Freitag, 22. August 2008

Anschlagsserie in Algerien - Al-Qaida im Maghreb wächst

Für Algerien entwickelt sich der Urlaubsmonat August zu einem Blutbad. Weniger als 24 Stunden nach dem Anschlag auf eine Polizeiakademie, bei dem 44 Rekruten starben, sprengten am Mittwoch erneut zwei Selbstmordattentäter ihre mit Sprengstoff beladenen Autos und töteten dabei elf Menschen. Die Anschläge kamen keineswegs überraschend. In den vergangenen drei Wochen hatte es bereits vier Überfälle auf Polizeistationen und Militärpatrouillen gegeben, bei denen mindestens 20 Menschen ums Leben kamen und 50 verletzt wurden. Hintergrund ist der Versuch der algerischen Behörden, der al-Qaida im Islamischen Maghreb (Aqim) den entscheidenden militärischen Schlag zu versetzen. 2007 hatte man 1100 Terroristen verhaftet oder getötet. Hauptaugenmerk gilt nun der Tizi-Ouzou-Provinz, einer östlich der Hauptstadt Algier gelegene Bergregion, die als Hauptrückzugsgebiet der Terrorgruppe gilt. Laut Regierungsangaben wurden dort in der ersten Augustwoche bei einer Überraschungsoperation der Armee zwölf Terroristen erschossen. Darunter auch einige Anführer. Die Aqim zahlte dies zuerst mit Hinterhalten auf Patrouillen und versteckten Straßenbomben heim und nun mit zwei kurz aufeinander folgenden, verheerenden Attentaten. Man will beweisen, dass man trotz aller personellen Verluste noch einsatzfähig ist. "Al-Qaida musste spektakuläre Aktionen durchführen", sagte der algerische Sicherheitsexperte Mouloud Morchedi, "gerade nachdem sie eine Niederlage erlitten haben." Mit dem Anschlag auf die Rekruten der Polizeiakademie außerhalb ihres Rückzugsgebietes würde die Organisation zeigen, sie könne noch jederzeit und überall zuschlagen.

Im Januar 2007 wurde die Aqim offiziell gegründet. Ein terroristischer Dachverband, dem islamistische Gruppen aus Tunesien (Islamistische Kampftruppe Tunesien), Libyen (Libysche Islamische Kampftruppe) und Marokko (Islamistische Gruppe Marokkanischer Kämpfer) beitraten. Hauptsächlich aktiv ist allerdings nur der algerische Ableger, der aus der Salafistischen Gruppe für Predigt und Kampf (GSPC) hervorging. Sie soll über 300 bis 400 Kämpfer und rund 200 aktive Unterstützer im ganzen Land verfügen. Führer der Organisation ist Abdelmalek Droukdal, ein diplomierter Mathematiker, der auch die Idee zum Anschluss an al-Qaida hatte. Im Herbst 2004 schickte er eine geheime Nachricht an Abu Mussab al-Sarkawi in den Irak. Der inzwischen getötete Chef von al-Qaida in Mesopotamien hatte gegen einen Zusammenschluss nichts einzuwenden und sicherte logistische und finanzielle Hilfe zu, die die algerischen Islamisten bitter nötig hatten. Nach dem Ende des algerischen Bürgerkriegs (1992-2002), bei dem rund 150 000 Menschen getötet worden waren, gab es kaum noch Verständnis für militante Organisationen. Zudem hatte die algerische Regierung rigoros alle Terrorgruppen bekämpft und eine Amnestie angeboten, die viele Radikale annahmen. Darunter auch der damalige GSPC-Führer Hassan Hattab, der vor zwei Tagen zum ersten Mal nach seiner Absage an den bewaffneten Kampf im September 2007 an die Öffentlichkeit ging. Er forderte die Mitglieder der Aqim auf, unverzüglich die Waffen niederzulegen und zu ihren Familien zurückzukehren. "Wir waren schon vor euch auf demselben Weg", sagte er, "das bringt absolut nichts". Hattab hatte die Führungsrolle innerhalb der Organisation 2003 aufgegeben, nachdem es Differenzen darüber gab, ob man unschuldige Zivilisten töten dürfe. Die Anschläge vom Dienstag und Mittwoch haben gezeigt, dass der neue Aqim-Chef keinerlei Rücksicht auf Zivilisten nimmt. Er kopiert die Terrorstrategie seiner Kollegen im Irak: Nach einer ersten Bombe lassen sie eine zweite hochgehen, um auch heraneilende Helfer zu treffen.

