Dienstag, 25. März 2014

Deutsche Firmen sollen Giftgasanlagen in Syrien mitgebaut haben

Mehr als 1000 Tote gab es bei einem chemischen Angriff im August. Dafür könnte auch die Bundesregierung verantwortlich sein, sagen Kritiker Von Alfred Hackensberger
Familien wurden in ihren Wohnungen im Schlaf überrascht. Manche starben am Giftgas, als sie Verwundete aus zerstörten Häusern ziehen wollten. Am 21. August gab es über 1000 Tote beim Sarin-Angriff auf Vororte von Damaskus in der Region al-Ghuta. Tragen deutsche Firmen Mitschuld am Tod dieser Menschen?

Sicher ist, dass deutsche Firmen nach Recherchen der Organisation für das Verbot Chemischer Waffen (OPCW) eine große Rolle beim Aufbau des syrischen Giftgas-Programms gespielt haben. Das Ausmaß geht aus einer Mitteilung der Organisation an die Bundesregierung hervor, aus der der NDR und die "Süddeutsche Zeitung" berichten. Auf der Liste würden mehr als 50 Lieferungen deutscher Firmen aufgezählt, die 1982 bis 1993 an Syrien gegangen sein sollen.
Dem Dokument zufolge wurden über ein Jahrzehnt lang Steuerungsanlagen, Pumpen, Kontrollventile, Gasdetektoren, eine Chemiewaschanlage und 2400 Tonnen einer Schwefelsäure, die zur Produktion des Giftgases Sarin genutzt werden kann, nach Syrien verkauft. Auch seien deutsche Projektskizzen für den Bau von zwei Anlagen für die Produktion von Vorstoffen für den Nervenkampfstoff Sarin aus den Jahren 1983 und 1984 gefunden worden. Neben deutschen Unternehmen waren auch Firmen zahlreicher anderer Staaten wie Russland, Frankreich und China am Aufbau des syrischen Giftgasprogramms beteiligt.
Das Auswärtige Amt übermittelte die deutsche OPCW-Liste an den Generalbundesanwalt, der nun prüfe, ob strafrechtliche Ermittlungen gegen Verantwortliche von Firmen eingeleitet werden könnten. Allerdings gilt bei Verstößen gegen das Gesetz über die Kontrolle von Kriegswaffen eine Verjährungsfrist von zehn Jahren. Zudem sind nach Auffassung der Bundesregierung viele Lieferungen zu einem Zeitpunkt erfolgt, als es für diese Güter noch keine Genehmigungspflichten oder sonstigen ausfuhrrechtlichen Kontrollen gab.
Chemische Waffen oder chemische Kampfstoffe seien "zu keinem Zeitpunkt" an Syrien geliefert worden, teilte die Bundesregierung in einer Antwort auf eine Anfrage der Linken-Bundestagsfraktion mit. Die Regierung lehnt es dem Bericht zufolge ab, die Namen der deutschen Lieferanten zu nennen. Es sei ein "Hohn", dass die Bundesregierung diese Informationen zurückhalte, erklärte dazu der Bundestagsabgeordnete Jan van Aken von der Linken. "Wer Giftgasanlagen im Ausland" mit aufbaue, dürfe sich "nicht in der Anonymität verstecken", zitierte ihn die "Süddeutsche Zeitung".
Schon im Herbst letzten Jahres hatte die Bundesregierung zugegeben, dass chemische Stoffe an Syrien geliefert wurden, die zur Herstellung von Chemiewaffen benutzt werden konnten.
Insgesamt sollen es 111 Tonnen an Chemikalien gewesen sein, die zur Produktion von Sarin verwendet werden können, also jenes Giftes, mit dem in Ghuta Hunderte umgebracht wurden. Damals drohten die USA mit Luftschlägen gegen Syrien, die der syrische Diktator Baschar al-Assad nur abwenden konnte, indem er einer Abgabe seines C-Waffenarsenals zustimmte. Die Ausfuhr von solchen "Dual Use"-Gütern – also von Waren, die sowohl zivil als auch militärisch eingesetzt werden können – wird erst seit Mitte der 90er-Jahre international geregelt und überwacht. Den deutschen Handel mit solchen Stoffen und Geräten gibt es jedoch schon wesentlich länger.
In den 80er-Jahren waren deutsche und französische Firmen entscheidend beim Bau der Giftgasanlagen im Irak und Libyen beteiligt. Die "New York Times" enthüllte 1989 die Beziehungen der deutschen Imhausen Chemie mit der Giftgasanlage im libyschen Rabita. Die US-Presse sprach damals von "Auschwitz in the sand". In den folgenden Jahren wurden von den deutschen Behörden mehr als 150 Manager angeklagt, weil sie angeblich am Waffenprogramm des irakischen Diktators Saddam Hussein beteiligt waren.
Der Gewaltherrscher hatte Tausende von Kurden mit Giftgasangriffen töten lassen. Das größte Massaker ereignete sich in Halabdscha am 16. März 1988. Damals starben zwischen 3.200 und 5.000 Menschen durch Giftgas aus Saddams Programm, an dem auch deutsche Firmen mitgewirkt hatten.
Doch etwa die Hälfte der Verfahren gegen Mitarbeiter deutscher Firmen wurde eingestellt, nur eine Hand voll wurde zu Gefängnisstrafen verurteilt. Alle anderen wurde entweder freigesprochen oder zahlten eine Geldstrafe.
Die Sowjetunion sei für den Aufbau des syrischen Waffenprogramms verantwortlich gewesen, sagte kürzlich Gary Crocker, der in den 70er- und 80er-Jahren beim US-Außenministerium an Geheimdienst- und Forschungsthemen arbeitete. Die Syrer hätten von ihren sowjetischen Partnern viel über die Giftgasproduktin gelernt. "Später kamen aber dann die Deutschen hinzu."
1989 gab auch der damalige CIA-Chef Wiliam Webster bei einer Anhörung des US-Senats bereits zu Protokoll: "Westeuropäische Firmen waren entscheidend behilflich bei der Lieferung von chemischen Ausgangsstoffen und von Ausrüstung." Als der Geheimdienstchef nach dem Grund der Lieferungen an Syrien gefragt wurde, antwortete er: "Einige der Firmen kannten nicht das Endziel ihrer Produkte, andere dagegen schon. Im letzteren Fall kann man nur Gier als Motiv unterstellen."
Wer genau weiß, wann, welche Firmen, welche Chemikalien und technischen Teile an Syrien lieferte, ist das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle. Hier werden die Genehmigungen für die sogenannte Dual-Use-Güter vergeben.

