haben.

Mehr als 1500 Tote bei internen Rebellenkämpfen

Im Januar war der offene Krieg mit Daisch ausgebrochen, nachdem die Terroristen wiederholt Kommandanten der Islamischen Front gefoltert und enthauptet hatten. Daisch wurde aus den meisten ihrer Stellungen in Aleppo und Umgebung vertrieben. Mehr als 1500 Kämpfer sollen bei diesem internen Rebellenkonflikt getötet worden sein. Daisch ist jetzt nur noch in der Provinzhauptstadt Raqqa und einigen wenigen Städten im Norden Syriens präsent. Dazu gehört der Grenzort Tall Abyad.
"Ich war unter den letzten vier, die über den Stacheldraht in die Türkei flüchten konnten", sagt Ahrar-al-Scham-Kämpfer Abu Hussein. Die türkischen Soldaten an der Grenze hätten ihm dabei geholfen. "Gott sei dank", ruft er laut aus. "Denn alle meiner gefangenen Kameraden hat Daisch kaltblütig exekutiert."

Systematische Jagd auf Journalisten

Die Extremisten von al-Qaida sind auch am Grenzübergang von Bab al-Hawa, knapp 400 Kilometer weiter westlich, Thema Nummer eins. Nach einem doppelten Selbstmordanschlag, bei dem am 22. Januar 16 Menschen starben, ist die Grenze hier wieder offen.
"Ich glaube, Sie sind nicht ganz bei Trost, nach Syrien einzureisen", sagt ein türkischer Grenzbeamter, der ungläubig die Pässe kontrolliert. Seine Überraschung ist verständlich, seit vier Monaten hat kein westlicher Journalist mehr die Grenze überquert.
Daisch hatte systematisch Jagd auf Pressevertreter gemacht und sie gekidnappt. Rund 30 Journalisten sollen sich in ihrer Gewalt befinden. "Keine Grund zur Sorge", versicherte Abu Hadi, der für die Sicherheit des größten und wichtigsten, syrischen Grenzübergangs zur Türkei verantwortlich ist. "Wir von der Islamischen Front haben Daisch von hier vertrieben."
Es gebe noch einen Stützpunkt, keine 30 Kilometer von Bab al-Hawa entfernt, aber dort seien sie hoffnungslos umzingelt. "Diese Leute haben eine Gehirnwäsche hinter sich", behauptet Abu Hadi. "Ihr radikaler Islam hat mit unserer Religion nichts zu tun." Zehn Mitglieder von Daisch habe die Islamische Front am Grenzübergang verhaftet. "Wir haben sie nach Hause geschickt, nach dem sie versprachen, nicht mehr gegen uns zu kämpfen."

Friedensvertrag bezeichnet der Scheich als Fälschung

Mitten ins Gespräch platzt die Ankunft von Scheich Bassam Ajaschi. Der Geistliche ist ein Kadi, der in den gesetzlosen Zeiten der Revolution für Recht und Ordnung sorgen will. "Alles genau nach den Prinzipien der Scharia", sagt der Imam, über dessen Brust eine alte französische Pistole, eine Handgranate und Handschellen baumeln.
Ajaschi lebte lange Zeit in Belgien und genießt dort den zweifelhaften Ruf als "Terrorist mit Verbindungen zu al-Qaida". In Italien war er im Jahr 2008 verhaftet worden, nachdem man in seinem Camping-Fahrzeug fünf illegale Immigranten und Dschihad-Propagandamaterial gefunden hatte.
Ajaschi saß vier Jahre im Gefängnis, bis ein Berufungsgericht das Urteil aufhob. "Die Leute von Daisch sind Terroristen", sagt der sympathisch wirkende Scheich. "Wir dagegen sind human, ganz nach den wirklichen Prinzipien des Islams."
Einen im Internet kursierenden Friedensvertrag zwischen Islamischer Front und Daisch bezeichnet Ajaschi als falsch. Er habe mit Abu Issa, einem der Führer der Islamischen Front und angeblichen Unterzeichner des Abkommens gesprochen. Der habe ihm erklärt, nichts unterschrieben zu haben – das Dokument sei falsch.

Scheinexekutionen zu pädagogischen Zwecken

In einem Krankenwagen aus Belgien fahren wir unter dem Schutz der drei bewaffneten Leibwächter des Scheichs nach Hassanu. Es ist eine Kleinstadt etwa 20 Kilometer hinter der Grenze, unweit von Fua und einigen anderen Dörfern, die noch vom Regime besetzt sind. In dieser Gegend waren im vergangenen Jahr mehrere Journalisten entführt worden. "In Hassanu wurde zuerst gegen Daisch gekämpft", behauptet Ajaschi, der auf der Fahrt die Pädagogik seiner Scharia-Prinzipien erklärt.
Einem Vergewaltiger habe man eine Kapuze über den Kopf gezogen und einen Strick um den Hals gelegt. Als man ihn vom Stuhl stieß, landete er jedoch auf den eigenen Füßen. "Es war eine Scheinexekution", erklärt Ajaschi. "Dabei hat er sich sogar in die Hosen gemacht", fügt der Imam sichtlich amüsiert hinzu. "Er wird nie mehr eine Frau belästigen." Zur Zeit sei auch ein Dieb bei ihnen im Gefängnis: "Er bekommt täglich zehn Stockschläge."

