Samstag, 14. Dezember 2013

"Am Ende hat er mich doch leben lassen"

Werde ich je wieder nach Hause zurückkehren können? Diese Frage haben sich seit 2002 mindestens 124 Deutsche gestellt – sie wurden im Ausland gekidnappt. Vom Hoffen, Bangen – und dem Leben danach. Von Alfred Hackensberger und Philipp Hedemann

Entführt in Afghanistan: Die italienische Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation, Clementina Cantoni, wurde 2005 in Kabul gekidnappt. Nach 24 Tagen in Geiselhaft wurde sie freigelassen
Foto: picture alliance/ dpa/dpaweb Entführt in Afghanistan: Die italienische Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation, Clementina Cantoni, wurde 2005 in Kabul gekidnappt. Nach 24 Tagen in Geiselhaft wurde sie freigelassen

Es sollte die schönste Zeit des Jahres werden: Urlaub, Abenteuerurlaub. Doch es endete in einem Albtraum. Auf einer Fahrt durch die äthiopische Danakil-Wüste, berühmt für einen riesigen Salzsee und einen der aktivsten Vulkane der Welt, geschieht das Unvorstellbare: Zwei Reisegruppen werden von muslimischen Rebellen überfallen.
Drei Touristen und zwei ungarische Forscher werden erschossen. Vier Geiseln nehmen die Rebellen mit. Unter den Verschleppten ist die Deutsche Bianca Irmer. Für sie beginnt die schrecklichste Zeit ihres Lebens. Über Wochen verfolgen die heute 40-Jährige die immer gleichen Fragen: "Werde ich je wieder nach Hause zurückkehren können? Ist das hier mein Ende und werde ich womöglich in dieser kargen Gegend einfach verscharrt?"
Bianca Irmer ist eine von 124 Deutschen, die seit 2002 im Ausland gekidnappt wurden. 124 Schicksale, die sich in die Reihe von Tausenden von Menschen aus verschiedensten Ländern einreihen, die weltweit von einem Moment auf den anderen gewaltsam aus ihrem Leben gerissen wurden. Nur deswegen, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Fast täglich gibt es neue Fälle. Erst am Dienstag wurde bekannt, dass zwei spanische Journalisten in Syrien entführt wurden, vier syrische Menschenrechtaktivisten wurden Anfang der Woche verschleppt.


Bianca Irmer wurde in der Danakil-Wüste in Äthiopien entführt. Eigentlich wollte sie sich hier erholen
Foto: Infografik Die Welt  
Bianca Irmer wurde in der Danakil-Wüste in Äthiopien entführt. Eigentlich wollte sie sich hier erholen
Hunderte sind in diesem Moment in Kellerlöchern und winzigen Zellen eingesperrt, werden in Höhlen und Zelten in der Wüste versteckt. Entführungen sind ein Martyrium. Sie hinterlassen ein Trauma, das keines der Opfer vergessen kann. Was sind das für Gefühle, die die Entführten emotional überwältigen und wie gehen sie damit um?

"Sternschnuppen habe ich als Zeichen Gottes gedeutet"

Bianca Irmer hat in der Zeit als Geisel "oft in die Sterne geguckt", wie sie heute erzählt. Fast zwei Jahre sind seit den qualvollen Ereignissen vergangen. "Sternschnuppen habe ich als Zeichen Gottes gedeutet, mit denen er mir sagen wollte: Bald ist es vorbei." Sie habe ihre Angst runtergeschluckt oder sie manches Mal auch "abgeweint".
Zu den Entführern versuchte sie eine Beziehung aufzubauen. Sie wollte kein "Nullnummer" darstellen, sondern begreiflich machen, dass sie ein Mensch mit Gefühlen und Bedürfnissen ist. "Ich war völlig machtlos und ausgeliefert, aber ich versuchte im Rahmen meiner Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen", erzählt Irmer. "Wenn ich Zigaretten wollte, habe ich es gesagt, und sie bekommen. Wenn ich etwas anderes essen wollte, haben sie mir etwas anderes gekocht. Das gab mir in meiner Ohnmacht das Gefühl, zumindest ein kleines bisschen die Kontrolle über mein eigenes Leben zu haben."


