Mittwoch, 28. August 2013

Vor dem Luftschlag kommt der Kampf um die Wahrheit

Während westliche Streitkräfte Bombardements in Syrien vorbereiten, tobt der Streit um die Deutung des Chemiewaffeneinsatzes. Aber was können Luftangriffe ausrichten? Von

Bau und Einsatz von Chemiewaffen können dem Assad-Regime bislang nicht nachgewiesen werden
Foto: Infografik Die Welt Bau und Einsatz von Chemiewaffen können dem Assad-Regime bislang nicht nachgewiesen werden
Die Vereinigten Staaten bereiten einen auf wenige Tage begrenzten Militärschlag gegen das syrische Regime vor. Laut US-Medien könnte der Angriff schon am Donnerstag erfolgen. Noch hat Präsident Barack Obama die endgültige Entscheidung nicht getroffen, war am Dienstagnachmittag zu hören; in der amerikanischen Hauptstadt heißt es aber, nur ein dramatisches Einlenken des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad oder Russlands könne den Angriff noch verhindern. Der Sprecher des Weißen Hauses, Jay Carney, sagte am Abend:"Das syrische Regime ist für den Einsatz von Chemiewaffen am 21. August in der Nähe von Damaskus verantwortlich."
Der Einsatz von Marschflugkörpern, die von US-Kriegsschiffen im Mittelmeer abzufeuern wären, und möglicherweise von Langstreckenbombern, soll ausdrücklich eine Strafaktion für den Giftgasangriff und die Verletzung "internationaler Normen" sein. Das Weiße Haus legt Wert darauf, dass ein Eingreifen der USA keine Parteinahme im syrischen Bürgerkrieg bedeute. Ob diese Unterscheidung nach den Maßstäben des Internationalen Recht Bestand hätte, ist unklar.
Eine vollkommen zweifelsfreie Rechtfertigung eines Militäreinsatzes in Syrien wäre durch ein Mandat des UN-Sicherheitsrats gegeben. Aber so einen Beschluss wird nicht kommen. Russland und China, die beiden verbündeten Syriens, blockieren jede Entscheidung gegen Assad und sein Regime. "Wenn es keine Entscheidung des Sicherheitsrats gibt, dann muss man eben nach Alternativen suchen", sagte der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu am Wochenende. "36 oder 37 Länder diskutieren derzeit einen Einsatz", so Davutoglu.

Kerrys emotionaler Auftritt

Doch selbst, wenn die endgültige Entscheidung im Weißen Haus noch nicht gefallen ist – die Lufteinsätze in Kooperation mit Großbritannien und Frankreich werden bereits intensiv vorbereitet. Auf dem britischen Stützpunkt auf Zypern soll eine ungewöhnlich große Anzahl von Kampfflugzeugen gesichtet worden sein.
US-Außenminister John Kerry ist nicht als Hitzkopf bekannt, eher als besonders cool. Wenn er den Giftgaseinsatz in Syrien als "moralische Obszönität" und "Schock für das Gewissen der Welt" brandmarkt, dann beschreibt er damit auch die politische Grundlage, auf der Washington handeln dürfte: Die Notwendigkeit einer Strafe für den Bruch internationaler Normen. Eindringlich berichtete der Vater zweier Töchter von Familien, die im Schlaf starben. In Kerrys Stimme war so etwas wie echte Empörung zu spüren, nicht nur professioneller Zorn.
Allem Anschein nach verfügt die US-Regierung – ebenso wie angeblich Israel – über noch mehr Beweise, die sie mit Alliierten teilt, die sie aber nicht veröffentlicht. Dennoch will das Weiße Haus angeblich noch den Bericht der Geheimdienste zum Giftgaseinsatz abwarten.
Ein Angriff scheint trotz allem nur eine Frage der Zeit zu sein. Die Inspektoren der UN haben mindestens noch eine Woche in Syrien zu tun. Sie müssen zuerst Proben an den fünf Orten der mutmaßlichen chemischen Angriffe in der Region Ghouta bei Damaskus abnehmen. Danach käme die Untersuchung drei weiterer Fälle, die der ursprüngliche Anlass ihrer Mission waren.

Chemie-Spurensuche live im Netz

Wie schwierig und zeitaufwendig diese Aufgabe ist, zeigte sich bei der ersten Fahrt der Inspektoren nach Muadamiha, eines der angeblich mit Chemiewaffen beschossenen Gebiete. 15 Minuten ist man normalerweise vom Zentrum der Hauptstadt dorthin unterwegs. Der UN-Konvoi wurde von Heckenschützen mehrfach beschossen, das 12-köpfige Team traf schließlich mit vierstündiger Verspätung am Zielort ein.
"Statt der geplanten sechs Stunden blieben sie nur 90 Minuten", sagt Dr. Abu Akram, der in Muadamiha eine improvisierte Klinik leitet. "Sie haben mit 20 Opfern gesprochen und die Gespräche auf Video aufgenommen. Natürlich wurden auch Boden-, Blut-, Urin- und Haarproben genommen." Zudem hätten die Inspektoren Tiere untersucht und sogar ein Huhn mitgenommen. "Die Reste der chemischen Rakete wollten sie aber nicht", berichtete Dr. Akram. "Anscheinend durften sie sie nicht mitnehmen."
Die Inspektoren konnte nur eineinhalb Stunden bleiben, weil ihnen die syrische Armee angeblich mitteilte, sie könnten nicht länger für Sicherheit garantieren. Den Aufenthalt des UN-Teams konnte man live im Internet verfolgen. Der Arzt aus Muadamiha gab an, am Tag des Angriffs vom 21. August mehr als 2000 Opfer behandelt zu haben. 500 seien in einem kritischen Zustand gewesen, 80 seiner Patienten seien gestorben.