Die Aqim ist keine nationale Bewegung mehr, sie nimmt am internationalen Heiligen Krieg gegen alle Ungläubigen teil. "Jeder muss wissen", sagte Aqim-Chef Abdelmalek Droukdel zur "New York Times", "wir zögern nicht, jeden wann und wo auch immer auf diesem Planeten ins Visier zu nehmen."

Im Bericht des US State Department zum globalen Terrorismus vom April 2008 zählt die Aqim zusammen mit den Islamisten im pakistanischen Grenzgebiet zu den zwei größten Bedrohungsrisiken. Besondere Sorgen macht die organisatorische Struktur der Aqim. "Es ist keine zentralisierte Bewegung", erklärte US-Verteidigungsminister Robert M. Gates, "und das macht sie noch gefährlicher."

Bisher spielte die Aqim und ihre dezentral agierenden Partner in anderen Ländern Nordafrikas kaum eine Rolle. Doch seit einem Jahr gibt es Ausnahmen. In Mauretanien wurde im Februar ein Anschlag auf die israelische Botschaft verübt. Wenige Monate zuvor, Weihnachten 2007, wurden vier französische Touristen erschossen. Und in Tunesien entführte man österreichische Touristen. Die Hintermänner dieser Aktionen stammen aus den Ausbildungslagern der Aqim, die sich in entlegenen, nur schwer zugänglichen Gegenden der Sahara in Marokko, Tunesien und Algerien befinden. Auch der bergige Norden Malis soll ein Aufenthaltsort der Terroristen sein, da die zahlreichen Höhlen als Unterschlupf vor Spionagesatelliten dienen. Um einer weiteren Ausbreitung der Aqim vorzubeugen, stellte die US-Regierung 80 Millionen Dollar für eine aus zehn Ländern bestehende Transsahara-Anti-Terrorismus-Partnerschaft zur Verfügung. Am Horn von Afrika, in Dschibuti, ist eine 1500 Mann starke Anti-Terror-Task-Force stationiert, die bei ihren Manövern Terroristen aus Mauretanien durch Mali und den Niger bis in den Tschad jagt.

Montag, 11. August 2008

Hisbollah rüstet zum nächsten Krieg gegen Israel

Die Bewohner Beiruts sind an israelische Militärjets gewöhnt. Zwischen Nacht und Morgengrauen durchbrechen sie immer wieder dicht über der libanesischen Hauptstadt die Schallmauer. Ein tiefer Donner ist dann zu hören, die Fensterscheiben vibrieren bedrohlich. Aufklärungsflüge über dem Libanon sind für Israel ein wichtiger Bestandteil seiner Militärstrategie. Die libanesische Regierung hält sie für einen Verstoß gegen internationales Recht, wie sie mehrfach bei den UN monierte.

Geht es nach der Hisbollah, der schiitischen Partei und Miliz im Libanon, soll es mit der uneingeschränkten Lufthoheit der israelischen Kampfjets bald vorbei sein. "Es ist notwendig, diesen Verstößen endlich ein Ende zu bereiten", hieß es in einer Erklärung der Organisation im Juli. Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah sprach von einer neuen "Verteidigungsstrategie". Es ist die deutliche Drohung, mithilfe moderner Radaranlagen und Luftabwehrraketen die verhassten israelischen Aufklärer in Zukunft abzuschießen. Die neuen Anlagen soll die Hisbollah laut israelischen und arabischen Medienberichten im Zentrallibanon, auf dem knapp 2700 Meter hohen Sannine und den umliegenden Bergen installieren. Unklar ist bisher nur, wie weit die Vorbereitungen der schiitische Guerilla gediehen sind.

