Dienstag, 21. Mai 2013

"Amerika wird sich der Faktenlage anpassen"

In einem Interview hat sich Syriens Präsident Baschar al-Assad kompromisslos gegeben. Das syrische Militär lässt Taten folgen und erobert eine strategisch wichtige Stadt von den Rebellen zurück. Von

Baschar al-Assad im Gespräch mit Journalisten derargentinischen Zeitung „Clarín“
Foto: AP Baschar al-Assad im Gespräch mit Journalisten derargentinischen Zeitung "Clarín"

Die Hälfte des Landes ist nicht mehr unter seiner Kontrolle, aber Baschar al-Assad ist zuversichtlich. In einem seltenen Interview mit internationalen Medien gab sich der syrische Präsident souverän und denkt auch nach über zwei Jahren Bürgerkrieg nicht an einen Rücktritt. "Ich stehe zu meiner Verantwortung wie ein Kapitän eines Schiffs im Sturm", sagte Assad im Gespräch mit der argentinischen Zeitung "Clarín".
"Was würde man über einen Kapitän denken, der in einer Notsituation Schiff und Mannschaft im Stich lässt?" Der Präsident will unter allen Umständen bis zu den Wahlen 2014 im Amt bleiben.
Assad machte nicht den Eindruck, als würde er mit dem Rücken zur Wand stehen. Im Gegenteil: Er zeigte sich als Staatsoberhaupt, dem noch alle Optionen offenstünden. Mit Skepsis beurteilte er die für Juni in Genf geplante internationale Friedenskonferenz. Man würde zwar alle Initiativen begrüßen, aber Realismus sei angebracht. "Es kann keine unilaterale Lösung in Syrien geben", meinte der Präsident, der 2000 das Amt nach dem Tod seines Vaters übernommen hatte. "Man braucht mindestens zwei Parteien dazu."
Bisher würde der Westen nur die Rebellen als Partner akzeptieren, aber nicht ihn und die syrische Regierung. Ohnehin sei klar, so Assad weiter, dass "nicht viele westliche Staaten wirklich an einer Lösung in Syrien interessiert sind". Wie sollte das auch gehen, wenn man Terroristen aus 29 verschiedenen Ländern unterstütze, die in Syrien als Teil der Rebellen kämpften.
Syrien

Assad fühlt Oberwasser

Man konnte es Assad deutlich ansehen: Er fühlt, wie schon lange nicht mehr, Oberwasser. Die Rebellen diskreditierten sich unlängst wieder mehrfach selbst in der Weltöffentlichkeit. Sie drehten ein Kannibalismusvideo mit dem Aufruf zu ethnischen Säuberungen. Die radikal-islamische Gruppe von Dschabat al-Nusra exekutierte im Stadtzentrum von Ar-Rakka als Racheakt drei vermeintliche Regimesoldaten. Sie firmierte dabei erstmals unter dem neuen, von Al-Qaida-Chef Aiman al-Sawahiri gegebenen Namen des "Islamischen Staats im Irak und Syrien".
Aber viel wichtiger für Assad und sein Regime: Die vor zwei Monaten angekündigte Offensive der syrischen Armee ist auf dem besten Wege, ein Erfolg zu werden. Sie könnte die seit einem Jahr bestehende militärische Pattsituation zwischen beiden Konfliktparteien zugunsten des Regimes verändern. Es wäre eine entscheidende Trumpfkarte bei zukünftigen Friedensverhandlungen, wie Assad selbst gegenüber einer Delegation von libanesischen Politikern in Damaskus versichert haben soll.
"Das Schlachtfeld entscheidet, wer eine starke Position bei Verhandlungen hat", soll der Präsident den Besuchern gesagt und angefügt haben: "Amerika ist pragmatisch. Wenn sie sehen, dass sie verloren haben und das Regime der Gewinner ist, werden sie sich dieser Faktenlage anpassen."

"50 Granaten pro Minute"

Wahrscheinlich hat Assad damit nicht ganz unrecht. Selbst in Israel, wie vor Tagen inoffiziell aus Regierungskreisen gemeldet wurde, würde man den noch amtierenden Präsidenten gerne weiter im Amt sehen. Ein säkularer Regierungschef, der die extremistischen Islamisten bekämpft, einen Taliban-ähnlichen neuen Staat und Angriffe der Radikalen auf Israel verhindert, scheint eine vermeintlich gute Option zu sein. Erst dachten viele, die von den syrischen Staatsmedien verkündete Offensive sei nur Propaganda. Die syrische Armee ist jedoch tatsächlich auf dem Vormarsch.
Sie hat die Einkesselung von Daraa gebrochen und den Nachschubweg in die Grenzstadt zu Jordanien wiederhergestellt. Von Daraa aus hätten die Rebellen einen entscheidenden Vorstoß auf die nur 120 Kilometer entfernte Hauptstadt von Damaskus unternehmen können. Von immenser strategischer Bedeutung ist die Stadt Kusair, die nur wenige Kilometer von der libanesischen Grenze entfernt liegt. Sie ist seit über einem Jahr umkämpft.
In der vergangenen Woche wurden einige in der Umgebung von Kusair liegende Dörfer, die von den Rebellen kontrolliert wurden, von der syrischen Armee zurückerobert. In der Nacht zu Sonntag begann dann die große Offensive mit Artilleriebeschuss auf die normalerweise 80.000 Einwohner große Stadt. "50 Granaten pro Minute" sollen laut Medienaktivisten der Rebellen stundenlang niedergegangen sein. Am Montag meldete die syrische Nachrichtenagentur Sana, dass der Ort in der Hand des Regimes sei und "die Armee wieder Sicherheit und Stabilität" hergestellt habe. Rebellen behaupteten jedoch, rund 1000 Kämpfer würden weiterhin Widerstand leisten.

Hisbollah ist im Straßenkampf erfahren

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Kusair vom Regime vollständig eingenommen ist. Die Rebellen sind dann von ihrem Nachschubweg aus dem benachbarten Libanon abgeschlossen. Auch im 40 Kilometer entfernten Homs wird es eng für sie: Seit fast einem Jahr sind die Rebellen in der Stadt eingeschlossen. Ihnen wird sehr bald die Munition ausgehen, und sie werden sich zurückziehen müssen. Die gesamte Provinz Homs wäre unter der Kontrolle des Regimes, und die Zufahrtswege an die Mittelmeerküste nach Tartus und Lattakia wären gesichert.
Die Erfolge der syrischen Armee sind ohne Beteiligung der libanesischen Hisbollah nicht denkbar. Elitetruppen der schiitischen Miliz kämpfen seit Januar Seite an Seite mit der Armee in Kusair und Daraa. Die Hisbollah ist im Straßenkampf erfahren. Ein entscheidendes Element, das der syrischen Armee bisher fehlte und sie deshalb immer wieder scheitern ließ. Mehr als 20 Kämpfer soll die Hisbollah allein am vergangenen Wochenende verloren haben. Das zeigt, dass sie an vorderster Front kämpft.
Sehr wahrscheinlich sind auch schiitische Milizen aus dem Irak beteiligt. Mindestens 500 Mann sollen von der irakisch-schiitischen Asaib Ahl al-Hak und der Hisbollah in Syrien sein, die vom Iran militärisch ausgerüstet werden, berichtet der amerikanische Thinktank Institute for the Study of War. Die Koordination übernehmen Offiziere der Al-Kuds-Eliteeinheiten der iranischen Revolutionären Garden.

Kontrolle zentraler Regionen

Der Iran soll auch für die neue Militärstrategie Syriens verantwortlich sein, wie der neueste Bericht des Institute for the Study of War besagt. Etwa 50.000 Mann starke paramilitärische Einheiten kämpfen heute an der Seite der syrischen Armee, die der Iran im Laufe des vergangenen Jahres ausgebildet und bewaffnet haben soll.
Der überwiegende Teil dieser Truppen sind nicht Sunniten wie die Rebellen, sondern rekrutieren sich aus Schiiten oder Alawiten, zu denen auch Präsident Assad gehört. Sie sind verlässlicher und motivierter als die Armee mit einem hohen Anteil an Sunniten.
Die Strategie des Regimes scheint die Kontrolle entscheidender zentraler Regionen. Wie in Kusair oder Daraa wird mit höchstem militärischem Aufwand vorgegangen, während man andere Gebiete vorerst vernachlässigt.

Freitag, 17. Mai 2013

Wie weit der Krieg in Syrien noch geht

Ein verstörendes Video wirft ein neues Licht auf Syrien. Es zeigt einen Fall von Kannibalismus. Unser Reporter kennt diesen Konflikt. Er sucht im Kriegsgebiet nach einer Erklärung. Von
Bilder des Krieges in Syrien
Foto: REUTERS
Leidtragende des Konflikts sind nicht zuletzt die Kinder, wie dieses hier in Aleppo. In der Nähe von Damaskus geriet sogar ein SOS-Kinderdorf zwischen die Fronten.

