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Das „Kalifat“ ist gefallen, aber der IS hat seine Strategie geändert

Mit einem Metalldetektor untersucht eine kurdische Soldatin Frauen und Kinder, die aus dem belagerten IS-Gebiet geflohen sind
Die letzte Bastion der Terrormiliz Islamischer Staat ist gefallen. Ein historischer Sieg, vier Jahre, nachdem die Islamisten das „Kalifat“ ausgerufen haben. Doch das Ende des IS ist trotzdem nicht das Ende des Terrors.
Von Alfred Hackensberger, Foto: Sebastian Backhaus

„Heute ist ein einmaliger Tag“, schrieb Mustafa Bali, Sprecher der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) am Samstag auf Twitter. „Wir können die vollständige Eliminierung des sogenannte Kalifats verkünden.“ Die Freude und die Erleichterung sind nachvollziehbar. Mehr als sechs Monate dauerte es, bis die kurdisch-arabische Militärallianz SDF mit Unterstützung des US-Miliärs endlich die letzte Bastion des Islamischen Staats (IS) in Nordsyrien erobern konnte. Bis zum Schluss hatten rund 300 Extremisten in Höhlen und Tunneln unter der Stadt Baghus am Euphrat weitergekämpft. Noch immer gibt es kleinere Scharmützel, bevor der Ort komplett gesäubert ist. Aber jetzt ist es offiziell: Die Terrormiliz ist militärisch endgültig besiegt. Das Kalifat, das IS-Führer Abu Bakr 2014 in Mosul ausgerufen hatte und einst große Teile Syriens und des Iraks umfasste, ist Geschichte.


Für Nordsyrien ist das ein historischer Tag. Im September 2014 hatte der IS zunächst die Stadt Kobani an der Grenze zur Türkei angegriffen. Seitdem herrschte Krieg in der selbstverwalteten Region östlich des Euphrats. Zehntausende Soldaten der kurdisch geführten SDF-Armee starben. Weit über Hunderttausend Menschen mussten fliehen. Das Ende des IS wird die meisten Menschen in der Region aufatmen lassen. Aber ein Anlass zum Feiern ist es dennoch nicht.


Schon im Nachbarland Irak hat man vor gut einem Jahr den Sieg über den Extremisten verkündet. Doch das stellte sich als voreilig heraus. Die Terrormiliz ist nicht am Ende, nur weil sie ihr Herrschaftsgebiet verloren hat. Sie hat sich nur transformiert und kämpft nicht mehr als Armee, sondern sie führt einen brutalen Guerilla-Krieg. In Nordsyrien könnte sich das wiederholen.
Unterdessen hat Washington den Abzug des Hauptteils seiner Truppen angekündigt. Nur noch 400 US-Soldaten sollen in der Region bleiben, die ein Drittel Syriens ausmacht. Es bleibt ein Machtvakuum, das Amerika hinterlässt, in dem sich die Terrormiliz neu aufstellen kann. Nordsyrien ist zudem ein Dreh- und Angelpunkt in der Region, in der es laut Angaben der Vereinten Nationen noch 20.000 bis 30.000 IS-Kämpfer gibt.

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