Assads PR-Profis schlagen zurück

Die Propagandamaschine des Regimes in Damaskus tut derzeit alles, um den Verdacht von sich abzulenken. Das Staatsfernsehen zeigte Bilder von Tunneln, in denen die Rebellen Chemikalien für Kampfstoffe gelagert hätten. Libanesische Tageszeitungen meldeten, dass vier Kämpfer der schiitischen Hisbollah, die auf Seiten der syrischen Armee kämpft, mit Vergiftungen aus diesen Tunnels in einem Beiruter Krankenhaus behandelt würden.
Die UN-Untersuchungskommission könnte mit ihrer Mission Aufklärung schaffen. Selbst wenn sie keine handfesten Beweise findet, könnte sie weitere belastende Indizien liefern. Die Auswertung ihrer Untersuchungen dürfte aber noch Wochen dauern. Ob die USA, Großbritannien oder auch Frankreich solange warten wollen, ist fraglich. Man will möglichst bald Stärke beweisen und dem Assad-Regime handfeste Grenzen aufzeigen.
Aber welche Optionen gibt es für einen Militärschlag gegen Syrien tatsächlich? Stellungen der syrischen Armee angreifen, ihre Panzer, Artillerie und die Luftwaffe ausschalten? In einer Nacht Hunderte von Zielen angreifen, wie einst in Libyen? Die Verbündeten Syriens, allen voran Russland, der Iran und China, haben bereits vor "katastrophalen Folgen" für die Region gewarnt.
"Wer versucht, ohne ein Mandat des UN-Sicherheitsrates wieder einmal mit vorgeschobenen Gründen eine Militärintervention zu rechtfertigen", hieß es in einer Verlautbarung des russischen Außenministeriums, "der erhöht nur das Leiden in Syrien und anderswo".

Mehrheit der Deutschen gegen Militärschlag

Mehr als zwei Drittel der Deutschen lehnen einen internationalen Militärschlag gegen Syrien ab. In einer Umfrage für das Magazin "Stern" sprachen sich 69 Prozent der Befragten dagegen aus. Nur 23 Prozent waren dafür.
SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück warnt vor einer schnellen Interervention. "Wir sollten uns nicht vorschnell eine militärische Logik zu eigen machen", sagte Steinbrück in einem Interview mit der "Stuttgarter Zeitung". Zwar forderte er im Falle eines Giftgasangriffs Konsequenzen, allerdings sei die Frage nach dem Ziel eines Militäreinsatzes noch unbeantwortet. Die Situation könne schnell eskalieren. Steinbrück will erst die Ergebnisse der UN-Inspektoren abwarten. "Als Erstes sollte der Versuch unternommen werden, mit Russland und China den politischen Druck auf Syrien zu erhöhen", sagte er der Zeitung. "Vielleicht ergibt sich durch den Chemiewaffeneinsatz auch für Moskau eine neue Lage."
Ganz vom Tisch nehmen will er die Option einer Militärintervention aber nicht. Die Völkergemeinschaft könne "einen solchen Giftgasangriff nicht stillschweigend hinnehmen.". Komme es zu einer Intervention in Syrien, würde Steinbrück eine Mandatierung durch die Vereinten Nationen anstreben. "Wenn der Sicherheitsrat ein solches Mandat nicht erteilt, weil China und Russland ihr Veto einlegen, ist zu beraten, ob es eine Nato-Position gibt."
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte am Montag mitgeteilt, dass ein eventueller Giftgaseinsatz geahndet werden müsse. "Es handelt sich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit um einen Giftgas-Angriff. Er darf nicht folgenlos bleiben", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Zu einem möglichen militärischen Eingreifen des Westens und einer deutschen Beteiligung daran äußerte er sich aber nicht näher.
Seibert sagte weiter: "Wir wollen alles, was wir können, dazu beitragen, damit es eine politische Lösung gibt." Er erklärte zugleich: "An diesem Ort ist ein entsetzliches Verbrechen an Männern, Frauen und Kindern verübt worden." Die Chemiewaffenkonvention verlange, dass es darauf eine sehr deutliche Antwort gebe. Die UN-Inspektoren sollten allerletzte Gewissheit schaffen.

Was kommt nach dem Angriff?

Einen vernichtenden Angriff westlicher Länder mit Hunderten von Marschflugkörpern auf die Truppen des Regimes werden die syrischen Verbündeten sicherlich nicht einfach hinnehmen. Die Hisbollah im Libanon, ein verlängerter Arm des Iran, hat angekündigt, jeden Einsatz von US-Raketen in Syrien zu rächen.
Ein nicht unrealistisches Szenario wären Angriffe der libanesischen Miliz aus Israel. Die Miliz soll über ein Raketenarsenal verfügen, mit dem sie Tel Aviv und jeden anderen Ort im "zionistischen Staat" erreichen kann. Die Möglichkeit eines Angriffes auf Israel sieht auch der regimetreue Wissenschaftler Bassam Abu Abdullah von der Universität in Damaskus: "Israel ist der Repräsentant der USA in der Region und kann für die Aktionen seines großen Verbündeten verantwortlich gemacht werden."
Obama und seine Sicherheitsberater werden die Ziele eines Angriffs genau abwägen, um eine Eskalation zu vermeiden. Das Militär Assads darf auch nicht entscheiden geschwächt werden, denn ein plötzlicher und überwältigender Sieg der Rebellen würde neue Risiken mit sich bringen. Die al-Qaida-nahen Islamisten haben im Laufe des Jahres die Oberhand unter den Rebellen gewonnen.
Sie sind berüchtigt für Folter, Exekutionen und ihren Wunsch, alle nicht-sunnitischen Minderheiten in Syrien auszulöschen. Sollten diese Gruppen die Mittelmeerküste mit den Städten Latakia und Tartus erobern, wäre ein Blutbad mit Tausenden von Toten unausweichlich. Dort leben überwiegend Alawiten, eine schiitische Glaubensrichtung des Islam, zu der auch Präsident Assad gehört.