Für das israelische Kabinett war das Anlass genug, um sich vergangene Woche darüber zu beraten. Ein Hisbollah-Luftabwehrsystem wäre eine "Störung der strategischen Balance", hieß es in einer gemeinsamen Verlautbarung der Kabinettsmitglieder. Israel werde keinen weiteren Waffenschmuggel an die Hisbollah dulden und für alle Ereignisse die libanesische Regierung verantwortlich machen.

Im Libanon formierte sich nach gewalttätigen Auseinadersetzungen im Mai eine neue Regierung der nationalen Einheit, an der auch die Hisbollah beteiligt ist. Das libanesische Kabinett unter dem alten und neuen Premierminister Fuad Siniora gestand nun der Hisbollah offiziell "das Recht zum Widerstand" gegen Israel zu. Die schiitische Miliz kann also ungehindert den Ausbau ihrer Verteidigungsanlagen betreiben, mit dem unmittelbar nach Ende des Libanonkriegs im Sommer 2006 begonnen worden war. Nördlich des Litani-Flusses, hinter der UN-Pufferzone zu Israel, wurden seither große Landflächen erworben. Wo es früher nur Wildnis gab, errichtete die Hisbollah neue Dörfer, siedelte Schiiten aus dem Süden an, baute Straßen sowie Wasser- und Elektrizitätsleitungen. Das gesamte Gebiet ist heute militärische Sperrzone. Hier befinden sich unterirdische Bunkersysteme und Abschussrampen für die Langstreckenraketen iranischer Bauart, die angeblich jedes Ziel in Israel erreichen können. Welche der Einrichtungen real oder nur Attrappen sind, kann das israelische Militär allein aus der Luft nicht feststellen.

Während des Sommerkriegs 2006 wurden zahlreiche Hisbollah-Stellungen bombardiert, von denen die meisten, wie sich nachher herausstellte, fingiert oder verlassen waren. Israelische Soldaten fanden in Bunkern Aufklärungsfotos der eigenen Luftwaffe, mit Markierungen in hebräischer Sprache. Die Hisbollah wusste im Voraus, was bombardiert und wo Bodentruppen zum Einsatz kommen sollten. Die Guerillas saßen in ihren unterirdischen Bunkern mit Klimaanlage, Küche, Betten und warteten auf eine Möglichkeit, israelischen Kommandos, die sie mit versteckten Kameras beobachten konnten, in den Hinterhalt zu locken. Über militärische Geheimnisse informiert wird die Guerilla von israelischen Soldaten, meist im Austausch gegen Drogen. Erst im Frühjahr wurden zwei dieser Drogenschmugglerringe ausgehoben, an denen israelische Militärs beteiligt waren.

Zu den Neuerungen der Hisbollah gehört auch eine Art "Fremdenlegion", in der Angehörige nicht schiitischer Glaubensgemeinschaften und sogar Kommunisten kämpfen dürfen. Vergleichbares gab es bereits während der israelischen Besetzung des Südlibanon zwischen 1982 und 2000, als die Libanesischen Widerstandsbrigaden Christen, Drusen und Sunniten vereinten. Zur Reaktivierung dieser Truppe dürften die positiven Erfahrungen aus dem Julikrieg 2006 beitragen. Damals beteiligten sich sunnitische sowie kommunistische Gruppen am Kampf gegen Israel. Darunter auch die sunnitisch-islamistischen Fajr-Truppen. "Die Israelis werden in Zukunft auf einen Widerstand stoßen, der sich aus allen Sekten und Konfessionen zusammensetzt", sagte Scheich Afif Naboulsi, ein der Hisbollah nahestehender schiitischer Geistlicher.