Die geheimnisvolle Fahrt der "Morning Glory"

Ein schwer beladener Öltanker wird im Mittelmeer von US Navy Seals aufgebracht und zurück nach Libyen eskortiert. Dahinter steckt ein Deal, der einem Geschäftsmann das Leben kosten könnte. Von Alfred Hackensberger


Der damals unter dem Namen "Pergiwati" fahrende Öltanker "Morning Glory" im Jahr 2007 vor Singapur
Foto: dpa Der damals unter dem Namen "Pergiwati" fahrende Öltanker "Morning Glory" im Jahr 2007 vor Singapur 

Sie kamen in einem privaten Learjet und charterten unmittelbar nach der Landung ein Schiff. Der senegalesische und die zwei israelischen Geschäftsleute verloren keine Zeit, um die "Morning Glory" zu erreichen, die vor der Küste Zyperns kreuzte. Ein Tanker, der 234.000 Barrel Erdöl in einem Wert von 21,8 Millionen Euro geladen hatte.
Was auf dem Schiff im Mittelmeer verhandelt wurde, ist nicht bekannt. Aber ein Geschäft mit dem Erdöl kam nicht zustande.
Der Tanker wurde von einem Team der US-Spezialeinheit Navy Seals gekapert und vom Kriegsschiff "USS Stout" zurück nach Libyen eskortiert, wo es am Samstag den Behörden übergeben wurde. Dort war die "Morning Glory" von Rebellen gegen den Willen der Zentralregierung mit ihrer teuren Fracht beladen worden.
Nach seinem Sturz floh der libysche Ex-Premier Ali Zeidan
Foto: REUTERS Nach seinem Sturz floh der libysche Ex-Premier Ali Zeidan
Seit Sommer 2013 kontrollieren Rebelleneinheiten unter der Führung von Ibrahim Jadhran die Exporthäfen von Es Sider und Ras Lanuf (hier im Bild)
Foto: REUTERS Seit Sommer 2013 kontrollieren Rebelleneinheiten unter der Führung von Ibrahim Jadhran die Exporthäfen von Es Sider und Ras Lanuf (hier im Bild)
Die Geschäftsmänner, von denen zwei diplomatische Pässe besaßen, wurden auf Zypern kurzzeitig von der Polizei verhaftet und konnten aber wenig später wieder ihren Learjet besteigen. Sie flogen unverrichteter Dinge nach Tel Aviv zurück.

Geld, Macht und Einfluss

Was sich wie das Drehbuch eines Hollywood-Thrillers liest, ist nichts anderes als ein Bestandteil des internationalen Business um Erdöl, eine der lukrativsten Ressourcen unserer Erde. Dabei geht es um Geld, Macht und Einfluss – die klassischen Ingredienzen, die bis zum Krieg führen können.
In Libyen ist Erdöl die einzige lukrative Einnahmequelle des Staates. Das nordafrikanische Land ist nach dem Tod von Muammar Gaddafi im Oktober 2011 noch lange nicht zur Ruhe gekommen.
Bombenanschläge, Ermordungen und bewaffnete Konfrontationen sind an der Tagesordnung. Meist sind islamistische Terrororganisationen verantwortlich, die sich in Libyen festgesetzt haben.
Hinter dem Versuch, Öl zu exportieren, steckt die föderale Unabhängigkeitsbewegung Cyrenaica. Sie will mit Gewalt einen größeren Anteil an den Einnahmen aus der Erdölförderung erzwingen.
Seit Sommer 2013 kontrollieren Rebelleneinheiten unter der Führung von Ibrahim Jadhran die Exporthäfen von Es Sider und Ras Lanuf.

Dem Staat geht das Geld aus

"Durch die Besetzung und den Stopp der Ausfuhr hat Libyen viele Milliarden Euro an Verlusten gemacht", erklärte ein Manager der nationalen Ölfirma aus der Hauptstadt Tripolis, der unerkannt bleiben will. "Die Förderung steht größtenteils still, und dem Staat geht langsam, aber sicher das Geld aus."
Jadhran war als Milizenchef im Kampf gegen Muammar Gaddafi bekannt geworden. Heute präsentiert er sich als Führungsfigur der Cyrenaica. Sie will nicht nur Autonomie, sondern am besten gleich die Abspaltung vom Rest von Libyen.
Das Gebiet Cyrenaica geht auf den gleichnamigen Verwaltungsbezirk zurück, den die Italiener während ihre Besetzung (1927-1943) im Osten des Landes entlang der Mittelmeerküste eingerichtet hatten. Sowohl die Briten (1943-1951) als auch das Königreich Libyen (1951-1963) hielten an dieser Einteilung fest.
Jadhran wirft der Zentralregierung in Tripolis Korruption und die grobe Vernachlässigung der Rechte des Ostens vor. Im November letzten Jahres ernannte er Abd-Rabbo al-Barassi zum Premierminister des "Cyrenaica-Politbüros", gründete eine eigene Zentralbank und eine Erdölgesellschaft.