Gott segne dich! Du zeichnest ihm ja ein Liebesherz auf die Brust", witzelt der Kameramann. Aber zum Lachen ist das knapp eine Minute lange Video nicht. Es ist eines der abscheulichsten Dokumente des seit über zwei Jahren dauernden Bürgerkriegs in Syrien. Ein Rebellenkommandeur schneidet innere Organe aus dem toten Körper eines Regierungssoldaten.
"Ich schwöre zu Gott", sagt er in die Kamera, "ihr Hunde von Baschar al-Assad, wir werden von euren Herzen und Lebern essen. Oh, ihr Helden von Baba Amr, ihr werdet die Alawiten schlachten und ihre Herzen essen." Die umstehenden Männer rufen wieder und wieder: "Gott ist groß!" Dann beißt der Kommandeur in eines der Organe, die er in den Händen hält.
Es ist ein Video, das weltweit Entsetzen hervorruft. Leichenschändung und Kannibalismus waren aus dem syrischen Bürgerkrieg bisher nicht bekannt. Es deutet auf eine Eskalation der Gewalt hin, die besonders westliche Länder in ein Dilemma bringt. In den letzten Monaten überlegten Frankreich und Großbritannien, im Alleingang und ohne Zustimmung der EU-Partner die Rebellen mit Waffen zu beliefern. Sie hoffen, so den Bürgerkrieg, der nach UN-Angaben mehr als 70.000 Menschen das Leben kostete, schneller zu einem Ende zu bringen.
Kampf um Aleppo

Großer moralischer Druck auf den Westen

Zahlen der oppositionellen Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London sprechen sogar von 94.000 Toten, nachdem man die Opfer aus den Regierungsgebieten mit eingerechnet habe. Dazu kämen mindestens 25.000 Personen, die verhaftet, eingesperrt oder verschwunden seien. Nicht zu vergessen das Schicksal der 1,5 Millionen Flüchtlinge, die zum Teil unter verheerenden Umständen in Lagern der Nachbarländer Türkei, Jordanien und Libanon leben. Es ist ein großer moralischer Druck, der auf dem Westen lastet. Und die Rebellen verstärken ihn, indem sie immer wieder die Untätigkeit der Weltgemeinschaft beklagen.
Doch nun taucht dieses Video auf, das am 26. März in der Nähe der Stadt Kusair entstanden sein soll. Es scheint zu belegen, was das syrische Regime von Präsident Assad seit Beginn des Aufstands behauptet hat: dass es sich bei den Rebellen lediglich um "Kriminelle und Terroristen" handele, "unterstützt von al-Qaida". Darf man diese Leute, die angeblich für Freiheit und Demokratie kämpfen, noch unterstützen, wenn sie derartige Grausamkeiten begehen und offen zum Massenmord an einer islamischen Glaubensrichtung aufrufen? Oder sind solche Ereignisse zwangsläufige Erscheinungen von Bürgerkriegen? Kann man überhaupt politische Schlüsse daraus ziehen?

Patt zwischen Rebellen und Regimetruppen

Seit einem Jahr herrscht in Syrien ein Patt zwischen Rebellen und Regimetruppen. Als im Juli letzten Jahres der Sturm auf Aleppo, die Industriemetropole des Landes, begann, waren die Hoffnungen aufseiten der Rebellen groß. In wenigen Tagen eroberte man die Hälfte der größten syrischen Stadt und dachte, es würde so weitergehen. "In wenigen Wochen fällt das Regime von Assad", hörte man Menschen überall in Aleppo voller Zuversicht prophezeien.
Heute, ein Jahr und viele Tausende Tote später, ist Ernüchterung eingetreten. Trotz aller Opfer, dem Leiden von so vielen, ist Assad noch im Amt und wird es auf absehbare Zeit bleiben. Seine Truppen haben vor einem Monat eine Offensive begonnen, und sollte sie so weitergehen wie bisher, könnte sie die Machtverhältnisse in Syrien zu seinen Gunsten ändern.
Den Rebellen ist die Frustration immer deutlicher anzumerken. Sie waren im Umgang mit Gefangenen nie zimperlich. Nach ihrem Einmarsch in Aleppo folterten sie systematisch Gefangene. Viele wurden auf dem Hof einer ehemaligen Schule hingerichtet. Dort konnte man täglich sehen, wie die Einschusslöcher an der Schulhofmauer immer zahlreicher wurden. Einige Monate später erzählte ein Kommandeur, dass man keine Gefangenen mehr mache.

Das Töten ist normal geworden

Erst kürzlich habe man die Soldaten an einem eroberten Checkpoint erschossen. "Fünfunddreißig! In den Kopf!", sagte er prahlerisch zu seinem Kameraden, in dem Glauben, der Reporter aus Deutschland verstehe kein Arabisch. Er wollte nicht zeigen, wie normal das Töten für ihn geworden war. Die Abwertung menschlichen Lebens bestimmt den Krieg schon lange. Aber das Video Kusair ist etwas anderes.
Der Kommandant aus der geschmacklosen Aufnahme nennt sich Abu Sakkar, heißt jedoch in Wirklichkeit Khalid al-Hamad. Er ist einer der Gründer der Faruk-Brigaden, die mit 15.000 Mann eine der stärksten Rebellentruppen sind. Im Oktober letzten Jahres baute er seine Truppe auf und kämpft seitdem auf eigene Rechnung in der Gegend von Kusair.
Der Kommandant hat in einem Skype-Gespräch mit Journalisten des US-Magazins "Time" die Tat offen zugegeben und sie auch zu rechtfertigen versucht: "Auf dem Handy des Soldaten fanden wir ein Video von einer Mutter und ihren beiden Töchtern. Beide waren nackt, man hat sie gedemütigt und ihnen einen Stock da und dort hineingeschoben." Hamad gab weiter zu, noch ein anderes Video gedreht zu haben, in dem er ein Mitglied der Schabiha, der berüchtigten Regierungsmiliz, in "große und kleine Stücke" zersäge. Es sei doch völlig normal, dass beide Kriegsparteien solche Videos veröffentlichten – um sich gegenseitig abzuschrecken.

Angst wird zur Waffe beider Seiten

Das ist die uralte Logik der Brutalität, die sich durch die digitalen Medien exponentiell beschleunigt hat: Je länger der Kampf dauert, je mehr er zum Durchhaltekrieg wird, desto mehr wird die Angst zur eigentlichen Waffe beider Seiten. Doch weil alle zunehmend abstumpfen, müssen die Angstreize immer stärker werden, mit die Feinde einander bedrängen. Erhöht werden sie noch durch den religiösen Überbau des Kampfes, der jede Frage von Tod und Leben in den Feuerschein einer Apokalypse taucht und dadurch, das die Eskalation auf einem hohen Niveau begann. Brutalität kennzeichnet dieses Land schon lange. Seit Generationen ist Syrien buchstäblich eine Gewaltherrschaft.
Al-Hamad gibt dem Regime und dessen Gräueltaten die Schuld. Assads Foltersystem habe aus ihm gemacht, was er heute sei. "Ihr seht nicht, was wir sehen, ihr erlebt nicht, was wir erleben. Was ist aus meinen Brüdern, meinen Freunden, den Mädchen aus meinem Wohnviertel geworden, die vergewaltigt wurden?" Al-Hamad spricht von der Belagerung des Stadtteils Baba Amr in Homs durch die syrische Armee. Sie dauerte von Februar bis Mai 2012, und das gesamte Viertel wurde dabei in Schutt und Asche gelegt. Hunderte von Zivilisten und Kämpfern kamen ums Leben.

Auge um Auge, Zahn um Zahn

Der Kommandeur will mit seinem Rachefeldzug nicht aufhören. Nach dem Massaker in der Nähe von Baniyas, bei dem bis zu 800 Sunniten von Regimemilizen Anfang Mai hingeschlachtet worden sein sollen, schwor al-Hamad: "Unser Prinzip lautet Auge um Auge, Zahn um Zahn."
In seiner rigorosen Brutalität mag der Kommandant der Faruk-Brigaden ein Einzelfall sein. Aber sein Gut-und-Böse-Schema ist gefährlich, und viele andere Rebellenkämpfer haben das längst verinnerlicht. "Wir freuen uns schon, wenn wir die Alawiten-Gebiete in Latakia und Tartous erobern", sagen viele Rebellen wenn sie über ihren Kampf gegen die einstige Elite-Minderheit reden, zu der Assad gehört. Und dabei fahren sie sich mit der Handkante quer über den Hals. Der Krieg, das Blut, die Leichen lassen die Menschen abstumpfen.
Vielleicht kann man nur so zwei Jahre Bürgerkrieg durchstehen, in dem man jeden Tag mehrmals dem Tode um Haaresbreite entrinnt. Auch auf der anderen Seite, bei der syrischen Armee, gibt es die gleiche Entwicklung. Dort freut man sich über die Fotos des Armeefotografen, die eine Reihe von toten Rebellen zeigen. Schließlich seien das "Terroristen". Natürlich haben auch die Soldaten Handys erbeutet, auf denen Videos zu sehen sind, in denen ihre Kameraden misshandelt oder getötet werden.

Auch auf Zivilisten zielen sie

Wer Zivilist ist oder nicht, spielt im Bürgerkrieg längst keine große Rolle mehr – weder für das Regime, noch auf Seiten der Rebellen. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch macht al-Hamad unter anderem für den Tod eines 30-jährigen Mannes und eines 13-jährigen Jungen verantwortlich. Sie wurden beim Beschuss von schiitischen Dörfern im Bekaa-Tal getötet, den er befohlen haben soll. Es war eine Vergeltungsaktion auf Angriffe der schiitischen Hisbollah-Miliz, die auf Seiten Assads kämpft. "Wenn wir müssen, zielen wir auch auf Zivilisten", sagte Hamad. "Unsere Zivilisten sind nicht weniger wertvoll als die anderen." Ein Statement, das jeder Rebellenkämpfer unterschreiben würde. Gerade im Zusammenhang mit der Hisbollah, die ihnen allen besonders verhasst ist.
Die Truppe aus dem Libanon hat vor Wochen in die Kämpfe um Kusair eingegriffen. Sie hat der syrischen Armee bisher ungekannte Erfolge gebracht. Eine gefährliche Entwicklung, die al-Hamad und seinen Gefolgsleuten noch mehr Gründe liefert, brutaler und rigoroser gegen Armee und Zivilisten vorzugehen. Die Situation könnte sich hochschaukeln, wechselseitige Vergeltungsanschläge provozieren und einen Krieg der muslimischen Konfessionen auslösen.

Trotz Erklärungen passiert nichts

In Damaskus wurde am 2. Mai das Grab des großen schiitischen Geistlichen Hudschr Ibn-Adi geschändet. Die sunnitischen Täter sagten, es sei im Namen des Islam geschehen. Von der Führung der Freien Syrischen Armee (FSA), die sich gegenüber dem Westen als Führungskraft beweisen will, kam kaum eine nennenswerte Reaktion. Doch das Kannibalen-Video wurde in einer Erklärung missbilligt. Man werde den Urheber zur Rechenschaft ziehen. Aber dies hat die FSA bisher jedes Mal bei Menschenrechtsverletzungen behauptet, ohne dass wirklich etwas geschah. Die Führung der FSA hat im Rebellengebiet wenig zu sagen, und das wenige will man sich nicht verscherzen.
In anderen Gegenden Syriens wird man sich ungläubig abwenden von dem schrecklichen Video. In Dschebel al-Sauwia, in der Provinz von Idlib, oder in der al-Ghrab-Ebene, unweit von Hama, ist konfessioneller Hass nicht verbreitet. Hier leben Sunniten, Christen und Alawiten seit Jahrhunderten friedlich zusammen. "Und so soll es auch bleiben", sagt Abdelasis Nasrallah, der lokale Rebellenkommandeur der Kleinstadt Kalaat al-Madiq. "Wir sind mit den Alawiten in ständigem Kontakt und Christen kämpfen mit uns gemeinsam gegen Assad."
Und der Westen? Der ist bis in diese Regionen noch nicht vorgedrungen. Dort könnte er die Verbündeten finden, die er so unermüdlich sucht. Menschen, die Wahlen, Demokratie und kein islamistisches Kalifat wollen. "Wenn ich nur Waffen aus dem Westen bekäme", sagt Amjad, der Kommandeur der christlichen Brigade. "Die blieben alle bei mir und gingen ganz bestimmt nicht zu den Islamisten."

