Montag, 30. September 2013

Ein syrisches Wunschkonzert im Radio

Das Radio-Machen lernte Siruan Hossein in Nordrhein-Westfalen. Jetzt senden er und sein Team mitten aus dem syrischen Bürgerkrieg, aus einer Stadt im Kurdengebiet. Jeder Beitrag ist unzensiert. Von
„Bei uns kann jeder sagen, was er will“, sagt Siruan H. Hossein (M., mit seiner Redaktion). Nicht jedem in seiner Heimat gefällt das
Foto: Victor Lacroix "Bei uns kann jeder sagen, was er will", sagt Siruan H. Hossein (M., mit seiner Redaktion). Nicht jedem in seiner Heimat gefällt das 
 
"Und nun, meine Zuhörer, wünscht sich Sultana das Lied ,Haho'", sagt die Moderatorin ins Mikrofon, "und wer es nicht mehr wissen sollte", ergänzt sie, "der Song ist von Abdel Hosni." Der Tontechniker spielt die Musik des kurdischen Sängers ein. Die Moderatorin Beriwan Ide wippt im Takt. Es ist das tägliche Wunschkonzert auf Arta.FM, einem neuen syrischen Radiosender. Anschließend geht es um Frauenrechte, Psychologie und Eminem, den Hip-Hopper aus dem US-Bundesstaat Missouri. Jeder Beitrag geht unzensiert über den Äther. Für Syrien ist das eine Revolution.
Wo Diktator Baschar al-Assad noch herrscht, wäre das nicht möglich. Die Geheimpolizei würde die Radiomacher sofort verhaften. Aber selbst in von den Rebellen kontrollierten Gebieten wäre so etwas wie Arta.FM kaum denkbar. Der Sender tritt für die Gleichberechtigung aller ethnischen wie religiösen Minderheiten in einem säkularen Staat ein. Das sind Prinzipien, die radikale Islamisten der Nusra-Front oder des Islamischen Staats im Irak und der Levante (Isil) nie dulden. Aber auch für die als moderat geltende Freie Syrische Armee (FSA) wäre das unabhängige Radio ein Affront.

Kurden sind bekannt für Toleranz

Arta.FM sendet seit dem 6. Juli aus Amuda, einer Kleinstadt mit 50.000 Einwohnern. Der Ort liegt im Kurdengebiet im Nordosten des Landes. Die Kurden, die etwa zehn Prozent der syrischen Gesellschaft ausmachen, sind bekannt für Toleranz und ihren offenen Lebensstil. "Selbst im heiligen Fastenmonat Ramadan trinken viele Alkohol", sagt Siruan H. Hossein, der Gründer und Manager von Arta.FM. "Wenn man ein unabhängiges Radio will, dann geht das nur im Kurdengebiet und nur in Amuda", hält Hossein fest, der ab seinem 13. Lebensjahr in Deutschland aufgewachsen ist. "Amuda war schon immer ein liberaler Ort, wo sich Künstler und Intellektuelle getroffen haben."
Hosseins Vater musste 1990 aus politischen Gründen Syrien verlassen. Damals herrschte noch Hafis al-Assad, und er war nicht weniger brutal als sein Sohn. "Bei meiner Ausreise am Flughafen von Damaskus riet mir ein Polizist, mich noch einmal genau umzusehen", erinnert sich Hossein. "Nach dem Motto: Genieß den letzten Blick, denn du wirst deine Heimat nie mehr wiedersehen." Es dauerte 23 Jahre, bis Hossein im Bürgerkrieg in seine Heimat zurückkehrte und sich seinen lang gehegten Wunschtraum erfüllte: einen eigenen Radiosender.

"Irgendjemand muss ja damit anfangen."

"Unser Projekt soll ein Beispiel für die Zukunft sein", erklärt der Deutsch-Syrer, "dafür, wie alle konstruktiv zusammenleben können und man sich nicht die Köpfe einschlagen muss." Seit Beginn des Bürgerkriegs 2011 sind in Syrien weit mehr 100.000 Menschen ums Leben gekommen. Der Konflikt wird von allen Parteien mit zunehmender Brutalität ausgetragen. Religiöse sowie ethnische Zugehörigkeit spielen mehr und mehr eine Rolle. Dem will Arta.FM entgegenwirken. "Obwohl es fast unmöglich erscheint, versuchen wir es trotzdem", sagt Hossein. "Irgendjemand muss ja damit anfangen."
Arta.FM sendet 13 Stunden täglich, und das dreisprachig: auf Arabisch, Kurdisch und Sirac, der modernen Form des antiken Aramäisch, die Teile der christlichen Bevölkerung sprechen. "Wir sind multikulti, und jeder kann sagen, was er will – vorausgesetzt, er hält sich an die Spielregeln von Toleranz und gegenseitigem Respekt." Der Erfolg des Radios gibt seinem Konzept recht. Etwa 500.000 Menschen können Arta.FM hören. In wenigen Wochen soll eine neue Sendeanlage installiert werden, mit der man dann ein Publikum von mehr als einer Million Menschen erreichen soll.