Assad warnt USA vor einem zweiten Vietnam

Syriens Präsident bestreitet Einsatz von Chemiewaffen – UN-Inspektoren beschossen Von
Mit insgesamt sechs Fahrzeugen verließ das Team der Vereinten Nationen am Montagmorgen das Luxushotel "Vier Jahreszeiten" in Damaskus. Nach schwierigen Verhandlungen mit der syrischen Regierung hatten die UN-Experten für chemische Waffen endlich grünes Licht bekommen. Fünf Tage nach dem mutmaßlichen Einsatz von chemischen Kampfstoffen in zwei Vororten der syrischen Hauptstadt kann das internationale Spezialistenteam die grauenhaften Ereignisse untersuchen. "Mehr als 1600 Menschen sind gestorben", behauptete Salim Idris, der Chef der Freien Syrischen Armee (FSA), die seit dem Jahr 2011 das Regime von Präsident Baschar al-Assad bekämpft.
Ärzte ohne Grenzen berichtete am Wochenende von 3600 Patienten, die in ihren Einrichtungen behandelt wurden, 355 von ihnen seien gestorben. Alle Symptome der Opfer deuteten auf einen Einsatz "neurotoxischer Stoffe" hin, also Nervengift, hieß es in der Erklärung der Hilfsorganisation. Vermutungen über die Art der eingesetzten Substanz wurden vermieden. "Wir können wissenschaftlich nichts beweisen noch Aussagen darüber treffen, wer dafür verantwortlich ist." Bekannte tödliche Nervengase scheinen für den Tod der Menschen am vergangenen Mittwoch nicht verantwortlich zu sein. "Das war kein Militärschlag mit Sarin oder BZ (auch Agent15 genannt; d. Red.)", sagt Dan Kaszeta, ein ehemaliger Offizier des chemischen Corps der US-Armee. "Die Symptome der Opfer sind dafür nicht konsistent." In seinen 22 Berufsjahren musste Kaszeta im Notfalltraining mehrfach Versuchstiere "retten", die mit chemischen Kampfstoffen verseucht waren.
Für das UN-Team wird es keine leichte Aufgabe. In die betroffenen Orte Zamalka und Ein Tarma im Osten der Hauptstadt sind es vom Hotel nicht mehr als 15 Kilometer. Aber auf dem Weg dorthin und auch in den Südwesten muss der Konvoi die Frontlinien zwischen Rebellen und Regierungstruppen passieren. Eine Waffenruhe wurde vereinbart, nur ist nicht gewiss, ob sich alle Gruppen daran halten. Am Montag waren bereits zwei Mörser in der Nähe des Hotels der UN-Kommission eingeschlagen. Das Team wurde auf seinem Weg in den südwestlichen Bezirk Muadhamia dann auch mehrfach von Scharfschützen beschossen und musste umkehren. Später konnte der Konvoi weiterfahren und erreichte den Ort, um Proben zu nehmen, bevor er wieder nach Damaskus zurückkehrte. Syrische Staatsmedien machten "Terroristen" für den Beschuss verantwortlich. Das UN-Team will insgesamt fünf Orte besuchen, um Beweise zu sammeln.
Für den britischen Außenminister William Hague kommt die Mission zu spät. Offensichtlich habe das Regime von Präsident Assad etwas zu verbergen. "Viele der Beweise könnten inzwischen durch Artilleriebeschuss zerstört worden sein", sagte Hague. "Die belastenden Stoffe könnten zerfallen sein." Tatsächlich aber sei eine Untersuchung bis zu 14 Tage nach einem Chemieangriff sinnvoll, meint Steven Johnson von der britischen Cranfield-Universität, der auch Expertisen für das britische Verteidigungsministerium erstellt. "Anhand von Blut- und Urinproben sowie Bodentests lassen sich Nachweise auch dann noch erbringen." Für Großbritannien gibt es "kaum Zweifel", dass die syrische Armee chemische Waffen eingesetzt hat. Darüber habe sich Premierminister David Cameron mit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem französischen Präsidenten François Hollande verständigt, verlautete aus der Downing Street. "Ein Chemiewaffenangriff dieses Ausmaßes bedarf einer harten Reaktion der internationalen Gemeinschaft", hieß es aus London weiter. Als einzige Option komme, und da ist man sich mit Paris einig, nur ein Militärschlag infrage. Dafür sei nicht unbedingt eine "völlige Einigkeit" des UN-Sicherheitsrats notwendig, meinte Außenminister Hague. "Sonst wäre es ja nicht möglich, auf solche unglaublichen Verbrechen zu antworten." Hague verweist auf die Rolle Russlands im UN-Sicherheitsrat: Moskau ist, neben dem Iran, der stärkste Unterstützer von Präsident Assad und torpediert jeden negativen Beschluss gegen das Regime mit seinem Vetorecht.
Frankreich und Großbritannien stehen in der Syrienfrage in engem Kontakt mit dem Weißen Haus in Washington. Auf einer Pressekonferenz in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur hatte US-Verteidigungsminister Chuck Hagel erneut bestätigt: "Präsident Barack Obama hat das Verteidigungsministerium beauftragt, einen Krisenplan für alle Eventualitäten vorzubereiten." Natürlich gehöre zu den Optionen ein militärisches Eingreifen, fügte Hagel hinzu. Die US-Marine hat inzwischen ein weiteres, viertes Kriegsschiff, das mit Marschflugkörpern ausgerüstet ist, ins Mittelmeer entsandt. Das Pentagon soll zudem die Liste von Zielen für mögliche Luftangriffe aktualisiert haben, berichteten amerikanische Medien. Einen klaren Zeitplan soll es noch nicht geben. Zuerst muss offenbar geklärt werden: Wie kann man den UN-Sicherheitsrat umgehen, in dem die Entscheidung für einen Militärschlag am Einspruch Russlands scheitern wird? Washington ist auf der Suche nach einem größeren Bündnis.
US-Außenminister Kerry besuchte in den vergangenen Tagen einige der Nachbarländer Syriens, um die Stimmungslage zu sondieren und für einen möglichen Angriff zu werben. In der Türkei lief er offene Türen ein. Das Land ist ein erklärter Gegner des Assad-Regimes. Die türkische Regierung erlaubt den Rebellen, Waffen über ihre Grenzen zu schmuggeln, und lässt radikale Islamisten auf dem Weg nach Syrien passieren. "Wir bevorzugen es stets, mit der internationalen Gemeinschaft zusammenzuarbeiten", erklärte Außenminister Ahmet Davutoglu in der Tageszeitung "Milliyet". "Aber wenn es keine Entscheidung des UN-Sicherheitsrats gibt, dann muss man eben nach Alternativen suchen." Der 54-jährige Politiker versicherte, 36 oder 37 Länder würden derzeit Alternativen diskutieren. "Sollte aus diesem Prozess eine Koalition entstehen, würde die Türkei mit Sicherheit dazugehören."
Alles scheint auf einen Militäreinsatz in Syrien hinzuweisen – obwohl die Experten der Vereinten Nationen ihre Untersuchungen in der Provinz Damaskus gerade erst aufgenommen haben und die Auswertung ihrer Proben von den mutmaßlichen Orten des Chemiewaffeneinsatzes mehrere Wochen dauern kann. Zudem hat das Team nicht die Aufgabe herauszufinden, wer die mutmaßliche chemische Verseuchung verursacht hat. Einen Nachweis, dass die syrische Armee verantwortlich ist, selbst wenn es der gegenwärtige Erkenntnisstand naheliegt, wird es nicht geben.
Der syrische Präsident Assad hat in einem Interview mit der russischen Zeitung "Iswestija" die Erklärung seines Militäroberkommandos bekräftigt: "Syrien hat keine Chemiewaffen eingesetzt." Es entbehre jeder "vernünftigen Logik", wenn die eigenen Truppen, die nur wenige Kilometer entfernt seien, in Mitleidenschaft gezogen werden könnten. Nach Berichten der amtlichen syrischen Nachrichtenagentur Sana haben Regierungssoldaten an der Front in Damaskus selbst unter Atemproblemen gelitten. Das Staatsfernsehen veröffentlichte Bilder von Tunneln, in denen chemisches Material und Gasmasken der Rebellen gefunden worden seien. Assad warnte die USA vor einem militärischen Eingreifen in den Konflikt in seinem Land. Amerika drohe ein Scheitern wie in allen bisherigen Kriegen, sagte er in der "Iswestija", und verwies auf Vietnam. Auch der russische Außenminister Sergej Lawrow warnte den Westen vor einem militärischen Eingreifen: "Ohne ein Mandat des UN-Sicherheitsrats wäre es ein schwerer Verstoß gegen internationales Recht."