Samstag, 11. Mai 2013

Syrien, Hisbollah. Über die neue Dimension des Bürgerkriegs



Von Alfred Hackensberger
Der Sarg des Hisbollah-Kämpfers ist in die gelbe Flagge mit dem Kalaschnikow-Emblem gehüllt. Einige hundert Trauergäste marschieren bei der Prozession Anfang Mai. Vorneweg fährt ein Wagen mit grossen Lautsprechern, aus denen Koranverse dröhnen. Ein neues Bild.
Noch vor wenigen Wochen wurden Hisbollah-Kämpfer, die im syrischen Bürgerkrieg ihr Leben liessen, in aller Stille beerdigt. Die Geheimniskrämerei fand ein Ende, als Hisbollah-Generalsekretär Hassan Nasrallah im hauseigenen TV-Sender Al-Manar erklärte, die Hisbollah kämpfe ab jetzt an der Seite von Syriens Präsident Bashar Assad.
Mit seiner Ankündigung eröffnete der Libanese Nasrallah eine neue Dimension im syrischen Bürgerkrieg, der nun schon zwei Jahre währt. Die Schiitische Hisbollah kämpft nun offiziell Seit an Seit mit dem schiitischen Assad, gegen die sunnitischen Rebellen, unter denen sich viele radikale Islamisten finden. Seitdem ist der Glaubenskrieg in Syrien voll entfacht, er ist zum Stellvertreterkrieg geworden, in dem schiitische dominierte Staaten wie Iran gegen sunnitische Länder kämpfen – und droht sich über die Landesgrenzen auszuweiten.

Es geht um nicht weniger als die Existenz der Hisbollah

Die Hisbollah, übersetzt Partei Gottes, rechtfertigt ihre Präsenz in Syrien damit, dass die Rebellen Dörfer besetzen wollten, in denen Libanesen wohnen. Und dass die Rebellen das Grab und die Moschee von Seyida Zeinab, der Enkelin des Propheten Mohammed in Damaskus, zerstören wollten.
«Wenn dieser Schrein zerstört wird, läuft alles ausser Kontrolle», sagte Nasrallah. Das Grab ist ein wichtiger schiitischer Wallfahrtsort, für den viele Gläubige bereit sind, sich zu opfern. Doch natürlich geht es beim Einsatz der Hisbollah in Syrien um weit mehr.
Die Partei Gottes, die 1985 als Ableger der iranischen Revolutionsgarden während des libanesischen Bürgerkriegs gegründet wurde, ist heute ein wichtiger Macht-Faktor in der Region – dank finanzieller und militärischer Unterstützung aus Iran und Syrien.
Vom Ausgang des Bürgerkriegs in Syrien hängen Zukunft und Existenz der Hisbollah ab. Gleichzeitig steht die Rolle Irans als Machtfaktor in der Region auf dem Spiel. Damaskus ist das Bindeglied zwischen Beirut und Teheran. Ohne eine syrische Regierung, die bereitwillig alle Waffenlieferungen aus dem Iran in den Libanon weiterleitet, wird Hisbollah ihr Abschreckungspotential gegenüber Israel verlieren. Das «Projekt des Widerstands» wäre beendet. Für den Iran und die Hisbollah käme das einer Katastrophe gleich. Wie bedrohlich Israel die Einmischung der Hisbollah in den Syrien-Krieg findet, zeigte sich vergangene Woche, als israelische Kampfjets Luftangriffe auf die syrische Hauptstadt Damaskus flogen. Der Angriff Israels  zeigt, wie sehr der syrische Bürgerkrieg regionale Konflikte widerspiegelt und wie leicht er auf benachbarte Länder übergreifen kann.
Ein Beispiel dafür ist auch die Explosion mehrer Autobomben in der türkischen Grenzstadt Reyhanli gestern. Mindestens 40 Menschen starben, Dutzende wurden verletzt. Der türkische Aussenminister Ahmet Davutoglu sagte: «Das war eine Provokation und kein Zufall.» Nicht auszudenken, wenn die Türkei in Syrien militärisch eingreifen und damit womöglich einen Konflikt mit den kurdischen Milizen auslösen würde.
Mit Hilfe der Hisbollah setzte die syrische Armee derweil ihre Offensive erfolgreich fort. In der Region um die Stadt Qusair konnte sie Nachschublinien der Rebellen abschneiden. Bald will sie mit der Rückeroberung der Stadt beginnen. Für den Kampf in Syrien hat die Hisbollah eigene, syrische Milizen aufgebaut und ausgebildet, die unter ihrem Kommando eingesetzt werden. Zum Teil stammen die Kämpfer aus dem Irak und Iran.
Erst kürztlich weilte Nasrallah in Teheran. Man kann man davon ausgehen, dass es dabei Absprachen über Kontingente «freiwilliger Kämpfer» in Syrien gab. In einigen Medienberichten wird von bis zu 50000 Mann gesprochen.
Die Hisbollah-Kämpfer werden die Moral unter den Soldaten der syrischen Armee stärken. Die schiitischen Milizionäre bringen Disziplin, Erfahrung und eine ausgezeichnete Ausbildung mit. Sie sind bereit zu sterben – schliesslich befinden sie sich auf einer religiösen Mission.

Freitag, 10. Mai 2013

Das angebliche Gift im Blut der syrischen Patienten

Der türkische Premier Erdogan ist sich bereits sicher, dass Syriens Machthaber Chemiewaffen benutzt. US-Außenminister John Kerry sprach von "starken Beweisen" und einer "schrecklichen Wahl". Von

Verwundete Syrer in einem türkischen Krankenhaus
Foto: REUTERS Verwundete Syrer in einem türkischen Krankenhaus
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Rund um die Uhr stehen Notarztwagen an der türkischen Grenze bereit. "Es sind mindestens 40 Verwundete, die jeden Tag zu uns gebracht werden", sagt ein wachhabender türkischer Soldat am Grenzposten von Reyhanli, einem der größten und wichtigsten Übergänge nach Syrien. "Dort herrscht Krieg, und nur bei uns können sie richtig behandelt werden", fügt der Soldat hinzu. Seit letzter Woche wird neuerdings allen aus Syrien ankommenden Patienten eine Blutprobe entnommen. Getestet wird nach Spuren von chemischen Kampfstoffen. Man wolle mit allen erdenklichen Mitteln dabei helfen, so der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu, die Urheber von chemischen Angriffen zur Verantwortung zu ziehen.
Bisher konnten nur Spuren von Rizin gefunden werden. Ein pflanzliches Gift aus der Samenschale der Rizinusstaude, was harmlos klingt, aber als Waffe benutzt werden kann. Es sei noch zu früh, Schlussfolgerungen zu ziehen, sagte Davutoglu. "Wenn wir endgültige Resultate haben, werden wir sie öffentlich machen und die zuständigen Institutionen informieren."
Weniger zurückhaltend zeigte sich Recep Tayyip Erdogan. In einem Interview mit dem US-Fernsehsender NBC behauptete der türkische Premierminister: "Es ist evident, das syrische Regime benutzt chemische Waffen und Raketen." Die rote Linie, die US-Präsident Barack Obama zum Einsatz von Chemiewaffen gezogen habe, sei bereits seit Langem überschritten. "Wir wollen, dass die USA mehr Verantwortung als bisher übernehmen", sagte Erdogan im Interview. Er werde Obama persönlich über seine Erkenntnisse bei ihrem für den 16. Mai angesetzten Treffen informieren und über weitere Schritte beraten.
Erdogan machte keine Angaben darüber, welche Kampfstoffe die Regimetruppen von Präsident Baschar al-Assad verwendet haben sollen. Der türkische Regierungschef nannte als Beweise "die Reste von mindestens 200 Raketen", die seiner Meinung nach bei chemischen Attacken eingesetzt worden waren. Zur Beweislage zählten auch die Verletzungen der Syrier, die man zur medizinischen Behandlung in die Türkei gebracht hatte. "Es gibt Patienten, die in unsere Krankenhäuser eingeliefert wurden", erklärte Erdogan, "nachdem sie von diesen chemischen Waffen verwundet worden waren."
Verdachtsmomente, die Rebellen hätten Kampfstoffe dieser Art benutzt, wies der türkische Premier zurück. "Das kann ich jetzt unter keinen Umständen glauben", sagte Erdogan entschieden. "Wie sollten sie diese überhaupt erhalten, oder wer sollte ihnen die gegeben haben?"