Journalismus, der sich nicht vereinnahmen lässt

Von dem Vorwurf, sein Radio sei ein Kurdensender, will Hossein nichts wissen. "Wir gehören zu keiner politischen Partei, keiner religiösen oder ethnischen Gruppe. Wir machen Journalismus, der sich von niemandem vereinnahmen lässt." Diese Maxime ist nicht ganz nach dem Geschmack der kurdischen Demokratischen Unionspartei (PYD). Sie beansprucht das Vertretungsrecht für alle Kurden und würde auf Arta.FM gerne Propaganda in eigener Sache hören.
Die Milizen der Partei kämpfen gegen die Islamisten von Nusra und Isil, die seit fünf Monaten versuchen, in das Kurdengebiet im Nordosten Syriens einzudringen. Die Region, die sich entlang der türkischen Grenze bis zum Irak erstreckt, hat strategische und ökonomische Bedeutung. Sie bietet Zugang zu den Nachbarländern, über die der Nachschub laufen kann. Es gibt Ölquellen und Gasvorkommen, die lukrative Geschäfte versprechen. Ganz abgesehen davon, finden die Extremisten angeblich religiöse Gründe, um gegen die Kurden vorzugehen: Wegen ihrer meist liberalen und säkularen Einstellungen verteufeln die Al-Qaida-Gruppen Kurden als Ungläubige.

Die Polizei hat nichts gegen das Radio

"Die PYD hätte gern, dass wir ihre getöteten Kämpfer als Märtyrer bezeichneten", erzählt Hossein. "Aber damit würde man werten, und das ginge gegen unsere journalistischen Prinzipien." Jetzt habe man sich auf die Formel geeinigt: "Sie haben ihr Leben verloren." Damit könne man problemlos leben, meint der Manager von Arta.FM. Anscheinend kann das auch die PYD. Der Polizeichef von Amuda versichert mehrfach: "Nein, nein, wir haben überhaupt nichts gegen das Radio. Wir lassen alle Meinungen zu." In seinem Büro hängen Poster der PYD und einige Bilder von Märtyrern. In der Weste des Parteipolizisten stecken ein Bajonett und Magazine für die Kalaschnikow.
In einem der drei Redaktionsräume von Arta.FM steht der Sendeablauf auf einer weißen Tafel an der Wand. Themenschwerpunkt des kurdischsprachigen Programms sind heute Gefängnisinsassen. Leitfrage: "Wie geht die Gesellschaft mit ihnen um?" Dazu gibt es ein Interview mit einem Anwalt und eine Straßenumfrage. Im arabischen Segment wird der Frage nachgegangen: "Wie entwickelt man eine starke Persönlichkeit?"

Das Geräusch von Bomben und Mörsern

An einem der Tische der Redaktion arbeitet Runnida Schweisch. Die studierte Psychologin erstellt Horoskope, berichtet über Gewalt in der Familie oder Depressionen nach der Geburt eines Kindes. Besonders mitgenommen ist die 26-Jährige durch ihren neuen Beitrag über mentale Probleme im Bürgerkrieg. "Es ist nicht leicht, den Geräuschen von Bomben, Mörsern und Flugzeugen zuhören zu müssen", erklärt Schweisch, der dabei Tränen über die Wangen laufen. "Bei jedem Laut denkt man daran, dass ein Menschen getötet oder schwer verwundet wurde", sagt sie schluchzend.
Vor 14 Monaten ist sie mit ihrer Familie aus Aleppo nach Amuda, in den Heimatort ihrer Großmutter geflüchtet. "Unser Viertel lag zwischen den Fronten, es wurde von Regierungstruppen und Rebellen gleichzeitig getroffen." Sie vermisse ihre Freundinnen schrecklich, gibt Schweisch zu, die in Aleppo mit geistig Behinderten gearbeitet hatte. "Die Arbeit hier beim Radio ist wunderbar, obwohl ich noch viel zu lernen habe."

"Wir haben eine wichtige Aufgabe"

Begeisterung ist auch allen anderen Radiomitarbeitern anzumerken. Mit viel Engagement arbeiten sie auch noch am Ende eines Tages an ihren Beiträgen. Seit dem Beginn des Bürgerkriegs hatten sie keine Arbeit. "Nun haben wir wieder eine Aufgabe, die spannend und wichtig ist", sagt Beriwan Ide, die das Wunschkonzert moderiert. "Viele andere sind aus Amuda in die Türkei gegangen oder anderswohin. Aber wir bleiben, und wir haben eine schöne und wichtige Aufgabe."
Die insgesamt 45 Mitarbeiter verdienen in der Regel umgerechnet 150 Euro im Monat. Für syrische Verhältnisse und mitten im Bürgerkrieg ist das kein schlechtes Einkommen. "Keiner meiner Leute hat wirklich geglaubt, dass sie ihre Gehälter wirklich pünktlich bekommen. Das ist die Ausnahme in Syrien", meint Hossein, der Manager. "Natürlich waren alle positiv überrascht, als sie ihr Geld in Händen hielten."
Finanziert wird Arta.FM mit Geldern der US-Regierung und einer schwedischen NGO, die von Syrern gegründet wurde. Die deutsche Konrad-Adenauer-Stiftung hat sich ebenfalls entschieden, das Projekt in Amuda zu fördern. "Von unseren Geldgebern werden wir nicht beeinflusst", beteuert Hossein. "Die einzige Vorgabe ist, dass wir Gewalt nicht befürworten dürfen. Aber das täten wir ohnehin nicht."