Auslaufen konnte nicht verhindert werden

Bisherige Versuche, das schwarze Gold aus libyschem Boden zu exportieren, waren fehlgeschlagen. Mehrere Schiffe hatten vor Es Sider gekreuzt, waren aber von libyschen Marinebooten erfolgreich daran gehindert worden, einzulaufen.
Die "Morning Glory" war der erste große Tanker, dem es seit Juli 2013 gelang, Erdöl zu laden. Die Regierung in Tripolis erklärte das für illegal und drohte, das Schiff zu bombardieren, sollte es versuchen, mit der wertvollen Fracht auszulaufen.
Statt Flugzeugen setzte man jedoch auf die Marine. Sie konnte das Auslaufen der "Morning Glory" aber nicht verhindern. Die kleinen bewaffneten Boote mussten wegen schlechten Wetters und zu hohen Seegangs in den Hafen zurückkehren.
Alle libyschen Militärschiffe, die den Tanker hätten stoppen können, waren bei den Luftangriffen der Nato im Bürgerkrieg zerstört worden. Die "Morning Glory" entkam in internationale Gewässer.
Als Folge wurde Premierminister Ali Zeidan vom libyschen Parlament abgewählt und mit einem Reiseverbot belegt. Zeidan, der um sein Leben fürchtete, flüchtete mit einem Privatjet zuerst nach Malta und dann nach Deutschland.
Der ehemalige Premierminister hält seine Absetzung für einen Komplott der Muslimbruderschaft, die in der libyschen Politik eine zunehmend starke Rolle spielt.

Nordkorea dementiert

Die "Morning Glory" fuhr unter der Flagge Nordkoreas. Viele glaubten, das aus Libyen gestohlene Öl sei für die stalinistische Diktatur in Asien bestimmt.
Aber Nordkorea dementierte und zog die Flaggenlizenz zurück. "Wir haben den Kapitän mehrfach aufgefordert, kein Öl zu laden und auch den libyschen Hafen zu verlassen", hieß es in einer offiziellen Presseerklärung aus Pjöngjang.
Allerdings hatte der Kapitän, Mirza Noman Baig, keine große Wahl. Drei bewaffnete Rebellen der Cyrenaica-Bewegung hatten sein Schiff gekapert und bestimmten auf der Brücke, was zu tun sei.
Das Unternehmen "Morning Glory" scheint von langer Hand geplant gewesen zu sein. Bereits im November wurde der aus Pakistan stammende Kapitän für 6500 Euro im Monat angeheuert. Die in Dubai ansässige Saudi-Shipping-Firma stellte den Vertrag aus. Sie gehört zur ZAD-Gruppe, die sich als "Global Player" in Sachen Öl und Petroleum versteht und fünf Büros mit insgesamt 450 Angestellten im Nahen Osten und in Afrika unterhält.
Den Befehl, nach Libyen zu fahren, habe Kapitän Baig direkt von Saud al-Anazi erhalten, dem Chef der ZAD-Gruppe. Dieser leugnet jedoch eine Beteiligung am Versuch, das Öl der Rebellen zu verkaufen. Er gibt auch keine Informationen über den Eigentümer der "Morning Glory" preis. Die hieß vor einem Monat noch "Gulf Glory" und wurde vom Fal-Shipping-Unternehmen in den Vereinigten Emiraten verwaltet. Bis zum 27. Februar war der Tanker dort versichert.

Der illegale Export wiegt schon schwer genug

Danach wechselten der Eigentümer und der Flaggenstatus. Angeblich soll es einen Käufer aus Libyen gegeben haben, der von Nordkorea eine Lizenz für sechs Monate erhielt.
Eine nordkoreanische Flagge wird gewöhnlich benutzt, um die Eigentumsverhältnisse eines Schiffes zu verschleiern. Kapitän Baig ging im November in Eritrea an Bord der "Morning Glory", die später den Suezkanal passierte.
Auf ihrer Reise nach Libyen wurde das automatische Identifikationssystem (AIS) abgeschaltet, das normalerweise Signale aussendet und mit dem man den Seeweg des Tankers hätte verfolgen können. Die letzte bekannte Positionsmeldung gab es am 1. März. Sieben Tage später dockte das Schiff im libyschen Hafen von Es Sider an.
Am Samstag befand sich die "Morning Glory" in Begleitung des Zerstörers "USS Stout" auf dem Rückweg nach Libyen, wo sie am Nachmittag ankam. Dort werden den Kapitän und auch die anderen 20 Besatzungsmitglieder unangenehme Fragen erwarten. Die drei bewaffneten Libyer, die die "Morning Glory" kaperten und vom Team der Navy Seals überwältigt wurden, sollen den Behörden übergeben werden.

Handel mit Israel könnte Todesurteil bedeuten

Sollte sich herausstellen, dass der Eigentümer des Tankers tatsächlich aus Libyen stammt, wäre es ein Skandal im doppelten Sinne. Der illegale Export von Erdöl wiegt allein schon schwer genug.
Was aber mit Sicherheit als noch größerer Affront angesehen wird, ist der versuchte Verkauf nationaler Ressourcen an Geschäftsleute aus Israel. Im Klima des konservativen und auch radikalen Islamismus könnte das das Todesurteil für einen libyschen Eigentümer der "Morning Glory" bedeuten.
Es wäre kein Wunder. In Libyen werden Polizisten und Militärs fast täglich mit "dem Tode bestraft", weil sie staatliche Funktionen übernehmen – und die werden als Widerspruch zum islamischen Recht, der Scharia, aufgefasst.
Was droht dann erst demjenigen, der mit Israel, dem für Islamisten Hauptübel im Nahen Osten und Erzfeind des gesamten Islams, gemeinsame Sache macht?

