Mittwoch, 13. Mai 2009

Naked Lunch: In Zimmer Nummer neun

Fünfzig Jahre nach der Erstveröffentlichung des Klassikers der Beatgeneration erscheint eine deutsche Neuausgabe. In Tanger, wo William S. Burroughs sein Buch schrieb, ist heute von der damaligen Atmosphäre nicht mehr viel zu spüren.

William S. Burroughs würde sich wohl im Grabe umdrehen, bei den Kids, die sich jedes Wochenende im «TangerInn» treffen, bevor sie für den Rest der Nacht in die schicken Clubs am Strand der marokkanischen Hafenstadt verschwinden. Verwöhnte, neureiche Jugendliche: Vom Papa ein Auto zum Geburtstag, das Frühstück vom Hausmädchen und teure Privatschule sind die Eckpfeiler ihrer Welt. Dass einige von ihnen auf der Toilette der Bar Koks schnupfen, wäre da für Burroughs wenig tröstlich. Eher schon die Stricher unter den Gäs­ten, die mit ihrem unverwechselbar unschuldigen, breiten Lächeln nach europäischer Kundschaft Ausschau halten. Ein Stück homosexueller Dissidenz in einem Heer von heterosexueller Mittelmässigkeit. Aber auch diese jungen Männer wüssten nicht, wer William S. Burroughs ist, selbst wenn er sie (vorausgesetzt sie sind jung genug) anspräche. Grosse Fotos von ihm und Allen Ginsberg, der anderen Ikone der Beatgeneration, hängen an den Wänden, aber für die Geschichte des Hauses interessiert sich hier bei lauter Musik und viel Alkohol niemand.

Das «TangerInn» gehört zur Pension Muniria, die unmittelbar darüber liegt. Ein kleines Hotel, mit nur wenigen Zimmern in der Neustadt von Tanger, an einem Hügel zum Hafen hin. Von den oberen Stockwerken hat man einen wunderbaren Blick nach Spanien auf die andere Seite der Meerenge von Gibraltar. Nur darauf legte William S. Burroughs keinen Wert, als er von 1954 bis 1956 im «Muniria» wohnte und am Manuskript von «Naked Lunch» arbeitete. Ein Roman, der heute als Klassiker der US-amerikanischen Literaturgeschichte gilt und weltweit insgesamt über eine Million Mal verkauft wurde.

Toleranz gehörte zum guten Ton

Burroughs residierte im Souterrain, im Zimmer Nummer neun mit Zugang zu einem kleinen, von einer hohen Mauer umgebenen Garten, aus dem heute immer noch die von alten Fotos bekannte grosse Palme ragt. «Nein, nein, Interesse hatte der weder am Garten noch an der Terrasse», erzählte mir 1991 John, der Besitzer der Pension Muniria, kurz vor seinem Tod. «Die Fensterläden waren fast immer geschlossen, ein ruhiger Mieter, von dem man oft nicht wusste, ob er zu Hause oder unterwegs war.» Sutcliff, ehemaliger Offizier der britischen Armee in Indien, hatte sich das Hotelgebäude mit seiner Abfindung von der Armee gekauft. Er wusste natürlich von den Drogengewohnheiten seines ungewöhnlichen Mieters, aber Toleranz gehörte zum guten Ton in diesen Tagen. «Wissen Sie, damals war Tanger noch eine internationale Zone, in der man als Westler so ziemlich alles machen konnte, was man wollte. Das gehörte einfach zu dieser Stadt.»

Burroughs, der Harvard-Absolvent und Industriellensohn aus dem Hause Burroughs Adding Machine, schrieb in seinem verdunkelten Zimmer monomanisch an seinen Routines, seinen literarischen Improvisationen. Im ers­ten Jahr noch unter dem Einfluss von Opiaten wie Eukodol, einem deutschen Pharmaprodukt. Monatelang will der US-Autor, nach eigenen Aussagen, kein Bad genommen, geschweige denn die Kleider gewechselt haben. «Nur jede Stunde kurz Hemd oder Hose ausgezogen, um eine Nadel ins Fleisch zu bohren.» Er tat absolut nichts und konnte «acht Stunden lang die Schuhspitzen anschauen».

Nach einer Entziehungskur in London, die Burroughs mit 500 Dollar von seinen wohlhabenden Eltern finanzierte, ging es in Tanger weiter mit Marjoun, einer traditionellen marokkanischen Haschischmarmelade. Eine starke Paste, die gewöhnlich auch für psychedelische Eingebungen sorgt. Nicht ganz unverständlich, sagte Burroughs Jahre später, er wisse gar nicht, wie sein Roman zustande gekommen sei.