Mit "deutschen Tugenden" führt er das Radio

Der Radiomanager hat sein journalistisches Know-how beim WDR gelernt, und er sei "überaus dankbar" dafür, betont Hossein. "Mit Ordnung und Disziplin" führe er sein Radioprojekt. Für seine Mitarbeiter sei es manchmal nicht einfach, sich an die "deutschen Tugenden" zu gewöhnen, sagt er leicht amüsiert.
Hossein hat seine Frau und den zweijährigen Sohn vorübergehend in Münster zurückgelassen. Nach fast drei Monaten in Syrien werde es wieder Zeit, nach Deutschland zurückzukehren. "Aber ich könnte mir gut vorstellen, in Amuda zu leben. Es ist einfach eine wunderbare Stadt", schwärmt er. Das klingt, als wüsste er nicht, dass keine Autostunde von seiner Traumstadt entfernt schwer gekämpft wird. Bisher ist Amuda vom Krieg verschont geblieben. Aber die friedliche Idylle kann jederzeit zerbrechen.
Auf dem Märtyrer-Friedhof Ismail, der für die Toten im Kampf gegen radikale Islamisten neu eingerichtet wurde, erkennt man, wie nah der Krieg schon gekommen ist. Dort liegt ein 80-jähriger Mann, der durch eine Mörsergranate starb, als er die Moschee verließ. In sieben der insgesamt 15 Gräber liegen die Opfer einer Autobombe. Sie war am Checkpoint der PYD-Soldaten explodiert, als sie gerade Mittag aßen. Dann ist da noch der 25-jährige Alan Ferso. Er war in Gefangenschaft der Nusra-Front geraten, die ihm den Kopf abschnitt. Trotzdem: Hossein will sich ein Haus in seiner Geburtsstadt kaufen.

Samstag, 14. September 2013

Szenen der tödlichen Allianz Assads mit dem Iran


Für die Rebellen gelten sie als Inkarnation des Bösen. "Sie kennen kein Erbarmen, sie schlachten Kinder ab und vergewaltigen Frauen", sagt der Rebellenkommandant Abu Ali in Aleppo. Gerade in der Industriemetropole im Norden des Landes, wo seit mehr als einem Jahr ein Pattsituation zwischen Opposition und Regimetruppen an den Nerven zerrt, könnte der Hass auf die iranischen Helfer des syrischen Diktators nicht größer sein.
"Diese Söldner morden das syrische Volk im Auftrag von Baschar al-Assad. Es sind widerliche Menschen", speit der Rebell aus, wenn man ihn nach den iranischen Soldaten fragt, die an der Seite der syrischen Regimetruppen kämpfen. Die Islamische Republik ist, neben Russland, der wichtigste Verbündete des Assad-Regimes.
Am Freitag trafen sich der neue iranische Präsident, Hassan Ruhani, und sein russischer Amtskollege Wladimir Putin. Die Situation in Syrien und die internationale Kontrolle über die Chemiewaffen des Regimes habe bei dem Treffen "höchste Priorität" gehabt. Doch was genau die beiden Präsidenten besprachen, weiß niemand. Vieles Ist geheim an diesem Dreierbündnis. Nicht einmal eindeutige Belege für die Anwesenheit iranischer Truppen in Syrien gab es bisher. Doch jetzt gibt es sogar filmische Einblicke in die raue Wirklichkeit der iranisch-syrischen Waffenbruderschaft.

Ein iranischer Kommandeur (zweiter v. r.) erklärt syrischen Regime-Kämpfern Militärtechniken
Foto: Brown Moses Ein iranischer Kommandeur (zweiter v. r.) erklärt syrischen Regime-Kämpfern Militärtechniken

Hier läuft der gleiche iranische Kommandeur durch einen Kugelhagel der Rebellen
Foto: pr Hier läuft der gleiche iranische Kommandeur durch einen Kugelhagel der Rebellen

Iraner in der Nähe von Aleppo

Dieser Tage tauchten erstmals Videos von iranischen Militärs bei Kämpfen in der Gegend von Aleppo auf. Das Material, das "Die Welt" in Zusammenarbeit mit den Experten des Magazins "Zenith – Zeitschrift für den Orient" auswertete, belegt, dass der Iran tatsächlich seit vielen Monaten Militärpersonal vom einfachen Soldaten bis zu Befehlshabern auf syrischem Boden stationiert hat und das der militärische Einfluss des Iran in Assads Streitkräften noch größer ist, als angenommen.
Auch legen die Aufnahmen nahe, das die neu strukturierten syrischen Milizen der Nationalen Verteidigungskräfte (NDF) im Iran ausgebildet wurden. Die NDF leisteten einen erheblichen Beitrag zu den unerwarteten, jüngsten Siegen des Regimes. Die Filmaufnahmen machen zudem deutlich, wer militärisch das Kommando – zumindest stellenweise – übernommen hat.
Hier geben Iraner syrischen Soldaten Anweisungen, planen Operationen und gehen auf Patrouille an der Front. "Aber nicht hier auf einem Punkt sitzen bleiben", ermahnt ein iranischer Offizier den Diensthabenden eines Außenpostens der syrischen Armee. "Wichtig ist, dass die Männer sich verteilen."