Auch Deutsche unter den Kämpfern

In Hassanu erzählen Mitglieder des lokalen Rats von ihren Erfahrungen mit Daisch. "Am Anfang waren sie nicht so schlecht", sagt Hadsch Mahmud. "Sie haben Lebensmittel und Medikamente verteilt." Einige Deutsche seien auch unter ihnen gewesen, und die seien besonders nett gewesen. "Sie sollten in einigen Dörfern drusische Familien als Ungläubige erschießen, haben sich aber geweigert", berichtet Abu Anas. "Wieso sollten wir unschuldige Frauen und Kinder ermorden, hat mir einer gesagt."
Die Ratsmitglieder wollen auch den deutschen Rapper Deso Dog gesehen haben. Nach seiner Konvertierung heißt er Abu Talha und kämpft bei Daisch. "Er gehört zu einer Gruppe von 50 Leuten, die von einem Belgier namens Ilias Asaouaj angeführt werden", mischt sich Scheich Ajaschi ein. "Sie drohen damit, Bomben in Paris, London und Berlin zu legen."

"Ihr Islam hat mit Islam nichts zu tun"

Zum offenen Krieg mit Daisch kam es in Hassanu, nachdem die Extremisten ein Attentat auf Scheich Saleh verübt hatten. Er ist ein angesehener religiöser Führer der Region und überlebte den Anschlag schwer verwundet.
Der Scheich soll zu Beginn der Revolution prominente Deserteure versteckt haben. Unter ihnen soll auch Salim Idris, der heutige Chef der Freien Syrischen Armee (FSA), gewesen sein. "Ja, ich half Idris und anderen Generälen über die Grenze in die Türkei", bestätigt Scheich Saleh in seinem Haus.
Für den Geistlichen ist Daisch die Ausgeburt des Teufels. "Ihr Islam hat mit Islam nichts zu tun", meint der Scheich. "Außerdem werden sie vom Assad-Regime gesteuert." Sie seien nur geschaffen worden, um Chaos zu säen und das Image der Revolution zu beschmutzen.
Es ist eine Meinung, die man seit den Kämpfen mit Daisch von Syriern ständig zu hören bekommt. Dabei wird unterschlagen, dass die Mitglieder der Al-Qaida-Gruppe lange Zeit als Helden bejubelt wurden. Außerdem gab es sehr gute Beziehungen zur Islamischen Front, die man in Hassanu generell favorisiert.
Wenige Kilometer von Scheich Salehs Haus entfernt lag das Hauptquartier von Daisch im Dorf Batabu. Das zweistöckige Gebäude ist verlassen, die Fenster sind alle zerschossen. An der Fassade prangt noch das Emblem von al-Qaida. Der Schriftzug von Daisch wurde überschrieben. Jetzt liest man: Die Armee der Muhadscheddin.

Kämpfer werden in Trainingslagern ausgebildet

Zurück in der Türkei treffen wir Abu Azzam, den Kommandanten der Faruk-Brigaden für die Ostfront. Seine Brigade gehört zur FSA und war eine der ersten, die Daisch bekämpften. Abu Azzam will zwar einen islamischen Staat, aber auf der Basis einer parlamentarischen Demokratie mit freien Wahlen.
Für ihn sind die Gruppen der Islamischen Front Heuchler. "Sie bekämpfen Daisch nur halbherzig", sagt der Kämpfer, den man bereits dreimal wegen seiner demokratischen Einstellung ermorden wollte. Sie würden ihre Waffen zurückhalten.
"Man darf nicht vergessen, die Islamische Front hat letztendlich die gleiche Ideologie wie Daisch." Der Kommandant erzählt von Trainingslagern von Ahrar al-Scham, die von Ausländern der Daisch geleitet würden.

Daisch beanspruchte das Kommando über alle Gruppen

Außerdem erzählt er von einem großen Treffen in der Stadt Raqqa. "Ahrar al-Scham und Daisch wollten einen gemeinsamen Emir wählen, was aber nur gescheitert ist, weil Daisch auf ihren Führer al-Baghdadi als Chef aller Gruppen bestand." Hinzu komme, dass die Islamische Front mit Dschabat al-Nusra eng kooperiere, die sich ja offen zu al-Qaida bekenne. "Es sind alles Extremisten", behauptet Abu Azzam.
Das "absolut Absurde" sei für ihn nun, dass der Westen die Islamische Front bewaffnen will. "Und das nur, weil sie gegen Daisch kämpfen." Als das Telefon läutet, ist es Dschamal Maruf, der Chef der Syrischen Revolutionären Front.
Abu Azzam versichert ihm, dass er die 4000 Schuss Munition für 23mm- und 14,5mmm-Geschütze sowie 25 Panzergranaten wie geplant an die Front in Kafra Hamra gegen Daisch geschickt habe. "Der Westen soll uns die Waffen geben", sagt er abschließend. "Und nicht den Extremisten."
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