Samstag, 29. Dezember 2007

Weingenuss – ein Privileg der Seligen?

Gemäss dem Koran und dem islamischen Recht ist Muslimen der Genuss von Alkohol verboten. Die Mehrzahl hält sich an diese Vorschrift – aber sogar in glaubensstrengen Ländern wie Iran oder Saudiarabien blüht der Schwarzhandel mit Spirituosen.

Dem Bürgermeister der marokkanischen Stadt Meknes war nicht ganz wohl bei der Sache. Er stand zwischen Weinfässern, die mit Kerzenleuchtern dekoriert waren, und die Kellner servierten zu Häppchen Alkohol. Für Boubker Beloukra, Mitglied der islamistischen Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (PJD), eine arge Geduldsprobe. Er hätte das «Festival der Reben», das ausgerechnet am Tag des Freitagsgebets und am alljährlichen Gedenktag der Rückkehr König Mohammeds V. aus dem Exil stattfand, am liebsten abgesagt. Aber der Bürgermeister musste sich fügen. Das Reben-Festival ist Teil einer Werbekampagne der regionalen Tourismusbehörden, um mehr ausländische Besucher in die Gegend zu bringen und den marokkanischen Wein populärer zu machen. In Meknes und Umgebung wachsen 70 Prozent aller Rebstöcke Marokkos. Auf insgesamt 12 000 Hektaren produziert das Königreich 400 000 Hektoliter oder 33 Millionen Flaschen jährlich. Etwa 20 Prozent davon werden ins Ausland exportiert.

Marokko ist als Weinproduzent unter arabischen Ländern kein Einzelfall. In Algerien, Ägypten, Jordanien, Libanon, Tunesien und bald auch in Syrien wird ebenfalls Wein angebaut. Zusammen beläuft sich die Produktion auf 1,3 Millionen Hektoliter oder 146 Millionen Flaschen jährlich.

Paradies- oder Teufelstrank?

Für islamistische Parteien wie die ägyptischen Muslimbrüder oder die PJD in Marokko steht die Weinindustrie im Widerspruch zu den Prinzipien des Islam. «Alkohol ist für Muslime verboten», bestätigt ausgerechnet der Verkäufer in einem Spirituosengeschäft in Tanger, in dem von Bier über Wein bis zu Whisky und Wodka alles zu haben ist. «Gläubige Muslime trinken keinen Alkohol», fügt er, vermeintlich erklärend, mit einem breiten Schmunzeln hinzu, bevor er einem Kunden mehrere Dosen Bier einpackt. In dem kleinen Laden im Zentrum der marokkanischen Hafenstadt geht nur ein Bruchteil der 50 Millionen Liter Alkohol über die Theke, die laut einer Statistik der unabhängigen marokkanischen Wochenzeitung «TelQuel» jährlich im Königreich Mohammeds VI. getrunken werden. Offiziell warten auf Betrunkene, die in Bars, Restaurants, Diskotheken oder auf der Strasse aufgegriffen werden, bis zu sechs Monate Gefängnis und eine Geldstrafe von 150 bis 500 Dirham, was 22 bis 75 Franken entspricht.

Im Koran gibt es keinen Vers, der den Gläubigen den Genuss von Alkohol ausdrücklich verbietet. Gott lässt neben dem Getreide, den Ölbäumen, den Dattelpalmen auch Weinstöcke wachsen (Sure 16:10-11). Von den Früchten der Dattelpalmen und den Beeren einen Rauschtrank zu machen, ist ein Zeichen für Verstand (Sure 16:67), im Paradies warten Ströme von Wasser, Milch, Honig und Wein (Sure 47:15). Allerdings ist Alkohol, wenn man betrunken ist, hinderlich beim Gebet (Sure 4:43). Und in Sure 5:90-91 wird Wein als das Werk Satans bezeichnet, der nur Feindschaft und Hass aufkommen lässt.