Rebellen fanden Dokumentarfilm-Material

Die Videos sind nicht mit einem Handy aufgenommen, wie man es aus dem syrischen Bürgerkrieg gewohnt ist. Sie wurden beinahe professionell mit einer Kamera aufgezeichnet. Es scheint, als habe man einen Dokumentarfilm drehen wollen. "Wir haben das Material in der Nähe von Aleppo bei Iranern gefunden", erklärt Hussam Sarmini von der Rebellengruppe Liwa Daud.
"Es war eine Gruppe von 13 Mann, die an einem Checkpoint getötet wurden." Der Sprecher der Liwa versichert, man habe noch viel mehr Videomaterial gefunden, als das bisher veröffentlichte: "Wir haben noch Fotos und Dokumente, die wir erst ins Arabische übersetzen müssen und dann Schritt für Schritt veröffentlichen werden."
Der Rebell Sarmini hatte einen Teil des Materials an den Sender al-Jazeera aus dem Emirat Katar weitergegeben. Weil der Emir von Katar sunnitisch-radikale Rebellengruppen unterstützt und als besonderer Gegner des Irans gilt, wurde der TV-Bericht zunächst mit Skepsis aufgenommen. "Für mich steht die Echtheit der Aufnahmen außer Zweifel", meint jedoch Roozbeh Kaboly vom Holländischen Nationalen Fernsehen.
Der Journalist, der Persisch und Arabisch spricht, ist ein profilierter Fachmann und hat zusätzliches Bildmaterial erhalten, das al-Jazeera nicht zur Verfügung stand. "Dokumentarfilme dieser Art werden oft vom Iran gedreht. Sie bleiben aber unter Verschluss und sind nur für den internen Gebrauch in der Führungsriege."

Kriegsalltag auf Militärbasis

Die Videos geben einen Eindruck vom Kriegsalltag auf einer syrischen Militärbasis unter dem Kommando von iranischen Offizieren. Im Gebäude der Basis ermahnen Aushänge auf Arabisch die syrischen Soldaten, mit den Fahrzeugen nicht zu schnell zu fahren. Das sei nötig, wegen des Fehlverhaltens eines Kameraden – und es wird hervorgehoben, dass der Betreffende Syrer war.
Wer ab jetzt das Tempolimit überschreitet und einen Unfall verursacht, dem droht "Arrest bis auf weitere Befehle", "Der Sold wird für drei Monate einbehalten" und er muss "Schadenersatz für das beschädigte Auto leisten". Für die iranischen Soldaten hängen Sicherheitshinweise auf Persisch aus. "Verboten sind Videoaufnahmen und Fotos mit Mobiltelefonen". Sie dürfen keine Lebensmittel und Getränke von Unbekannten annehmen und keine Kommunikation zu Fremden unterhalten.
Eine Schlüsselrolle im gesamten Material kommt einem Interview mit dem Kommandeur Ismail Ali Haydari zu. Es klingt wie ein Gespräch unter Freunden. Unumwunden gibt Haydari zu, dass er seit mehr als einem Jahr in Syrien sei. "Seit acht Monaten kämpfe ich in verschiedenen Landesteilen und nun bin ich eben hier in Aleppo."
In weiteren unveröffentlichten Filmaufnahmen, die der "Welt" vorliegen, ist Haydari zu sehen, wie er syrische Soldaten an der Front für Operationen einteilt. "Wir haben viele Leute, die aus verschiedenen Gegenden kommen und am liebsten zu Hause kämpfen würden. Um sie ruhig zu stellen, muss man sie beschäftigen und am besten jede Nacht auf Mission schicken", erklärt der iranische Offizier.

Iranische Militärs geben sich freundlich

Die Kamera begleitet Haydari auf einer Tour durch Aleppo. Er scheint bekannt und beliebt zu sein. Er kennt fast alle syrischen Offiziere, winkt ihnen freundlich zu oder hält auf einen kurzen Plausch an. "Ich kenne viele aus dem Iran", sagt der iranische Kommandeur.
"Sie wurden in Teheran ausgebildet, wie viele andere der nationalen Verteidigungskräfte eben auch." Die oppositionellen Volksmuhadscheddin im Iran hatten im Juni in einem detaillierten Bericht behauptet, dass der Iran Milizen für den Einsatz in Syrien trainiere. Nun scheint das bestätigt zu sein.
Haydari kritisiert den autoritären Stil der Syrischen Armee. Er vergleicht sie mit dem Militär unter Schah Mohammad Reza Pahlevi, dessen brutale Herrschaft durch die islamische Revolution 1979 beendet wurde.
Haydari und seine Kollegen verteilen dagegen Schokolade. "Die Bevölkerung hat Angst vor den eigenen Truppen. Wir sind anders und behandeln unsere eigenen Leute auch anders. Wir wollen das vermitteln." Seine eigene Familie verstehe nicht, warum er in Syrien kämpfe, so Haydari. "Ich habe schon im Irak gekämpft und das war wichtig. Aber Syrien ist noch viel wichtiger", sagt er.

Kommandeur im Iran begraben

Der iranische Kommandant lebt mittlerweile nicht mehr. Er ist auf syrischem Boden gefallen. Im Iran gab es ein aufwendiges Militärbegräbnis für den "mutigen Kommandanten", der im Kampf gegen die islamistische Dschabhat al-Nusra gestorben sei.
Freunde und Bekannte schrieben Gedichte über den "Märtyrer" und veröffentlichten sie zu seinen Ehren im Internet. Ums Leben kam auch der Kameramann der Filmaufnahmen.
Seine letzten Bilder macht er auf einem Feld in der Sommerhitze Syriens. Schüsse rattern. Am Ton der Kugeln hört man, wie nah sie vorbei sausen. Zwei Uniformierte mit Kalaschnikow suchen Deckung. Das Bild bleibt zwischen abgeschnittenen Strohalmen hängen. Dann wird es plötzlich schwarz.
Bei den Recherchen kooperierte "Die Welt" mit "Zenith – Zeitschrift für den Orient" (www.zenithonline.de)

Donnerstag, 12. September 2013

"Ein koordinierter Angriff aus mehreren Richtungen"