Die Nacht des Angriffs

Nicht nur syrische Rebellen, auch Paris und London werfen dem Assad-Regime vor, die Bevölkerung mit Chemiewaffen attackiert zu haben. Unser Autor hat mit Augenzeugen aus der betroffenen Region gesprochen Von
Frau Hammoudi bringt ihre beiden Töchter am frühen Abend zu Bett. Danach sitzt sie mit ihrem Mann bei Kerzenlicht zusammen. Elektrizität gibt es in Zamalka am Rande der syrischen Hauptstadt Damaskus seit acht Monaten nicht mehr. In der Ferne sind wie üblich Schüsse und Artilleriefeuer zu hören. Irgendwo da draußen ist ihr Sohn, der mit den Rebellen gegen Präsident Baschar al-Assad und sein verhasstes Regime kämpft. Kurz vor Mitternacht gehen die Eheleute schlafen. Um 01.40 fallen die ersten Raketen. Eine von ihnen geht in unmittelbarer Nähe ihrer Wohnung unweit der Grundschule von Zamalka nieder, ihr Sprengkopf soll mit einem tödlichen Gas gefüllt gewesen sein. "Wir haben sie erst zwei Tage später gefunden", erinnert sich Mahmud, ein freiwilliger Helfer. "Kinder, Vater, Mutter, alle lagen noch in ihren Betten." Bis heute finde man noch Tote in ihren Wohnungen. "Ein schrecklicher Anblick, wie die Menschen mitten im Schlaf in den Tod gerissen wurden."
Die Hammoudis gehören zu den mehr als 1000 Menschen, die nach Angaben der Rebellen in der Nähe von Damaskus am frühen Mittwochmorgen durch Chemiewaffen der syrischen Armee getötet worden sein sollen. Die hohe Opferzahl erscheint realistisch, glaubt man den Videos, die die syrische Opposition im Internet veröffentlichte (s. Beisteller). In den beiden hauptsächlich betroffenen Vororten Zamalka und Ein Tarma sieht man in Garagen, Moscheen oder unfertigen Neubauten Hunderte von Leichen dicht nebeneinanderliegen, darunter viele Kinder. Dazwischen bahnen sich Überlebende vorsichtig auf Zehenspitzen ihren Weg. Voller Angst suchen sie nach vermissten Angehörigen und Freunden. Es sind erdrückende Bilder, die nach dem mutmaßlichen Chemiewaffenangriff der Regierungstruppen an die Weltöffentlichkeit gelangten.
Wie viele Menschen tatsächlich in der Region ums Leben kamen, ist noch unklar. Die Toten werden möglichst schnell begraben, viele von ihnen wurden vorher nicht identifiziert. Aufklärung könnten Inspekteure der Vereinten Nationen leisten, die seit dem 18. August in Damaskus weilen. Sie sollen Untersuchungen an drei Orten durchführen, an denen in den vergangenen Monaten bereits chemische Waffen eingesetzt worden sein sollen. Rebellen und syrische Regierung beschuldigen sich gegenseitig. Der französische Außenminister Laurent Fabius wirft dem Regime vor, bei dem jüngsten Angriff Chemiewaffen eingesetzt zu haben. Zuvor hatte der britische Außenminister William Hague erklärt, er gehe davon aus, dass der mutmaßliche Giftgasangriff auf das Konto Assads geht. Viel hängt davon ab, ob das UN-Team auch nach Zamalka und Ein Tarma reisen darf. Selbst Russland, neben dem Iran der stärkste Unterstützer Assads, fordert eine Untersuchung.
Das US-Militär geht derzeit seine Optionen für ein Eingreifen in Syrien durch. Präsident Barack Obama habe eine entsprechende Anfrage gestellt, sagte Verteidigungsminister Chuck Hagel. Ein Mitarbeiter des Ministeriums erklärte, die USA verstärkten ihre Flotte im Mittelmeer um einen vierten, mit Marschflugkörpern ausgestatteten Zerstörer. Es gebe aber bisher keine Anweisungen, ein militärisches Vorgehen in Syrien vorzubereiten. Laut CNN wurde die Liste von Zielen für mögliche Luftangriffe aktualisiert. Die Planungen würden die Verwendung von Marschflugkörpern einschließen. Auch der US-Sender CBS berichtete von Pentagon-Planungen für einen Cruise-Missile-Angriff auf die syrischen Regierungstruppen.