Frankreich und Großbritannien berichten Ähnliches

Man kann gespannt sein, welche Fakten der türkische Regierungschef dem US-Präsidenten bei ihrem Treffen präsentieren will. Obama hatte "absolut stichhaltige Beweise" gefordert, die ein wie immer geartetes Eingreifen der USA rechtfertigen könnten. Erdogan braucht wesentlich mehr als die von ihm angesprochenen Beweise. Zumal er auch von mindestens 200 Raketen spricht, deren Sprengsätze mit chemischen Waffen bestückt gewesen sein sollen.
US-Außenminister John Kerry sprach am Freitag von "starken Beweisen" für einen Chemiewaffeneinsatz durch syrische Regierungstruppen. Das "Assad-Regime" habe eine "schreckliche Wahl" getroffen und zeige die Bereitschaft, "überall zu töten (...) Gas zu benutzen", sagte Kerry während eines vom Internetkonzern Google, dem Fernsehsender NBC und dem Außenministerium in Washington veranstalteten Online-Chats mit Internetnutzern. Für den Einsatz von Gas gebe es nach Einschätzung der US-Regierung "starke Beweise", fügte er hinzu.
Nach langem Hin und Her hat die syrische Regierung am Donnerstag angekündigt, sie werde ein UN-Team ins Land lassen, das den Einsatz von Chemiewaffen untersucht. Bei der Wechselhaftigkeit der syrischen Regierung ist diese Ankündigung jedoch zu bezweifeln. Sollte aber ein UN-Team tatsächlich an die Arbeit gehen, wird US-Präsident Obama erst die Resultate der Untersuchung abwarten.
Frankreich und Großbritannien hatten ähnliche Behauptungen wie die Türkei aufgestellt, aber nie in dem von Erdogan beschriebenen Ausmaß. Der britische Geheimdienst will im Besitz von Bodenproben sein, die Spurenelemente von Sarin aufweisen. Sarin ist, neben VX, das zweite, hochtödliche Nervengift, das Syrien tonnenweise produziert haben soll. In den chemischen Waffenlagern, die über das ganze Land verteilt sind, sollen obendrein Unmengen an Senfgas liegen.

Waffenlager getroffen?

Es ist möglich, dass eines dieser Lager beim letzten israelischen Bombenangriff in der Nähe von Damaskus getroffen wurde. Die Explosionen bei dem Angriff der israelischen Luftwaffe deuten auf einen unterirdischen Hochsicherheitstrakt hin, der als Lagerstätte für diese Stoffe prädestiniert wäre. Nach dem Treffer der Rakete dauerte es einige Momente, bis die große Explosion, anscheinend Stockwerke tiefer unter der Erdoberfläche, erfolgte und in einem riesigen Feuerball sich den Weg nach oben bahnte.
Die Reaktion der libanesischen Hisbollah zeigte, dass mit Sicherheit bei diesem Angriff auch für sie zugedachte Waffen vernichtet wurden. Hassan Nasrallah, der Generalsekretär der radikal-schiitischen Organisation, gab sich kämpferisch wie lange nicht mehr. Aber sein Statement zu dem Vorfall klang wie eine Trotzreaktion und schien ein Ausdruck von Hilflosigkeit: Syrien werde jetzt erst recht alle modernen Waffentypen liefern, die die "Spielregeln in der Region" änderten. Es sei eine "strategische Reaktion der syrischen Regierung", die "weise Führung und nicht blanken Zorn" bewiese.
Russland verteidigte unterdessen das umstrittene Raketengeschäft mit Syrien. "Das ist kein Verstoß gegen irgendwelche internationalen Vorschriften", sagte Außenminister Sergej Lawrow bei einem Treffen mit seinen Kollegen aus Polen und Deutschland in Warschau zu der beabsichtigten Waffenlieferung. Bei dem Raketenabwehrsystem S-300 handele es sich um eine Verteidigungswaffe. Bundesaußenminister Guido Westerwelle sagte hingegen: "Das ist eine Kontroverse zwischen uns." Nach widersprüchlichen Angaben plant Russland jedoch, vom Verkauf des Flugabwehrsystems Abstand zu nehmen.

Montag, 6. Mai 2013

Del Ponte vergaloppiert sich im syrischen Giftgas

Die prominente UN-Ermittlerin Carla del Ponte verlässt sich auf Aussagen zu C-Waffeneinsätzen und beschuldigt kurzerhand Syriens Rebellen. Ein leichtsinniger Fehltritt auf politisch vermintem Gelände. Von

Schon als Chefanklägerin des internationalen Tribunals zu Ex-Jugoslawien wusste sie Aufmerksamkeit zu erregen: Carla del Ponte
Foto: dpa Schon als Chefanklägerin des internationalen Tribunals zu Ex-Jugoslawien wusste sie Aufmerksamkeit zu erregen: Carla del Ponte
"Wir möchten klar stellen, dass wir keine eindeutigen Resultate zum Einsatz von chemischen Waffen jedweder Konfliktpartei in Syrien haben." Mit einer eiligen Pressemitteilung richtet sich am Montagnachmittag die unabhängige internationale Untersuchungskommission der UN in Sachen Syrien an die Öffentlichkeit. Eine Erklärung, die nötig geworden war, nachdem ein prominentes Mitglied der Kommission behauptet hatte, es gebe stichhaltige Verdachtsmomente – die frühere Chefanklägerin des internationalen Jugoslawien-Tribunals Carla del Ponte.
Bisher waren Regimetruppen von Präsident Baschar al-Assad beschuldigt worden, verbotene Kampfstoffe gegen die Rebellen der Freien syrischen Armee (FSA) und Zivilisten einzusetzen. Am Sonntag behauptete nun del Ponte in einem Interview eines Schweizer Fernsehsenders das Gegenteil. "Wir haben Zeugenaussagen von Ärzten, Flüchtlingen in benachbarten Ländern und Krankenhausmitarbeitern", erklärte die 66-Jährige, "dass chemische Waffen verwendet wurden – nicht von der Regierung, aber von der Opposition."
Die Rede ist von Sarin, einem der tödlichsten chemischen Kampfstoffe überhaupt, der am 13. April in Scheich Maksud, einem überwiegend von Kurden bewohnten Stadtteil der Wirtschaftsmetropole Aleppo eingesetzt worden sein soll. Mindestens fünf Menschen starben, mehr als 20 wurden verletzt. Sarin ist 500 Mal toxischer als Blausäure. Nur ein Milligramm, über Haut und Atemwege aufgenommen, kann binnen einer Minute zum Tode führen. Sarin wurde 1991 von den Vereinten Nationen als Massenvernichtungswaffe deklariert und ist seit 1993 gemäß der internationalen Chemiewaffenkonvention weltweit verboten.

Internationales Ringen um Beweise

Del Ponte, der ein Hang zur Selbstdarstellung nachgesagt wird, war mit ihrer Aussage offenbar etwas voreilig. Obwohl sie versucht hatte zu relativieren und von "keinen unumstößlichen Fakten" sprach, die sich aus der Untersuchung der Kommission ergeben hätten. Trotzdem brachte sie noch mehr Verwirrung in die Diskussion um den Einsatz von Chemiewaffen in Syrien, als sie die Rebellen als Verdächtige ins Spiel brachte.
Rebellen und Regime beschuldigen sich gegenseitig, verbotene Kampfstoffe einzusetzen. Der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdogan gibt sich beispielsweise überzeugt, dass die syrische Armee C-Waffen benutze. Die französische und die britische Regierung behaupten, man habe Blut- und Bodenproben, die dies belegten. Die USA, deren Präsident Barack Obama den Einsatz von Chemiewaffen als "rote Linie" bezeichnete, die nicht überschritten werden dürfe, fordern handfeste Beweise. Aber diese wurden bisher noch von keiner Seite vorgelegt.
Es gibt bisher nur Zeugenaussagen über solche Einsätze. Auch Del Ponte verweist in ihrem Bericht auf Krankenhauspersonal. Aussagen über die Art der Behandlung von betroffenen Patienten dürften als Beweise für bei derartig schwere Vorwürfe aber kaum ausreichen. Zumal die wenigen gesicherten Tatsachen nahelegen, dass der Einsatz von chemischen Waffen eher unwahrscheinlich ist. Die Überreste der verwendeten Sprengsätze, die an den Einsatzorten gefunden wurden, sind völlig untypisch für Chemie-Kampfstoffe.

Tränengas statt Sarin?

Gewöhnlich werden diese in Artilleriegranaten ans Ziel gebracht und dies in weitaus größeren Mengen, um möglichst viele der gegnerischen Truppen auszuschalten. In Syrien sind es ungewhnliche, kleine Behälter, in denen nur geringe Mengen transportiert werden könnten. Diese Behälter scheinen eher für CS-Gas oder andere Reizgase ausgelegt zu sein, wie sie Sicherheitsbehörden bei gewalttätigen Demonstrationen einsetzen. Diese Stoffe würden auch die Rauchentwicklung erklären, die bei den Angriffen beobachtet wurde.
Bei den Symptomen der Patienten nach vermeintlichen Chemieangriffen ist ebenfalls Vorsicht angebracht. In Afghanistan erlitten die Schülerinnen von Mädchenschulen reiheweise an Symptomen, die man mit Chemiewaffen in Verbindung bringen würde. Wie sich aber in diesen Fällen herausstellte, gab es keinerlei Spuren, die eine chemische Attacke der Taliban nahegelegt hätten. In Syrien ist noch nichts bewiesen. Del Ponte hat mit ihren vorschnellen Ahnungen gezeigt, wie einfach es ist, ohne tatsächliche Beweise, einen "stichhaltigen Verdacht" zu konstruieren.

Samstag, 4. Mai 2013

Syriens starke Frauen

Von meinem Kollegen Peter Steinbach, in Aleppo und Antakya

Mehr als 1,2 Millionen Syrer sind bislang vor dem Bürgerkrieg ins Ausland geflohen, meist Frauen und Kinder – die Männer bleiben zurück und kämpfen. Aber viele Frauen wollen ihren Beitrag für ihr Land leisten, an der Front, in Medizin, Bildung oder Wirtschaft. Und manche planen schon für die Zeit danach. Der Konflikt könnte bald in eine entscheidende Phase treten: US-Präsident Barack Obama warnte erneut, mit dem Einsatz von Chemiewaffen überschreite das Assad-Regime eine rote Linie, die USA würden darauf entschieden reagieren. Noch aber wisse er zu wenig, um eine aggressive Aktion der USA anzuordnen.