So negativ Alkohol im Koran teilweise auch dargestellt wird, wirklich verboten (harâm) wird er dort nicht, wie dies bei Aas, Blut und Schweinefleisch der Fall ist (Sure 5:3). Dennoch hat sich im Laufe der Zeit bei der Mehrheit der islamischen Rechtsgelehrten die ablehnende Haltung in Bezug auf den Alkohol durchgesetzt. Nach islamischem Recht (Scharia) wird Alkoholkonsum nun als Sünde betrachtet, obwohl es auch eine andere Auslegung geben könnte. Darauf berufen sich all jene Muslime, die nach Feierabend auf ein Bier oder auch mehrere nicht verzichten wollen. Gerne wird auch auf die persische und arabische Dichtungstradition verwiesen, die von einem toleranten Islam in vergangenen Zeiten berichtet und den Weingenuss preist. In der persischen Lyrik ist Hafis der wohl berühmteste Vertreter dieser Dichtung, unter arabischsprachigen Autoren war der ebenfalls in Persien geborene Abu Nuwas (750–819) ebenso berühmt wie berüchtigt. Er zeigte sich gleichermassen von Wein und Knaben begeistert: «Für junge Knaben liess ich die Mädchen zurück / Und alter Wein vertreibt den Gedanken von klarem Wasser aus meinem Kopf.»

Zur religiösen Begründung des Alkoholverbots dienen die Hadithe, die von Zeitzeugen mündlich überlieferten Aussprüche des Propheten Mohammed. Sie wurden rund 150 Jahre nach dem Tod Mohammeds (570–632) zusammengetragen und aufgeschrieben; zu den bekanntesten Hadith-Sammlungen zählt diejenige von al-Bukhari. Einer dieser Hadithe erzählt von Umar ibn al-Chattab, einem Weggefährten des Propheten und späteren Kalifen, der Wein geschenkt bekam und nicht wusste, was er damit tun sollte. «Aber wenn es verboten ist, ihn zu trinken, zu verkaufen und zu verschenken, was mache ich damit?» Der Prophet antwortete: «Geh nach draussen und zerschlage die Flaschen auf einem Stein.»

Trinken trotz Verbot

Für den Verkauf und Konsum von Alkohol gibt es keine einheitliche rechtliche Regelung. In einigen islamischen Ländern ist Alkohol offiziell nur Touristen vorbehalten, in anderen wiederum der Allgemeinheit zugänglich. Per Gesetz verboten ist Alkohol in Saudiarabien, Kuwait, Iran, im Sudan oder auch in Libyen. Getrunken wird aber trotzdem, selbst in Saudiarabien, das strenge Strafen für Vertrieb und Konsum von Alkohol vorsieht. Reiche Saudis können sich problemlos teure Spirituosen beschaffen. Eine besondere Vorliebe sollen sie für jordanischen Wein haben. Es vergeht fast kein Tag, an dem die saudische Polizei nicht eine illegale Alkoholdestillation aushebt. Die sechs Millionen Billig-Gastarbeiter aus dem asiatischen Raum – Philippinen, Indien, Sri Lanka, Bangladesh und Pakistan – brauen sich ihren eigenen Fusel und verkaufen ihn weiter. Selbst im theokratischen Iran muss man auf seinen Whisky oder Wodka nicht verzichten: Jugendliche verdingen sich als illegale Alkoholkuriere.

Problematisch wird es in muslimischen Ländern an religiösen Feiertagen wie dem Geburtstag des Propheten, dem grossen Opferfest und natürlich im heiligen Fastenmonat Ramadan. In dieser Zeit gilt der Genuss von Alkohol als besonders schändlich und sündhaft. In Marokko, Syrien oder Tunesien sind vor dem Beginn der Feiertage die Bars voll, die Geschäfte, die Alkohol verkaufen, machen in diesen Tagen Rekordumsätze. Vor Tagen der Abstinenz will man noch einmal richtig geniessen. Natürlich trinkt nicht jeder Muslim Alkohol. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) weist für Marokko 1,0, für Saudiarabien 0,6 oder für Pakistan 0,3 Liter reinen Alkohol pro Person und Jahr aus. Die Dunkelziffer liegt jedoch weitaus höher. Alkoholkonsumenten kommen aus besser verdienenden Kreisen, gleichzeitig aber auch aus den untersten Schichten, für die Alkohol ein Mittel des Vergessens ist.