Arbeiten im Schichtdienst

Einen vollständigen Aufschluss über die Entstehungsgeschichte von «Naked Lunch» gibt nun eine neue deutsche Ausgabe des Romans im Verlag Nagel und Kimche, die zum 50. Jubiläum der Erstveröffentlichung (1959 bei Olympia Press in Paris) erschienen ist. Zum Originaltext, von Michael Kellner neu übersetzt und dem trockenen, schnurrigen Ton Burroughs mehr Rechnung tragend, werden bisher auf Deutsch unveröffentlichte Textvarianten, Briefe des US-Autors und ein ausführliches Nachwort zur Entstehungsgeschichte geliefert. Man erfährt, dass Burroughs nicht der einzige Autor des Buches ist. Seine Freunde Allen Ginsberg, Allen Ansen und Jack Kerouac mussten in einen unübersichtlichen Wust von Mauskripten, Notizen und Briefen erst Ordnung bringen, bevor ein Buch entstehen konnte. «Wir bearbeiten riesige Mengen von Material im Schichtdienst, geben auch Sachen zum Abtippen weg, ein Teil von 120 Seiten abgeschlossen», schreibt Allen Ginsberg in der dritten Maiwoche 1957 in einem Brief an Lucian Carr. «Nun kommt der härtere Teil des Jobs, seine Briefe von 1953 bis1956 durchgehen und das Material integrieren, Autobiographisches, Routines und Erzählfragmente. Richtige Arbeit - wir ackern sechs Stunden oder mehr am Tag, blödeln rum, trinken, abends koche ich grosse Mahlzeiten.»

In Tanger entsteht so das erste Urmanuskript von «Naked Lunch», das von den Freunden danach in Venedig und in Paris für die Ausgabe der Olympia Press noch mehrfach überarbeitet wird. Darunter auch Brion Gysin, der als Begründer der Cut-up-Technik gilt, einer literarischen Methode, bei der verschiedene Texte neu zusammengesetzt werden und die auch in Burroughs Buch seinen Niederschlag findet.

«Naked Lunch» erzählt die Geschichten des Agenten William Lee, des Doktor Benway und der sprechenden Fantasiekreaturen Burroughs, den Mugwumps; die Geschichten spielen in den USA, Mexiko und Tanger. Dabei werden wild Perspektiven gewechselt und bewusst die sonst üblichen linearen Erzählstrukturen gebrochen. Das Buch beschreibt jedoch gleichzeitig auch das Ende des «Welt allmächtigen Autors», der alleine, in sich zurückgezogen, im kreativen Elfenbeinturm seine Literatur «erschafft».

Die neue Welt der Subkultur

«Naked Lunch» ist so sehr ein Produkt von Burroughs wie auch der Gruppe von Freunden, zu der er gehört, die ändern, kürzen, auswählen, weglassen und umschreiben. Ein kollektiver Prozess, der in dieser Form nur durch ein verbindendes Sendungsbewusstsein möglich war. In den vierziger Jahren hatten sich die angehenden Schriftsteller in New York gefunden. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren sie dort auf der Suche nach einem vollkommen neuen Menschentypus, wie auch nach einer nicht weniger revolutionären Literatur. Zuerst fanden sie den Stricher, Dieb und Junkie Herbert Huncke in der Gegend der 42. Strasse, rund um den Times Square. Von ihm liessen sich die jungen Grünschnäbel die Sprache und Kultur des Undergrounds lehren. Er machte sie mit den Jazzclubs in Harlem vertraut, zu denen Weisse normalerweise keinen Zutritt hatten, gab Burroughs seinen ersten, wegweisenden Schuss und versorgte auch die anderen mit Drogen.

Nach der Initiation in die neue Welt der Subkultur der Strasse folgte die neue Literatur, die die gängigen Schemas über den Haufen warf. Man nannte sich «The Beat Generation», ein Begriff, den Jack Kerouac basierend auf Herbert Hunckes «I Am Beat» kreierte. Bekannteste Werke der Beatgeneration werden das Gedicht «Howl» (1956) von Allen Ginsberg, Jack Kerouacs «On the Road» (geschrieben 1951, veröffentlicht 1957) und später eben Burroughs› «Naked Lunch» (1959). Bei aller Mithilfe Dritter ist es einzigartig im bösen wie trockenen Ton und beinhaltet dunkle pornografische Darstellungen des Autors. Jack Kerouac war vor Erscheinen des Buches 1957 bereits überzeugt, dass Burroughs «das grossartigste Buch seit Jean Genets ‹Notre Dame des Fleurs› geschrieben» habe.