Für die Bewohner der beschossenen Gegenden ist all dies nur ein winziger Trost. Für sie war der 21. August ein Tag des Horrors, den sie, wie sie sagen, nie vergessen könnten. "Wir waren zu Hause, als wir Mörsergranaten einschlagen hörten", berichtet ein Familienvater, der seinen Namen nicht nennen möchte. "Ich lief zu den Nachbarn, die um Hilfe riefen. Die Frau lag am Boden, und die Kinder lagen im Sterben. Mir wurde schwindelig und ich musste mich übergeben. Ich kroch auf allen vieren nach draußen auf die Straße." Dort hätten Menschen schreiend auf dem Boden gelegen, mit weit aufgerissenen Augen, gelblichen Gesichtern und offenen Mündern, inmitten von Dutzenden von Toten. Abu Skar, ein Sanitäter, berichtet: "Irgendein Gas, das einen verdorbenen Geruch hatte, verbreitete sich schnell. Viele Leute wurden bewusstlos, vollkommen paralysiert, hatten starke Kopfschmerzen und konnten nicht mehr richtig sehen. Ich habe insgesamt 370 Personen zu verschiedenen Notfallkliniken in der Umgebung gebracht." Ein anderer Sanitäter, der anonym bleiben möchte, erzählt, er und seine Kollegen hätten nur die Lebenden aus den Wohnungen und Häusern holen können. "Es waren überall viel zu viele Tote. Alle Tiere, die wir sahen, waren tot."
Die Kämpfe am östlichen Rand der Hauptstadt gehen unvermindert weiter. Die syrische Armee versucht mit allen Mitteln, diese strategisch wichtige Gegend von den Rebellen zurückzuerobern. Seit sechs Monaten stehen die Bewohner unter Belagerung. "Es gibt kein Brot, kaum Lebensmittel, keine Elektrizität und Wasser höchstens ein, zwei Stunden am Tag", sagt Tarek, der eigentlich Englischlehrer ist. "Alles, selbst Medikamente für die Zivilbevölkerung, muss eingeschmuggelt werden." Heute hilft der 30-Jährige in einer improvisierten Notfallklinik der Rebellen. "Wir leben hier in der Hölle. Ständig werden wir mit Artillerie beschossen und von Kampfflugzeugen bombardiert. Wir haben keinen Tag Ruhe." Für Tarek ist klar, warum es bei dem mutmaßlichen Chemiewaffenangriff so viele Opfer gegeben hat. "Die betroffenen Städte waren voll von Flüchtlingen", sagt er – aus den zehn Dörfern, die die Regierungstruppen in den vergangenen Wochen zurückerobert hatten. "Sonst gibt es hier nicht mehr viele Menschen. Nur wer kein Geld hat oder ein Familienmitglied, das mit den Rebellen kämpft, bleibt. Alle anderen sind verschwunden."
Von der UN-Kommission erwartet Tarek wenig: "Selbst wenn sie Beweise für den Einsatz von Chemiewaffen finden, wird es das Abschlachten des syrischen Volkes nicht stoppen." Der Bürgerkrieg sei zu einem Stellvertreterkrieg ausländischer Staaten mutiert. "Man muss sich nur hier umschauen", erklärt Tarek verbittert. "Die Rebellengruppen sind uneinig, jeder besteht auf seiner politischen Agenda. Ihr Geld und ihre Direktiven bekommen sie aus den arabischen Golfstaaten oder von Sunniten aus dem Libanon." Auf der Regierungsseite sei es nicht anders. "Der Iran und Russland lassen das Regime für ihre regionalen Interessen kämpfen und werden eine mögliche militärische Intervention in Syrien nie dulden." Auf der Strecke bliebe dabei das Volk. "Wir werden benutzt, und ein Ende ist nicht in Sicht – egal, was das UN-Team herausfinden wird."
In anderen syrischen Städten bereiten sich die Rebellen auf das Schlimmste vor. "Krankenhäuser und Notambulanzen rüsten sich für einen chemischen Angriff", sagt Abu Ali, ein Kommandant in Aleppo. Vor einigen der Krankenhäuser in der Industriemetropole im Norden Syriens stehen große Zelte aus dicken Plastikplanen für die Aufnahme kontaminierter Patienten. "Für unser Personal steht moderne Schutzkleidung zur Verfügung, und wir machen regelmäßig Übungen für den Fall eines Chemiewaffenangriffs", sagt der Direktor eines Privatkrankenhauses, der seinen Namen und den des Hospitals aus Angst vor möglichen Bombenangriffen der syrischen Luftwaffe nicht nennen will. Atropin sei in großen Mengen vorhanden; es wird als Gegenmittel zu Nervengasvergiftungen injiziert. Kommandant Abu Ali sagt, überraschend sei das Gas-Massaker von Damaskus nicht gekommen. "Wir kennen das Regime, es mordet ohne Rücksicht seit mehr als zwei Jahren und trägt die Verantwortung für mehr als 100.000 Tote." Ein Massaker mehr oder weniger sei da nichts Neues.