Bianca Irmer am Lake Gemeri in Äthiopien. Zwei Tage später wurde sie in der Danakil-Wüste entführt
Foto: Privatbesitz  Bianca Irmer am Lake Gemeri in Äthiopien. Zwei Tage später wurde sie in der Danakil-Wüste entführt 
 
Die Deutsche arbeitete gegen die Gefühle und Kränkungen an, die typisch für Entführungsopfer sind. "Angst und Hilflosigkeit sind vorherrschend, auch Todesangst", erklärt Christian Lüdke, Psychotherapeut und Traumaexperte, der seit 15 Jahren Entführungsopfer betreut. Als besonders schlimm werde die schutzlose Preisgabe der Persönlichkeit empfunden, die Kontrollverluste und Handlungsunfähigkeit.
"Das grundlegende Sicherheitsgefühl ist weg und der Glauben an die Welt und die Menschen massiv erschüttert." Man ist daran gewöhnt, liest es in der Zeitung oder sieht es im Fernsehen: Schlimme Dinge passieren nur den Anderen. Aber trifft das Unglück plötzlich einen selbst, ist das wie ein Schock. "Die Folge ist eine schwere seelische Belastungsreaktion", sagt der 53-jährige Mediziner. "Man erleidet fast immer ein Trauma."

Unterstützung von Freunden und Familie ist entscheidend

Bianca Irmer kam nach 52 Tagen frei. Ein Lösegeld soll nicht bezahlt worden sein. Fünf Monate nach ihrer Freilassung nahm sie wieder ihre Arbeit als leitende Angestellte einer Jugendhilfeeinrichtung auf. Sie scheint wieder ein normales Leben zu führen und leidet nach eigenen Angaben nicht unter Spätfolgen.
"Mir hat es sehr geholfen, während der Gefangenschaft Tagebuch zu schreiben", hält sie rückblickend fest. "So konnte ich die Situation von Anfang an verarbeiten. Vielleicht ist das ein Grund, warum ich heute nicht von Albträumen oder Panikattacken gequält werde."
Es kann auch einfach daran liegen, dass Irmer, die aus Osnabrück stammt, von Familie und Freunden unterstützt wird. Das seien zwei entscheidende Faktoren für die Aufarbeitung eines Traumas, wie Christian Lüdke betont, der einen Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Köln inne hat.
"Je zufriedener ein Mensch mit sich und seinem Leben ist, beruflich wie privat, desto günstiger die Prognose", sagt der Experte. Hinzukomme die Wertschätzung von Außen, wie internationale Studien deutlich zeigten.

"Sie drohten mich zu enthaupten"

Durch das Schreiben will auch Joanie de Rijke, eine niederländische Journalistin, über ihr Trauma hinweggekommen sein. In Afghanistan wollte sie den Anführer einer Gruppe von Taliban interviewen, die kurz zuvor zehn französische Soldaten getötet hatte. Anstatt ein Interview zu geben, kidnappten sie de Rijke. Auch sie fühlte Verzweiflung und Todesangst. "Sie drohten mich zu enthaupten", berichtet die Reporterin. "Gleichzeitig war ich unglaublich verärgert. Aus Frustration und Ohnmacht, weil die Entführer mit ihren Waffen die absolute Macht hatten."
In ihrer Gefangenschaft wurde die damals 43-Jährige vergewaltigt. "Der Kommandant lag nachts neben mir", erinnert sich de Rijke. "Wir schliefen draußen, hoch oben in den Bergen". Auf einer Seite sei ein riesiger Felsen gewesen und zu ihren Füßen eine Schlucht. "Er packte mich am Hals, drückte zu und ich konnte nicht mehr atmen."
Vergewaltigung im Entführungsfall bedeutet eine Verschärfung des Traumas. Nur der Tod würde diese Demütigung noch übertreffen, beschreibt es der Psychotherapeut Lüdke. "Menschen, entführt und vergewaltigt, werden aufs brutalste erniedrigt und in ihrer Persönlichkeit zerstört."

"Ich hab es mir vom Leib geschrieben"

De Rijke kam nach einer Woche bereits wieder frei. Die Taliban hatten ein Lösegeld von umgerechnet 100.000 Euro akzeptiert, nachdem sie über eine Million gefordert hatten. "Mir geht es sehr gut und ich habe keinerlei Trauma", versichert die 47-Jährige heute, die über ihre Zeit in den Händen der Taliban ein Buch veröffentlicht hat. Mittlerweile ist sie wieder als Reporterin in Krisengebieten unterwegs.
"Beim Schreiben fühlte ich mich zuerst schlecht, weil ich die ganze Sache noch mal durchmachte", sagt sie. Aber Monate später habe sie realisiert: "Ich hab es mir vom Leib geschrieben." Von ihren Entführern, die mittlerweile in Afghanistan getötet wurden, behauptet sie, respektvoll behandelt worden zu sein.
Sie wolle die Taliban nicht als Monster darstellen. Sie sei auch dem Kommandanten nicht böse, der sie vergewaltigt und sie zum gemeinsamen Sex mit seiner Frau eingeladen hatte. "Am Ende hat er mich doch leben lassen."