Mittwoch, 12. März 2014

Assads Armee erkämpft sich die Macht zurück

Regimeanhänger feiern schon im Internet: Assads Soldaten nehmen immer mehr Gebiete ein. Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis Knotenpunkte wie Aleppo und Jabrud zurückerobert sind. Von Alfred Hackensberger

Nicht nur in der syrischen Stadt Jabrud, auch in Aleppo sind die Truppen von Baschar al-Assad auf dem Vormarsch. Die Bewohner begutachten hier die Schäden, die ein Angriff der syrischen Luftwaffe verursacht hat
Foto: AFP Nicht nur in der syrischen Stadt Jabrud, auch in Aleppo sind die Truppen von Baschar al-Assad auf dem Vormarsch. Die Bewohner begutachten hier die Schäden, die ein Angriff der syrischen Luftwaffe verursacht hat
 
Staubwolken steigen auf, wenn Panzer und Artilleriegeschütze feuern. Man sieht Raketen, die in Häuser einschlagen, unzählige Bombenexplosionen und immer wieder Hisbollah-Soldaten: Sie laufen durchs Gelände, robben über den Boden, aber vor allen Dingen schießen sie aus allen Lagen. Es sind Bilder aus dem neuen Musikvideo des libanesischen Sängers Ali Barakat – er macht keinen Hehl aus seiner Begeisterung für die radikal-schiitische Miliz.
"Sieg in Jabrud", nennt der 33-Jährige seine Hisbollah-Hymne. Jabrud ist eine syrische Stadt, etwa 80 Kilometer nördlich von Damaskus gelegen. Dort kämpft die Hisbollah mit der syrischen Armee gegen die Rebellen, die nun seit beinahe drei Jahren schon vergeblich versuchen, das Regime von Präsident Baschar al-Assad zu stürzen.
Jabrud ist von entscheidender strategischer Bedeutung. Es liegt im Grenzgebiet zum Libanon und an der Autobahn, die Damaskus über Homs mit Tartus und Lattakia an der Mittelmeerküste verbindet. Die Stadt ist der letzte Stützpunkt der Rebellen in der Kalamun-Region, durch die der Nachschub an Waffen und Kämpfern aus dem Libanon nach Syrien geschmuggelt wird.
Seit drei Wochen läuft die gemeinsame Offensive von Armee und Hisbollah. Von den ursprünglich 30.000 Einwohnern Jabruds ist der überwiegende Teil geflüchtet. "Die Stadt ist Kriegsgebiet, und es gibt keinen Grund für Waffenstillstandsverhandlungen oder einen taktischen Rückzug", sagte ein Kommandant der Al-Qaida-Gruppe Dschabhat al-Nusra. Sie will Jabrud mit den anderen vorwiegend islamistischen Brigaden unbedingt halten.


Der aktuelle Frontverlauf in Syrien
Foto: Infografik Die Welt Der aktuelle Frontverlauf in Syrien

Nur eine Frage der Zeit

Wie lange die Rebellen der Offensive noch standhalten können, weiß niemand. Aber die Eroberung von Jabrud durch Regierungstruppen und Hisbollah ist nur eine Frage der Zeit. Umliegende Städte und Dörfer wie al-Nabk, al-Sahel oder die Rima-Farmen sind bereits in den Händen des Regimes.
Jabrud wird von den angrenzenden Hügeln beschossen, MiG-Kampfjets fliegen täglich Angriffe, und Hubschrauber werfen die gefürchteten Fassbomben ab. "Teile der Stadt dürften untertunnelt sein", meint Eliot Higgins, ein britischer Waffenexperte und Beobachter des syrischen Bürgerkriegs. "Ob das aber etwas bringt, ist eine andere Frage." Hisbollah und Armee benutzen sogenannte Volcanos. Das sind in Eigenproduktion hergestellte Raketen. "Sie sollen die gleiche verheerende Sprengkraft wie Scud-Raketen haben", erläutert Higgins.
Die Rebellen haben Jabrud noch lange nicht aufgegeben. Sie rüsten sich für den Endkampf um die für sie so bedeutungsvolle Stadt. Neue Videos im Internet zeigen Mitglieder der Märtyrer-Mheen-Brigade in den Kalamun-Bergen, wie sie insgesamt 13 neue chinesische Panzerabwehrraketen aus Transportkisten auspacken. Es sind lenkbare Raketen vom Typ HJ-8E, die als akkurat gelten und Ziele in einer Entfernung zwischen 100 und 4000 Metern treffen können.
Ein geübter Operateur kann in einer Minute zwei bis drei dieser Raketen abfeuern. Es ist ein ideales Abwehrmittel für eine Bodenoffensive, die mit Panzern durchgeführt wird.

Neue Waffenlieferungen für Rebellen

Diese chinesischen Raketen könnten das erste Indiz für neue Waffenlieferungen an die syrischen Rebellen sein. Im Januar hatte Ahmad al-Dscharba, der Führer der syrischen Opposition, militärische Hilfe angekündigt und versprochen, dass darunter auch "kriegsentscheidende Waffen" seien. Es hieß, diese neuen Waffen würden bereits in Jordanien lagern.
Das haschemitische Königreich war schon einmal Zwischenlager für eine große Lieferung. Anfang 2013 sollen 3000 Tonnen an Waffen aus Kroatien über Jordanien nach Syrien gelangt sein. Saudi-Arabien hatte damals die Lieferung nach dem Plazet der USA und mit britischer Hilfe gekauft und organisiert. Nur moderate Rebellengruppen sollten damals mit diesen Waffen unterstützt werden. Aber nach wenigen Wochen kämpften radikale Islamisten damit, darunter sogar die auf die Terrorliste Washingtons gesetzte Gruppe Dschabhat al-Nusra.
Saudi-Arabien soll die neuen Waffen nicht mehr in Kroatien, sondern in Pakistan oder auch im Sudan eingekauft haben. Wie die Nachrichtenagentur AFP meldete, seien darunter auch sogenannte Manpads, die in Pakistan produziert werden. Das sind Luftabwehrraketen, die Hubschrauber und Kampfflugzeuge vom Himmel holen können, aber auch Passagierflugzeuge.
Mit diesen Manpads würde man sich auf ein gefährliches Spiel einlassen. Sie sind eine ideale Waffe für Terroristen. Und die Annahme, sie würden in den Händen der ausgewählten moderaten Gruppen bleiben, hat sich schon einmal als falsch erwiesen.