Für die meisten Muslime bleibt Alkohol etwas Negatives. So waren junge Studenten, die ins Goethe-Zentrum von Tanger kamen, um deutsche Fernsehprogramme zu sehen, allesamt über die Alkoholwerbung entsetzt, in der Bier als gesund und vitaminhaltig angepriesen wurde. Völlig ungläubig schüttelten sie den Kopf, als wollte man sie mit einer präparierten Videokassette auf den Arm nehmen. Erst als jemand einige Male den Kanal wechselte, waren sie von der Authentizität der Bilder überzeugt. Aber noch lange nicht von der positiven Auswirkung von Bier auf den menschlichen Organismus.

Aus: NZZ vom 27.12.2007

Freitag, 21. Dezember 2007

Nirgend Zuhause: Leben in Marokko

Seit acht Jahren wohne ich in der marokkanischen Hafenstadt Tanger, unterbrochen von zwei Jahren in Beirut, der Hauptstadt des Libanons. Für viele lebe ich in der Höhle des Löwen, geht man von gängigen Vorurteilen über den Islam aus, der gewalttätig, diktatorisch, unmenschlich und was weiß ich noch alles sein soll.

In meiner näheren Umgebung gibt es drei Moscheen, deren Muezzins fünfmal am Tag, selbstverständlich auch frühmorgens, zum Gebet rufen. Vielleicht sollte ich mich über den nächtlichen Lärm einmal beschweren oder auch über ein zu hohes Minarett, wie es in Deutschland bei Moscheenneubauten gemacht wird. Aber ich bin, ehrlich gesagt, noch nie auf den Gedanken gekommen. Ich fühlte mich von den Menschenansammlungen beim Freitagsgebet weder gestört noch eingeschüchtert. Im Gegenteil, die Moscheenbesucher, frisch herausgeputzt und in Festtagskleidung, machen stets einen gelassenen, zufriedenen Eindruck. Nach dem Gebet gehen sie nach Hause zum Mittagessen mit der Familie, nicht anders als Christen nach dem Gottesdienstbesuch am Sonntagmorgen.

Auch von Islamisten fühle ich mich nicht bedroht, obwohl es rein rechnerisch in einer fast zu 100 Prozent muslimischen Gesellschaft wesentlich mehr Radikale geben müsste als in Deutschland, wo nur 3,9 Prozent der Bevölkerung Muslime sind. Außer zwei Begegnungen, die man als religiös feindlich einstufen könnte, passierte mir innerhalb von knapp zehn Jahren nichts. Ein Taxifahrer wollte unter keinen Umständen das Fahrgeld aus meiner Hand nehmen, um sich nicht mit einem Ungläubigen zu beschmutzen. Ich musste die Münzen kurzerhand auf dem Sitz liegen lassen. Das zweite Mal wurde ich auf der Straße von einem bärtigen Herrn ganz in Weiß als dekadenter Westler beschimpft. Beides letztlich keine besonders einschneidenden Vorfälle.

In all den Jahren verlangte niemand von mir, ich müsse Arabisch lernen, die Kultur des Landes oder den Islam studieren. Niemanden kümmert es, wo ich wohne. Keiner wirft mir Ghettobildung oder mangelnde Integration vor, weil ich mich öfter mit Christen als mit Muslimen treffe. Niemand fordert mich auf, zum Islam zu konvertieren. Die Polizei behandelt mich zuvorkommend, auch meine nichtchristlichen Arbeitgeber und Kollegen tun das. Ich kann so viel Alkohol trinken, wie ich will, tanzen gehen bis in den frühen Morgen und bekomme die neuesten Kinofilme auf DVD, noch bevor sie in europäischen Kinos anlaufen. Meine Frau liegt am Strand im Bikini, muss kein Kopftuch tragen oder andere Kleidungsvorschriften beachten, sei es privat oder in der Arbeit. Jeder will unser Kind in den Arm nehmen oder auf die Wange küssen, weil es so ungewöhnlich blond, nett und freundlich sei.

