Mittwoch, 28. August 2013

Die Nacht des Angriffs

Nicht nur syrische Rebellen, auch Paris und London werfen dem Assad-Regime vor, die Bevölkerung mit Chemiewaffen attackiert zu haben. Unser Autor hat mit Augenzeugen aus der betroffenen Region gesprochen Von
Frau Hammoudi bringt ihre beiden Töchter am frühen Abend zu Bett. Danach sitzt sie mit ihrem Mann bei Kerzenlicht zusammen. Elektrizität gibt es in Zamalka am Rande der syrischen Hauptstadt Damaskus seit acht Monaten nicht mehr. In der Ferne sind wie üblich Schüsse und Artilleriefeuer zu hören. Irgendwo da draußen ist ihr Sohn, der mit den Rebellen gegen Präsident Baschar al-Assad und sein verhasstes Regime kämpft. Kurz vor Mitternacht gehen die Eheleute schlafen. Um 01.40 fallen die ersten Raketen. Eine von ihnen geht in unmittelbarer Nähe ihrer Wohnung unweit der Grundschule von Zamalka nieder, ihr Sprengkopf soll mit einem tödlichen Gas gefüllt gewesen sein. "Wir haben sie erst zwei Tage später gefunden", erinnert sich Mahmud, ein freiwilliger Helfer. "Kinder, Vater, Mutter, alle lagen noch in ihren Betten." Bis heute finde man noch Tote in ihren Wohnungen. "Ein schrecklicher Anblick, wie die Menschen mitten im Schlaf in den Tod gerissen wurden."
Die Hammoudis gehören zu den mehr als 1000 Menschen, die nach Angaben der Rebellen in der Nähe von Damaskus am frühen Mittwochmorgen durch Chemiewaffen der syrischen Armee getötet worden sein sollen. Die hohe Opferzahl erscheint realistisch, glaubt man den Videos, die die syrische Opposition im Internet veröffentlichte (s. Beisteller). In den beiden hauptsächlich betroffenen Vororten Zamalka und Ein Tarma sieht man in Garagen, Moscheen oder unfertigen Neubauten Hunderte von Leichen dicht nebeneinanderliegen, darunter viele Kinder. Dazwischen bahnen sich Überlebende vorsichtig auf Zehenspitzen ihren Weg. Voller Angst suchen sie nach vermissten Angehörigen und Freunden. Es sind erdrückende Bilder, die nach dem mutmaßlichen Chemiewaffenangriff der Regierungstruppen an die Weltöffentlichkeit gelangten.
Wie viele Menschen tatsächlich in der Region ums Leben kamen, ist noch unklar. Die Toten werden möglichst schnell begraben, viele von ihnen wurden vorher nicht identifiziert. Aufklärung könnten Inspekteure der Vereinten Nationen leisten, die seit dem 18. August in Damaskus weilen. Sie sollen Untersuchungen an drei Orten durchführen, an denen in den vergangenen Monaten bereits chemische Waffen eingesetzt worden sein sollen. Rebellen und syrische Regierung beschuldigen sich gegenseitig. Der französische Außenminister Laurent Fabius wirft dem Regime vor, bei dem jüngsten Angriff Chemiewaffen eingesetzt zu haben. Zuvor hatte der britische Außenminister William Hague erklärt, er gehe davon aus, dass der mutmaßliche Giftgasangriff auf das Konto Assads geht. Viel hängt davon ab, ob das UN-Team auch nach Zamalka und Ein Tarma reisen darf. Selbst Russland, neben dem Iran der stärkste Unterstützer Assads, fordert eine Untersuchung.
Das US-Militär geht derzeit seine Optionen für ein Eingreifen in Syrien durch. Präsident Barack Obama habe eine entsprechende Anfrage gestellt, sagte Verteidigungsminister Chuck Hagel. Ein Mitarbeiter des Ministeriums erklärte, die USA verstärkten ihre Flotte im Mittelmeer um einen vierten, mit Marschflugkörpern ausgestatteten Zerstörer. Es gebe aber bisher keine Anweisungen, ein militärisches Vorgehen in Syrien vorzubereiten. Laut CNN wurde die Liste von Zielen für mögliche Luftangriffe aktualisiert. Die Planungen würden die Verwendung von Marschflugkörpern einschließen. Auch der US-Sender CBS berichtete von Pentagon-Planungen für einen Cruise-Missile-Angriff auf die syrischen Regierungstruppen.
