Freitag, 19. Februar 2010

Katzenjammer auf den Kanaren

Dramatische Tourismuseinbrüche auf der beliebten Inselgruppe im Atlantik

Arrecife - Von Arrecife in die Weinregion von La Geria, im Landesinnern von Lanzarote, sind es etwa 20 Minuten. Eine Fahrt durch karge Vulkanlandschaften, die von kleinen Trichtern übersät sind, in denen, windgeschützt von halbkreisförmigen Mauern, der Wein wächst. "Eine magische Gegend", sagt Peter Helms fasziniert, obwohl er schon 20 Jahre auf Lanzarote lebt. Mit "magisch" meint der 45-Jährige auch das Klima, das Ende Januar sommerliche 25 Grad beschert. An unserem Ziel, dem Chupadero, sitzen die Gäste draußen vor dem Haus. Bei einem Glas Wein mit Tapas genießen sie die letzte Abendsonne, bevor sie zwischen Vulkanen im Meer versinkt.
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"Ein kleines Paradies", meint Barbara Hendriks, die Besitzerin der Bodega, in der schon der SPD-Politiker Björn Engholm oder die verstorbene Schauspielerin Barbara Rudnik bewirtet wurden. "Aber man vergisst dabei, dass alles nicht so einfach ist, gerade jetzt in Zeiten der Krise", erzählt die geborene Dortmunderin, die mehr als zwei Jahrzehnte gebraucht hat, aus einer Bauernhausruine ihr Traumhaus mit Gastwirtschaft zu machen. Die Krise bedeutet für sie 30 und 40 Prozent Umsatzrückgang. Sie musste sparen und Personal entlassen, zum Beispiel Peter Helms. Er hatte in der Bodega als Koch gearbeitet, nachdem er - ebenfalls aufgrund der schlechten Wirtschaftslage - zuerst seine Disco und danach ein Pub in der Hauptstadt Arrecife hatte aufgeben müssen. "Wenn die Touristenzahlen drastisch zurückgehen", sagt der ehemalige Gastwirt, der nun mit einem Kleinflugzeug von Lanzarote Luftbilder macht, "dann wird es irgendwann für alle kritisch".

2009 kamen 600 000 Touristen weniger als im Vorjahr auf die Kanarischen Inseln. Ein Rückgang von rund 15 Prozent. Für eine Ökonomie, die zu 80 Prozent vom Tourismus lebt, ist das ein herber Schlag. Allein in den ersten neun Monaten 2009 mussten 5000 kleine und mittlere Unternehmen schließen.

Die Krise ist auf Lanzarote und den anderen sechs Inseln des Archipels allgegenwärtig. Geschäfte werben mit "Preisen gegen die Krise". Beim Bäcker gibt's für Arbeitslose und Rentner zehn Prozent Nachlass aufs Brot, im Restaurant fürs Tagesmenü, und sogar Tierhandlungen reduzieren bei Katzenstreu oder einem neuen Hamster. Die Arbeitslosenquote beträgt 26 Prozent und liegt damit knapp zehn Prozent höher als auf der Iberischen Halbin-sel. Gerade unqualifizierte und schlecht bezahlte Arbeitskräfte, die vorwiegend im Tourismussektor eine Anstellung fanden, wurden entlassen. Der Anlauf bei sozialen Organisationen, die auf den Inseln kostenlos Lebensmittel und Kleidung ausgeben, nimmt ständig zu.

"Früher waren das goldene Zeiten", schwärmt Eduardo Fiestas, der Direktor des Hotels "Costa Sal" in Matagorda, keine zehn Autominuten von Arrecife entfernt, "als Touristikunternehmen wie TUI oder Thomas Cook pro Saison Zimmerkontingente bestellten und auch bezahlten, selbst wenn sie nicht genutzt wurden." Heute werde genau abgerechnet und zudem viel weniger pro Zimmer bezahlt. "Das Geschäft ist insgesamt um 40 Prozent zurückgegangen", erklärt der Direktor etwas resigniert. Auch das Konsumverhalten der Gäste habe sich geändert. "Wer früher am Abend drei oder vier Biere trank, gibt sich heute mit einem oder höchstens zwei zufrieden. Man muss sparen, am Personal und am Service." Anstatt täglich die Bungalows zu reinigen, Handtücher und Bettwäsche zu wechseln, mache man das zuerst alle drei Tage und am Ende nur mehr alle sechs.

Im "Costa Sal" sei besonders der Markt aus den skandinavischen Ländern und Großbritannien eingebrochen, aber auch aus Deutschland könne man einen Rückgang verzeichnen. "Kämen im Sommer nicht mehr wie üblich die Spanier der Iberischen Halbinsel in Ferien, sähe es wirklich düster aus", erklärt der Hotelchef

Eine mehrfach ausgezeichnete Kampagne mit einem Eisbären und einem Mädchen am Strand läuft seit November im deutschen Fernsehen und ist auch in Tageszeitungen zu sehen. Sie ist Teil einer groß angelegten Werbeoffensive, um die zahlungskräftigen Deutschen zurückzugewinnen - wenigstens sie.

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