Niemand sagt: Schon wieder ein Christ oder Ausländer mehr!

Die Aufenthaltsgenehmigung ist in Marokko oder dem Libanon relativ leicht zu erhalten, Kultur- oder Sprachtests gibt es nicht, noch muss ich meinen Integrationswillen sonst irgendwie beweisen. Das Einwanderungsverfahren ist wesentlich unkomplizierter als die Prozeduren, die man bei uns zu durchlaufen hat. Man fühlt sich als Ausländer oder Fremder willkommen und akzeptiert. Mit Integration hat dies nichts zu tun. Dazu müsste ich schon zum Islam konvertieren und eine marokkanische Frau heiraten. Aber wer will das schon? Ich auf keinen Fall. Islam und Integration sind nicht meine Kragenweite. Ich bin froh, dass man mich in Marokko in Ruhe lässt und keinerlei Ansprüche an mich stellt.

Das gibt dem Leben einen Grad von Ungezwungenheit. Ich stehe außerhalb der marokkanischen Gesellschaft, ihrer Kultur und Religion, gleichzeitig auch weit entfernt von meiner eigenen, deutschen oder europäischen. Ich habe gelernt, dies als Luxus zu empfinden: zwischen allen Stühlen, ohne Referenzrahmen, nirgends dazuzugehören. Meine Identität könnte man als ein Konglomerat verschiedenster Ingredienzien beschreiben, die aus vielen Ländern stammen. Zu den Momenten, in denen ich mich am wohlsten in Tanger fühle, gehören die Mittagessen am Sonntagnachmittag auf unserer Terrasse. Die Gäste kommen in der Regel aus fünf, sechs oder mehr Ländern: Spanien, Deutschland, Marokko, den USA, Frankreich, Kolumbien, Belgien, Kuba, Algerien oder Nicaragua. Ein erfrischendes Gemisch aus Sprachen, Ansichten und Kulturen. Es wird viel gegessen und getrunken, mit vollem Bauch bis in den Abend hinein Salsa getanzt. Heimat, das Fremde, Ausländer, Einheimische, mein Land und dein Land erscheinen dabei als abstruse Begriffe.

Es sind auch die kleinen Dinge des Lebens, deren Verschwinden in Deutschland so oft beklagt wird, die das Leben in Marokko angenehmer machen. In meiner Nachbarschaft gibt es keine Anonymität. Wenn ich nur ein, zwei Tage weg bin, erkundigt man sich, ob alles in Ordnung sei. Beim Lebensmittelhändler kann ich einkaufen, selbst wenn ich kein Geld habe. Sollte ich Hilfe bei Arbeiten im Haus benötigen, gibt es mehr als einen Freiwilligen. Dem Polizisten, der mich anhält, weil ich bei Rot über die Ampel fuhr, kann ich plausibel machen, warum ich in Eile war, und bezahle deshalb keine Strafe. Man wird nicht schief angesehen, wenn wir mit unserem Kind auch noch spät abends im Café oder Restaurant sitzen. Mit sentimentalem Romantizismus hat das nichts zu tun, der Alltag wird wesentlich erträglicher.

Der Reiz des Außergewöhnlichen verschwindet

Leben und Arbeiten in anderen Ländern über einen längeren Zeitraum ist etwas völlig anderes, als im Urlaub durch die Welt zu reisen, auf der Suche nach Exotik, nach dem Anderen, der Differenz zum Eigenen. Wer im Ausland lebt, für den verschwindet das Fremde sehr schnell. Je öfter und länger man woanders bleibt, desto resistenter wird man gegen exotische Verzauberungen. Man könnte es als eine Art Abstumpfungsprozess beschreiben. Die touristische Erwartungshaltung ist weg. Nichts hat den Reiz des Neuen mehr. Das Fremde ist Bestandteil des täglichen Lebens.