Sie ist erst 24 Jahre alt, aber erstaunlich erwachsen und selbstbewusst. Als die Rebellen im Juli 2012 einen Teil von Aleppo eroberten, überlegte Muna nicht lange. Die Pharmakologin meldete sich freiwillig im Krankenhaus Dar al-Scharifa. Sie hatte bereits Monate zuvor in geheimen Kliniken Verletzte versorgt. "Wir machten das in Privatwohnungen", erzählt Muna, die weder ihren vollen Namen noch ihr Gesicht in der Zeitung sehen möchte. "Ich konnte nicht anders. Wir behandelten Zivilisten, die bei Demonstrationen verletzt wurden, aber auch Bewohner von Homs, die aus der bombardierten Stadt geflüchtet waren." Ihr Verlobter wollte in die Türkei und dort das Ende des Bürgerkriegs abwarten. "Das kam für mich nicht infrage", sagt Muna. "Ich wollte meinem Land dienen und für Freiheit kämpfen." Ihr Verlobter stellte sie vor die Wahl. "Ich sagte ihm, er solle verschwinden", sagt sie kichernd. Heute versorgt sie Verletzte in der Notaufnahme, aber auch an der Front. Ihre Familie ist stolz auf ihre Tochter. "Sie wissen, ich rette viele Leben", merkt Muna ohne jede Eitelkeit an. Angst vor dem Sterben habe sie keine, das wäre kontraproduktiv. Vom Blut und den Grausamkeiten, die sie täglich sehe, lasse sie sich nicht beeinflussen. "Ich muss weiterarbeiten und den Menschen helfen." Von der Revolution erhofft sich Muna mehr Freiheit für das weibliche Geschlecht. "Wir Frauen müssen mehr Macht bekommen. Dazu trage ich jeden Tag etwas bei."
Nour Hak kümmert sich schon lange nicht mehr um den Haushalt. "Meinem Mann fehlt besonders mein Essen", sagt sie schmunzelnd. "Aber er hat volles Verständnis." Die 35-Jährige war vor Beginn des Bürgerkriegs Dozentin an der Universität, jetzt ist sie Schuldirektorin. Täglich 16 Stunden. "Ob Krieg oder nicht, Bildung ist wichtig, die Kinder können nicht zwei Jahre zu Hause sitzen." Vor fünf Monaten startete Hak mit vier Schülern. Heute sind es 700 an drei Schulen. "Natürlich kann jederzeit eine Bombe auf eine unserer Einrichtungen fallen", sagt die Direktorin. "Alle Eltern schicken ihre Kinder, obwohl sie wissen, dass sie jeden Tag nicht wieder nach Hause kommen können." Vom Unterrichtssystem des Assad-Regimes ist nichts mehr übrig, alle Schulbücher mit Regierungsideologie wurden entsorgt. Haks Schulen werden von der Brigade Liwa Tawhid finanziell unterstützt. Sie gilt als größte und moderate Rebellengruppe in Aleppo. "In unseren Schulen lernen Mädchen und Jungen bis 14 Jahre gemeinsam", erklärt Hak. "Unsere Lehrerinnen sind nicht verschleiert." In den von radikalen Islamisten gegründeten Schulen gebe es männliche Lehrer für Jungen und weibliche für Mädchen. "Die Lehrerinnen sind von Kopf bis Fuß verschleiert." Man merkt der Mutter dreier Kinder an, dass ihr diese Kolleginnen nicht sympathisch sind. Mehr will sie nicht dazu sagen. Wer es sich heutzutage in Aleppo mit den Extremisten verscherzt, hat schlechte Karten.
Chufna, 18, (l.) und Amara, 19, tragen eng anliegende Hosen, ihre langen Haare sind unbedeckt. Im Zentrum von Aleppo würde man sie dafür auf offener Straße beschimpfen. Aber hier, direkt an der Front, im Stadtteil Scheich Maksud, sind die Rebellen der Freien Syrischen Armee (FSA) tolerant, auch wenn sie selbst keine Frauen in ihren Reihen haben. Die beiden Mädchen gehören zur kurdischen Demokratischen Union (YPG) und kämpfen zusammen mit der FSA gegen die Soldaten des Regimes. Insgesamt 700 Frauen gehören der kurdischen Miliz an. "Wir sind völlig gleichberechtigt", versichert Chufna. "Niemand belächelt uns." Die umstehenden Männer der YPG nicken. "Wir haben schon viele getötet", sagt Amara. "Wir verteidigen nur unser kurdisches Volk", erklärt sie schulterzuckend. Chufna nickt lachend, als wäre der Krieg eine Alltäglichkeit. "Wir erfüllen nur unsere Aufgabe. Dafür wurden wir ausgebildet." Beide haben sich der YPG vor zwei Jahren angeschlossen. Von der Schulbank in die Armee, nach drei Monaten Training mussten sie in den Krieg. "Nach dem Sturz Assads wollen wir Kurden als Volksgruppe anerkannt werden", erklärt Amara bestimmt. "Das Regime hat uns nie Rechte gegeben." Nach einer kurzen Pause im Hauptquartier ihrer Brigade, einem verlassenen Frisörsalon, geht es zurück an die Front. Der Weg führt über menschenleere Hinterhöfe, durch Löcher, die in Häuserwände geschlagen wurden, über Kleider, Möbel und Matratzen. Als Chufna einen Teddy im Durcheinander entdeckt, lächelt sie kurz. In einer Wohnung im dritten Stock bringt sie dann ihr russisches PK-Maschinengewehr in Stellung. Im Nebenraum liegt Amara bereits in Position. Sie halten Ausschau nach Scharfschützen und Truppenbewegungen. Zum Abschied winken die Frauen lachend. Draußen sind Schüsse und das Donnern eines Panzers zu hören.
Der Salon im ersten Stock eines Wohnhauses im türkischen Antakya ist zum Showroom umfunktioniert, im Kinderzimmer stehen Nähmaschinen. Auf einem Tisch liegen türkisfarbene Ballettkleidchen, rote Babyschuhe, moderne Handtaschen, Gebetskappen für Muslime. "Über 100 Frauen stricken, häkeln und nähen seit März bei uns", sagt die 24-jährige Rim (Foto, l.). "Man kann Geld verdienen, nützlich sein, statt untätig zu Hause herumzusitzen." Das sei ganz wichtig für das Selbstwertgefühl. Mit den Erlösen des Projekts werden Hilfslieferungen nach Syrien finanziert. "Die Männer kämpfen, und unsere Arbeit ist nicht minder ein Beitrag zum Sturz des Diktators Assad", erklärt Rim stolz. Sie ist vor zwei Monaten nach ihren Prüfungen an der Universität in Aleppo in die Türkei geflüchtet. Viele ihrer Freunde starben während der Prüfung, als Bomben einschlugen. "Ich habe unglaubliches Heimweh nach Syrien, aber man kann es dort nicht mehr aushalten", sagt die junge Frau. Ihre Familie lebt in dem von der Regierung kontrollierten Teil Aleppos. "Jeden Augenblick kann man verhaftet werden und für immer verschwinden." Ihr Bruder sei in Haft, ihr Vater geblieben, um seine Freilassung zu erwirken. Rim wendet sich schluchzend ab. Syrian Woman at work habe Kunden in Saudi-Arabien, dem Libanon, aber auch in Deutschland, versichert Rim, nachdem sie ihre Tränen getrocknet hat. "Unser Projekt wird auch nach der Revolution weitergehen."
Oum Fahdi konnte nicht länger zu Hause sitzen, während ihr Mann und ihre Söhne gegen Regierungssoldaten kämpften. "Ich habe zehn Kinder", erzählt die 45-Jährige, "und alle sind schon groß." Sie wollte aktiv etwas für die Revolution tun. "Männer der FSA lassen Frauen nicht bei sich kämpfen, also musste ich mir etwas einfallen lassen", sagt sie verschmitzt. Also gründete sie eine Einheit weiblicher Polizisten, ihr Mann und dessen Brigade unterstützten sie. Das war vor zweieinhalb Monaten. Heute gehören 17 Frauen zur ihrer Einheit. Sie kontrollieren Autos, machen aber auch Jagd auf die gefürchteten Schabiha, die Milizen des Assad-Regimes, die für zahlreiche Massaker verantwortlich sein sollen. "Wir haben schon viele von ihnen gefangen", berichtet Fahdi, oft mit einer Falle. "Wir lassen sie junge Mädchen kennenlernen, und wenn sie zum verabredeten Stelldichein kommen, schlagen wir zu", berichtet sie und lacht. "Ja, wir arbeiten auch mit der Liebe, wofür ich allerdings längst zu alt bin." Das müssten andere machen, sagt sie, und deutet auf zwei Rekrutinnen an ihrem ersten Tag. Eine von ihnen ist Rehab, 30, verheiratet. "Wir durchsuchen Fahrzeuge nach Waffen, eine wichtige Aufgabe." Rabia, die zweite angehende Polizistin, nickt zustimmend. Die 20-Jährige hat im Bürgerkrieg ihren Ehemann verloren. Sie ist, wie alle Frauen der Polizeieinheit, bewaffnet, nimmt den Gurt ihrer Kalaschnikow fester in die Hand. "Ich bin hier, um ihn zu rächen."

Der Krieg der Kurden auf eigene Rechnung

Kurdische Milizen haben die Seite gewechselt und kämpfen jetzt gegen Diktator Assad, Frauen genauso wie Männer. Sie wollen Freiheit aber keinen eigenen Staat. Ein Besuch mitten im Kriegsgeschehen. Von meinem Kollegen
Sie kämpfen ohne Kopftuch und völlig gleichberechtigt, sagen sie – die Kurdinnen Amara (19, l.) und Rocan (27) in einer Feuerstellung in Aleppos Stadtteil Scheich Maksud
Foto: Victor Breiner Sie kämpfen ohne Kopftuch und völlig gleichberechtigt, sagen sie – die Kurdinnen Amara (19, l.) und Rocan (27) in einer Feuerstellung in Aleppos Stadtteil Scheich Maksud 
Die Räder drehen durch. Selbst der Jeep tut sich schwer auf der steilen Piste, die ein Regenschauer in tiefem Matsch ertränkt hat. Eile ist geboten, nichts wie raus aus dem offenen Gelände. Schüsse und Mörserfeuer sind zu hören. Nach Scheich Maksud kommt man nur auf Schleichwegen, will man nicht direkt durch die Schusslinie von Scharfschützen der syrischen Regierungstruppen fahren.
Endlich hat der Jeep den Hügel geschafft. Nach wenigen Minuten fährt man im Schutz der Häuserwände des größten kurdischen Stadtteils am nördlichen Rand Aleppos. Er ist strategisch besonders bedeutend. Von hier aus kann man die gesamte Industriemetropole überblicken und beschießen. Außerdem bekommt man von hier aus die Kontrolle über wichtige Nachschubwege.
Das Stadtviertel ist menschenleer. Wagen mit Kämpfern der Freien Syrischen Armee (FSA) brausen unter "Gott ist groß"-Rufen durch die Straßen. Einige Minitransporter kommen entgegen, beladen mit den Habseligkeiten der letzten Flüchtlinge. Der Rest der rund 250.000 kurdischen Einwohner hat das bisher ruhige Viertel verlassen, als Ende März der Bürgerkrieg hier ankam.