Mittwoch, 21. August 2013

Rappen für das Paradies

Ausländische Dschihadisten dominieren den syrischen Bürgerkrieg. Unter ihnen ist auch ein ehemaliger Berliner Musiker Von

Sie kamen am frühen Abend: Acht maskierte Männer, ganz in Schwarz, im Stil von Dschihadisten gekleidet und schwer bewaffnet. Sie schlugen gegen die Tür, entsicherten ihre Kalaschnikows und luden sie durch. Die beiden Leibwächter des Journalisten hatten keine Chance. Der spanische Reporter wurde von den Heiligen Kriegern des Islamischen Staates im Irak und der Levante (Isil) in ihr Gefängnis verschleppt. Dort saß er in einer winzigen Zelle, die Wände mit Blut besudelt, und hörte Tag und Nacht die Schmerzensschreie anderer Gefangener, die gefoltert wurden. Dreimal knallten Schüsse, die den Klagelauten ein abruptes Ende bereiteten. "Ich weiß nicht, warum, aber nach acht Tagen wurde ich freigelassen", sagte der 42-jährige Spanier. "Es war wie ein Wunder."
Allein im letzten Monat verschwanden mindestens acht Pressevertreter. Die al-Qaida nahestehenden Gruppen Isil und Dschabhat al-Nusra scheinen systematisch gegen all jene vorzugehen, die ihnen negative Berichtserstattung bringen könnten. Die Gewaltwelle gegen Journalisten ist nur ein Symptom des wachsenden Einflusses radikaler Islamisten in Syrien. "Niemand kann die Extremisten mehr stoppen", sagt ein Aktivist aus Aleppo. "Sie können machen, was sie wollen. Sie übernehmen jetzt die Macht." Seinen Namen will der junge Mann aus Angst vor Racheakten nicht nennen. "Dann erschießen sie mich sofort." Dass sie so stark geworden sind, liegt unter anderem an dem regen Zustrom ausländischer Extremisten – auch aus Europa, auch aus Deutschland.
Ein neues Video im Internet zeigt Denis Cuspert in Syrien in Kampfmontur an einem Wasserfall. Der 37-jährige Berliner, der früher als Gangsta-Rapper unter dem Namen Deso Dogg bekannt zu werden versuchte, mutierte zum radikalen Salafisten und wird in Deutschland seit Juni 2012 per Haftbefehl gesucht. Nachdem er sich nach Ägypten abgesetzt hatte, soll er nun nach Syrien gereist sein. Mit ihm kämpfen etwa 50 weitere Deutsche aufseiten der Extremisten. "Strengt euch an für das Paradies", singt der Sohn eines Ghanaers und einer Deutschen in dem kurzen Video, "es ist Pflicht für uns, in die Schlacht zu ziehen!" Der Clip scheint ein Ausschnitt aus einer längeren Dokumentation über Cuspert zu sein. Digitale Werbung für das weitere Wachstum der Islamisten.
Die Befürchtungen in vielen westlichen Ländern haben sich bestätigt: Syrien ist zu einer Hochburg al-Qaidas und ähnlich extremistisch ausgerichteter Gruppen geworden. Im Norden und Osten des Landes sind sie die bestimmenden Kräfte. Sie haben die besten Waffen und das meiste Geld. Ihre Kämpfer sind bereit, als Märtyrer zu sterben, und gelten als Elitetruppen unter den Rebellen, die seit 2011 das Regime von Präsident Baschar al-Assad stürzen wollen.
Drei große Gruppen vertreten die Ideologie jenes Terrornetzwerks, das einst Osama Bin Laden in Afghanistan ins Leben rief: Dschabhat al-Nusra wurde im Auftrag von al-Qaida im Januar 2012 gegründet. Aus einigen Hundert Kämpfern sind mittlerweile 8000 geworden. Sie erkennen Aiman al-Sawahiri, den Al-Qaida-Chef in Pakistan, als obersten Emir an. Isil dagegen folgt Abu Bakr al-Bagdadi, dem Terrorführer aus dem Irak. Das US-Außenministerium meldete im August, dass Bagdadi sein Hauptquartier aus dem Nachbarland nach Syrien verlegt habe. In den Reihen von Isil befinden sich auch Dschihadisten aus westlichen Ländern. Neben Franzosen, Briten und Australiern auch einige Deutsche.
Deutsche Sicherheitsbehörden beobachten mit Sorge eine Zunahme der Ausreisen in das Konfliktgebiet. Hochideologisierte Islamisten die mit dem konkreten Ziel des Dschihad aus Deutschland nach Syrien reisten, seien am gefährlichsten, aber sie seien die Ausnahme. Vor allem befürchten die deutschen Behörden, dass junge Männer mit ursprünglich nur vagen islamistischen Ansichten von ihrer Syrien-Reise als radikalisierte Terroristen zurückkehren. "Bei vielen derjenigen, die nach Syrien reisen, ist zunächst gar nicht klar, wie ernst sie es mit dem Kämpfen meinen", sagte ein Ermittler der "Welt". Der Konflikt an sich biete Potenzial für Radikalisierung. So mancher Kämpfer entwickle sich erst durch die Kriegserfahrung zu einem Terroristen warnen Nachrichtendienstler.
Die Gruppe Dschaisch al-Muhadschirin wa al-Ansar, die dritte einflussreiche Dschihadisten-Fraktion in Syrien, setzt sich ausnahmslos aus Ausländern zusammen und wird von Abi Omar al-Tschetschen geführt, einem ehemaligen Kämpfer gegen die russische Armee in Tschetschenien. Im Hauptquartier der Ausländertruppe am syrischen Grenzübergang Bab al-Hauwa kann man Tunesier, Marokkaner, Libyer, Saudis, Iraker, Tschetschenen und einige wenige Europäer treffen. Insgesamt sollen zwischen 10.000 und 17.000 Ausländer in den Heiligen Krieg in Syrien gezogen sein. Die al-Qaida-nahen Gruppen arbeiten eng mit Ahrar al-Scham zusammen. Die "freien Männer Syriens" wollen ebenfalls ein Kalifat auf Basis der Scharia, des islamischen Rechts. Im Gegensatz zu anderen Gruppen haben sie keine Intention, den Heiligen Krieg über die Grenzen ihres Landes hinauszutragen. Doch ihr Gesellschaftsideal hat nichts mit Demokratie und Menschenrechten zu tun.
Die als moderat geltende Freie Syrische Armee (FSA) will gegen die Islamisten bisher nicht vorgehen. Und das, obwohl Isil einige FSA-Kommandeure ermordete und ihnen wie "Ungläubigen" den Kopf abschnitt. Die Einzigen, die es wagen, sich gegen die Islamisten zu stellen, sind die Milizen der kurdischen Minderheit in Syrien. Sie haben Isil und Dschabhat al-Nursa aus ihren Gebieten in Grenznähe zur Türkei gewaltsam vertrieben. "Wir müssen zuerst Assad stürzen", erklärte ein FSA-Kommandant in Aleppo. "Danach werfen wir al-Qaida aus unserem Land." Die Frage ist nur, ob es dafür nicht irgendwann zu spät ist.

Donnerstag, 8. August 2013

Assad droht Rebellen mit der "eisernen Faust"

Assad droht Rebellen mit der "eisernen Faust"

Der syrische Präsident gibt sich im Fernsehen siegessicher – und er hat guten Grund dazu. Seine Truppen haben wichtige Gebiete erobert Von