Ich muss mir immer wieder in Erinnerung rufen, wie schön beispielsweise der Weg von meinem Haus zur Hauptstraße ist, wo ich dann auf ein Taxi in die Stadt warte. Ich zwinge mich manchmal förmlich zum Blick auf die Meerenge von Gibraltar, die spanische Küste und die auf dem dunklen Wasser sich scheinbar im Zeitlupentempo bewegenden Schiffe. Dasselbe im Zentrum von Tanger am Platz der Kanonen, von dem man den Hafen und die Bucht der Stadt sieht. Momente der Vergewisserung, wo man lebt und wie schön es ist.

Wenn man sich nicht vorsieht, erzeugt Alltag Vergessen und zermürbt die Aufmerksamkeit für die Umgebung und die Menschen. In Deutschland ebenso sehr wie in Marokko oder anderswo. Verzauberungen, exotisch oder nicht, funktionieren bei mir nicht mehr selbstverständlich wie noch vor zehn Jahren. Die Aufenthalte in Marokko und dem Libanon, Reisen nach Syrien oder Katar veränderten den Blickwinkel und die Einstellung. Man erkennt den Relativismus von Kulturen, Lebensstilen, Religionen und Meinungen. Größere Toleranz ist ein Resultat davon. Gleichzeitig verschwindet jedoch das Besondere, Außergewöhnliche. Alles ist irgendwie gleich, ohne aber langweilig oder eintönig zu sein. Der Reiz besteht darin, Momente, Situationen zu erleben oder Menschen zu treffen, die einem zusagen. Man gewöhnt sich, alles so zu nehmen, wie es eben ist oder kommt. Überraschend ist selten etwas, höchstens interessant oder uninteressant.

Man könnte es als eine stoische Haltung bezeichnen, die für einige seltsam, ja komisch klingen mag. Fremd ist dadurch nichts mehr. Furcht vor dem Anderen und Unbekannten, Argwohn oder Hass dagegen, Liebe oder Faszination dafür treten weit in den Hintergrund. Als Beispiel hier vielleicht meine Fahrt ins libanesische Bekaa-Tal, die eigentlich als gemütlicher Sonntagsfotoausflug geplant war. Stattdessen landeten der Fotograf und ich im exterritorialen Gebiet der Mafia, genauer gesagt bei einem Glas Tee in der Küche eines Drogenbarons, der erst vor Kurzem von seiner Mutter und einigen Helfern gewaltsam aus dem Polizeigewahrsam befreit worden war. Bei unserer Fahrt ins Blaue, abseits der Hauptstraße, hatte unser Fahrer auf den unmarkierten Feldwegen völlig die Orientierung verloren. Wir waren in ein Terrain vorgedrungen, in dem man besser nichts zu suchen hat. Als Verdächtige eskortierte man uns in ein Dorf zu einem fünfstöckigen Haus, das zur Festung ausgebaut war. Im Untergeschoss befand sich die Garage, in der wir von einer schwer bewaffneten Wachmannschaft empfangen wurden. Die Männer trugen schutzsichere Westen, an denen mehrere Handgranaten hingen. Dazu Sturmgewehre, die sie entsicherten, als wir die Wagentüren öffneten. Wenig später mussten wir im obersten Stockwerk dem Chef Rede und Antwort stehen, wer wir seien und wohin wir wollten.

Nervosität oder andere Gefühlsausbrüche sind in dieser Situation unangebracht. Man kann sowieso nichts ändern. Man belässt es einfach dabei, wo man hineingeschlittert ist. Anstatt sich selbst emotional zu verzetteln, behält man einen klaren Kopf.