Gemeinsamer Kampf gegen Regierungstruppen

Die Kurdische Demokratische Union (YPG), die seit Beginn des Konflikts im Februar 2011 das Regime von Präsident Baschar al-Assad unterstützte, hat überraschend die Seite gewechselt. Sie öffnete Scheich Maksud der FSA und kämpft nun mit ihr gemeinsam gegen die Regierungstruppen. Bisher kontrollieren diese etwa die Hälfte des Stadtteils. Im sich angrenzenden Aschrafieh soll die Lage nicht anders sein.
Nach 15 Minuten Fahrt erreicht man die Basis der FSA. Von Weitem erkennt man Duschkas und andere schwere Maschinengewehre, die auf den Ladeflächen der geparkten Pick-ups aufgebaut sind. Hier befinden sich die Stützpunkte der Milizen Ghorabaa al-Scham, Ahrar Syria und Araba al-Scham. Rund 150 Kämpfer sind draußen auf den Beinen. Ein Regime-Scharfschütze hatte auf sie geschossen. Von einer Seitenstraße aus überblickt er eine Kreuzung und beschränkt die Bewegungsfreiheit der Rebellen auf zwei von einander getrennte Teile.
Ein FSA-Kämpfer feuert in die Richtung, in der er den Scharfschützen vermutet. Danach wird vom Balkon im vierten Stock eines verlassenen Wohnhauses zurückgefeuert. Ob man den Feind getroffen hat, weiß niemand. Die Seitenstraße überqueren die Rebellen nur noch rennend. Wenig später geht eine Mörsergranate nieder. Die Mehrzahl der Kämpfer eilt plötzlich an die Front. "Die Schergen von Assad wollen vordringen", sagt einer von ihnen. "Aber sie haben keine Chance", fügt er lachend hinzu, bevor er losläuft.

Waffen aus den siebziger Jahren

Eine Gruppe von Rebellen steht rätselnd über eine Panzerabwehrgranate gebeugt. Vergeblich versuchen sie sich einen Reim auf die tschechische Gebrauchsanweisung zu machen, die auf der Metallhülse aufgeklebt ist. "Entfernen Sie zuerst die Plombe. Dann drehen Sie die Kammer und ziehen Sie sie zur Verlängerung nach hinten."
Es ist eine alte RPG-75, Baujahr 1975. Sie sieht aber nagelneu aus, als habe man sie zum ersten Mal aus der Box genommen. Sie könnte Teil der Waffenlieferung aus Kroatien sein. Zwischen November und Februar sollen 3000 Tonnen, bezahlt von Saudi-Arabien, transportiert von türkischen und jordanischen Flugzeugen unter logistischer Hilfe Großbritanniens, nach Syrien geschmuggelt worden sein.
"Wir haben sie von einer anderen Gruppe gekauft", sagt der Kämpfer, der für die Panzerfaust zuständig ist. "Insgesamt acht Stück, für je 10.000 Dollar." In diesem Fall ist die Waffenhilfe in die vom Westen gewünschten Hände gekommen. Die Kämpfer gehören zu Ghorabaa al-Scham. Sie sind keine Islamisten, sie wollen freie Wahlen und Demokratie. Andere Teile der kroatischen Waffen landeten jedoch bei den Radikalen von Ahrar al-Scham und der Nusra-Front, die zum Netzwerk von al-Qaida im Irak gehört.

Lauernde Scharfschützen an den Straßen

Obwohl die Rebellen noch immer nicht sicher sind, wie die RPG-75 funktioniert, wird sie mit an die 500 Meter nahe Front genommen. "Dort unten am Hügel stehen zwei, drei Panzer", erklärt der Verantwortliche der Gruppe. "Da kann man sie gut gebrauchen."
Zwei Querstraßen weiter, die man ebenfalls aufgrund der lauernden Scharfschützen nur im Rennen überqueren kann, befindet sich ein Stützpunkt der kurdischen YPG. Die mehr als 100 kurdischen Kämpfer haben ihr Hauptquartier in einem ehemaligen Friseursalon eingerichtet. Neben den Spiegeln hängt ein Bild Abdullah Öcalans, des Führers der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK). Die Türkei fasste ihn 1999 in Nairobi. Seitdem sitzt er in einem türkischen Gefängnis.
Einige der Milizionäre machen gerade Pause vom Krieg. Es gibt Wurst aus der Dose, Tomaten, Gurken und Tee. Unter ihnen sind zwei Mädchen: Chufna, 18, und Amara, 19. Bei der arabischen FSA sind weibliche Kämpfer unvorstellbar. Zumal ohne Kopftuch, wie die beiden Kurdinnen hier kämpfen.
"Wir sind völlig gleichberechtigt", versichert Chufna. "Niemand belächelt uns." Die umstehenden Männer der YPG nicken zustimmend. "Wir haben schon viele getötet", sagt Amara. Ihr macht das nicht viel aus. "Wir verteidigen uns nur", erklärt sie schulterzuckend. Die beiden Kämpferinnen gehören seit einem Jahr zu einer Brigade, die sich ausschließlich aus Frauen zusammensetzt. Etwa 700 seien es.

27-jährige kurdische Anführerin

Der Weg an die Front dauert nur zehn Minuten. Über Hinterhöfe, durch eingeschlagene Löcher in Wänden, durch Wohnungen, in denen völliges Durcheinander herrscht. Matratzen, Wäsche, Kleidung und Möbel sind wild verstreut. Auf einem Stapel liegt verlassen ein kleiner Teddybär. Im dritten Stock einer Wohnung bringt Chufna ihr russisches PK-Maschinengewehr an einer Tür in Position. Im Nebenraum legt sich auch Amara am Boden in Position.
Für die nächsten Stunden werden sie hier Ausschau nach Scharfschützen und möglichen Truppenbewegungen der syrischen Armee halten. Die beiden Mädchen bekommen letzte Anweisungen von ihrer Kommandeurin Rocan, bevor sie mit zwei weiteren Kämpfern allein gelassen werden. Die 27-jährige Rocan kämpft seit ihrem 13. Lebensjahr für die PKK und war im Iran, Irak und der Türkei. Ihre Befehle akzeptieren auch 40-jährige Männer ohne Murren. Nun ist Rocan in Syrien im Einsatz. Arabisch spricht sie nicht. Kein Wort.
Der Militärchef der YPG-Miliz in Scheich Maksud will von der PKK nichts wissen. Gemeinhin gilt die syrische YPG als Ableger der türkischen Organisation. Aber: "Wir sind unabhängig", behauptet Khalid. "Unser Führer ist PKK-Chef Öcalan, aber in Syrien bestehen spezifische Gegebenheiten, die nur wir lokal lösen können."

Kurdische Syrer wollen Anerkennung

Die YPG ließ sich mehr als zwei Jahre Zeit, bis sie sich im Bürgerkrieg auf die Seite der Rebellen schlug. Das war nur zehn Tage nach der Waffenstillstandserklärung Öcalans und der Einigung der Türkei mit der PKK, ernsthafte Friedensverhandlungen zu führen. Der YPG-Brigadenführer in Scheich Maksud bestreitet vehement, dass der Seitenwechsel der syrischen Kurden etwas mit den Friedensverhandlungen in der Türkei zu tun habe.
"Wir sprachen mit der FSA, ob sie bereit sind, die kurdische Identität anzuerkennen", erzählt Khalid. "Sie stimmten zu und garantierten, nach dem Fall Assads die Details in einer Konferenz zu besprechen und einen Vertrag zu schließen." Die YPG wolle keinen unabhängigen kurdischen Staat. "Wir sind über weite Teile Syriens verstreut, da ist so etwas unrealistisch", meint der 29-jährige Brigadenführer. "Ich bin ein kurdischer Syrer und möchte nur mein normales Recht auf Arbeit, Bildung und einen Pass." Dinge, die das Regime Assads den Kurden aberkannte. Die neue Vereinbarung zwischen YPG und der FSA ist für ganz Syrien gültig. "Die Übereinkunft gilt von Aleppo über Afrin bis Raqqa", versichert Khalid und fügt ernst hinzu: "Wir müssen unser Volk beschützen."
Auf dem Rückweg geht es wieder im Sprinttempo über zwei Scharfschützenstraßen. Das zweifache Panzerdonnern ist zu hören: erst Abschuss, dann Einschlag. Dazu das Wummern eines Mörsers in der Ferne. Den Abhang hinunter gerät der Jeep im Matsch ins Schleudern und kommt dem Geländer eines Abwasserkanals gefährlich nahe. Dann ist der Weg ins Zentrum von Aleppo frei.

"Syrien wird ein islamischer Staat. Kein Zweifel"

Das Regime kündigt eine Großoffensive an, Kampfjets überfliegen Aleppo. Doch die Rebellen bereiten sich auf ein Leben nach Assad vor – mit der Scharia. Oder mit Wahlen? Eine Reportage von der Front. Von

Mit Waffe im Sessel: Ein Mitglied der Freien Syrischen Armee sitzt mitten in einer zerstörten Straße von Deir al-Zor
Foto: REUTERS Mit Waffe im Sessel: Ein Mitglied der Freien Syrischen Armee sitzt auf der zerstörten Straße von Deir al-Zor

Wie einst Prophet Mohammed trägt auch Ali schwarzen Kajal auf den Augenlidern. In der Weste des jungen Rebellen der Freien Syrischen Armee stecken vier volle Magazine. Mit beiden Händen hält er eine Kalaschnikow. Ali ist einer von rund 50 Kämpfern der Amar-Obno-Hachtab-Brigade, die in einer kleinen Fabrikhalle auf ihren Einsatzbefehl warten. "Wir werden gleich losziehen", sagt der 22-Jährige entschlossen, "um eine andere Gruppe abzulösen, die die ganze Nacht gekämpft hat."
Drei Pickups brausen plötzlich vorbei, auf deren Ladeflächen sich Kämpfer drängen. "Gott ist groß", schallt es mehrfach aus allen Kehlen. Die Gewehre werden dabei begeistert in die Höhe gereckt. Als der kleine Konvoi um die nächste Kurve verschwunden ist, erklärt Ali: "Sie sind gleich an der Front." Er meint damit das nur zwei Kilometer entfernte Aziza.
Diese Kleinstadt am Stadtrand von Aleppo und in unmittelbarer Nähe des Flughafens hatte die syrische Armee in der Nacht zuvor von den Rebellen zurückerobert. Die Soldaten eines Nachschubkonvois aus dem 80 Kilometer entfernten Hama hatten diesen strategisch so wichtigen Ort überraschend eingenommen. In Panik waren die Bewohner der umliegenden Dörfer aus ihren Häusern und Wohnungen geflüchtet.