Einen Zufall kann man es nicht nennen, eher die Selbstherrlichkeit eines Diktators. Baschar al-Assad wählte die Nacht der Bestimmung, die am Sonntagabend begangen wurde, um sich an "sein Volk" zu wenden. Der syrische Präsident nutzte für eine seiner seltenen TV-Ansprachen ausgerechnet diesen heiligsten Tag des Fastenmonats Ramadan, an dem der Koran zum ersten Mal offenbart worden sein soll. Er gab sich resolut, siegesgewiss und schloss eine politische Lösung des seit drei Jahren andauernden Bürgerkriegs klar aus. "Ich denke, es gibt keinen einzigen vernünftigen Menschen, der glaubt, dass man mit Terrorismus politisch umgehen könne", sagte er im Staatsfernsehen und bezeichnete die Opposition gegen sein Regime als ein einziges Scheitern. "Mit Terrorismus kann es keine Lösung geben, außer ihn mit eiserner Faust zu bekämpfen."
Assad fühlt offensichtlich Oberwasser. Anlass dazu geben Rebellengruppen, die al-Qaida nahestehen und Schlagzeilen mit öffentlichen, grausamen Exekutionen und Entführungen machen. Aber auch die als moderat geltende Freie Syrische Armee (FSA) diskreditiert den Aufstand gegen das undemokratische Regime. Sie ist zerstritten und korrupt. Nicht zu reden von abscheulichen Videos, die Leichenschändungen an syrischen Regierungssoldaten zeigen. Gleichzeitig können Regimetruppen ungewohnte Erfolge vermelden. Bisher hatte es nur Niederlagen gegeben, und der Sieg der Rebellen schien unaufhaltsam zu sein. "Die syrische Armee hat das Unmögliche möglich gemacht", sagte Assad in der TV-Ansprache, obwohl sie im Guerillakampf nicht ausgebildet sei. "Es gibt nur einen Krieg, der größer ist als der Guerillakrieg, und das ist der Kampf des Volkes, den die Armee an der Seite der Bürger führt." Pathetische Worte des Präsidenten, die verschweigen, wer für die militärischen Erfolge tatsächlich verantwortlich ist.
Seit Januar kämpft die libanesische Hisbollah, die im Juli von der Europäischen Union auf die Liste der Terrorgruppen gesetzt worden war, mit der syrischen Armee. Die schiitische Miliz ist im Guerillakampf ausgebildet, und ohne sie wären die neuen Siege des Regimes nicht denkbar. Im Juni wurden Kusseir und Tal Kalakh, beides Grenzstädte zum Libanon, zurückerobert. "Wer immer die Region um Kusseir kontrolliert", sagte Brigadegeneral Yahya Suleiman von der syrischen Armee, "kontrolliert die Mitte des Landes, und wer die Mitte des Landes kontrolliert, kontrolliert Syrien." Die libanesische Grenzregion rund um Kusseir hat eine wichtige, strategische Bedeutung. Unweit der Stadt liegt die Autobahn, die das 30 Kilometer entfernte Homs mit Damaskus verbindet. Über diese Autobahn wird der Nachschub für die Truppen im Norden abgewickelt. Mit dem Verlust von Kusseir sind die Rebellen von den Schmuggelrouten in den Libanon abgeschlossen. Aus dem Nachbarland erhielten sie Waffen und Kämpfer.
Ende Juli fiel Khaldiyeh, eines der letzten von den Rebellen gehaltenen Viertel in Homs. Es ist ein Sieg von besonderer symbolischer Bedeutung, galt die Stadt doch als "Herz der Revolution". Nun kontrollieren Regierungstruppen den gesamten Korridor, der nach Tartous und Latakia ans Mittelmeer führt. Eine Region, die als Machtzentrum Assads gilt. Dort leben überwiegend Alawiten, eine schiitische Glaubensgruppe des Islams, zu der auch der Präsident gehört.
Kein Wunder, dass sich Assad gestärkt fühlt. Der Iran erweitert seine Unterstützung sogar. Anfang August wurde ein Vertrag zwischen beiden Ländern unterzeichnet, in dem die Islamische Republik sich verpflichtet, Öl im Wert von über drei Milliarden Euro zu liefern. Als Gegenleistung erhält der Iran Rechte, in Syrien zu investieren. Beinahe alle Erdölquellen sind im Laufe des Bürgerkriegs in die Hände der syrischen Rebellen gefallen. Die wirtschaftliche Hilfe aus dem Iran ist eine Sache. Munition und Waffen werden seit Beginn des Konflikts Tag für Tag nach Syrien eingeflogen. Offiziere der Revolutionsgarden sollen eine neue militärische Strategie entworfen und landesweit eine 50.000 Mann starke Miliz aufgebaut haben. Zudem sind schiitische Kämpfer aus dem Irak und Jemen in Syrien. In den letzten Monaten sollen sie vermehrt ins Land gekommen sein, nachdem sie im Iran eine militärische Ausbildung absolvierten. "Hier, hören Sie", sagte ein syrischer Rebellenkommandeur in der Nähe der Frontlinien zu den schiitischen Dörfern Nubol und Zahra, unweit von Aleppo. Der Kommandeur stellt das Funkgerät lauter, das er auf den Kanal der syrischen Armee eingestellt hat. "Jetzt spricht jemand mit jemenitischem Dialekt, und nun meldet sich ein Libanese."
Präsident Assad ist sich sicher, dass er den Krieg gewinnen wird. "Wenn wir das nicht wären, hätten wir nicht zwei Jahre Widerstand leisten können", versicherte er in seiner Ansprache. Noch sind der Norden Syriens und Aleppo in der Hand der Rebellen. Aber das könnte sich mithilfe des Iran und der Hisbollah schon bald ändern.

Jetzt machen die Kurden in Syrien mobil

Die kurdische Minderheit erklärt den Islamisten den Krieg. Der Konflikt innerhalb der Anti-Assad-Koalition eskalierte nach dem Mord an einem kurdischem Politiker und Angriffen auf die Ölquellen. Von
Kurdische Kämpfer im Norden Syriens. Die kurdische Minderheit macht mobil gegen die Islamisten
Foto: AFP Kurdische Kämpfer im Norden Syriens. Die kurdische Minderheit macht mobil gegen die Islamisten

Sie haben den Islamisten den offenen Krieg erklärt und zur Generalmobilmachung aufgerufen. Die Partei der Demokratischen Union (Ypd) in Syrien wendete sich diese Woche an das kurdische Volk und forderte "jeden, der fähig ist, eine Waffen zu tragen", sich den "Verteidigungskomitees" anzuschließen. Die Partei-Milizen sollen vor den "Angriffen der dschihadistischen bewaffneten Gruppen schützen".
Gemeint sind damit Dschabhat al-Nusra und der Islamische Staat im Irak und Syrien (Isis). Beide sind Al-Qaida-Organisationen, wobei al-Nusra sich als eigenständige, syrische Filiale versteht, während Isis ein Teil des irakischen Terrornetzwerks ist.
In der Kriegserklärung der Pyd werden der Syrische Nationalrat und die Führung der Freien Syrischen Armee (FSA) für diese gefährliche Eskalation verantwortlich gemacht. "Trotz mehrfacher Appelle, haben diese Organisationen versagt, eine klare Position einzunehmen." Die Al-Qaida-Milizen gelten als die schlagkräftigsten und erfolgreichsten Truppen der Rebellen im Kampf gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad.
Weder der Nationalrat, noch die Freie Syrische Armee können sich gegen al-Nusra und Isis stellen. Die Extremisten, die besser bewaffnet und jeder Zeit bereit sind, als Märtyrer zu sterben, werden an der Front gebraucht. Die Söldner al-Qaidas haben sich innerhalb der letzten zwei Jahre zu einem bestimmenden Machtfaktor im syrischen Bürgerkrieg entwickelt.