«Schweizer Uhren, Scotch, Sex»

John Sutcliff, der vormalige Besitzer der Pension Muniria, erinnerte sich noch gut an die jungen «Beats», die zuerst 1957 und später noch mal 1961 (für die US-Ausgabe von «Naked Lunch») in seinem Haus Manuskripte abtippten. «Da gab es auch einen Kerl, ich glaube, der hiess Gregory Corso und fiel im ‹TangerInn› immer wieder vom Stuhl. Ich fragte ihn, was los sei, worauf er mir empfahl, ich sollte auch mal auf einen Trip gehen. Ich erwiderte ihm, was auch immer mit Trip gemeint sei, für mich ist das nichts, mich immer wieder auf dem Fussboden wälzen zu müssen.» Sonst seien alle jungen Männer höflich, zuvorkommend und nett gewesen, fügte der an den Händen zitternde alte Mann hinzu.

1953 war Burroughs zum ersten Mal nach Tanger, in die «weisse Stadt» an der Meerenge von Gibraltar gereist. Zwei Jahre zuvor hatte er im Suff seine Frau in Mexiko-Stadt bei einem Wilhelm-Tell-Spiel erschossen. Er suchte nun einen Ort, an dem er endlich zur Ruhe kommen konnte. Die «internationale Zone» Tanger schien für den damals 39-Jährigen perfekt zu sein. Haschisch wurde auf der Strasse geraucht, harte Drogen gab es in der Apotheke ohne Rezept, die Polizei hielt sich bei allem möglichst im Hintergrund, Homosexualität und auch Päderastie schienen hier völlig normal zu sein. Für alle nur erdenklichen sexuellen Präferenzen gab es nicht nur massenhaft Prostituierte, die sich anboten, sondern auch Bordelle, die völlig unbehelligt betrieben wurden. Bevor Burroughs in die Pension Muniria einzog, wohnte er in der Calle de los Arcos Nummer eins, sehr praktisch, direkt über einem dieser Freudenhäuser für Männer. Einer der dort arbeitenden jugendlichen Stricher, Kiki, wurde sein ständiger Begleiter.

«In Tanger gibt es diese Weltuntergangsstimmung», liest man in einem der zahlreichen Briefe Burroughs an Allen Ginsberg, «mit der Flut von Nylonhemden, Schweizer Uhren, Scotch und Sex und Opiaten, die über den Ladentisch verkauft werden. Das Böse ist hier laissez faire.»

Eine Mischung, die damals auch viele andere Künstler anzog. Neben Paul Bowles und seiner Frau Jane, Tennessee Williams, Truman Capote, Francis Bacon oder auch Brion Gysin, um nur einige wenige zu nennen. Allerdings hatte William S. Burroughs keinen Kontakt zu ihnen. Sie bevorzugten die Gesellschaft der Hautevolee Tangers, schicke Restaurants, Bars und mondäne Partys, von denen es täglich einige zu besuchen gab.

Der ungewaschene Junkie Burroughs galt mit einem monatlichen 200-Dollar-Scheck seiner Eltern als minderbemittelt, hauste in einer schäbigen Pension und kannte, ausser Apothekern, Dealern und Liebhabern, kaum jemanden. «Eine Schriftstellerkolonie gibt es nicht», schrieb der heutige Grandseigneur des Underground und der Avantgarde an seinen Freund Allen Ginsberg in New York. «Wenn ja, dann leben sie irgendwo im Verborgenen.» Der erste Kontakt mit Paul Bowles, der bis zu seinem Tod 1999 in Tanger blieb, kam erst 1961 zustande, zwei Jahre nach der Pariser Erstveröffentlichung von «Naked Lunch». Man traf sich im Hotel Muniria, zusammen mit den anderen Beats.

Der unsichtbare Mann

Bei seinem Aufenthalt in den fünfziger Jahren war Burroughs trotz seiner sexuellen Abenteuer ein einsamer Mann, der scheinbar unsichtbar durch die Strassen und Gassen Tangers schlich. Nicht umsonst nannte man ihn «el hombre invisible» (den unsichtbaren Mann). Zu Gesicht bekam man ihn manchmal in einem der Cafés von Tanger. Darunter das Café Hafa im Stadtteil Marshan. Dort sass er an einem der heute immer noch wackligen, blau gestrichenen Holztische, rauchte Kif (Marihuana), trank Tee, notierte oder schrieb Briefe an Allen Ginsberg. Auf den unzähligen kleinen Terrassen des direkt über den Klippen des Mittelmeers gelegenen Cafés konnte er leicht ein ungestörtes Plätzchen finden. Heute treffen sich dort tagsüber nur mehr Studentinnen und Schüler, die auf die vorbeifahrenden Schiffe und die Küste Spaniens starren. Seltsame Typen wie William S. Burroughs sieht man hier kaum noch.

Die Wochenzeitung vom 07.05.2009

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