Für die Bewohner der beschossenen Gegenden ist all dies nur ein winziger Trost. Für sie war der 21. August ein Tag des Horrors, den sie, wie sie sagen, nie vergessen könnten. "Wir waren zu Hause, als wir Mörsergranaten einschlagen hörten", berichtet ein Familienvater, der seinen Namen nicht nennen möchte. "Ich lief zu den Nachbarn, die um Hilfe riefen. Die Frau lag am Boden, und die Kinder lagen im Sterben. Mir wurde schwindelig und ich musste mich übergeben. Ich kroch auf allen vieren nach draußen auf die Straße." Dort hätten Menschen schreiend auf dem Boden gelegen, mit weit aufgerissenen Augen, gelblichen Gesichtern und offenen Mündern, inmitten von Dutzenden von Toten. Abu Skar, ein Sanitäter, berichtet: "Irgendein Gas, das einen verdorbenen Geruch hatte, verbreitete sich schnell. Viele Leute wurden bewusstlos, vollkommen paralysiert, hatten starke Kopfschmerzen und konnten nicht mehr richtig sehen. Ich habe insgesamt 370 Personen zu verschiedenen Notfallkliniken in der Umgebung gebracht." Ein anderer Sanitäter, der anonym bleiben möchte, erzählt, er und seine Kollegen hätten nur die Lebenden aus den Wohnungen und Häusern holen können. "Es waren überall viel zu viele Tote. Alle Tiere, die wir sahen, waren tot."
Die Kämpfe am östlichen Rand der Hauptstadt gehen unvermindert weiter. Die syrische Armee versucht mit allen Mitteln, diese strategisch wichtige Gegend von den Rebellen zurückzuerobern. Seit sechs Monaten stehen die Bewohner unter Belagerung. "Es gibt kein Brot, kaum Lebensmittel, keine Elektrizität und Wasser höchstens ein, zwei Stunden am Tag", sagt Tarek, der eigentlich Englischlehrer ist. "Alles, selbst Medikamente für die Zivilbevölkerung, muss eingeschmuggelt werden." Heute hilft der 30-Jährige in einer improvisierten Notfallklinik der Rebellen. "Wir leben hier in der Hölle. Ständig werden wir mit Artillerie beschossen und von Kampfflugzeugen bombardiert. Wir haben keinen Tag Ruhe." Für Tarek ist klar, warum es bei dem mutmaßlichen Chemiewaffenangriff so viele Opfer gegeben hat. "Die betroffenen Städte waren voll von Flüchtlingen", sagt er – aus den zehn Dörfern, die die Regierungstruppen in den vergangenen Wochen zurückerobert hatten. "Sonst gibt es hier nicht mehr viele Menschen. Nur wer kein Geld hat oder ein Familienmitglied, das mit den Rebellen kämpft, bleibt. Alle anderen sind verschwunden."
Von der UN-Kommission erwartet Tarek wenig: "Selbst wenn sie Beweise für den Einsatz von Chemiewaffen finden, wird es das Abschlachten des syrischen Volkes nicht stoppen." Der Bürgerkrieg sei zu einem Stellvertreterkrieg ausländischer Staaten mutiert. "Man muss sich nur hier umschauen", erklärt Tarek verbittert. "Die Rebellengruppen sind uneinig, jeder besteht auf seiner politischen Agenda. Ihr Geld und ihre Direktiven bekommen sie aus den arabischen Golfstaaten oder von Sunniten aus dem Libanon." Auf der Regierungsseite sei es nicht anders. "Der Iran und Russland lassen das Regime für ihre regionalen Interessen kämpfen und werden eine mögliche militärische Intervention in Syrien nie dulden." Auf der Strecke bliebe dabei das Volk. "Wir werden benutzt, und ein Ende ist nicht in Sicht – egal, was das UN-Team herausfinden wird."
In anderen syrischen Städten bereiten sich die Rebellen auf das Schlimmste vor. "Krankenhäuser und Notambulanzen rüsten sich für einen chemischen Angriff", sagt Abu Ali, ein Kommandant in Aleppo. Vor einigen der Krankenhäuser in der Industriemetropole im Norden Syriens stehen große Zelte aus dicken Plastikplanen für die Aufnahme kontaminierter Patienten. "Für unser Personal steht moderne Schutzkleidung zur Verfügung, und wir machen regelmäßig Übungen für den Fall eines Chemiewaffenangriffs", sagt der Direktor eines Privatkrankenhauses, der seinen Namen und den des Hospitals aus Angst vor möglichen Bombenangriffen der syrischen Luftwaffe nicht nennen will. Atropin sei in großen Mengen vorhanden; es wird als Gegenmittel zu Nervengasvergiftungen injiziert. Kommandant Abu Ali sagt, überraschend sei das Gas-Massaker von Damaskus nicht gekommen. "Wir kennen das Regime, es mordet ohne Rücksicht seit mehr als zwei Jahren und trägt die Verantwortung für mehr als 100.000 Tote." Ein Massaker mehr oder weniger sei da nichts Neues.

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