Laut israelischen Geheimdienstberichten soll die Terrororganisation heute über insgesamt 40 000 Raketen verfügen. "Zwei oder dreimal so viel wie noch 2006", glaubt Verteidigungsminister Ehud Barak.

Darunter auch rund 1000 C-802-Raketen, die entlang der libanesischen Küste positioniert sein sollen und israelische Schiffe bedrohen können. Eine dieser Raketen, die sechs bis sieben Meter über der Wasseroberfläche fliegen, hatte während des Libanon-Kriegs ein israelisches Kriegsschiff vor der Küste Beiruts schwer beschädigt. Eingeschmuggelt werden diese Raketen wie auch alle anderen Waffen, so der israelische Vorwurf und begründete Verdacht, über das Nachbarland Syrien. Dort wurde am vergangenen Sonntag in der Hafenstadt Tartous auf mysteriöse Weise General Mohammed Suleiman ermordet, der die Waffenlieferungen an die Hisbollah organisierte. Ein Scharfschütze soll den General von einer Yacht aus vor seinem Haus in den Kopf getroffen haben. "Die israelische Regierung hat weder Kenntnisse von noch gibt sie einen Kommentar zu diesem Vorfall", sagte Mark Regev, Sprecher des Premierministers Ehud Olmert.

Mitte Juli war in Teheran bereits ein Lkw-Konvoi der iranischen Elitetruppe der Republikanischen Garden, angeblich mit Waffen für die Hisbollah beladen, in einem Vorort von Teheran unter ungeklärten Umständen explodiert - 15 Menschen wurden getötet. Einige Monate zuvor entgleiste ein Zug in der Nordtürkei durch eine ebenfalls mysteriöse Explosion. Der Zug war mit Militärausrüstung Richtung Syrien unterwegs.

Donnerstag, 7. August 2008

Blumen statt Schläge für die Ehefrau

Türkische Fernsehserie bricht mit vielen Tabus konservativer islamischer Länder - und ist von Saudi-Arabien bis Marokko der absolute Quotenhit

"Teuflisch und unmoralisch" nannte der Großmufti Saudi-Arabiens die türkische Fernsehserie "Nur" und forderte die TV-Stationen auf, ihren "Angriff auf Gott und seinen Propheten" unverzüglich einzustellen. In der palästinensischen Stadt Nablus warnte ein Parlamentarier und Prediger der radikal-islamischen Hamas vor der Serie, die gegen "Religion, Werte und Tradition" verstoße. Viel Gehör fand allerdings keiner der beiden Würdenträger. Zwischen drei und vier Millionen Saudi-Araber sehen jeden Abend die religiös verbotene Seifenoper über das Leben und die Liebe von Nur und ihrem Ehemann Mohannad. Im palästinensischen Gazastreifen und im Westjordanland sind die Straßen zur Sendezeit wie leer gefegt. Und sollte der Strom wieder einmal ausfallen, stellt man sich den Wecker, um die Wiederholung am frühen Morgen nicht zu verpassen.

Aber auch in anderen arabischen Ländern wie Syrien, Bahrain oder Marokko versammeln sich täglich die Großfamilien vor den Fernsehgeräten, um ihre Helden zu sehen. Ein Erfolg, der für den panarabischen Satellitenkanal MBC völlig überraschend kam. In der Türkei war "Nur" ein Flop und wurde nach der Ausstrahlung weniger Episoden abgesetzt. Da arabische TV-Serien unverschämt teuer seien, so MBC-Präsident Scheich Walid al-Ibrahim, habe man im Ausland nach billigen Varianten gesucht. Der Lückenbüßer, den man nicht mit klassischem Arabisch, sondern mit dem gesprochenen Dialekt der Region vertonte, wurde nun zum großen Geschäft des Senders mit Hauptsitz in Dubai.