Waffen geraten in falsche Hände

Erst vor wenigen Tagen veröffentlichte der ultrakonservative und für seine Brutalität bekannte Islamische Staat im Irak und in der Levante (Isil) Videos seiner Operationen im Nachbarstaat Irak. Dort kämpft Isil in der Provinz Anbar gegen die irakische Armee. In den Videos sind zum ersten Mal Waffen zu sehen, wie sie im letzten Jahr aus Kroatien nach Syrien geliefert wurden. Es ist wahnwitzig: Die irakische Armee wird ausgerechnet von Isil, den Radikalsten aller Rebellen, scheinbar mit denselben Waffen bekämpft, die Saudi-Arabien, die USA und Großbritannien an die syrischen Rebellen lieferten.
Isil hat die Waffen entweder von rivalisierenden Milizen erbeutet oder einfach gekauft. Das Gleiche könnte mit den Manpads passieren, die weitaus gefährlicher sind als Panzerabwehrraketen oder Granatwerfer.

"Nur neue Waffen könnten helfen"

In Syrien sind die Regimetruppen nicht nur in Jabrud auf dem Vormarsch. In der Provinz Homs wurde Zara, eine Grenzstadt zum Libanon, eingenommen. In der Nähe von Hama steht Morek unmittelbar vor der Rückeroberung. Der Ort liegt an der Autobahn, die nach Idlib und Aleppo führt, und es wäre ein weiterer Meilenstein zur Nachschubsicherung der syrischen Armee.
In Aleppo fehlen dem Regime noch 19 Kilometer, um die Blockade der Industriemetropole im Norden des Landes abzuschließen. Die Regierungstruppen nutzten die Gelegenheit, als die Rebellen untereinander kämpften. Im Januar verließ Isil einige Frontlinien, nachdem er von rivalisierenden Milizen angegriffen und aus zahlreichen seiner Stützpunkte vertrieben worden war.
Die Rebellen schicken derzeit Verstärkung nach Scheich Nadschar, dem Industriegebiet von Aleppo. "Man kann das Regime nicht mehr aufhalten", glaubt Abu Mohammed, ein Kämpfer aus einer Brigade der Freien Syrischen Armee (FSA) aus Aleppo. "Jeden Tag werfen Hubschrauber mindestens 40 Fassbomben ab, dazu gibt es Angriffe von MiG-Flugzeugen und Artilleriebeschuss." Die meisten Bewohner seien bereits aus der Stadt geflohen. Man würde sich schon auf eine Blockade einstellen.
"Nur neue Waffen könnten helfen", sagt Abu Mohammed bestimmt. "Wenn man Hubschrauber und Flugzeuge abschießen könnte, würde sich das Blatt wenden." Aber der Westen müsse sich beeilen, fügt der junge Mann an. Sonst sei es zu spät. Große Hoffnungen macht sich Abu Mohammed allerdings nicht mehr. So oft schon sei so viel versprochen worden, und nichts davon habe sich bewahrheitet. "Sehen Sie, zur Zeit haben wir Probleme, Munition zu kaufen. Isil hat im Laufe des vergangenen Jahres den Schwarzmarkt leergekauft und sitzt buchstäblich auf einem Berg von Munition und Waffen."