Eine kurdische Kämpferin in Aleppo. Bei den Kurden kämpfen auch Frauen mit
Foto: AFP Eine kurdische Kämpferin in Aleppo. Bei den Kurden kämpfen auch Frauen mit

Es begann mit dem Mord an einem ranghohen Kurden

Zum Aufruf zur Generalmobilmachung kam es, nachdem ein prominentes Mitglied des obersten kurdischen Rats ermordet worden war. Der 60-jährige Isa Huso starb durch eine Autobombe in Kamischli, einem Grenzort zur Türkei im Norden des Landes. Zwischen Islamisten und den Kurden, die rund 10 Prozent der syrischen Bevölkerung ausmachen, war es in der Vergangenheit mehrfach zu schweren bewaffneten Auseinandersetzungen gekommen.
Zuletzt in Ras al-Ain, ebenfalls ein Grenzort zum türkische Nachbarland. Die kurdischen Milizen besiegten dort Dschabhat al-Nusra und das nicht zum ersten Mal. Bereits im vergangenen Jahr erteilten die Verteidigungskomitees den Islamisten in Aleppo eine empfindliche Niederlage, als sie am Ende des Ramadans in ein Kurdenviertel der Industriemetropole eindringen wollten.

PKK ist mit dabei

Die Milizen der Pyd werden von Kämpfern der nahestehenden kurdischen Arbeiterpartei (PKK) verstärkt. Die PKK kämpfte über drei Jahrzehnte lang für einen unabhängigen Kurdenstaat in der Region, bis ihr Führer Abdullah Öcalan im Mai einen Waffenstillstand mit der Türkei erklärte. Die kurdischen Kämpfer sind erfahren und gut ausgebildet.
In ihren Reihen kämpfen auch Frauen, was für die Islamisten undenkbar ist. Sie wollen das weibliche Geschlecht als Mutter im Haus und am Herd sehen. Schon gar nicht an der Front und das auch noch unverschleiert, wie es die kurdischen Frauen sind. "Wir sind völlig gleichberechtigt", sagt Rocan, eine kurdische Kommandeurin. Die 27-Jährige hat im Iran, im Irak und in der Türkei gekämpft. Im Alter von 14 Jahren trug sie zum ersten Mal eine Waffe. Heute befehligt sie in Aleppo eine Frauenbrigade mit 100 Kämpferinnen.
Die türkische PKK sowie ihr syrischer Ableger Pyd sind politisch links und säkular orientiert. Die Präsenz von radikal-islamistischen Gruppen wurde in den von Kurden kontrollierten Gebieten während des Bürgerkriegs nie geduldet. Man versteht die islamistische Vision eines Kalifats auf der Basis des islamischen Rechts der Scharia als Bedrohung der kulturellen Identität und Freiheit des kurdischen Volkes.

Es geht auch um Ölfelder

Der Konflikt zwischen beiden Parteien hat jedoch nicht nur ideologische Gründe. Es geht auch um die Sicherung von Ressourcen. In den Kurdengebieten im Nordosten liegen die großen Ölfelder von Rmeilan und Suweidiah. Bei den gestiegenen Benzinpreisen sichern sie Einkünfte in Millionenhöhe. Damit kann man die eigene Bevölkerung unterstützen, aber natürlich ebenso Waffen und Munition kaufen. Islamistische Gruppen versuchten mehrfach, diese Ölfelder einzunehmen.
Daran beteiligt waren nicht nur Dschabhat al-Nusra und Isis, sondern auch Ahrar al-Scham, die wohl größte radikal-islamistische Organisation in Syrien. Die Freien Männer Syriens gehören nicht zu al-Qaida, wollen aber ebenfalls die Herrschaft eines Emirs in einem Kalifat.
Dschabhat al-Nusra und Isis haben bereits Ölfelder in der Nähe der Stadt Deir Zor im Osten Syriens besetzt. Sollten sie auch noch die kurdischen Ölquellen erobern, würden sie einen beträchtlichen Anteil des gesamten Benzinmarktes in Syrien kontrollieren.
Die Islamisten mögen ideologisch wirr und fern jeder Realität erscheinen, was aber die Kriegs-Ökonomie betrifft, sind sie clever. In Aleppo besetzten sie reihenweise Fabriken. Wenn Unternehmen nicht rentabel gemacht werden konnten, verkaufte man den Maschinenpark in die Türkei.

Der Brotmangel dient nur als Vorwand

Als in Aleppo Brotmangel herrschte, übernahm Dschabhat al-Nusra die Organisation der Bäckereien. Die Menschen bekamen wieder Brot, aber dafür kontrollierten sie die Getreideernte und die Produktion von Mehl. "Sie sind sehr gute Kämpfer", sagt Abu Ali, ein FSA-Kommandant in Aleppo. "Aber sie bestehlen und plündern das syrische Volk nach Strich und Faden. Sie wollen sich ökonomisch unabhängig machen und dabei ist ihnen jedes Mittel Recht."
Andere Gruppen, die aus ihrer Ablehnung der Islamisten keinen Hehl machten, verschwanden von einem Tag auf den anderen. Sie wurden der Korruption beschuldigt, ihre Führer verhaftet und die Waffen beschlagnahmt. "Nachdem wir Assad besiegt haben, müssen wir diese Islamisten bekämpfen", erklärt Abu Ali nachdenklich, aber bestimmt. "Da bleibt uns keine Wahl, wenn wir Demokratie wollen."
Die Kurden haben diesen Kampf jetzt schon aufgenommen. Es ist der erste, erklärte Krieg unter den Rebellen – die erste Front entlang ethnischer Linien. Gleichzeitig hat die Pyd hat eine autonome Verwaltung in den von ihr kontrollierten Gebieten angekündigt.
Die Türkei wollte ein staatsähnliches Gebilde der Kurden an ihrer Südgrenze nie tolerieren. Trotzdem wurde Saleh Muslim, der Führer der Pyd, für zweitägige Gespräche nach Istanbul eingeladen. Der Besuch zeigt, wie schnell aus Gegnern Freunde werden können, wenn es plötzlich einen großen gemeinsamen Feind gibt.