Überraschend sind die Reaktionen des konservativen, religiösen Establishments nicht. "Nur" präsentiert ein neues Rollenbild, das gerade in den Golfstaaten wenig Entsprechung im gesellschaftlichen Alltag findet. Zum ersten Mal wird nun eine muslimische Familie gezeigt, in der beide Ehepartner völlig gleichberechtigt sind. Der Ehemann (Mohannad) unterstützt seine Frau (Nur) bei ihrem beruflichen Werdegang als Modedesignerin, behandelt sie liebe- und verständnisvoll. Nach einem Streit bringt er ihr Blumen, überrascht sie mit Geschenken oder einer Reise mit romantischem Ambiente. Männliches Verhalten, wie man es bisher nur aus westlichen Filmproduktionen kannte. In arabischen Produktionen werden gewöhnlich Männer gezeigt, die ihre Ehefrauen oder auch Schwestern schlagen.

"Unsere Gesellschaft ist solche Intimität und Liebe nicht gewohnt, deshalb wird diese Art von Beziehung als Sünde bezeichnet", sagt die Vizepräsidentin der Frauenunion von Bahrain, Fatima Rabea. Für viele weibliche Zuschauer wird der sanfte, gut aussehende Mohannad zu einem männlichen Wunschbild. Angeblich ließen sich schon einige saudi-arabische Ehemänner scheiden, die Mohannad-Fotos auf dem Handy ihrer Frau gefunden hatten. In der Tageszeitung "Saudi Gazette" wurde ein Cartoon abgedruckt, der einen Mann beim Schönheitschirurgen zeigt, der in Mohannad verwandelt werden möchte. Mütter wünschen sich Nur oder Mohannad als Vornamen ihrer Neugeborenen.

In der Seifenoper werden auch noch andere Tabus konservativ-muslimischer Gesellschaften gebrochen. Mohannad hatte bereits vor der Heirat mit Nur Sex, aus dem ein Kind stammt, eine Cousine hatte eine Abtreibung, und zum Abendessen wird schon mal Alkohol getrunken. "Wir alle machen Dinge in unserem Leben, wie sie in der Serie gezeigt werden", sagt die syrische Schauspielerin Laura Abu Sa'ad, die der weiblichen Hauptfigur Nur ihre arabische Stimme gab. "Viele Mädchen werden schwanger und haben Abtreibungen, aber man spricht nicht darüber. Wenn man nun im TV sieht, was sonst unter den Tisch gekehrt wird, bedeutet das ein Aufatmen." Für Laura Abu Sa'ad ist der Erfolg der Serie ein Zeichen dafür, "dass die arabischen Muslime einem moderaten Islam und nicht den Extremisten folgen wollen".

Religion spielt in "Nur" eine Nebenrolle. Die Ehe von Nur und Mohannad ist zwar vom Großvater bestimmt, und man befolgt das muslimische Fastengebot im Monat Ramadan, aber keine der Hauptfiguren wird beim täglichen Gebet gezeigt. Frauen tragen auch kein religiöses Kopftuch oder eine andere Verschleierung. "Ich denke, diese Serie zeigt ein völlig unrealistisches Bild der Türkei", kritisiert Professor Khalid Amine von der marokkanischen Universität in Tetouan. "Als würde es dort keine islamistische Partei an der Regierung und keine Auseinandersetzung zwischen Religion und Säkularismus geben." Profiteur ist jedenfalls der türkische Tourismus: Kinder wollen die Schauplätze von "Die verlorenen Jahre", einer populären türkischen Serie für Jugendliche, sehen, die Eltern das Land von Nur und Mohannad. Darum mietete die türkische Produktionsfirma von "Nur" in Istanbul das fiktionale Zuhause von Mohannad und verwandelte die Villa in ein Museum für arabische Touristen. Allein aus Saudi-Arabien werden 100 000 Besucher erwartet, 70 000 mehr als im Vorjahr. "Der Anstieg saudi-arabischer Touristen ist ein Resultat der Seifenopern", sagt der türkische Botschafter in Saudi-Arabien. "Es gab früher nur zwei Flüge von Riad nach Istanbul, heute sind es vier, die alle vollkommen ausgebucht sind."