Eliot Higgins gilt als der bestinformierte Waffenexperte des syrischen Bürgerkriegs. Der Blogger bildet aus vielen kleinen Beweisstücken ein großes Bild – so auch bei der Giftgas-Attacke in Damaskus. Von
Eliot Higgins wertet öffentlich zugängliche Quellen über den Syrien-Krieg aus
Eliot Higgins wertet öffentlich zugängliche Quellen über den Syrien-Krieg aus
 
Der Brown-Moses-Blog ist zur wichtigen Informationsquelle über den syrischen Bürgerkrieg geworden. Sein Betreiber, Eliot Higgins, wertet alle öffentlich zugänglichen Quellen aus und prüft sie auf Plausibilität.
Die Welt: Im März 2012 begannen Sie den Brown Moses Blog als Hobby. Heute gelten Sie als der bestinformierte Waffenexperte des syrischen Bürgerkriegs. Sie haben den Einsatz von Streubomben durch das Regime aufgedeckt sowie geheime Waffenlieferungen an die Rebellen, bei denen Saudi-Arabien und die CIA beteiligt waren. Wie machen Sie das?
Eliot Higgins: Ich benutze öffentlich zugängliche Quellen wie YouTube, Facebook und Twitter, um herauszufinden, was vor Ort passiert. Im Gegensatz zu Geheimdiensten veröffentliche ich alles, was ich herausgefunden habe, und das so transparent wie möglich.
Die Welt: Medien wie Menschenrechtsorganisationen bezeichnen Sie als Pionier. Warum werten nicht mehr Leute Informationen aus dem Internet aus?
Higgins: Ich glaube, Geheimdienste und private Sicherheitsfirmen arbeiten ebenfalls daran. Aber im Falle von Syrien scheint es weit mehr Interesse von NGOs und Journalisten zu geben als gewöhnlich. Es findet gerade ein Lernprozess statt, wie man Informationen erhält und wie man mit ihnen umgeht.
Die Welt: Im Internet gibt es Tausende von Videos zu Syrien. Wie kann man da einen klaren Kopf behalten?
Higgins: Es werden jeden Tag über 100 Videos hochgeladen. Ich habe rund 600 YouTube-Kanäle von Aktivisten, Medienzentren und bewaffneten Gruppen abonniert. Ich habe ein gutes Auge, was für meine aktuelle Untersuchung interessant ist. Ich sehe sie mir an, wenn sie hochgeladen werden, habe genug Zeit, sie in aller Ruhe nach Brauchbarem zu sichten.
Die Welt: Heutzutage kann man jede Art von Bildmaterial manipulieren. Wie stellen Sie fest, was authentisch und was möglicherweise eine Fälschung ist?
Higgins: Um die Authentizität zu überprüfen, kann man einiges tun. Zum Beispiel benutzt man Satellitenaufnahmen, um den exakten Standort zu finden, an dem das Video gedreht wurde. Oder man überprüft vorherige Veröffentlichungen der Gruppe auf sozialen Netzwerken, um festzustellen, ob es wirklich die Gleichen sind, die das neue Video hochgeladen haben.
Der größte Teil meiner Arbeit besteht darin, viele kleine Beweisstücke zu sammeln und daraus ein großes Bild zu machen. Es geht nicht nur um ein Video, sondern um viele verschiedene Informationen, die am Ende einen Schluss zulassen.
Die Welt: Im libyschen Bürgerkrieg waren die technologischen Voraussetzungen bereits vorhanden. Aber dort wurden lange nicht so viele Videos ins Internet gestellt wie in Syrien. Was ist der Grund für diese Masse von Videos?
Higgins: In Syrien wurde das Internet nicht abgestellt, wie das in Libyen geschehen ist. Syrer können online gehen und soziale Netzwerke benutzen. In vielen Gegenden haben lokale Gruppen Telefone und Internet über Satellitenanschluss. Videos werden aus einer ganzen Reihe von Motiven produziert. Ein Teil ist Propaganda, einige sind Werbung, andere Leute wollen nur ihr Leben dokumentieren. Aber alle liefern einen nützlichen Einblick in die Situation im Land.
Die Welt: Die Videos sind oft nur ein, zwei Minuten lang. Ihr Einfluss auf die öffentliche Meinung kann jedoch immens sein, wenn man an die Bilder vom Rebellen als Kannibalen denkt. Ist das eine neue Kriegsvideokultur, die wichtiger wie der Konflikt und die Menschen selbst wird?
Higgins: Die meisten Videos sind generell nicht anders als diejenigen, die die Mainstream-Medien aufgreifen und die dann epidemisch werden. Definiert ein Video den ganzen Konflikt? Natürlich nicht! Nur, wenn es 100.000 Mal auf YouTube gesehen und von Fernsehsendern gezeigt wird, dann entsteht der Eindruck, als würde es den Konflikt widerspiegeln.
Es scheint so, als würden viele Medien nur die sozialen Netzwerke nach den populärsten Videos abklappern. Im Kriegsfall sind das die unglaublich schrecklichen Bilder.