Es war ein Vorstoß mit Vorankündigung. Das syrische Staatsfernsehen hatte eine Großoffensive annonciert und das Regime Textnachrichten an die Rebellen der Freien Syrischen Armee (FSA) verschickt: "Gebt auf oder die Armee holt euch!" Es wollte beweisen, dass die Truppen von Präsident Baschar Assad noch fähig und willig sind, die "Terroristen" an mehreren Fronten gleichzeitig zu bekämpfen. Die Rebellen hatten in den letzten Monaten in Aleppo und in der Umgebung der größten Stadt Syriens zahlreiche militärische Erfolge zu verzeichnen. Mehrere Kasernen und Flughäfen wurden im Norden des Landes erobert.

Loblied auf Osama Bin Laden

Außer der Einnahme von Aziza ist von der versprochenen Großoffensive bisher nichts zu spüren. Mehrere Kampfjets flogen wiederholt über Aleppo, ohne Bomben oder Raketen abzuwerfen. Zuletzt waren bei einem Luftangriff auf zwei Wohnhäuser im Stadtzentrum am vergangenen Wochenende über 20 Menschen ums Leben gekommen.
"Es gibt keinen Grund, besorgt zu sein", meint Aioub, ein junger Oppositionsaktivist. "Aziza hat schon zweimal den Besitzer gewechselt und die FSA wird es mit Sicherheit zurückholen." Von wegen Offensive, das sei alles nur Propaganda eines untergehenden Regimes. "Und man darf nicht vergessen, wir werden von al-Qaida beschützt", fügt er ironisch lachend hinzu.
Zum Beweis zeigt er ein Video mit einem vielleicht fünfjährigen syrischen Kind auf den Schultern seines Vaters, das zur Begeisterung seiner Zuhörer ein Loblied auf Osama Bin Laden singt. Danach folgt ein libyscher Kämpfer mit Turban und Säbel, der ankündigt, die Köpfe aller Antirevolutionäre rollen zu lassen.
"Ich frage mich, was all die ausländischen Extremisten bei uns zu suchen haben", sagt Aioub verärgert. "Ich habe Libyer, Marokkaner, Tunesier, Pakistaner, Leute aus dem Irak, Saudi-Arabien, ja selbst aus Tschetschenien gesehen. Von den Europäern ganz zu schweigen."

Al-Nusra organisiert das zivile Leben

Die radikalen Islamisten aus dem Ausland werden in Syrien hauptsächlich von drei salafistischen Dschihad-Gruppen aufgenommen: Fajr Islam, Ahrar al-Sham und der von den USA auf die Terrorliste gesetzten Jabhat al-Nusra. "Diese Radikalen bekommen immer mehr die Oberhand", meint der 26-jährige Aioub besorgt. Das sei alles nur die Schuld des Westens, der es versäumt habe, rechtzeitig Waffen an die Opposition zu liefern.
Nach zwei Jahren Bürgerkrieg, Bomben, Elend und dem Tod von Tausenden von Zivilisten sei es doch kein Wunder, wenn die Dschihadisten mehr und mehr Zulauf bekämen. "Am Anfang war Jabhat al-Nusra eine Gruppe von vielleicht 10 Leuten, heute sind es 10.000."
Der Ableger von al-Qaida aus dem Irak (Aqi) ist nicht die einzige radikale Islamistengruppe, die großen Zuspruch erhält. Ahrar al-Sham hat sich binnen eines Jahres zu einer der größten und einflussreichsten Organisationen gemausert. Die freien Männer Syriens kooperieren intensiv mit Jabhat al-Nusra.
"Sie sind wirklich gute und mutige Kämpfer, immer in vorderster Linie zu finden", sagt der Arzt Dr. al-Hadsch Osman. "Aber mein Problem gerade mit Jabhat al-Nusra ist, dass sie überzeugt sind, alle Menschen in Syrien müssten so wie sie denken. Sie wollen einen islamischen Staat wie im Iran unter Ayatollah Chomeini errichten, nur in einer Version für Sunniten."
Dr. Osman war von Jabhat al-Nusra verhaftet worden, nachdem er ihre Flagge in seinem Krankenhaus abgenommen hatte. "Der Mann, der sie aufgehängt hatte, behauptete, ich sei mit den Füßen auf ihrem Emblem, das das muslimische Glaubensbekenntnis trägt, herumgetrampelt." Al-Nusra habe das als Verunglimpfung des Islams empfunden. "Natürlich stimmte das nicht", erklärt Dr. Osman, "aber ich wurde am nächsten Tag entlassen."
In Aleppo besorgt al-Nusra Brot für die Bäckereien, repariert Elektrizitätsleitungen, stellt Verkehrspolizisten, transportiert den Müll ab und hat zahlreiche Industriebetriebe wiedereröffnet, um den Stadtbewohnern Arbeit und Verdienst zu geben. "Sie versuchen das zivile Leben zu organisieren", sagt Dr. Osman. "Das wird von den Menschen einerseits begrüßt, aber letztendlich nur akzeptiert, weil sie die Macht besitzen." Nach dem Fall Assads werde der Aufstieg der Radikalen ein baldiges Ende finden. Das Phänomen al-Nusra sei nur ein Sturm im Wasserglas, den der Krieg provoziert habe. "Die Menschen in Syrien werden eine neue Diktatur nicht zulassen", versichert er mit festem Blick und rückt dabei seine Brille zurecht. "Wir haben eine andere Mentalität."

"Syrien wird ein islamischer Staat"

Unmittelbar neben dem Hauptquartier von al-Nusra in Aleppo liegt das Gebäude des Scharia-Rats. Hier wird islamisches Recht gesprochen. Mitglieder des vor drei Monaten gegründeten Rates sind die Islamisten von Fajr Islam, Ahrar al-Sham, Jabhat al-Nusra, die Muslimbrüder und die Liwa Tawhid, die größte Rebellengruppe in Aleppo. Sie gilt als moderat islamistisch und ist Teil der FSA, was die radikalen Salafistenorganisationen nicht sein wollen.
"Es gibt nur einen Gott und ein Recht", erläutert Abdulkader Saleh, der den Beinamen Engländer trägt, da er einer der wenigen ist, die Englisch sprechen. Er ist ein Mitglied des Scharia-Rats und ein Anhänger des Jabhat al-Nusra. "Was kann daran schlecht sein, wenn die Leute angehalten werden, nicht zu rauchen und zu trinken, ein gesundes und gottgefälliges Leben zu führen?" Al-Nusra wolle jeden Menschen Kraft geben und ihn stärker machen.
In Aleppo wurde im Dezember letzten Jahres bereits ein neues Gericht ins Leben gerufen. Dort sieht man die Scharia jedoch nicht als universales Werkzeug der Rechtsprechung an. Man hält es mit dem Rechtskodex der Arabischen Liga, gesundem Menschenverstand und Gesetzestexten des alten syrischen Staates. "Das gefällt den Islamisten natürlich nicht", sagt ein Anwalt, der unerkannt bleiben will.
In Zukunft soll es nur mehr ein einziges Gericht geben. "Die Verhandlungen laufen", versichert Saleh, der Engländer vom Scharia-Rat. "Es ist nicht einfach. Wie soll das zusammen gehen? Es gibt nur Allah und sein göttliches Gesetz." Er ist überzeugt, das bald in ganz Syrien ausnahmslos islamisches Recht gesprochen wird. "Syrien wird ein islamischer Staat, da besteht kein Zweifel." Alle Mitglieder des Scharia-Rates seien dafür, auch die Liwa Tawhid. Jabhat al-Nusra sei die treibende Kraft und habe die Oberhand. Nur göttliches Recht, keine Wahlen und kein Parlament nach dem Sturz des Assad-Regimes? "Das weiß nur Allah alleine", meint Saleh, lacht verschmitzt und verabschiedet sich mit einem Salam Aleikum.

"Das Volk muss frei abstimmen"

Ganz so sicher scheint ein Gottesstaat in Syrien, wie ihn Saleh, der Engländer gerne hätte, noch nicht zu sein. Im Hauptquartier der Liwa Tawhid gibt ihr Führer Hadsch Marra ein klares Bekenntnis zu einer parlamentarischen Demokratie in einem islamischen Staat ab. "Das syrische Volk muss entscheiden", sagt Marra in seinem Büro im Keller des Hauptquartiers. "Momentan haben wir noch andere Probleme. Wir haben Krieg." Sechsmal wurde seine Basis bombardiert. "Auch jetzt kann jeden Augenblick eine Rakete einschlagen", sagt er lachend und trinkt einen Schluck Tee.
Ob sein Bekenntnis zur Demokratie ernst gemeint ist, muss sich erst noch herausstellen. Die Liwa Tawhid tanzt auf allen Hochzeiten. Man scheint abzuwarten, wer die Gewinner des Bürgerkriegs sein werden. Die Liwa erkennen den eher säkularen Gerichtshof an, arbeiten mit der Exil-Regierung der syrischen nationalen Allianz (SNC) in der Türkei zusammen und gleichzeitig sehr eng mit Jabhat al-Nusra und anderen radikalen Islamistengruppen. "Wir haben gegen niemanden etwas", erklärt Hadsch Marra.
Eindeutige Positionen findet man bei der Brigade Ghouraba al-Scham. "Das Volk muss über seine Zukunft frei und unabhängig abstimmen", stellt ihr Führer Abu Hammadu unmissverständlich fest. Sie lehnen eine Zusammenarbeit mit Jabhat al-Nusra ab. "Wir wollen Islam, halten aber nichts von ihren strengen Regeln. Man kann den Menschen nicht alles vorschreiben", sagt Abu Hammadu. Man brauche Toleranz. Das sind Töne, die man im Aleppo dieser Tage selten zu hören bekommt. "Ghouraba al-Scham versteht sich als eine Vereinigung von Zivilisten, die das Regime bekämpft. Wir sind eine Art Selbsthilfegruppe, die sofort die Waffen niederlegt, wenn der Diktatur gestürzt ist", sagt Abu Hammadu.
Frankreich und Großbritannien haben angekündigt, die Rebellen mit Waffen zu unterstützen. Die Frage ist, wen man aus dem Sammelsurium der Hunderten von Rebellengruppen beliefert. Dass die Wahl auf kleinere Gruppen wie Ghouraba al-Scham fällt, ist zu bezweifeln. Obwohl sie zu den wenigen gehören, bei denen man sicher sein könnte, dass die Waffen nicht wie befürchtet in den Händen von Extremisten landen.

