Dienstag, 9. Juli 2013

Kampf an drei Fronten – Rebellen sitzen in der Falle

In Homs steht die Freie Syrische Armee mit dem Rücken zur Wand. Wo einst der Protest gegen Assad begann, sind jetzt seine Truppen auf dem Vormarsch. Auch junge Deutsche kämpfen gegen sie. Von
Rebellen im Abwehrkampf in Homs. Der Verlust ihrer letzten Bastionen in der „Hauptstadt der Revolution“ scheint nur eine Frage der Zeit
Foto: AP Rebellen im Abwehrkampf in Homs. Der Verlust ihrer letzten Bastionen in der "Hauptstadt der Revolution" scheint nur eine Frage der Zeit 
Sie tragen Westen mit Sprengstoff und drohen, sich in die Luft zu sprengen. "Wo sind die Waffen, die uns aus dem Ausland versprochen wurden?", fragt einer der Rebellen. "Nichts ist gekommen, und uns bleiben nur diese Explosivgürtel, um das Regime zu bekämpfen." Im Hintergrund sind Schüsse und Granateneinschläge zu hören. Dieses Internetvideo, das in der Khalid-Ibn-al-Walid-Moschee von Homs aufgenommen wurde, zeigt deutlich: Die Lage der Freien Syrischen Armee (FSA) ist verzweifelt.
Die Moschee aus dem 13. Jahrhundert, bekannt für ihre neun Kuppeln, liegt im Stadtteil al-Khaldieh, auf den sich die Angriffe der Regierungstruppen konzentrieren. Die Kämpfer der FSA stehen mit dem Rücken zur Wand, und der Verlust ihrer letzten Bastionen in der "Hauptstadt der Revolution" scheint nur eine Frage der Zeit. In Homs gab es im April 2011 die ersten großen Proteste. Zeitweilig war beinahe die gesamte Stadt in der Hand der Rebellen. Heute sind es noch etwa 20 Prozent.
Die Großoffensive der Regimetruppen begann am 29. Juni. Mehr als eine Woche lang wurden die von den Rebellen gehaltenen Stadtteile Tag und Nacht von Artillerie und Panzern beschossen. Zwei Drittel aller Häuser sollen dem Erdboden gleichgemacht sein. Ein militärisches Vorgehen, das die Syrische Armee bereits erfolgreich in der Stadt Kusseir praktizierte. "Es stand nichts mehr, wo wir uns hätten verstecken können", berichtete ein Kämpfer aus der Grenzstadt zum Libanon, die Anfang Juni von der FSA aufgegeben werden musste.

Rebellen sind in der Altstadt eingeschlossen

In Homs sind die Rebellen in der Altstadt und in al-Khaldieh eingeschlossen. Sie hatten sich dort verschanzt, nachdem sie im März 2012 aus Baba Amro vertrieben worden waren. Baba Amro gelangte zu trauriger Berühmtheit, als die Assad-Truppen den Bezirk drei Monate belagerten und bombardierten. Hunderte starben, darunter die US-Journalistin Marie Colvin und der französische Fotograf Remi Ochlik.
"Die Offensive des Regimes ist unglaublich aggressiv und wohl koordiniert", berichtete Tarik, ein Rebellenaktivist aus Homs. "Es sieht so aus, als wollten sie al-Khaldieh um jeden Preis nehmen." Die Regimetruppen greifen von drei Seiten gleichzeitig an und sollen bereits große Teile des Rebellenterritoriums eingenommen haben, wie das syrische Staatsfernsehen meldete. Die FSA widersprach umgehend. "Trotz heftigsten Beschusses halten unsere Kämpfer aus."
Wie schon in Kusseir kämpfen die Rebellen nicht gegen die syrische Armee allein. Elitesoldaten der schiitischen Hisbollah-Miliz aus dem Libanon sind an vorderster Front. Sie sind im Häuserkampf ausgebildet. Ein entscheidendes Element, das den Regimetruppen bisher fehlte. Die Planung und Koordination der Angriffe übernehmen hochrangige Offiziere der iranischen Revolutionären Garden. Aus dem Iran stammen auch die Drohnen zur Luftaufklärung sowie neue Waffensysteme wie Vakuumbomben, die ganze Gebäudekomplexe einstürzen lassen.
Aus Ländern der Europäischen Union halten sich nach Erkenntnissen von Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) rund 1000 junge Menschen in Syrien auf. Auch 60 Deutsche mischen auf Seiten der islamistischen Gruppen in diesem Kampf mit und stellen laut Friedrich eine Gefahr bei ihrer Rückkehr nach Deutschland dar.

Seit einem Jahr Wasser und Strom abgestellt

Zwischen 2500 und 4000 Zivilisten, so schätzen die Vereinten Nationen, sollen sich in den umkämpften Stadtteilen in Homs noch aufhalten. In al-Khaldieh haben die syrischen Behörden vor einem Jahr Wasser und Elektrizität abgestellt. Medizin und Lebensmittel müssen wie Waffen und Munition durch feindliche Linien eingeschmuggelt werden. Seit der Einnahme von Kusseir und Tel Kalakh, einer zweiten Grenzstadt zum Libanon, die Ende Juni erobert wurde, sind die Rebellen in Homs von ihren gewohnten Nachschubrouten abgeschlossen.
Als das Regime im April eine landesweite Offensive ankündigte, bereitete sich die FSA-Führung auf einen Angriff in Aleppo vor. Nun scheint es jedoch, dass das Regime eine langfristige Offensive plant und Schritt für Schritt vorangeht. Strategisch wichtige Ziele werden unerbittlich eingenommen.
Der gesamte Süden Syriens soll von "Terroristen gesäubert" werden, um die Achse von Damaskus bis nach Aleppo zu sichern. Jetzt ist es Homs, danach wird die Provinz Hama folgen, und der Angriff auf Aleppo ist nur eine Frage der Zeit. Das Regime befindet sich auf dem Vormarsch.

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