Die Welt: Wie gehen Sie mit diesen Bildern um? Sie sehen jeden Tag Gräueltaten.
Higgins: Man muss sich auf die Arbeit konzentrieren und die Emotionen beiseitelassen. Wenn ich mich gehen lassen würde, wäre ich nur ein Blogger mehr, der etwas veröffentlicht, um für die eine oder andere Seite Partei zu ergreifen. Mir geht es aber nicht um Meinung, sondern um Fakten.
Die Welt: Nach dem mutmaßlichen Chemieangriff in Damaskus wurden Hunderte von schockierenden Videos ins Netz gestellt. Hätte es ohne diese Bilder womöglich keine Diskussion über eine Militärintervention gegeben?
Higgins: Die Videos machen alles realer. Aufgereihte tote Kinder in einem Video sind schwieriger zu ignorieren, als wenn man von ihnen in der Zeitung liest. Ich glaube, ohne die Videos wäre es noch schwieriger, als es jetzt schon ist, die Unterstützung für einen militärischen Eingriff zu bekommen.
Die Welt: US-Außenminister John Kerry sagt, er habe Beweise, dass der chemische Kampfstoff Sarin eingesetzt wurde. Sie haben den Fall untersucht und mit einer Reihe von Spezialisten besprochen. Was sagen Sie dazu?
Higgins: Ich würde gerne die Resultate sehen, wissen, wie man zu den Ergebnissen kam und ob alle Regeln eingehalten wurden. Sie könnten Ergebnisse von etwas haben, das falsche positive Resultate produziert. Wir haben keine Ahnung, wer die Proben manipuliert haben könnte. Möchte man darüber diskutieren, braucht man mehr Infos. Aber es gab ja ein UN-Team in Syrien. Ihre Tests könnten nähere Aufschlüsse geben.
Die Welt: Die UN-Inspektoren haben Fotos von Granaten in Damaskus gemacht. Könnte diese Art von Munition chemische Kampfstoffe enthalten haben?
Higgins: Indizien deuten darauf hin, dass zwei Versionen dieser Munition benutzt wurden. Eine davon ist hochexplosiv, die andere ist dazu gebaut, eine Ladung von Flüssigkeit oder Gas zu tragen. Letztere Version war bereits mit früheren Chemieangriffen in Verbindung gebracht worden.
Sollten die Tests der UN bestätigen, dass Chemiewaffen eingesetzt wurden, dann ist es die genannte Munition, die höchstwahrscheinlich den Kampfstoff beinhaltete. Und diese Munition scheint ausschließlich von den Regierungstruppen benutzt zu werden.
Die Welt: Der Iran behauptet, die Munition, mit denen der Chemienangriff ausgeführt wurde, sei nicht professionell produziert und könnte deshalb nicht aus Armeebeständen stammen. Kann das stimmen?
Higgins: Ich habe eine lange Liste dieser Munition dokumentiert, wie sie von den syrischen Regierungstruppen im Laufe des Konflikts immer wieder benutzt wurde. Es gibt keinerlei Hinweise, dass sie von der Opposition benutzt worden wäre. Ich würde gerne die Beweise der Iraner sehen.
Die Welt: Russland behauptet, die Rebellen hätten chemische Waffen benutzt und ihre eigenen Leute getötet. Es gibt Videos im Netz, in denen ein Hase vergast wird oder Rebellengruppen mit Chemieattacken drohen.
Higgins: Das Hasenvideo wurde auf einem Kanal gepostet, der von keiner Gruppe benutzt wird. Jeder könnte es hochgeladen haben. Ich glaube, man kann das nicht ernst nehmen.
Ich habe es schon vorher gesagt, die syrische Armee hat eine lange Geschichte im Gebrauch dieser Munition. Und das war ein koordinierter Angriff. Es wurden nicht nur einige wenige Granaten willkürlich zu Propagandazwecken verschossen.
Die Welt: Die Rebellen haben von der syrischen Armee alle nur erdenklichen Waffen und Munition erbeutet. Könnten diese besagte Munition nicht darunter gewesen sein?
Higgins: Der Angriff kam aus mehreren Richtungen. Das ist militärisch nicht einfach zu machen. Wenn man die existierenden Fakten nimmt und Verschwörungstheorien beiseitelässt – es gibt wirklich nichts, das in Richtung Rebellen als Täter deutet.
Die Welt: Aus Ihrem Hobby ist längst ein Fulltimejob geworden. Wie finanziert man das?
Higgins: Am Anfang war ich arbeitslos und habe mit Indiegogo im Internet Spenden gesammelt. Das Geld reicht bis zum Jahresende. Ich hoffe, aus meiner jetzigen Arbeit entwickelt sich etwas Neues. Es gibt schon einige Projekte.
Die Welt: Was sagte eigentlich Ihre Frau dazu, dass ihr Mann ständig Kriegsvideos mit seltsamen bärtigen Figuren ansieht?
Higgins: Sie fragt hauptsächlich, wann ich denn endlich anfange, mir einen richtigen Job zu suchen.