Eine Lektion, die sehr nützlich für den privaten und beruflichen Bereich ist. Nichts ist fremd, solange man es nicht dazu macht. Für mich eine sehr positive Sichtweise, die mir viel Ärger und Unmut erspart. In Marokko wird einem das fast täglich bewusst. Ob der Maler die falsche Wand mit der falschen Farbe bemalt, der Mechaniker einen Teil des Autos repariert, der gar nicht kaputt war, meine Schüler im Amerikanischen Sprachzentrum in Tanger Vorträge über Koranpassagen halten, die es nicht gibt, oder mir mein Nachbar das Glaubensbekenntnis zum Islam vorspricht, auf dass ich es wiederhole. Man zerbricht sich nicht mehr den Kopf darüber, warum die Menschen in dieser Kultur dieses und jenes machen oder auch nicht. Eigene Meinung hin oder her, man lässt es auf sich beruhen. Ein Pragmatismus, mit dem es sich besser lebt. Auf alle Fälle in Marokko.

Aus: www.culture-counts.de

Mittwoch, 12. Dezember 2007

Al Qaeda in Algerien

Es war nur eine Frage der Zeit, bis Al Qaeda im islamischen Maghreb wieder zuschlägt. Nach dem Selbstmordattentat vergangenenSeptember auf Präsident Abdelaziz Bouteflika, bei dem 22 Menschen ums Leben kamen, hatte die Organisation übers Internet mehrfach neue große Bombenattentate angekündigt. Dabei stand das Königreich Marokko ganz oben auf der Liste. Aber dort scheint es ungleich schwerer zu sein, Terrorpläne in die Tat umzusetzen. Es mangelt am Personal mit professioneller Ausbildung. Fast jeden Monat verhaften die marokkanischen Behörden Mitglieder einer Al Qaeda-Zelle. Viele davon kommen aus dem Ausland und versuchen über die Grenze zu Mauretanien einzureisen. Ingesamt wurden in den letzten vier Jahren über 50 Attentate auf Ziele im In- und Ausland vereitelt. Trotzdem gab es im März 2007 Anschlagsversuche in Casablanca und wenig später in Meknes, die allesamt scheiterten. Aber das war „die Handschrift von marokkanischen Amateuren“, wie der Kommunikationsminister Nabil Benabdallah urteilte. In Algerien dagegen sollen zwischen 600 bis 800 erfahrene Kämpfer der Salafistischen Gruppe für Verkündigung und Kampf (GSPC) für Attentate bereitstehen. Die GSPC gab im Januar 2007 offiziell ihren Anschluss an Al Qaeda im islamischen Maghreb bekannt. Ein neuer terroristischer Dachverband, dem auch militante islamistische Gruppen aus Tunesien (Islamistische Kampftruppe Tunesien GICT), Libyen (Libysche Islamische Kampftruppe GICL) und Marokko (Islamistische Gruppe Marokkanischer Kämpfer GICM) beitraten. Führer der Organisation soll eine gewisser Ahmed Haroun sein, der Abdelmalek Droukdel gewaltsam von der Chefposition vertrieben haben soll, der die Attentate im April 2007 in Algier (33 Tote) plante. In entlegenen, nur schwer zugänglichen Gegenden der Sahara werden verschiedene Ausbildungslager vermutet. Gerade der bergige Norden von Mali, mit zahlreichen Höhlen als Unterschlupf vor Spionagesatteliten, soll ein sicherer Aufenthaltsort sein. Nicht umsonst hat die US-Armee in Afrika eine „Anti-Terror-Task-Force“ eingerichtet. Die Basis der 1500 Mann starken Truppe liegt am Horn von Afrika, in Dschibuti. Bei regelmäßigen Manövern jagt man Terroristengruppen von Mauretanien aus, durch Mali und Niger bis in den Tschad. Gleichzeitig arbeiten die USA mit den Regierungen von Marokko, Algerien und Tunesien in einer Trans-Sahara-Partnerschaft, um eine Ausbreitung des Terrorismus zu verhindern.