Dienstag, 4. März 2014

Neu erschienen: Letzte Tage in Beirut



Alfred Hackensberger, Letzte Tage in Beirut
Thriller
Edition Nautilus

Letzte Tage in Beirut
 
Inhalt
Ein Thriller über die unentwirrbaren Hintergründe des Bombenanschlags auf Libanons Ex-Premier Rafik Hariri in Beirut 2005.
Letzte Tage in Beirut versetzt uns mitten ins Pulverfass des Nahen Ostens. Am 14. Februar 2005 wird Rafik Hariri, Ex-Premierminister und Milliardär, durch eine Autobombe imZentrum Beiruts getötet. Bei dem Attentat sterben 21 Menschen, darunter auch die Frau des deutschen Globus-Korrespondenten im Libanon, Klaus Steinbacher.
Steinbacher ist erschüttert und zieht sich ins Gebirge zurück. Dort will er einen alten Freund und Informanten besuchen – der auch ein ehemaliger Kriegsherr aus dem Bürgerkrieg ist.
Steinbacher stößt auf große Mengen an Drogen, das Haus ist eine Festung mit Granatwerfern auf dem Dach und bewaffneten Wächtern. Der Journalist wird im selben Nebenhaus einquartiert wie Ismail Zugari Gonzalez, der das Haus auf der Bekaa-Ebene als Basis für seinen Auftrag nutzt, alle am Anschlag auf Hariri Beteiligten verschwinden zu lassen. In diesem kargen Gebirge, in dem nur Familienclans und Waffen zählen, treffen der Journalist und der professionelle Mörder aufeinander…
Ein Attentat, viele Fragen: Konnte die Bombe trotz der Störsignale aus dem Autokonvoi ferngezündet werden? Wer ist die anonyme Leiche am Tatort? Wer will die Täter schützen? Angelehnt an die Fakten – und wilde Theorien – zum Attentat auf den ehemaligen Ministerpräsidenten und Unternehmer in Beirut, spinnt Alfred Hackensberger einen packenden Thriller in Nahost.
Zum Autor
Alfred Hackensberger
© privat
Alfred Hackensberger, geb. 1959, studierte Germanistik, Soziologie und Politik. Nach Stationen in München, New York, Hamburg, Tanger und Beirut lebt er heute auf Lanzarote. Er ist Nordafrika/Korrespondent für Die Welt und Die Sonntagszeitung (Schweiz), schreibt außerdem für Qantara.de und Die Presse in Österreich.
Leseprobe
Wer am Valentinstag jemanden mit 1000 Kilogramm Sprengstoff in die Luft jagt, soll man den einen Spaßvogel oder einen Zyniker nennen?
Startgeschwindigkeit: 8750 Meter pro Sekunde
Resultat: 2,6 auf der Richterskala.
Begleiterscheinungen: fliegende Asphaltbrocken, Metallteile und Glassplitter, geplatzte Trommelfelle, zerrissene Lungen, verbrannte Körper, Schädeltraumata, Schockzustände, abgerissene Arme und Beine.
Was bleibt: Schutt und Matsch aus Dreck, Blut, Wasser.
Dazwischen: ein Moment, in dem sich das Stöhnen der Verletzten, die Hilfeschreie der Überlebenden, die sich blutüberströmt auf den Beinen halten, mit den ersten Rufen der Heraneilenden mischen. Nur das Zischen des Wassers aus geborstenen Leitungen und die verzweifelten Laute des Schauderns, des Entsetzens nach Hilfe.
Grundsätzliches: Der Hauptzweck einer Bombe ist, möglichst schnell großen Schaden zuzufügen. Wie man das erreicht, mag von Bombentyp zu Bombentyp verschieden sein, aber prinzipiell ist der Funktionsmechanismus gleich. Die Energie wird von der Bombe auf das Zielobjekt übertragen.

Samstag, 1. März 2014

Rapper Deso Dogg: Neuste Botschaft

Deso Dogg alias Abu Talha al Alamni ruft vom "Boden der Ehre" in Syrien zum Dschihad in der Zentralafrikanischen Republik auf und prophezeit nebenbei noch die Weltrevolution des Islams. 

Ein Dschihadist wie aus dem Bilderbuch

Ein Dschihadist wie aus dem Bilderbuch

"Ich habe meine Bestimmung gefunden", sagt Abu Muhadschid. Er hat Deutschland verlassen, weil man dort angeblich als Muslim nicht richtig leben kann. Und ging in Syrien zur meistgefürchteten Miliz. Von Alfred Hackensberger

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Quelle: Liveleak.com Der deutsche Islamist Abu Mudschahid al-Muhadschir al-Almani rät deutschen Muslimen, in den Krieg zu ziehen. Er selbst kämpfte erst für al-Qaida und dann für Isil, denen noch brutaleres Vorgehen nachgesagt wird.  
Er hat eine schwarze Gebetsmütze auf dem Kopf, ist auch sonst in Schwarz gekleidet, mit einem zotteligen Bart, ganz wie einst Prophet Mohammed in den Krieg gezogen sein soll. Eine Kalaschnikow und Munitionsweste mit Reservemagazinen dürfen da natürlich nicht fehlen. Abu Mudschahid al-Muhadschir al-Almani macht den Eindruck eines Dschihadisten aus dem Bilderbuch.
Genau das will der junge Mann aus Deutschland auch sein, der sich in einem neuen Video im Internet präsentiert und für den Heiligen Krieg in Syrien Werbung macht. "Ich rate allen Muslimen, gerade den Brüdern in Deutschland sich dem Islamischen Staat im Irak und in der Levante (Isil) anzuschließen", erzählt er mit einem Lächeln im Gesicht.
"Gott sei Dank" habe er Abu Bakr al-Bagdadi den Treueeid geschworen. Das ist der Emir der Isil, bekannt für seine Brutalität und einer der meistgesuchten Männer der Welt. Das irakische Innenministerium hat vor wenigen Tagen ein neues Fahndungsfoto von al-Bagdadi veröffentlicht. Seine Gruppe ist für zahlreiche Autobomben und Selbstmordattentate im Irak verantwortlich.
In der Provinz Anbar kämpfen Armee und Isil seit Monaten in den Städten von Ramadi und Falludscha. In Syrien hat Isil ebenfalls blutige Spuren hinterlassen. Die Gruppe verhaftete, folterte und exekutierte Hunderte ihrer Gefangenen. "Sie ließen die Leichen der Erschossenen einfach auf der Straße liegen", berichteten Bewohner der "Welt" in der Nähe von Addana, einer Stadt im Norden Syriens, in der Isil einen großen Stützpunkt hatte.

300 Deutsche in Syrien

Für den Konvertiten aus Deutschland ist das alles kein Problem. Im Gegenteil, er scheint seine Erfüllung, bei Isil zu arbeiten, und den wahren Islam gefunden zu haben. Wie die meisten aller Islamisten, die aus Deutschland nach Syrien gegangen sind.
Laut aktuellem Bericht des Verfassungsschutzes sollen insgesamt rund 300 junge Männer aus der Bundesrepublik ausgereist sein, um im syrischen Bürgerkrieg zu kämpfen. Mehr als 20 sollen bereits bei Kampfhandlungen getötet worden sein. Darunter war der 18-jährige David G. aus Bayern, dessen Tod im Januar gemeldet wurde.