Sonntag, 3. August 2008

Wo Deutschlands Drogen herkommen

3000 Tonnen pro Jahr, 80 Prozent des europäischen Gesamtbedarfs, ein Geschäft von 20 Milliarden Euro: Marokko ist der größte Haschischexporteur der Welt. Ein Großteil wird im unzugänglichen Rif-Gebiet produziert. Das Königreich hat den Kampf gegen die Drogenbarone längst verloren.

Von der Hafenstadt Larache am Atlantik dauert die Fahrt ins Rif-Gebirge, dem Herzland des Kif, wie Marihuana in Marokko genannt wird, keine Stunde. Von Kilometer zu Kilometer häufen sich die tiefgrünen Pflanzungen der verbotenen Droge zwischen Bohnen- und Maisfeldern. Außer einzelnen, billigen Wellblechhäusern ist von Zivilisation bald keine Spur mehr.

Aus dieser malerischen Berggegend stammt der Großteil des Haschisch, das nach Europa exportiert wird. Rund 3000 Tonnen sind es pro Jahr – 80 Prozent des europäischen Gesamtbedarfs. Marokko ist damit größter Haschischexporteur der Welt. Auf modernen Schnellbooten, unter Fischladungen versteckt, oder mit Kleinflugzeugen wird das Kif zuerst nach Spanien, dann weiter nach Frankreich, Holland oder Deutschland transportiert. Ein Geschäft, dessen Wert auf bis zu 20 Milliarden Euro geschätzt wird. Das Kif ist das „Grüne Öl“ Marokkos.
Weiterführende Links

Von den Gewinnen landet allerdings nur ein Bruchteil bei den Bauern. „Diejenigen, die damit das große Geld machen, fahren schwere Geländewagen mit verspiegelten Scheiben und kommen oft nicht aus Marokko“, berichtet Mohammed L., der mit seiner Frau und sieben Kindern in einer der Wellblechhütten lebt. Im Gegensatz zu vielen anderen Kleinbauern der Gegend hat er Elektrizität. Stolz zeigt er seinen Fernsehapparat und eine neue Satellitenschüssel. Wasser allerdings wird seit Jahren täglich mit Eseln aus dem 20 Minuten entfernt gelegenen Brunnen transportiert.

Gleich hinter dem Haus befindet sich die Kif-Plantage. Gut 3000 Quadratmeter, die in diesen Tagen reif zur Ernte sind. Vereinzelt liegen bereits abgeschnittene Pflanzenbündel zum Trocknen in der Sonne, die später zu Haschisch verarbeitet werden. „Fünf oder sechs Kilo sollen es mindestens werden“, sagt Mohammed und lächelt dabei hoffnungsfroh. Pro Kilo bekommt er zwischen 400 und 500 Euro. In Europa zahlt der Endverbraucher oft mehr als das Zwanzigfache.

Mohammed und seine Familie könnten ohne die kleine Haschischproduktion nicht überleben. Die wenigen Olivenbäume, die Eier seiner Hühner und die Bienenstöcke dienen dem Eigenbedarf. Für seine fünf, sechs Kilo Haschisch muss Mohammed nur zwei, drei Tage arbeiten. Das getrocknete Marihuana wird über einem Sieb in Plastik eingewickelt und mit zwei Stöcken „ausgeschlagen“. Im Topf darunter sammelt sich der begehrte Stoff.

Mohammed ist einer von rund einer Million Menschen in Marokko, die auf diese Art ihre Existenz sichern. „100 Kilo Marihuana ergeben ein bis zwei Kilo Haschisch“, erklärt er fachmännisch auf seinem Feld. „Da drüben ist es die doppelte Ausbeute“, fügt er resigniert hinzu und zeigt auf deutlich erkennbare Marihuanafelder auf der anderen Seite des Tals. „Dort sind die Böden besser, und außerdem gibt es Wasser“, erklärt der Familienvater.