Dienstag, 3. September 2013

Hisbollah trommelt Kämpfer gegen Israel zusammen

An den Checkpoints der libanesischen Hisbollah-Miliz stehen plötzlich nur noch Teenager. Alle älteren Kämpfer habe ihren Posten verlassen, um für Baschar al-Assad zu kämpfen – und gegen Israel. Von

Ein Hisbollah-Kämpfer im Süden Libanons: Die Organisation gilt als gut bewaffnet
Foto: AP Ein Hisbollah-Kämpfer im Süden Libanons: Die Organisation gilt als gut bewaffnet

Die großen, breitschultrigen Männer sind von den Checkpoints verschwunden. Bewaffnete Teenager haben nun die Aufgabe übernommen, Fahrzeuge und Passagiere an den Zufahrtsstraßen zur Dahieh zu kontrollieren. Sie sollen weitere Anschläge verhindern. Zwei Autobomben hatten in den letzten drei Monaten in den schiitischen Wohngebieten im Süden Beiruts über 20 Menschen getötet und Hunderte verwundet.
Dahieh gilt als Hochburg der Hisbollah, die wegen ihrer militärischen Unterstützung der Regimetruppen Präsident Bashar al-Assads im Fadenkreuz der syrischen Opposition steht. Die europäische Union setzte im Juli den militärischen Arm der Partei Gottes, die vom Iran finanziell und militärisch unterstützt wird, auf ihre Liste von Terrororganisationen.
In anderen schiitischen Städten und Dörfern des Libanons wurden ähnliche Beobachtungen gemacht. In den letzten fünf Tagen sollen auch dort Hisbollah-Kämpfer ihre üblichen Posten verlassen haben. Bewohner in Tyrus, der Hafenstadt am Mittelmeer im Süden des Landes, sprachen von einer Generalmobilmachung der Miliz. In Baalbek, einer Stadt im nördlichen Bekaa-Tal, wurde behauptet, selbst Kanoniere seinen verschwunden. "Sie mussten ihre Handys ausschalten, um sie nicht aufspüren zu können."

Unterirdische Hisbollah-Tunnelsysteme

Im Süd- und Nordlibanon werden unterirdische Tunnelsysteme der Hisbollah vermutet – mit Bunkern, Waffenlagern und mobilen Raketenabschussbasen. Insgesamt soll Hisbollah zwischen 40.000 und 50.000 Raketen besitzen. Die meisten davon sind Kurzstreckenraketen mit einer Reichweite von bis zu 75 Kilometern. Nur ein Teil des Arsenals hat eine längere Reichweite (100 bis 400 km).
Israel und die USA glauben, Hisbollah habe sogar einige Scud-Raketen. Vermutet wird auch ein modernes Luftabwehrsystem, mit dem Kampfflugzeuge abgeschossen werden können.
Hisbollah hat gedroht, sollte ein US-Militäreinsatz in Syrien das Ziel eines Regimewechsels haben, würden Vergeltungsschläge gegen Israel ausgeführt. Obwohl Israel mit Iron Dome ein neues effizientes Raketenabwehrsystem hat, wäre ein Hisbollah-Angriff ein Desaster. Ihre Raketen können jede israelische Stadt beschießen.

Hat Assad "die Nerven verloren" – und warum?

Die libanesische Tageszeitung "al-Akhbar", die gute Beziehungen zur Partei Gottes und zum syrischen Regime besitzt, meldete: "Der islamische Widerstand hat alle seine Offiziere und Soldaten aufgefordert, ihre Positionen für den Ernstfall einzunehmen."
Als Verbündeter von Assad, der mit der syrischen Armee in Homs, Aleppo und Damaskus kämpft, ist Hisbollah ein legitimes Ziel der USA. Zumal die Partei Gottes vom Chemieangriff der Regierungstruppen informiert war. Das geht aus dem Bericht des Präsidenten des deutschen Bundesnachrichtendienstes (BND) hervor.
Gerhard Schindler behauptete, man habe ein Telefonat zwischen einem hochrangigen Hisbollah-Funktionär und einem Mitglied der iranischen Botschaft in Beirut abgehört. Darin habe der Mann der libanesischen Miliz den Giftgaseinsatz des Regimes eingeräumt. Assad seien die Nerven durchgegangen und habe mit dem Einsatzbefehl einen großen Fehler begangen.
Das abgehörte Gespräch könnte ein weiteres, wichtiges Indiz in der Beweiskette gegen den syrischen Präsidenten und seinen Militärapparat werden. Obwohl nicht klar ist, warum Assad die "Nerven verloren haben" soll. Seine Truppen befanden sich in Damaskus gegen die Rebellen auf dem Vormarsch und hatten Erfolge wie nie zuvor.

Vernichtender Gegenschlag zu erwarten

Vom Libanon aus will Hisbollah keine Vergeltungsangriffe starten. Man würde dort nicht seine taktischen und strategischen Raketenrampen benutzen, versicherte ein Hisbollah-Offizier der kuwaitischen Tageszeitung al-Rai: "Wir kontrollieren viele Kilometer im Umkreis von Homs und zögern nicht an einem Angriff teilzunehmen, in dem wir Boden-zu-Boden-Raketen abschießen."
Für diese Möglichkeit sprechen Berichte, die syrische Armee habe gemeinsam mit Hisbollah eine neue Kommandozentrale für einen Raketeneinsatz eingerichtet. Diese Zentrale soll direkt mit alleine Einheiten von syrischen Raketenbasen verbunden sein.
In Israel weiß man um die eigene militärische Stärke. Aber israelische Zeitungen haben mit Recht besorgt auf die umfangreiche Zahl von Scud-D-Raketen sowie von Geschossen russischer und chinesischer Bauart mit mehreren hundert Kilometern Reichweite verwiesen. Sie können jederzeit landesweit in Israel einschlagen.
Mit Sicherheit wird ein Angriff aus Syrien auf den jüdischen Staat mit einem vernichtenden Gegenschlag beantwortet. Für Hisbollah stellt sich die Frage, ob die israelische Luftwaffe ihre Vergeltung auch auf den Libanon ausweitet und ob möglicherweise eine neue Bodeninvasion bevorsteht. Die libanesische Miliz ist abgetaucht und scheint die letzten Vorbereitungen, wie üblich für alle erdenklichen Szenarios, zu treffen.