Terror mit Ankündigung

Boston, Kanada, Libyen – erleben wir eine neue Offensive von al-Qaida? Zumindest passen die Aktionen in deren Strategie Von
Auch eine Terrororganisation kann ihr Informationsmanagement verbessern. Denn auch wenn sich Attentäter meist erst nach einem Anschlag dazu bekennen, hat al-Qaida schon im Januar auf der Internetseite von Ansar al-Mudschahedin das Terrorprogramm der nächsten Monate und Jahre vorgelegt. Unter der Überschrift "Wo schlägt al-Qaida als Nächstes zu?" werden "harte, weltbewegende, schockierende und Angst verbreitende Anschläge" versprochen. "Mit Gottes Hilfe schlagen wir im Herzen des Unglaubens zu." Als Ziele werden die USA, Dänemark und Frankreich genannt, sowie alle Länder, die sich in irgendeiner Form an der französischen Intervention in Mali beteiligten. "Und andere Orte und Länder, die von al-Qaida zu gegebener Zeit benannt werden." Eine erste bittere Geschmacksprobe der neuen Offensive könnte der Anschlag von Boston gewesen sein.

Obwohl noch nicht geklärt ist, ob die beiden Attentäter Kontakte zu al-Qaida hatten, passt der Anschlag in die Strategie der Terrorgruppe. Sie hat nicht nur Attentate von Gruppen, sondern dezidiert "Aktionen einsamer Wölfe" angekündigt. Das sind Leute, die sich einer radikalen Interpretation des Islams verbunden fühlen und endlich einmal Schicksal spielen wollen. Al-Qaida richtet sich mit seinem Internetmagazin "Inspire" gezielt an diesen Typus von Einzeltäter. Die aufwendig gestaltete Publikation, die online erscheint und als Hochglanzmagazin ausgedruckt werden kann, liefert mittlerweile in der 10. Ausgabe Terroranleitungen. In der neusten Ausgabe geben Terrorexperten Anweisungen, wie man voll besetzte Parkplätze von Einkaufszentren umfassend in Brand steckt und in die Luft jagt. Beim Handwerkszeug eines echten Terroristen darf auch die gelungene "Provokation von Autounfällen" nicht fehlen. Man solle möglichst nach einer Kurve die Straße mit etwa 40 Liter Schmieröl ("Speiseöl ginge auch") präparieren. "Ein schlitterndes Auto muss nicht unbedingt mit einem anderen Objekt kollidieren", schreibt der Verfasser. "Sobald der schlitternde Wagen von der öligen auf trockene Oberfläche kommt, erfolgt eine erhebliche Abbremsung, die ausreicht, dass sich das Fahrzeug überschlägt oder zumindest Steuerungs- und Stabilitätsprobleme erzeugt."
Beim Attentat in Boston sind Schnellkochtöpfe zu Bomben umfunktioniert worden. Die Anleitung dazu stammt aus dem Heft Nummer 1 von "Inspire". Die Brüder Tamerlan und Dzhorkhar Tsarnaev sind nicht die Einzigen, die sich offenbar vom Al-Qaida-Magazin inspirieren ließen. Bei der pakistanischstämmigen Ruksana Begum wurden einige Magazinausgaben bei ihrer Verhaftung im Dezember letzten Jahres gefunden. Ihre Brüder hatten geplant, die Londoner Börse in die Luft zu jagen. Es ist ein Wunschtraum von al-Qaida, möglichst viele solche Einzelkämpfer oder Minizellen wie in Boston und London zu kreieren, die auf eigene Faust Attentate begehen. Aus Mangel an Terrortraining, Organisation und Erfahrung wählen diese sogenannte weiche Ziele, also solche, die leicht zugänglich und sicherheitstechnisch kaum oder gar nicht zu überwachen sind. Massenspektakel, wie der Marathon in Boston und andere Sportgroßveranstaltungen, bieten sich an. Für die Sicherheitsbehörden ist das ein Horrorszenario. "Solche Anschläge zu verhindern ist beinahe unmöglich", sagt ein ehemaliger CIA-Beamter, der ungenannt bleiben will. "Besonders, wenn die Täter vorher nie aufgefallen sind. Wie soll man sie entdecken, bevor die Bombe hochgeht?"
Nach den Kriegen im Irak und Afghanistan rückt der Fokus von al-Qaida offenbar wieder in die Großstädte des Westens: "Er ist das Zentrum der Ungläubigkeit, von dem aus die Knechtung der Muslime orchestriert wird." Der geplante und gescheiterte Anschlag auf Bahnlinien in Kanada fällt in die gleiche Kategorie. Die beiden Beschuldigten wollten Züge entgleisen lassen. Hunderte von Menschen wären getötet oder schwer verletzt worden. Der Angriff auf öffentliche Infrastrukturen im Westen steht bei al-Qaida ganz oben auf der Liste. Das beweist ein Dokument, das US-Spezialkräfte nach der Liquidierung von Osama Bin Laden in dessen Haus im pakistanischen Abbottabad fanden. Es ist ein 17-seitiger Brief, den Junis al-Mauretani, ein führendes Mitglied des Terrornetzwerks, im März 2010 an den Chef geschrieben hatte. Darin werden Tunnels, Brücken, Staudämme, Unterwasserpipelines und Internetverbindungskabel als neue Ziele festgelegt. Al-Qaida-Mitglieder sollten sich Jobs bei Firmen suchen, die Zugang zu den Zielen haben. Oder als Fahrer von Öltransporten, mit denen man die Ziele treffen könne. Bin Laden mochte den Plan offenbar und gab ihm oberste Priorität. Der Terrorchef instruierte die beiden Al-Qaida-Ableger in Nordafrika und dem Jemen, das Vorhaben zu unterstützen und mit al-Mauretani "aufs Beste zu kooperieren".
Der Briefschreiber wurde im August 2011 in Quetta verhaftet. Die pakistanischen Behörden versicherten, al-Mauretani sei "von Bin Laden persönlich beauftragt worden, Ziele von ökonomischer Bedeutung in Europa, den USA und Australien anzugreifen". Einige Leute, die der Chefplaner Bin Ladens rekrutiert hatte und die in den Stammesgebieten Pakistans trainiert worden waren, konnten noch vor ihrer Ausreise verhaftet werden.
Der 2008 in Pakistan verhaftete Bryant Neal Vinas, ein Al-Qaida-Mitglied mit US-Pass, versicherte in seiner Verhandlung, dass er für Mauretani eine Skizze der Bahnlinien von Long Island erstellt habe. Für Selbstmordattentate auf Züge habe er Weiße gesucht, die wie Vinas einen westlichen Pass besitzen.
Durch die Verhaftungen in Kanada weiß man: Der Plan des Mauretaniers ist noch immer in den Köpfen von al-Qaida präsent. Es ist davon auszugehen, dass derzeit neue Einzeltäter oder organisierte Gruppen an Terroranschlägen arbeiten, die auf den öffentlichen Raum oder die Infrastruktur zielen. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann, wie und wo sie zuschlagen. Der Terror wird so schnell kein Ende finden.
Eine andere Front im globalen Dschihad al-Qaidas ist Nordafrika. Am Dienstagmorgen explodierte um sieben Uhr eine Autobombe vor der französischen Botschaft in der Hauptstadt Tripolis. Die Druckwelle war im ganzen Stadtviertel Hay Andalus zu spüren und ließ selbst in weiter Entfernung Fenster bersten. Die Außenmauer des Geländes ist ein Trümmerhaufen, die Fassade sowie der erste Stock wurden komplett zerstört. Die Büros sind verwüstet. Autos, die in der Nähe der Botschaft parkten, sind kaum mehr als Fahrzeuge zu erkennen. "Eine unvorstellbare Verwüstung", sagte Jean Glavany. Der Parlamentsabgeordnete der Sozialistischen Partei ist Teil einer französischen Delegation, die derzeit Libyen besucht. Zum Zeitpunkt des Anschlags befand sich niemand in der Botschaft. Zwei Wachen wurden zum Teil schwer verletzt.
Bisher übernahm niemand die Verantwortung für das Terrorattentat. Die Annahme, dass al-Qaida oder eine ihr nahestehende Gruppe der Urheber ist, scheint aber naheliegend. In Libyen operieren gleich mehrere radikal-islamistische Organisationen mit ähnlicher ideologischer Ausrichtung. Im Osten und Süden des Landes soll es Trainingscamps geben, die unter der Führung von al-Qaida im Islamischen Maghreb (Aqim) stehen. Aus einem dieser Lager soll eine Gruppe von Attentätern stammen, welche die algerische Gasanlage von Amenas überfielen. Aqim ist der nordafrikanische Ableger der Terrororganisation, die nach dem Tod Bin Ladens unter der Leitung von Aiman al-Sawahiri steht.
"Bekämpft eure Feinde und die Feinde Gottes! Lasst es nicht zu, dass Säkulare und andere Westler Amok laufen!" Mit dieser Botschaft hatte sich Aqim im März an die muslimische Jugend Nordafrikas gewandt und zum Dschihad gegen Frankreich aufgerufen. Es war das erste Statement der Terrororganisation nach der französischen Militärintervention in Mali. Die Islamisten hatten dort sechs Monate lang den Norden des Landes besetzt. Im Januar begann die Offensive Frankreichs, in der die Extremisten vertrieben wurden und Hunderte von ihnen ums Leben kamen.