Da drüben, das ist die Region Chefchaouen und das dahinter liegende Ketama, wo Berberstämme seit dem 15.Jahrhundert Kif anbauen. Die Berber sind eine ethnische Minorität in Marokko mit eigener Sprache und Kultur. 1958, zwei Jahre nach der Unabhängigkeit Marokkos, rebellierten sie, worauf ihre Region bis zum Tode von Hassan II. 1999 gänzlich vernachlässigt wurde. Kif zu pflanzen, ist bis heute ein Zeichen berberischer Selbstständigkeit. Sämtliche Versuche der marokkanischen Regierung, den Anbau von Marihuana zu unterbinden, schlugen fehl. Ob Avocados oder Olivenbäume als Ersatz, kaum einer der Bauern ließ sich vom lukrativen Kif abbringen. „Die können machen, was sie wollen“, meint Mohammed L., der kein Berber ist, sondern nur ein Jibli, ein Mann der Berge. „Sie schlagen die Olivenbäume ab, um Flächen für Kif frei zu machen. Die Samen dazu stammen aus Pakistan oder Indien.“

Mohammed will mit der von der Mafia organisierten industriellen Produktion nichts zu tun haben. Er wäre schon mit etwas größeren Anbauflächen zufrieden. Aber das sei nicht mehr so einfach wie früher. „Sobald die Polizei meine Felder sieht, reißt sie die Pflanzen aus.“ Schmiergelder in der Höhe, die er bezahlen kann, würden nichts ändern. „Man will den Anbau kontrollieren und auf eine bestimmte Region beschränken, wenn man ihn schon nicht ganz ausmerzen kann“, meint Mohammed.
Schlagworte

Zwischen 2003 und 2007 hatte das Uno-Büro für Drogen und Kriminalität einen Rückgang der Marihuanaproduktion in Marokko um 50 Prozent registriert. Die marokkanischen Behörden hatten auf Druck der USA und der Europäischen Union Maßnahmen gegen den Kif-Anbau getroffen. Bauern wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt, Felder zerstört, Umpflanzungsprogramme durchgeführt. Bis 2008 wollte man den Kif-Anbau vollkommen ausrotten. Davon ist Marokko heute weit entfernt. Die Produktion von Kleinbauern wie Mohammed konnte zwar minimiert und manchmal auch ganz unterbunden werden. Zudem wurde eine Ausbreitung in bekannten Anbaugebieten verhindert.

Aber im Gegenzug legte die Haschischmafia neue Marihuanakulturen in unzugänglicheren Gebieten an, intensivierte den Anbau mit Düngemitteln und neuem, leistungsfähigeren Saatgut. Nach wie vor kann man sich mit ausreichend Geld eine unbehelligte Ernte im Juli und August erkaufen. Das wird so bleiben, solange man den sozial schwachen Bauern keine ansprechenden Ersatzpflanzen zu Verfügung stellt und keine zusätzlichen Schulen, Wasser- und Elektrizitätsleitungen baut.

Da man offenbar die Produktion nicht verbannen kann, plädierte das renommierte marokkanische Wochenblatt „Tel Quel“ als Ausweg für eine Legalisierung des Kif und zeichnete ein Bild von sprudelnden Steuereinnahmen, Touristenströmen und dem Rückgang der Korruption. Nicht zu vergessen, dass auch die Marokkaner konsumieren. Ob unter Bauarbeitern, Intellektuellen oder LKW-Fahrern, Cannabis ist fester Bestandteil des marokkanischen Alltagslebens. Jedes Jahr werden, wie die Zeitung „Tel Quel“ errechnete, 1,1 Milliarden Joints geraucht. Das sind rund 60 Zigaretten pro Jahr für jeden Erwachsenen der 33-Millionen-Bevölkerung des Königreichs.