Von al-Qaida zu Isil

"Ich habe meine Bestimmung gefunden", meint Abu Muhadschid in seinem neuen Video. Er hatte Deutschland verlassen, weil man ihn dort angeblich als Muslim nicht richtig leben ließ. Seine nächste Station war Ägypten – nach dem Vorbild anderer deutscher Islamisten. "Aber dort gab es auch keinen wahren Islam", behauptet der selbst erklärte Gotteskrieger.
In Syrien schloss er sich dann Dschabat al-Nusra an, das neben Isil der zweite Ableger von al-Qaida in Syrien ist. "Al-Qaida klang gut", erklärt Abu Muhadschid, "aber die machen dort keine guten Dinge, die mit dem Islam zu vereinbaren sind." Also "öffnete ihm Allah die Tür", und er wurde Mitglied bei der radikalsten und gefürchtetsten Miliz.
Seit Januar wird Isil von fast allen anderen Rebellengruppen bekämpft und wurde aus vielen ihrer Stützpunkte vertrieben. "Azaz, auf dem rechten Weg Allahs" kann man im Video hinter Abu Muhadschid an der Wand lesen. Die Stadt Azaz war, neben Rakka und al-Bab, eine der letzten drei Bastionen von Isil. Am Freitagmorgen sollen die Extremisten aus diesem Ort abgezogen sein. Azaz ist bedeutsam, da die Stadt nahe dem Grenzübergang von Bab al-Salama liegt, der in die Türkei führt.

Der Wunsch zu sterben

"Ungläubige" nennt Abu Muhadschid die Rebellen, die Isil bekämpfen. Sie würden gemeinsame Sache mit den "Kreuzzüglern" aus dem Westen machen. "Das weiß doch jeder, und das geben sie auch zu", meint der deutsche Islamist und fügt eines seiner vielen "Hamdulliha" (Gott sei Dank) hinzu.
Isil hat diese Woche von der rivalisierenden Dschabat al-Nursa ein Ultimatum erhalten. Innerhalb von fünf Tagen müssen sich die Hardliner zu Verhandlungen bereit erklären.
Das Video von Abu Muhadschid ist kein Einzelfall. In den letzten beiden Monaten gab es eine ganz Reihe von deutschen Isil-Mitgliedern, die Werbung für den heiligen Krieg machten. Im Dezember forderte ein maskierter, blauäugiger Deutscher im Internet "alle Brüder und Schwestern" auf, doch angesichts des Leidens im Winter möglichst viel für den Dschihad zu spenden.
Am besten sei es allerdings, wenn man aktiv am Dschihad teilnehme. Im gleichen Monat rief ein Abu Osama alle deutschen Muslime auf, nach Syrien zu ziehen und sich seinem Kampf für einen islamischen Staat anzuschließen.
Ein Abu Zubayr al-Almani berichtete vom Leben im Dschihad, von der Gelassenheit vor einem bevorstehenden Einsatz, dem Wunsch zu sterben und ins Paradies einzugehen. Im Februar richtet sich Abu Zubayr noch einmal in einem Video an die Rapper mit islamischen Wurzeln in der Bundesrepublik. Sie würden nur vorgeben, Muslime zu sein, und es wäre an der Zeit, dass sie sich auf die wahre Religion besinnen.

Gewalt wird verharmlost

Ein bekannter Sänger hat das bereits getan: Deso Dogg, der jetzt Abu Talha Almani heißt. Der Ex-Rapper, von dem man dachte, er sei im Bürgerkrieg getötet worden, lieferte gleich mehrere Videos in den beiden letzten Monaten. Der Heilige Krieger wurde als Altruist bei Hilfslieferungen für Flüchtlinge gezeigt. Er gab ein großes Interview über seine spirituelle Reise in den Dschihad in der Fremde.
Im Januar erschien er an der Seite des Al-Qaida-Scheichs Abu Sufyan As-Sulami Turki Al-Binali. Der Geistliche aus Bahrain behauptete allen Ernstes, Alewiten, eine Sekte des schiitischen Islams, zu der auch der syrische Präsident Baschar al-Assad gehört, seien Ungläubige. Man müsse sie alle töten. Nur Kinder, die noch keine Schamhaare hätten, könnte man als Sklaven nehmen und sie zum wahren Islam bekehren. Kein Wunder, dass es ein Massaker gab, als Isil und Jabhat al-Nusra alewitische Dörfer in der Nähe der Hafenstadt Lattakia einnahmen.

Keine andere Wahl

Am Ende seiner Videoansprache betont Abu Muhadschid, wie glücklich er sei, dass er kein Recht mehr habe, in Deutschland zu leben. Bei seiner Rückkehr würde man ihn als Mitglied einer Terrororganisation verhaftet. "Was will man noch in Deutschland", meint der Islamist. "Hier in Syrien haben wir die Scharia, das islamische Recht, und leben unter Brüdern." Etwas Besseres gebe es nicht.
Gleichzeitig ermahnte er die Gesinnungsgenossen zu Hause und erinnerte sie an das jüngste Gericht: "Was könnt ihr dann sagen, warum ihr zu Hause geblieben seid und nichts getan habt?" Alle sollten nicht vergessen, die Hidschra, zu der einst Prophet Mohammed auszog, sei Pflicht eines jeden Muslims. Dazu gehöre auch der Dschihad. Man müsse sich keine Sorgen machen, Allah würde sich schon um einen sorgen.