Nach Freilassung drohen Flashbacks

Einige niederländische Zeitungen unterstellten de Rijke unter dem Stockholm-Syndrom zu leiden. Man versteht darunter eine positive emotionale Beziehung, die bis zur Solidarität mit den Tätern gehen kann. Ein Phänomen, das zum ersten Mal im August 1973 bei einem Banküberfall in Stockholm beobachtet wurde. 131 Stunden waren die Geiseln in der Macht der Bankräuber.
De Rijke weist ein Stockholm-Syndrom weit von sich. "Ich war nur sieben Tage entführt und in dieser kurzen Zeit kann man keine emotionale Beziehung herstellen, durch die man eine Gehirnwäsche bekommen könnte." Für den Trauma-Spezialisten Lüdke scheint es eine typische Reaktion zu sein: "Es ist eine paradoxe Dankbarkeit durch erzwungene Nähe und erzwungene Intimität."
Das Martyrium der Entführungsopfer, wenn sie nach Tagen, Monaten oder oft auch erst nach Jahren freikommen, steht im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Dabei leiden die nahen Angehörigen, Eltern, Ehefrau oder Ehemann sowie die Kinder nicht minder unter der Entführung.
"Sie können die gleichen Gefühle erleben", sagt Lüdke. "Man nennt es die sekundäre Traumatisierung." Dazu gehörten sogenannte Flashbacks, negative Erinnerungsbilder, starke Schlafstörungen und Schmerzsymptome, die den Alltag beeinträchtigen.

Hoffnung ist das Einzige, was den Angehörigen bleibt


Der französische Fotoreporter Nicolas Hénin wird vermisst – in Syrien wurde er verschleppt
Foto: AP Der französische Fotoreporter Nicolas Hénin wird vermisst – in Syrien wurde er verschleppt 
 
Die Eltern von Nicolas Hénin müssen erleben, was das bedeutet. Ihr Sohn wurde am 7. November 38 Jahre alt. Zu feiern gab es allerdings nichts. Denn der französische Journalist wurde am 22. Juni in Syrien von islamistischen Rebellen entführt. Hénin ist einer von insgesamt 60 Pressevertretern, die dort gekidnappt wurden oder verschwunden sind.
Syrien ist derzeit das gefährlichste Land für Journalisten. Wo der Franzose gefangen gehalten wird, weiß man nicht. "Das letzte Lebenszeichen haben wir Mitte August erhalten", sagt Vater Pierre-Yves Hénin. "Das macht uns Hoffnung". Hoffnung ist das Einzige, was den Angehörigen bleibt. Sonst würden sie von der Ungewissheit und Ohnmacht innerliche zerrissen.
Denn viel kann der Vater von Nicolas nicht tun. Im Unterschied zu gängigen Entführungsfällen stellen radikal-islamistische Gruppen in Syrien keine Forderungen. Dies ist auch im Falle von Nicolas so. "Natürlich fühlen wir uns hilflos", gibt Pierre-Yves Hénin zu. "Wir hoffen, eine gewisse Öffentlichkeit für unseren Sohn mobilisieren zu können."

Mit Luftballons versuchen Freunde und Familie von Nicolas Hénin auf die Entführung des Journalisten aufmerksam zu machen
Foto: Reuters Mit Luftballons versuchen Freunde und Familie von Nicolas Hénin auf die Entführung des Journalisten aufmerksam zu machen 
 
Die Eltern von James Foley, einem US-Journalisten, der vor einem Jahr in Syrien spurlos verschwunden ist, versuchen das gleiche. Sie treten in TV-Shows auf, sprechen mit Diplomaten und machen im Internet auf den Fall ihres Sohnes aufmerksam. Es vergeht kein Tag, an dem sie nicht mit dem Schicksal von James beschäftigt sind.
Auch ihr Sohn hatte kürzlich Geburtstag. Es war sein 40ster. Es sind Tage wie diese, die innerlich Schmerzen bereiten und die Sorge noch einmal wachsen lassen. Nur die Hoffnung trägt sie weiter, die Erwartung, ihren Sohn bald wieder in die Arme nehmen zu können. Eine Hoffnung, die sie sich wohl mit allen anderen Angehörigen von Entführungsopfern teilen. Wann geht dieser Albtraum nur zu Ende?

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