Montag, 2. September 2013

"Wir hören große Worte, und dann passiert nichts"

In der syrischen Hauptstadt atmen viele Menschen nach der Verschiebung des Militärschlags auf. Doch auch die Armee des Regimes nutzt die Zeit. Die Enttäuschung der Opposition ist groß. Von
Ein Kämpfer der Freien Syrischen Armee verfolgt mit seiner Familie in Ghuta die Syrien-Erklärung von US-Präsident Barack Obama
Foto: REUTERS Ein Kämpfer der Freien Syrischen Armee verfolgt mit seiner Familie in Ghuta die Syrien-Erklärung von US-Präsident Barack Obama 
"Prima, wir haben eine Schonfrist bekommen", sagt Mohammed, der ein Hotel in der Nähe der Altstadt von Damaskus besitzt. "Ich dachte, die USA werden sofort losschlagen, nachdem die UN-Inspektoren am Samstag in den Libanon ausreisten." Der Hotelier ist erleichtert. "Eine Woche scheint nicht viel Zeit zu sein, aber bis zum 9. September kann viel passieren."
An diesem Tag will der US-Kongress über einen Militäreinsatz gegen Syrien entscheiden. "Wir sind in jedem Falle vorbereitet", meint Mohammed. Er habe wie alle Bewohner der syrischen Hauptstadt Wasser, Brot und ganz wichtig auch Lebensmittel in Dosen gehortet. Da die Elektrizität ständig ausfällt, verderbe das Essen im Kühlschrank. "Wenn die USA angreifen, wird sich die Situation mit Sicherheit verschlechtern."

"Wir haben uns daran gewöhnt"

Der Militäreinsatz ist jedoch erst einmal vertagt. Die syrischen Rebellen sind enttäuscht, obwohl ihre Erwartungshaltungen gegenüber den USA und dem Westen generell minimal sind. "Wir sind daran gewöhnt", sagt Bataillonsführer Mahmoud während seines Kriegsurlaubs in der türkischen
Syrien-Entscheidung. Wie oft seien den Rebellen große Waffenlieferungen versprochen worden, erinnert der Kommandeur, der normalerweise in Aleppo sowie den Bergen von Dschebel al-Zawia kämpft. "Am Ende waren es einige wenige Gewehre und Munition. Immer gerade so viel, um weiterzukämpfen, aber nie genug, um zu gewinnen."
Auf den Punkt bringt es Muhammad Scheich, der in Rastan einen Rebellentrupp anführt. "Sie spielen einfach mit uns", stellte der desertierte Leutnant der Syrischen Armee verärgert fest. In al-Ghuta, der von einem Chemieangriff mutmaßlich betroffenen Region, ist die Stimmungslage wenig anders. "Es fängt doch schon mit dieser verschrobenen Haltung an, keinen Regimewechsel zu wollen", sagt Abu Younis. Er ist der Leiter eines Feldlazaretts, in dem Hunderte von Opfern behandelt wurden. Letztendlich käme das nicht überraschend. "So ist eben Politik", erklärt der Mediziner. "Wir Menschen interessieren niemand."

Das Regime verlegt sein Militär

Der Sprecher des Militärrats der Freien Syrischen Armee (FSA) in Damaskus behauptete, die Verzögerung der ausländischen Intervention bringe dem Regime von Präsident Baschar al-Assad wichtige Vorteile. "Waffen und Soldaten werden in Schulen untergebracht", sagte Musab Abu Katada. "Komplette Geheimdienstabteilungen sind in die Wohnheime von Universitäten verlegt worden."
Die Syrische Armee scheint undercover zu gehen. Das Hauptquartier der Armeeführung am Umayyaden-Platz ist geräumt, ebenso die Kommandantur der Luftwaffe. Das Gelände der Sicherheitsdienste in Kafr Suseh ist verwaist. "Man kann eine Stecknadel fallen hören", stellte ein Bewohner des Stadtteils fest.
An der Mittelmeerküste in Latakia liegen Schiffe der Kriegsmarine neben zivilen Handelsschiffen, um eine Identifizierung aus der Luft zu vermeiden. Alle wichtigen Kommandoposten wurden in Schulen oder unterirdischen Bunkern eingerichtet. Ob all diese Vorsichtsmaßnahmen greifen, wird sich erst im Ernstfall herausstellen. Sie könnten zumindest Schäden minimieren.

Der Präsidentenpalast würde nicht ausgelassen

Bisher ist noch völlig unklar, welche Ziele die USA im Visier haben. Es könnte gut möglich sein, dass sie den Militärflughafen von Mezzeh bombardieren. Von dort wurden angeblich die Chemiewaffen am 21. August abgeschossen. Die Einrichtungen der 4. Division kommen ebenfalls infrage. Die Elitetruppen sollen den Chemieangriff lanciert haben.
Den Präsidentenpalast von Baschar al-Assad wird man mit Sicherheit nicht auslassen. Ein zumindest teilweise zerstörter Amtssitz Assads wäre ein Signal mit großer Symbolkraft. Ebenso dürften die Zentralen des militärischen wie zivilen Geheimdienstes als Ziele nicht fehlen.
Das Regime in Damaskus gibt sich weiter unbeirrt. In der staatlichen Tageszeitung "al-Thawra" wurde die Entscheidung von Barack Obama, den Kongress um eine Abstimmung zu bitten, als Triumph gefeiert. "Ob der Kongress nun grünes oder rotes Licht gibt, der US-Präsident hat damit einen historischen amerikanischen Rückzug gestartet."
In der Tat sei dies etwas Besonderes, sagt Mohammed, der Hotelbesitzer. "Die Amerikaner fackeln doch normalerweise nicht lange und schlagen zu." Aber seiner Meinung nach solle sich das Regime nicht zu früh freuen. "Das dicke Ende kann noch kommen."