Menschen, die wie Geister aussehen

Im Syrien-Konflikt haben die UN Einsätze von zivilen Helfern und Hilfslieferungen durchgesetzt. Doch für viele Zivilisten kommt Unterstützung zu spät – so wie im Flüchtlingslager Yarmouk. Von Alfred Hackensberger

Menschenströme im Flüchtlingslager Yarmouk. Der Andrang gilt Hilfslieferungen der UN
Foto: AP Menschenströme im Flüchtlingslager Yarmouk. Der Andrang gilt Hilfslieferungen der UN

Sie kamen zu Tausenden, sie standen Schlange und waren glücklich, wenn sie nur ein wenig von den Hilfslieferungen abbekamen. Verängstigte, verzweifelte und ausgemergelte, vor allem aber hungrige Menschen. "Sie sahen wie Geister aus", sagt Filippo Grandi, der Direktor des Hilfswerks der Vereinten Nationen (UNRWA), das Nahrungsmittelpakete in Yarmouk verteilte.
Das palästinensische Flüchtlingslager, nur acht Kilometer vom Zentrum der syrischen Hauptstadt entfernt, ist seit über einem Jahr Schauplatz heftiger Kämpfe zwischen Rebellen und Regimetruppen. Seit Juni hatte es die syrische Armee eingekesselt und damit von der Außenwelt abgeschnitten.
Im Januar erreichten zum ersten Mal Hilfslieferungen das Camp. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits 48 Menschen an den Folgen von Unterernährung und mangelnder medizinischer Behandlung gestorben, so die palästinensische Vereinigung für Menschenrechte. Den ersten Toten hatte es bereits am 2. November gegeben. Es war der sechsjährige Abdelhay Youssef.
Bewohner des Camps, die über die Abwasserleitungen geflohen waren, berichteten von rund 100 Opfern. Mittlerweile konnten 7493 Lebensmittelpakte an die 18.000 noch verbliebenen Bewohner verteilt werden. "Ein Tropfen auf den heißen Stein", geben die Vereinten Nationen zu. Man hätte gerne mehr geliefert, aber die Kampfhandlungen ließen dies selten zu.

Seit einer Woche Zugang für Hilfskräfte im Land

Seit einer Woche gibt es eine einstimmig beschlossene Resolution des UN-Sicherheitsrats. Sie sieht den sofortigen Zugang von humanitärer Hilfe in ganz Syrien vor. "Das ist natürlich ein gutes Werkzeug, mit dem wir jetzt Druck machen können", meint UNRWA-Chef Grandi. "So etwas hatten wir bisher in Syrien nie."
In Yarmouk leben normalerweise rund 150.000 Menschen. Die meisten waren nach der Besetzung des Lagers im Dezember 2012 durch Rebellengruppen geflohen. Milizen der Liwa al-Asifa, aber auch Al-Qaida-Gruppen wie al-Nusra und Islamischer Staat im Irak und der Levante (Isil) waren eingedrungen und hatten militante palästinensische Gruppen auf der Seite Assads vertrieben.
Die syrische Armee begann, das Camp mit Artillerie zu beschießen und aus der Luft zu bombardieren. "Die Zerstörung ist unglaublich", sagt Grandi, der das Flüchtlingslager diese Woche zum ersten Mal betreten konnte. "Es gibt kein einziges Gebäude, das nicht in irgendeiner Form zerstört ist."
Noch mehr geschockt war der 57-Jährige von den Bewohnern. "Diese Leute sind nie rausgekommen, waren eingeschlossen, nicht nur ohne Lebensmittel, Medizin und frisches Wasser, sondern ohne alle lebensnotwendigen Dinge." Grandi habe versucht, mit vielen zu sprechen, aber die meisten brachten kaum ein Wort heraus.

Ausbruch von Krankheiten befürchtet

Die Lage in Yarmouk ist trotz neuer Hilfsgüter immer noch dramatisch. Die Vereinten Nationen befürchten einen Ausbruch von Krankheiten, sollte sich die Situation nicht sehr bald ändern. Es gibt Berichte über Frauen, die im Kindbett sterben. Großfamilien, die sich nur mit Tierfutter am Leben erhalten können. "Alles ist noch völlig chaotisch", stellt Grandi fest. Hilfslieferungen ins Lager zu bringen sei noch immer ein sehr komplexer Prozess. "Man muss mit so vielen unterschiedlichen Gruppen verhandeln."
Yarmouk galt als ein Beispiel für den Hunger als Waffe, den die syrische Armee als neue Strategie einsetzt. Wenn Rebellen trotz wochenlanger oder sogar monatelanger Bombardierung und unablässigen Artilleriebeschusses nicht aufgeben, werden die betroffenen Gebiete umzingelt und ausgehungert.
So vermeidet die syrische Armee Verluste in den eigenen Reihen, die sie bei einer Großoffensive zwangsläufig erleiden würde. Es ist nur eine Frage der Zeit und der Geduld bis man das betreffende Territorium kampflos einnimmt.
Der Hunger als Waffe wurde nicht nur in Yarmouk, sondern auch in einigen Stadtteilen und ländlichen Vororten von Damaskus erfolgreich angewandt. Andere Teile der Hauptstadt wie Duma, Hajar al-Aswad, Yalda, al-Goutha oder Joba werden noch belagert. Die Taktik der Aushungerung sei eine neue Dimension des syrischen Bürgerkrieges, glaubt Joshua Landis vom Zentrum für Studien zum Mittleren Osten der US-Universität Oklahoma. "Nach fast drei Jahren Krieg machen sich Abnutzungserscheinungen bemerkbar."

Hunger als Waffe ist kein Tabu mehr

Beide Konfliktparteien wüssten, dass es keinen schnellen Sieg gebe und der Krieg noch Jahre dauern könne. "Vor ein oder zwei Jahren wäre es noch undenkbar gewesen, ganze Stadtteile auszuhungern", sagt Landis. "Das wäre eine feige, hinterhältige Tat gewesen. Heute scheint das kein Tabu mehr zu sein."
Die neue UN-Resolution über den freien Zugang humanitärer Hilfe wird die Belagerungen und den Hunger nicht beenden. Aber, wie in Yarmouk, kann sie der Bevölkerung Erleichterung bringen und den sicheren Tod verhindern.